Montag, 30. November 2009
Die Bionade-Generation
Meine Generation ist ja eher schüchtern. Andere Haufen von Menschen, die zufällig in ein und der selben Zeitzone geboren wurden, hätten schon längst den Reichstag abfackelt. Nur weil sie die neuste ABM der Bundesregierung für Wolfgang Schäuble als Finanzminister als symbolisch-gefährliche Unterstützung einer Politik der sozialen Hängematte eingestuft hätten.
Nein, meine Generation ist da eher zurückhaltend. Denn die Wenigen, die es noch schaffen sich zu positionieren, schaffen dies nur noch, weil sie Ideologen sind. Und wenn wir etwas aus der Geschichte gelernt haben dann, dass Ideologien dumm sind. George Bush, war der vielleicht Letzte, mit dieser Denke. Es ist der einfachste Weg, sich eine Ideologie „zuzulegen“. Von diesem Moment entscheidet sie über alles was du tust. Du bist fein raus. Kurz: Die einzigen Menschen, die sich noch motivieren können zum Beispiel gegen Studiengebühren (eins der am stärksten ideologisch besetzten Themen der letzten Jahrzehnte) auf die Straße zu gehen sind leider zu oft Idioten. Nicht alle. Nur eine Minderheit der Bildungsstreiker sind Idioten. Aber diese Minderheit, kann auf Grund ihrer ungebremsten Einseitigkeit, mit welcher sie die vorherrschenden Streitpunkte angeht, einfach am meisten auf sich aufmerksam machen. Oder anders ausgedrückt: wenn von 100 Leuten, 20 Leute bei Youtube sind, 20 Leute „Keine Studiengebühren!!! (!!!)“ rufen und vielleicht 60 Leute leise denken, dass diese bei einer neu geordneten Bafög-Regelung, sowie einer funktionierenden Überprüfung und Kontrolle der Reinvestition dieser, daraus eine fast schon sozialistisch anmutende Möglichkeit der Umverteilung resultieren könnte. Dann hört man nur ein schlichtes „Gegen Studiengebühren!!!“ und vielleicht noch „Bildung ist Menschenrecht“, was ungefähr soviel sagt, wie „Freiheit für Tibet“ oder „Britney Spears singt Playback“. Stimmt ja alles, bringt einen aber auch nicht weiter. Im Gegenteil, am Ende pöbelt der Pöbel und die 100 Leute, werden als Pöbel wahrgenommen.
Und die Nicht-Idioten haben keine Lust auf Idioten und gehen daher nicht mit auf den Bahnhofsplatz. Ungeachtet davon, ob sie für oder gegen oder vielleicht viel wichtiger: wie und in welcher Form (sehr unideologische Fragewörter, jaja) sie für Studiengebühren sind. Am Ende bleibt die geistige Elite zu Hause. Am Schreibtisch, in der Disko oder im Kino (als Medienwissenschaftler, musste der einfach sein). Der Rest sitzt in der AstA.
Meine Generation ist weit davon entfernt desinteressiert und wertneutral zu sein. Wir wollen einfach nur nicht die Kämpfe unserer Eltern weiter führen. Diese Schlacht ist geschlagen. Den einzigen Fehler, denn man dabei machen kann, ist zu glauben, dass es keine neuen Schlachten mehr gibt. Unsere Kämpfe bestehen eben nicht mehr darin etwas zu erreichen. Unsere Kämpfe kennzeichnen sich dadurch aus, dass sie bewahren wollen. Meine Generation ist zutiefst konservativ. Nur will sie andere Dinge bewahren als die CDU, oder vielleicht mit anderen Mitteln. Den finanziellen Luxus, die Reise-, Bildungs- und kulturelle Freiheit. Wir haben alles. Außer die Gewissheit, dass das auch so bleibt. Da ist es fast schon eine Wohltat das „Zensursula“ Von der Leyen, eine Rammsteinplatte verbieten lässt. Ein Grund zur Empörung, eine „Grundsatzdiskussion“, ein Spitzname für die Supernanny der Nation, eine Freude.
Denn, die ewige Wachstumslogik (die man irgendwann gegen sich selbst anwendet, Katrin. Hehe. Wer das jetzt nicht versteht, überliest es einfach) unserer Eltern ist zumindest spirituell nicht mehr vorhanden. Stagnation als Lebensphilosophie. Pragmatismus als subversive Kraft. Das kann nicht funktionieren. Was deutlich negativer klingt, als es gemeint ist, beschreibt einen Zustand in dem die Gefahren nicht sichtbar sind und immer von einem „aber wenn das so weiter geht“ ins nächste rennen. Denn es ist ja so; es demonstrieren Leute gegen Studiengebühren, die aber einen (durchaus mit Opfern verbundenen) Weg gefunden haben, diese aufzutreiben. Nicht die Leute, die es durch diese Gebühren in die Schreinerausbildung getrieben hat. Die Menschen, die sich über das Abitur nach 12 Jahren und den die damit wegfallende Möglichkeit eines Auslandsaufenthalt empören, waren im Ausland. Es beschweren sich die Leute über genmanipuliertes Essen, die schon lange die Möglichkeit besitzen im Biomarkt alles nach ihren Wünschen zu erhalten. Und im Punkto Überwachungsstaat und Datenspeicherung ist die Sache ja per Definition quasi unsichtbar.
Wir sind in dieser Gesellschaft weiter als manche glauben wollen. Meine Generation ist weiter als sie es von sich selbst denkt. Ja, sie kokettiert damit, wie wenig sie von sich hält. Aber am Ende, ist es nicht unser Fehler, öfter in der Disko als vor dem Reichstag zu stehen. Sondern unser Glück. Es ist unsere Entscheidung. Genauso wie es unsere Entscheidung ist keine Müller-Produkte zu kaufen, weil diese Firma auf der Spendenliste der NPD steht. Was vielleicht das deutlich effektivere Mittel für Meinungsfreiheit ist, als mit 500 Leuten, die man eh nicht mehr überzeugen muss, auf die Hauptstraße zu gehen. Es ist unsere Entscheidung, viel zu reisen, die Welt zu verstehen, in ihr zu leben, so Vorurteile abzubauen. In uns und gegen uns. Es ist unsere Entscheidung Roche's Feuchtgebiete (oder Mario Barth) nicht zu mögen, weil wir nicht alles, was sich mit Mann und Frau beschäftigt automatisch und blind als Teil eines emanzipatorischen Prozesses zu werten. Meine Generation redet nicht von Gleichberechtigung, sie lebt sie. So wie es ihr (ok, meist) beigebracht wurde. Es ist unsere Entscheidung, der Monogamie unserer Großeltern nach zu eifern und die daraus entstehende Probleme mit Einsamkeit und Langeweile durch die sexuelle Freiheit unserer Eltern zu überbrücken oder zu ersetzen. Es ist unser Glück und unsere Entscheidung all die Dinge, die andere gerne nutzen würden, wahr zu nehmen. Hier liegt es tief im Menschen, das Geld, dass er hat auch auszugeben und nicht für später beiseite zu legen. Die Freiheiten die er hat, auch zu nutzen. Sparen tun nur langweilige Menschen. Und das ist meine Generation absolut nicht. Schüchtern, ja. Zurückhaltend, ok. Aber nicht langweilig. Darauf trink ich jetzt einen! Oder zwei! Ist ja (noch) alles da, was wir zum Leben brauchen.
Donnerstag, 15. Oktober 2009
Eine kleine Geschichte über Glück und Wahrheit
„Manche Menschen muss man mit Freundlichkeit strafen“ (Anna Wilhelmi)
In der sechsten Klasse ging ich auf eine Gesamtschule. Jaja, „das erkläre einiges, blabla“, ich habe es dort nur bis zur neunten Klasse ausgehalten. Doch bis dahin war ich dort. Die Klasse hieß nicht Klasse, sondern Stammgruppe. Meine Klassenlehrer wurden zum einen nicht so, sondern konsequent Stammlehrer genannt und waren zum anderen immer zu Zweit. Ein Männlein und ein Weiblein – kein Geschlecht wird vergessen. Die Mitschüler hießen nicht Elena oder Franziska, sondern Vincent oder Marie-Luise. Selbst die Fächer tauften sich hier anders. Bio, Chemie und Physik waren unter der Bezeichnung Naturwissenschaften zusammen gefasst und Politik, Erdkunde und Geschichte nannte man hier Gesellschaftslehre. Dazu die berühmte Stammgruppe (Stuhlkreis inklusive) und die Arbeitslehre. Erhältlich in den Varianten Werken, Haushalt und Arbeit. Während man im Werken kleine, gut gemeinte Schreibtisch-Gehilfen bastelte, welche durch den überall heraus suppenden Leim komplett unbenutzbar wurden (nicht, dass sie sonst schön genug gewesen wären, sie sich aufs Fensterbrett zu stellen), gab es im Haushaltsunterricht Noten fürs Spülen und Salat putzen. Ja, es gab Noten.
In der Arbeitslehre-Arbeit, eine Mischung aus Politik und Praktikumsbetreuung, saßen wir im … genau; Stuhlkreis. Es war Hausaufgabe gewesen eine Collage zum Thema „Vorbilder“ zu erstellen. Und da Mädchen gerne basteln, kam eine nach der anderen an die Reihe, legte ihre Papp-DIN-A4-Seite in die Mitte des Kreises und erzählte, wer auf diesem Bild warum, wie cool war. Ein zwei Streberinnen hatten sogar selbstbewusst oder in der Gewissheit, eh wieder im Mülleimer (Papier, gelber Sack, Restmüll) zu landen, gar ihre Eltern aufgeklebt. Abschließend wurden noch ein paar Jungs genötigt ihre Meisterwerke vorzulegen und erklärten wortkarg, warum gerade dieser oder jener Hip-Hopper auf ihrer Stickerwand gelandet war. Eine im wahrsten Sinne des Wortes Runde Sache. Eigentlich.
Doch mein Lehrer vernahm Getuschel aus meiner Ecke und forderte mich auf, meine Hausaufgabe dar zulegen. Also legte ich sie in die Mitte. Manche grinsten, andere lachten sogar, als sie sahen was ich zu Hause aufgeklebt hatte. Nur mein Lehrer nicht. Er fragte, was das denn sei. „Homer Simpson“, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß. In Unterhose vor dem Fernseher sitzend. „Außerdem sind das hier sein Sohn Bart und seine Freunde Barney, Lenny und Carl, sowie der Besitzer des örtlichen Supermarktes, Apu. Mein Lehrer schlug seine Beine übereinander, rieb sich seine Hände hastig aneinander und schob sie schließlich druckvoll zwischen Kniescheibe und -Kehle. So sehr seine Haltung verkrampfte, so sehr weiteten sich seine Pupillen. Seine Atmung wurde etwas tiefer.
„Warum sind denn Homer, Apu und Lennart deine Vorbilder?“, bemühte er sich um eine neutrale Stimmlage. Ich zuckte mit meinen äußerst kleinen Schultern. Zu diesem Zeitpunkt war ich kleiner als die meisten Mädchen in meiner Klasse, bis ich in der Sommerpause zwischen achter und neunter Klasse einen riesigen Wachstumsschub mein Eigen nennen konnte. Auf meinem Stuhl sitzend, erreichten meine Beine nicht den Boden. Ich wippte mit ihnen hin und her. Eine innere Souveränität ausstrahlend, wie sie für einen Sechstklässler nicht üblich war. Bei meiner Größe, bei meinem Ansehen innerhalb der Klasse, sowieso nicht.
„Also, Apu ist ein guter Mann. Er ist fleißig und hilfsbereit. Auch noch nach der zweiten 24stunden-Schicht. Barney? - Barney ... möchte aufhören zu trinken. Barney kämpft“, setzte ich an, erzählte dies und jenes über die anderen Randfiguren und kam schließlich zu Homer. Es ging damals, wie heute, eigentlich immer nur um Homer: „Ich mag Homer, weil er zufrieden ist. Ja, Homer ist ein glücklicher Mensch. Ich möchte später so sein wie er.“, grinste ich in die Runde und nickte mir selbst leicht zu.
„Aber was hat Homer denn erreicht?“, wird es meinem Lehrer zu meinungsfreudig. Er beginnt zu argumentieren. Eigentlich wäre dies die Stelle im Film, an der ich ihn gehabt hätte. Er wäre mir ins Messer gelaufen. Mit großen Augen und stolz geschwelter Brust wäre ich ihm gegenüber getreten und hätte all die Dinge aufgezählt; Astronaut, Musiker, Atomphysiker, Barkeeper, liebevoller Ehemann, mehrfacher Vater gesunder Kinder, Bürgermeister, Anführer unzähliger Bürgerinitiativen und vieles mehr. Doch ich war 12 Jahre alt und dies war kein Film. „Nichts.“, sagte ich. Einfach: „Nichts.“, und zuckte erneut mit den Schultern, welche mit der bald stark eintretenden Akne ein kongeniales Duo ergeben sollten.
Es war gut so. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Es war alles wichtige gesagt.
„Da siehst du es“, triumphierte mein Lehrer, der seine ihm antrainierte Neutralität mittlerweile völlig aufgegeben hatte. „Das kann man ja nicht ernst nehmen hier. Die anderen haben sich solche Mühe gegeben und du machst dich doch damit über all diese Arbeiten lächerlich“, läutete er den Endspurt ein.
Abschließend stellte er der Runde seine Bobachtungen über die vorgelegten, von mir beschmutzten Bravo-Sticker-Potpurries vor. Jedes Mädchen hatte nur Frauen und jeder Junge nur Männer aufgeklebt. Das stimmte. Der Ergebnis der Stunde stand fest.
Mein Ergebnis dieser Stunde war schließlich eine Stunde nachsitzen und das Wiederholen und Vortragen meiner Hausaufgabe. Diese erfüllte ich zur vollen Zufriedenheit meines Lehrers. Ich schaffte dies, indem ich sämtliche Stars und Sternchen die richtig scheiße fand, auf eine neue Pappe klebte. Die erstbeste Bravo beim Rewe hatte dafür her gehalten. Zur nächsten Stunde hielt ich einem glühenden Vortrag, ein flammendes Plädoyer über jeden einzelnen Star. Sie alle konnten singen, tanzen, gut aussehen. Alles was ich nicht konnte. Ich lobte sie in den Himmel. Ich glaube, ich habe an diesem Morgen die Powerpoint-Karaoke erfunden. Ich war wohl schon immer meiner Zeit voraus. Ich glaube, ich habe an diesem Tag, meine Faszination für das Lügen entdeckt.
Montag, 5. Oktober 2009
Eine Therapiestunde zum Mitnehmen, bitte
„Früher war alles besser“.
Und im unsicheren Lachen über diese neue Peinlichkeit, welches sich vor der eigenen Naivität schützend, über einen wirft, entsteht Gelassenheit. Welche immer nur im Durchschreiten von Schwierigkeiten entsteht, wie Brecht bereits zu sagen wusste. Es ist also nicht nur an der Zeit zu erkennen, dass es sich mit heutiger Gelassenheit weit aus besser lebt. Es bedarf auch zum Erreichen dieser, der Durchschreitung der nicht gerade kleinen Anzahl an Schwierigkeiten. Säuberlich und teilweise fein in Gedichtsform gegossen. Damals, um das Jahr 16 herum. Es war eine ernste, peinliche und viel zu sehr sich selbst ernst nehmende Zeit. Die Schreibform steht dem in Nichts nach.
Also, nicht zu streng in der Lektüre sein. Ich war jung, hatte auch etwas Geld, dafür aber andere Sorgen. Zum Schutze aller habe ich an dieser Stelle stark selektiert und in seltenen Ausnahmefällen auch den Rotstift angesetzt. Aber nur auf sprachlicher Ebene. Die Peinlichkeiten sind zeitlos. Manches mag ich heute noch, Anderes ertrage ich still und stilvoll. Ich verrate aber nicht was wo zutrifft.
So denn; Streng chronologisch, immer chaotisch, das Über-Ich in den Urlaub und die Prägephase auf die Couch – durchschreiten wir das Jammertal, was sich Jugend schimpfte. Danke fürs Zuhören.
Ich bin
Ich bin nicht allein
denn der Fernseher ist an
Ich bin nicht verrückt
denn ich schlucke die richtigen Pillen
Ich bin nicht arm
denn ich verdiene gut
Ich bin nicht traurig
denn ich lächle
Ich bin nicht krank
denn ich bin so wie alle!
Ein Gespräch
Sie: hdl
Er: hdal
Sie: Hab dich lieb!
Er: Hab dich auch lieb!
Sie: Hdgdl
Er: Hdgggdl
Sie: Hdggg...dl
Er: HDSMUGGG...DL
Sie: Ich liebe dich !
Er hatte kein Guthaben mehr
Erfahrungswert
Zu Zeiten als der Frieden die Gewalt niederschlug
Reichten wir uns die Hände
Und waren dennoch nicht verwundert
Mit eisernen Fäusten
Uns bedrohend gegenüber zustehen.
Eine Erfolgsgeschichte
Wenn du alleine bist, denkst du dann an mich
Und tut es dir dann nicht weh?
Wenn du mit anderen redest, sprecht ihr über mich
Und musst du dann nicht getröstet werden?
Wenn du schläfst, träumst du dann von mir
Und wachst du danach nicht schreckartig, schweißnass auf?
Wenn du Fremde triffst, vergleichst du sie mit mir
Und gefallen sie dir wirklich besser?
Wenn du lächelst, bist du dann wirklich glücklich?
Oder musst du dich nicht eigentlich
geschlagen geben.
Vielleicht zu hart?
„Liebe ist...
wenn die Giraffe ihren Hals einzieht
um der Grille eine gute Nacht zu wünschen“
Steht an der Wand der
Klasse, dessen
Lehrerin nie geliebt wurde.
Selbstverleugnung
Du hast die Uniform der
Eigenständigkeit abgelegt
Dich aufgemacht zu suchen
Was du nie vermisst hast um
Fest zustellen, dass du (trotz deiner
Cordhose und deinen Dredlocks)
So geworden bist wie
Deine Eltern!
Keine Pralinenschachtel
Das Leben ist ein Abschlussball.
Manche tanzen, und
Manche sogar mit Partner.
Manche liegen besoffen
In der Ecke.
Ohne Partner.
Ohne zu merken,
Dass ihre Füße gar nicht
bluten
James Dean
Film gedreht
Lied gesungen
Zigarette geraucht!
Unfall gebaut
Schön.
Lernen lernen
Eng umschlungen mit dem Fremdwort
Tanzen. Wir müssen wissen, lächeln
Für die Welt, die Jury
Wir wissen, dass wir lächeln müssen!
„Ökonomischer Pragmatismus“ in die Runde
Pro – Contra und ein AB
(=Arbeitsblatt), dann HA (in Gruppenarbeit)
Kompromiss, Verständnis, Toleranz
„Also, ich fand’s (wirklich!) gut, aber…“
Deine Welt dreht sich
im Dreiviertel-Takt (ca. 45min)
Du weißt wie’s läuft.
Hektik
Festgehalten, am Bier, an der Handtasche
An der Zigarette, labern, lächeln,
Lieben…Mit der Zunge, Ohne Pause,
Ohne Wiederworte, Ohne Not, Oben ohne…
Schnell, los! Tanzen, Rauch in der Kehle
Die Haare richten, in den Subwoofer halten,
Weitermachen, singen, trinken, schreien,
Durchziehen, lästern,
labern, lächeln, Lieben…
Mit dem Nachbarn
Und dessen Nachbarn und dessen Bruder:
Nichts verpassen. Schwindel! – überall –
Im Kopf und im Gespräch. „Festhalten!“ am Bier,
An der Handtasche, das ist sowas wie Kapitalismus,
Der Rhythmus, wo Mann mit
Muss! Dir ist schlecht,
Schlechter, Langeweile… Und der
Absinth wird ru(h)m gereicht.
Bis einer kotzt,
Vor Langeweile.
Mittwoch, 15. Juli 2009
Hass und andere Tugenden
Im Jazz gibt es einen Grundsatz. Jede Note ist von Bedeutung. Jede gespielte, aber jede nicht ertönende genauso. Die Abwesenheit eines Klangs, bestärkt den tatsächlich gespielten Ton. Gibt ihm Raum zur Entfaltung und Wirkung.
Dieses schlichte Prinzip ist uns so bekannt und vertraut, dass wir ihm kaum noch Bedeutung schenken. Der an Siege gewöhnte Bayern-Fan, der die Begeisterung für Sport und seine Geschichten verliert. Dem gegenüber der zum Kult gewordene Siegesschrei des Bielefelder Radiokommentators, nach dem ersten Sieg nach langer Zeit, in letzter Sekunde. Oder eines, der an dieser Stelle bereits erwähnten, Ölgemälde in den Sälen zu Versailles. Welches nicht gewürdigt werden kann, auf Grund der Fülle und Überfülle an Reizen, und Schönheiten. Dem gegenüber, das einzelne in Glas gehüllte Ausstellungsstück. Ein berüchtigtes Museum, ein weißer, steriler Raum und dann ein Etwas. Vielleicht eine Suppendose, eine etwas bekifft dreinblickende, rundliche Dame, stattlichen Alters oder ein Dutzend leicht schwul wirkender Burschen, beim großen Feiertagsbesäufnis, einer davon mit Heiligenschein und melancholischem Blick in der Mitte. Egal. Die Bedeutung ihrer Existenz wird dadurch verstärkt, ja vielleicht sogar erst generiert, wenn nichts anderes im Raum, Blickfeld oder Gedanken ist. Im Grunde haben wir alle die Mona Lisa mit erschaffen. Wir haben sie alle nicht gemalt. Mit etwas mehr Koks und etwas mieserer (oder etwas zu guter) Kindheit, sind wir bald alle Künstler.
Doch gute Kunst spielt immer zurück ins Leben und so findet sich das hier plastisch gewordene Modell von Sein und Nicht-Sein auch im Alltag wieder. Das Mädel geht nicht mit dem Jungen nach Hause. Einfach, weil dieser zuvor bereits andere potentielle Paarungspartner verbal in Betracht gezogen hat. Da kann der Herr der Tat noch so gut aussehen oder tanzen, reich, witzig, charmant, gut gekleidet oder zuvorkommend sein. Seine Aktien sinken immer im gleichen Verhältnis, in dem er andere Damen auserwählt. (Das rein alkoholbedingte Resteficken stellt dabei einen Sonderfall dar) Mit jeder mehr gespielten Note, wird jede einzelne für sich genommene, immer unbedeutender. So einfach, so wahr.
Bleiben wir auf der sozialen Ebene. Es soll ja Menschen geben, die „mit allen gut können“. Das ist jedoch physikalisch nicht möglich. Denn dieser Typ von Mensch, kann nie gut mit mir. Er spürt die ungewohnte Ablehnung, die ihm meinerseits, meist völlig unbewusst intendiert, entgegen schlägt. Jemand der alle mag oder ihnen zumindest das Gefühl gibt, alle zu mögen, mag nämlich im Grunde niemanden. Auch wenn sich dieser Gedanke klar vom „freundlich und respektvoll sein“ abgrenzt, was zumindest ideologisch jedem gegenüber möglich sein sollte. Doch, wer alles nett findet, jeden schätzt, allem sein gutes abgewinnt oder über jeden Witz lacht, schwächt damit zusehends seine wirkliche, seine authentische Wertschätzung gegenüber Dingen oder Menschen. Eine Freundschaft, platonisch oder nicht, definiert sich immer über die (illusorische,) abstrakte Idee von Besonderheit. Geschichten, die man nicht jedem erzählt. Dinge, die man nicht mit jedem macht. Gedanken, die man sich sonst nicht macht. Wenn ich etwas auch überall anders finde, brauche ich es dann überhaupt?!
Doch wie entsteht dieses Etwas, dieses nie wirklich fassbare Gefühl von Besonderheit? Gemeinsamkeiten, klar. Die gleiche Lieblingsband, die selbe Lieblingsfernsehserie,olé. Die gleiche Art den Kugelschreiber zu halten, kann helfen. Du hast 10 Finger, ich hab 10 Finger, jaja. Aber was wirklich seinen Dienst tut, sind Abneigungen. Was auf makrogesellschaftlicher Ebene hilft (Der Jude, Emos, Schalker, Dortmunder, Bin Laden oder doch die Ammis), funktioniert auch auf encounter und privater Stufe. Nichts schweißt so zusammen, wie das gemeinsame Feindbild. Der mittlerweile zum deutschen Kulturgut gewordene „Mädelsabend“ zu Heidi Klum, Detlef „D“ Sost (Was für ein Name!) oder Dieter Bohlen, findet seinen Reiz, seine einende Kraft in der (lautstark) geteilten Abneigung gegen Moderatoren („Ist die gemein!“), Kandidaten („Ist die doof!“) und Showkonzepte im Allgemeinen („Geschmacklos, was wir da gucken!“). Ablehnung eint. Mehr als alles andere. Dokusoaps, Reality-Shows, Casting- und Promishows. Sie leben davon, dass man sie hasst. Und die immer stärker werdenen Nachfrage nach diesen Formaten, lässt auf einige unausgeschöpfte Hasspotenzialle schließen. Im Grunde wäre es das schlimmste für Paris Hilton, wenn man sie mögen würde. Deswegen singt sie auch und geht auf den Bauernhof. Weil sie es nicht kann. Und wir zahlen dafür Geld, sie dabei zu begleiten. Weil es uns eint. Und weil Gemeinschaft dadurch entsteht, die wir instinktiv brauchen und wollen.
Doch auf der anderen Seite der Mattscheibe herrscht eine schreckliche Leere. Von political correctness und großflächig ausgebreiteter Unsicherheit in die Ecke getrieben, gilt Ablehnung und Kritik als No-Go. Der Fernseher wird hier zum Hass-Methadon für schwache Individuen. Oder wenigstens wissen die meisten Menschen nicht mehr richtig zu verunglimpfen. Wir kriegen nicht mehr beigebracht zu kritisieren. So müssen wir Feedback an Referenten immer erst mit einem Lob beginnen („Schön, dass du dein Nasenbluten dann doch noch in den Griff bekommen hast.“) . Wir sind immer abwägend, auch uns selbst gegenüber. Deswegen gibt es so viele Menschen mit 500 StudiVZ-Freunden oder mit einem Musikgeschmack namens „Alles“. Deswegen halten sich viele Menschen für politisch, nur weil sie „Nazis raus“ rufen oder Spiegel lesen. Wir haben verlernt zu hassen. Wir beginnen unsere Sätze mit „Es gibt auch Argumente, die besagen...“, oder „Andere hingegen behaupten...“.Hassen, ablehnen, nicht-mögen bedeutet immer, Stellung zu beziehen. Es bedeutet immer Risiko. Oder um im Bild zu bleiben; wenn ich die gesamte Tonleiter spiele, kann mir niemand vorwerfen etwas vergessen zu haben.
Es gibt sie in großer Stückzahl. Die vorsichtigen, liberalen, kleinen, netten Gutmenschen. Und gegenseitig spendet sich diese Gruppe auch viel Zustimmung und Bestätigung. Jeder mag jeden (Niemand mag niemanden).Und wenn ich sage, dass niemand alle mögen kann, weil jeder der mit allen gut kann, nie (ok, meist) mit mir gut kann, dann klingt dass nur auf rhetorischer Ebene melancholisch oder bedauernd. Je mehr es Menschen dieses Schlages gibt, desto größer ist die Begeisterung für die, welche aus diesem Raster fallen. Jede nicht gespielte Note der Ablehnung, des Ehrlichen und Wahren, verstärkt die dann selten doch ausgesprochenen Momente des „Dagegen sein“. Es erhöht, ja generiert vielleicht sogar erst, den einenden Moment des Gemeinsamen, des Besonderen. Ich bin ihnen allen sehr dankbar dafür. So, let's play again, Louis.
Freitag, 5. Juni 2009
Neue Feindbilder braucht das Land (II)
Der Referenz-Humorist: Eigentlich bist du auch ein Stereo(-)typ (s.o.), warst aber aufm Gymnasium. Dort hat man dir begebracht, dass Individualität das Wichtigste ist. Daher tust du so als ob. Abhängig von der Masse bist weiterhin genauso, aber das fällt dir nicht auf, weil du viel zu sehr damit beschäftigt bist, herrlich humoristische Gruppen zu gründen. "Ich glühe nicht vor, ich fackel ab" oder "Niveau ist wohl eine Handcreme", lassen dich stolz umherwandern und ein paar Siebtklässlerinnen stehen sogar drauf. Etwas eigens hast du noch nie geschaffen, auch noch nie daran gedacht. Du bist zufrieden in deiner Welt. Tausende Smileys zeigen das. Zieh bloss nie von zu Hause aus.
Lieblingsgruppe: Ich hasse Gruppen die auf "G" enden - und Mittwochs. :P
Das emanzipierte Weibchen: Du bist die Ausformulierung dessen, was du auch im Winter gerne zur Schau stellst. Du bist das verbale Arschgeweih! Und das Schönste ist, dass du diese Formulierung vielleicht nicht mal verstehst.Du bist blond, ok. Du singst im Auto, check. Du kommst nicht in den Himmel, weil du dich nicht für brav hältst, ahhh. Du stehst auf Pink, nein P!nk, weil die voll für Frauenrechte ist und so. Nicht so wie Britney, eine schlechte Mutter. Musik ist sowieso dein größtes Hobby sagst du (neben „Freunde treffen“). Auf einem Konzert warst du aber noch nie. Zu teuer. In der Disko hingehen, bist du jede freie Minute. Und jede deiner Gruppen erzählt davon. Verlinken tust du dich selbst. Aus Sorge die Jungs könnten, deine sexy verwuschelten Haare von letzter Woche nicht sehen. Genau wie deinen Ausschnitt im Profilfoto. Nicht für die Jungs, für dich! Frauen (wie du!) sind ja eh viel besser als alle Männer zusammen. Davon bist du so überzeugt, dass du überhaupt kein anderes Thema mehr hast.
Lieblingsgruppe: Niveaulos! Die Ex meines Freundes spielt nicht in meiner Liga
Der Aktivist: Angela Merkel ist dir nicht geheuer, Wolfgang Schäuble schon gar nicht! Gegen die da oben bist du. Gegen Gewalt sowieso. In Filmen, in Musiktexten, in der Erziehung. Auch wenn du aus heimlicher Zuneigung jeden Spiegel über die RAF verschlingst. Dein Profilbild zeigt dich vor einer weißen Wand, ausdruckslos, ernste Minie. Die Welt ist hart. Was dich allerdings ins StudiVz treibt, trotz all der Multinationalenkonzerne, welche deine Seite nach Nacktfotos durchsuchen, sind die Nazis. Nazis, überall! Die Rechten sind dein Kompass. Ohne sie wüsstest du nicht wohin. Du schreibst Unmengen von Einträgen in unzähligen Gruppen, zitierst Bertolt Brecht und nutzt das StudiVz als Möglichkeit Demos, Konzerte und Diskussionsrunden zu organisieren. Und zur Wahl gehen sollen auch alle, bitte. Du und dein Stock im Hintern, jeder eine Stimme.
Lieblingsgruppe: Gegen "mitte rechts", "rechts", und "ganz rechts"
Der Schöngeist: Dein Foto ist meist schwarz-weiß. Dein Gesicht ist immer angeschnitten. Wenn du auf diesem zu sehen bist, dann nur zwischen deinen mittellangen Haaren hindurch. Dein Blick steif. Etwa mit so einem Gesicht, wie bei diesem einen Franzosen dem Selbstauslöser entgegen. Du mochtest mal Radiohead, aber nicht mehr seit dem sie Mainstream sind. Auch wenn du dieses Wort nicht benutzt. Jetzt hörst wieder nur Jazz und Klassik. Aber auch das sagst du nicht. Für witzig hälst du dich, wenn du Marie Antoinette zitierst und den Armen Kuchen empfielst. Was du allerdings am liebesten machst, ist Namen aufzuzählen. In der Hoffnung jemand bittet dich – noch unwissend – von ihnen zu berichten. Jim Jarmusch ist dein Held. „Der ist so anders“. Roger Willemsen, ein Bruder im Geiste. Dein Lieblingszitat ist in einer Sprache, die niemand spricht. Nicht mal du. Tote Maler, noch totere Philosophen, bei dir wird alles gewürdigt, was es verdient. Du schreibst gerne lange, vorvorvorformulierte Beiträge in Foren, in denen Leute wie du sitzen (und sonst niemand). Trotzdem antwortet dir niemand. Und vielleicht willst du das ja auch gar nicht. Individualität ist bei dir keine Eigenschaft, es ist eine Neurose. Und das VZ ist deine Couch. Schade, dass du nicht merkst, wie viele es von dir gibt.
Lieblingsgruppe: Renoir, van Gogh, Sisley, Pissarro, Monet, Cézanne, ...
Der Zufall: Eigentlich bist du niemand. Ich meine, ok, du lebst. Atmen, essen, kollabieren – manchmal alles gleichzeitig. Aber so menschlich was zu bieten hast du nicht. Dein ganzes Profil zeugt von einer Austauschbarkeit, die ihres Gleichen sucht. Aus einer unvorstellbar großen Unsicherheit heraus oder weil du nie gelernt hast, dass die Kruste deines Pausenbrotes auch essbar ist, suchst du nach allem was etwas mit dir gemeinsam hat. Geburtstage, Vor- und Zunamen, Sternzeichen, Augenfarbe, Körper- und Körbchengröße. Alles wird geteilt. Dann bist du nicht so einsam. Bei den Simpsons bist zum Glück nicht einsam. Du hast einen Zwillingsbruder, Tod Flanders. Schön und gut, tue was dir durch den Tag hilft, aber nenn den Mist bloß nicht Persönlichkeit.
Lieblingsgruppe: Club der miesen Billard Spieler
Die Größte: „Ich bin zu dumm um alles zu wissen – und zu schlau um dass zu vergessen“, gilt nicht für dich. Du hast es vergessen. Und wissen tust du auch nicht wirklich viel. Nur eines weißt du; Du kannst alles, die anderen nichts. Du würdest ihnen am liebsten allen aufs Profil kotze, wie du schreibst. Schoppenhauer ist dein bester Freund, aber den kennst du gar nicht. Dafür aber die Neue deines Ex. Die ist aber auch scheiße.Eine Gruppe ist dir gewidmet; „Dein Niveau sind auch von oben arrogant aus“. Die kennst du aber nicht, weil du zu sehr damit beschäftigt bist deine Unsicherheit an anderen aus zulassen. Aber American Beauty hast du auch nicht gesehen. Aber bei King Of Queens kannst du „Carry“ immer so gut verstehen. Du machst es dir einfach – und bist genauso.
Lieblingsgruppe: Ich bin keine Zicke-Das ist mein Temperament, du Idiot
Der Notgeile: Formulieren wir es positiv: Du hast von den 68ern am stärksten profitiert. Körpergefühl, -öffnungen, -flüssigkeiten. Immer mehr davon. Du bist eines dieser Mädchen die beim Wort Glied immer „Hihihi-Kichern“ plus Testosteron. Aus Kichern wird Grölen und aus dem gemeinsamen auf Toilette gehen wird das Kekswichsen. Die Sozialisation ist an dir vorbei gegangen. Auf den Vorwurf, dass das niemand hier interessiert, würdest du mit „Das ist ein freies Land“, antworten. Aber das macht ja niemand von deinen Jungs aus der zweiten Mannschaft. Dein Profilbild zeigt dich auf der Toilette und/oder mit Deutschlandflagge. Der Stolz der Nation. Du nennst dich gerne „Cameron Po“ oder manchmal wirklich noch „Sperminator“. Und deine von dir für kreativ befundene Langeweile in Profilform findet niemand witzig oder gar interessant. Außer vielleicht der Personalchef, wo du dich beworben hast.Wir melden uns dann bei ihnen Hr. „Dr Lover“.
Lieblingsgruppe: Ananas macht Sperma süß
Donnerstag, 4. Juni 2009
Neue Feindbilder braucht das Land
Aber sonst? Was hilft uns durch den Tag? Der Tatort – und in weniger emanzipierten Haushalten auch die Sportschau – legt die Zeit fürs Abendbrot fest und „Web.de“ die Themen für Selbiges.
Doch selbst Freundschaft ist heute nicht mehr das, was es einmal vortäuschte zu sein. Das Wort der Ungnade heißt „StudiVZ“. Zu unpersönlich, zu oberflächlich, zu selbstverliebt, -darstellend, zu … zu... zu doof. Doch an dieser Stelle wollen wir nicht verbittert sein. Nein, dumme Menschen gab es schon immer. Und dumme, selbstverliebte, oberflächliche Menschen hatten auch schon immer (dumme) Freunde. Das StudiVz ist eine neue Kommunikationsform, keine Züchtung einer neuen Menschengattung. Doch was ist neu an dieser Umgangsform, was macht uns missmutig und genauso -trauisch? - Es sind die neuen Indikatoren. Neue, menschliche Profile gilt es pauschal zu verurteilen. Zur Steigerung des Lebensqualität, zur Linderung des Stresses. Sich neue Richtlinien zu setzen im menschlichen Miteinander. Es gilt die Stempel, die Stigmata zu verteilen. Verteufeln! Alles, was nicht bei drei auf der Pinnwand ist. Sich anzunähern an Spezien, welche es nicht verdient haben, dass man sie nicht gruschelt. Auch wenn man ihnen auch auf diesem Wege eigentlich nicht begegnen will. Aber hier, hinter blog'schem Plexiglas, dürfen wir lustig, schaulustig schauen. Uns ein Bild machen von Ekel, Leid und Horror. Der Zirkus der heutigen Zeit. Oder um es mit der CSU zu sagen: „StudiVz – Näher am Menschen“ (von heute).
Eine Typologie (nein, dich meine ich nicht, ehrlich):
Der Fachidiot: Seine Persönlichkeit ist so vielschichtig wie Holland. Er hat genau ein Thema, dem alles unterstellt wird. 50 Gruppen, 5 Zitate und jede weitere freie Zeile wird genutzt um uns seine Passion für – sagen wir Quentin Tarantino näher zu bringen. Geschlechtsunabhängig nennt er sich „Jackie Brown“, philosophiert im Buschfunk alle 2 Stunden über europäische Namen für Burger und sein Profilfoto zeigt zwar ihn, aber im Kostüm vom vorletzten NERD-Abend mit seinen langhaarigen Freunden in schwarzen T-shirts. Nur bei den Frauen kommt das alles nicht so gut, wie erwartet.
Lieblingsgruppe: Ich will Sex mit Angelina Jolie & Tarantino soll uns dabei filmen
Der Vorsichtige: Sein Profil dürfen nur seine Freunde sehen. Seine Fotos sowieso. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, stellt er erst gar keine ein. Nicht mal ein Profilfoto. Auch wenn seine Hobbies „fotografieren und wandern“ sind. Die gibt er aber auch nicht an. Sein Name hat er cool verkürzt oder mit Wortspielen zur Unkenntlichkeit verholfen. Tim berland zum Beispiel, „Mirko geht KO“ oder auch einfach die Initialen. Gruppen tritt er meist auch nicht bei, das wäre ja selbstdarstellend. Nur eine kurze Selbstbeschreibung gibt er an: „Ich bin einfach ich“. Wahlweise mit Smiley. Das StudiVz nicht zu nutzen, ist ihm noch nie in den Sinn gekommen.
Lieblingsgruppe: Matthias-Claudius-Grundschule Berlin-Rudow Jahrgang 1993 D-Class
Der Stereo(-)typ: Du glühst härter vor als wie alle, fährst besser Auto, als wo andere aus dem Nachbardorf, duscht gerne nackt und deine Freundin ist die Beste. Musikalisch bist du offen für alles, bevorzugst aber „Tanzbares, Soundtracks und Musicals“. Dein Profilbild zeigt dich mit einer Flasche Bier im Anschlag, fotogen wie immer. Wenn ich könnte, würde ich dich in die 80er zurück schicken. Wir hätten beide was davon. Achja, und das „Einzigste“, gibt es nicht.
Lieblingsgruppe: Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz
Die Selbstbewusste: Früher warst du mal bei den Jungs beliebt. Du hast schon Händchen gehalten, da mussten sich andere noch mit ihrer kleinen Schwester auf Gran Canaria ein Zimmer teilen. Doch dann bekamen die anderen Mädchen auch Brüste und es war vorbei. Sowohl Aussehen als auch Humor hast du daher nicht im Übermaß. Und somit bleibt dir nichts anderes übrig als albern zu werden. Und super selbstwusst! Oh ja. Du bist keck, trägst dein Herz auf der Zunge. Du stehst zu allem. Toll. Ob deine Vorliebe zu Boybands und „allem was glitzert“ oder der Tatsache, dass du wohl irgendwie ein Wok bist. Du schämst dich für gar nichts. Deine Fahrstil, deine unzähligen Klamotten (ja gut, Schuhe!) oder deine – unzähligen – Partyfotos mit deinen „Mädels“, welche du alle einzeln kommentierst („Boah, waren wir voll, eh!“). Du besitzt alles, was du zum Leben brauchst. Und alles was du nicht hast wird überwertet, Männer vor allem. Du schämst dich wirklich für gar nichts.
Lieblingsgruppe: ♥...Ich bin nicht kaufsüchtig ich bin ein Mädchen...♥
Der Romantiker: Hätte das StudiVz diese Funktion, du würdest deine Pinnwand bunt anmalen. Außerdem packst du deinen Freunden lustige Bilder mit der Tastatur auf die Pinnwand. Deine Hobbys sind zeichnen, lesen und lauter Dinge, die normale Menschen nie als ihr Hobby abezeichnen würden, wie zB. fühlen, leben, lachen, weinen oder mein Favorit: atmen. Dein Profilfoto zeigt dich andächtig vor einer berühmten Statue oder Gebäude. Mit dem Rücken zur Kamera, klar, anmutig. Gerne auch mit einer Pflanze im Arm oder am Meer. Generell hast du es nicht so mit Prägnanz. Dein Lieblingszitat ist gleich ein ganzer Songtext (von Tomte, vielleicht) und deine Selbstbeschreibung ist ein Gedicht von dir, an die Welt, über dich. Außerdem magst du die Beatles und alle Bands die aus Hamburg kommen und mehr reden als singen. Filme? - nur Europäische, wenig deutsch. Ameliè, natürlich. Deine Gruppen beginnen gerne mit „Einfach mal...“ oder „Kennst du das, wenn...“. Du bist aber nicht so oft im StudiVZ, an der frischen Luft ist es schöner. Und W-Lan lehnst du ab. Krebsgefahr.
Lieblingsgruppe: Rettet das innere Kind
To be continued...
Montag, 1. Juni 2009
Die größte gelbe Karte aller Zeiten
Es regnet. Das Flutlicht ist an und die Stadt ist da. Es geht um viel an diesem Mittwochabend. Mathias Hain springt auf! Er schreit. Er schreit Schiri und Gegenspieler an und keift nach allem was sich bewegt. Ein übles Foulspiel an der Seitenauslinie war diesem Schauspiel vorausgegangen. Das Stadion kocht. Eine Viertelstunde vor Spielende steht das ganze Rund und übt im verbalen Schulterschluß das aus, was man früher einmal „Heimvorteil“ nannte. Der Schiedsrichter verliert ein wenig die Kontrolle. Das dieser Aggression vorausgegangene Foul hat er gepfiffen und mit Gelb getadelt. Doch Hain bekommt er nicht wieder in den Griff. Wie der berühmte wilde Stier hat er hier alles in Bewegung gesetzt. Er sieht nun auch Gelb. Er beruhigt sich. Die wohl berühmteste, vielleicht auch wichtigste gelbe Karte der Vereinsgeschichte.
Warum? - Das besondere an diesem Ereignissen ist, dass Mathias Hain, damaliger Torwart von Arminia Bielefeld, in diesem Moment nur auf der Bank sitzt. Er spielt nicht. Jedenfalls nicht auf dem Platz. Neben jenem ist er weiterhin Teil dieser Mannschaft, Teil dieses Vereins, dieser Stadt. Mit allem was er hat.
Hain setzt sich. Das Stadion steht! Einige Minuten sind vergangen. Der fällige Freistoß wird ausgeführt. Tor! Taumel! Erlösung! 10 Minuten später hat Arminia Bielefeld 1:0 gegen Bayer Leverkusen gewonnen. Wenige Wochen später entgeht der Verein knapp dem Abstieg. Mit weniger als 3 Punkten Vorsprung.
Arminia Bielefeld bleibt also erstklassig. Mathias Hain nicht. Er bekommt keinen neuen Vertrag und wechselt – wie sollte es bei seiner Persönlichkeit anders sein – zum St. Pauli.
Mit Hain verlässt einer der letzten Spieler der Generation den Verein, mit der ich groß wurde. Fußballerisch häufig unterlegen, standen diese Spieler – ob nun namentlich Fatmir Vata, Petr Gabriel, Rüdiger Kauf, Markus Schuler, Artur Wichniarek und besonders Matze Hain – immer für etwas, was der Verein sich in guten Zeiten immer auf die Fahne schreibt: Leidenschaft! Leidenschaft in einer gänzlich authentischen und positiven Form. Denn wenn Matze Hain mit einem einzelnen Wort beschrieben werden müsste, so wäre es die „Authentizität“. Ehrlichkeit, Loyalität, Ehrgeiz, Rückgrat, Persönlichkeit, Würde, schlicht; einer von den Guten. Einer, den man zum Trauzeugen haben will. Einer, der wie kein anderer verkörpert, was es heißt groß zu sein. Einer, der immer zeigte, dass man verlieren und gewinnen kann. Dies aber immer wie ein Mann zu tun hat. Einer, den man Vorbild nennt, obwohl man eigentlich aus dem Alter raus ist, in dem man noch solche hat.
Ein Jahr später steigt Arminia Bielefeld verdientermaßen ab. Ein Jahr zuvor noch das Glück des Tüchtigen gehabt, war es schließlich an der Zeit.
In den folgenden Tagen und Wochen herrscht Chaos in Stadt und Zeitung. Jeder beschuldigt jeden. Und jeder - so traurig es ist - hat wohl Recht. Jeder wirft mit Dreck. Jeder hat Dreck am Stecken. „Lynchjournalismus“, „Regime“ oder auch VORSTAND RAUS!!! (mit gefühlten 20 Ausrufezeichen) sind die Ausdrücke der Wahl. Es fehlt an Würde, Größe, Rückgrat und, genau, Authentizität.
Vor ein paar Wochen war diese noch vorhanden. Unzählige Spiele wurden verloren. Wichtige Spiele. Gute und schlechte Spiele. Man versagte, man hatte Pech. Doch man tat dies wie ein Mann. Man respektierte sich. Stand auf nach Niederlagen und Rückschlägen, applaudierte sich. Die Mannschaft den Massen, die Massen der Mannschaft. Nicht dem Ergebnis, aber der gezeigten Leistung. Und es stellt eine hohe kollektive Fähigkeit dar, dass hier eine Unterscheidung gemacht wird. In Köln oder auf Schalke fällt so etwas deutlich schwerer.
Man hoffte, litt und ertrug. Bis zur 85. Minute des letzten Spiels. Hannover machte in diesem Moment das 2:1 und es war besiegelt. Dann entlud sich alles, was noch zuvor für den Erfolg des Kollektives zurück gehalten wurde. Jetzt half es auch nicht mehr, dass es fünf verdammt gute Jahre gewesen waren. Diese Fünf Jahre sollten in fünf Minuten zu Ende sein. Das war sicher. Fünf gute Jahre mit Siegen in Hamburg, Frankfurt, Bremen, Wolfsburg, Hannover, Bochum, Freiburg, Leverkusen, Nürnberg oder gegen Bayern, Stuttgart Dortmund, Berlin Schalke oder Köln. Mit Nationalspielern in den eigenen Reihen, mit großen Pokalabenden. Es half nicht, dass es fünf Jahre waren, die eine solche Fülle an Erinnerungen geschaffen hatten, dass mich während dieser Aufzeichnungen eine permanente Gänsehaut einholt. Schmerz ist immer akut.
Doch immer wenn es möglich war, war diese Stadt da. Bis zur 85 Minute. Lokalzeitung, Stadion, Ultras, OB. Immer dafür, nie dagegen. Mit Würde, mit Ehrgeiz und mit der Beurteilung des Erfolgs am Kollektiv. Vielleicht ist dies nun zu Ende. Vielleicht wird man sich in ein paar Jahren nicht mehr daran erinnern, wie sehr diese Stadt in dieser Zeit an Selbstbewusstsein und an Identität gewonnen hat. Aber sie tat es! Es gab einen Punkt, an dem dieser Verein nicht mehr die kleine Version eines anderen Clubs war. Er war nicht mehr der kleine Spaßverein mit Möchtegern-Sommerfußball oder Fast-Weltklub. Immer im scheiternden Versuch gefangen, sich mit anderen, etablierten Kräften zu messen. Irgendwann wurde er etwas Eigenem. Sich selbst genügend, sich selbst erkennend als Club mit dem zweitkleinsten Etat und der kleinsten Lobby der Liga. Etwas, mit dem die Menschen hier etwas anfangen konnten. „Niemand erobert den Teutoburger Wald“, hieß es da aus den Kehlen, von den Rängen herab, ohne Ironie. Man war Stolz auf das erreichte und die Neugeborenen wurden endlich wieder hier und nicht in Dortmund angemeldet. Man hatte es sich erarbeitet und nicht erschlichen. Man hatte die guten Zeiten genossen und die schlechten angenommen.Es waren gute Jahre. Ehrlich und loyal.
Etwas, was diese Stadt – so möchte ich es mir einbilden – von Mathias Hain gelernt hat.
http://www.youtube.com/watch?v=kcp0gklLcyg&feature=related