Dienstag, 5. Januar 2010
Tage 6-8
Später geht’s in die Innenstadt. Malaga soll auf Grund der großen, anstehenden Osterprozessionen im Stress sein, doch die Siesta dauert mir immer noch zu lange. Nicht meine Kultur.
Doch ein paar Skateboarder und eine zwischen Palmen gelegene Joggingstrecke entlang des Mittelmeeres wirken sympathisch. Der Hafen ist alt und verrostet, der Rest der Wirtschaft scheint zu laufen. Der Strand ist weiß, das Wasser kalt, der Supermarkt ist überraschend teuer und ich erfreue mich an Ampeln, die mir (wie eigentlich überall außer in Deutschland) sagen wieviele Sekunden es noch bis zur nächsten Grünphase sind. So weit.
Abends kochen wir irgendwas mit Curry und gehen danach was trinken und bestellen Oliven dazu. An nächsten Morgen gehe ich alleine zum Strand. Fünf Sekunden nachdem ich ein Klischee-Foto von meinen Füßen im Sand gemacht habe, bekomme ich eine SMS, die von Schneestürmen in Nürnberg berichtet. Ich grinse eine nicht ganz so schöne Frau im Bikini an, sie grinst zurück.
Abends geht’s mit Yannick's Kommilitonen auf Piste. Ein paar unbekannte Biersorten später und mit meiner Wiederentdeckung der deutschen Sprache, hat der Abend Gestalt. Die Frauen sind nett aber nicht spannend und auch nicht schön. Was Vorteile hat, da dies verhindert, dass disharmonische und nicht befriedigte Eroberungstriebe auftreten. Gemütlichkeit ist das Gebot der Stunde. Der Besitzer der Bar spielt mit uns Dart und gibt uns bei jeder verlorenen Runde, eben solche aus. Er verliert oft. Mit der Zeit stellt er auch als Sieger Bier, Tequilla oder H-Milch auf die Theke und man dankt herzlich. Die herzhafte Allzweckwaffe „Hombre“, hilft dabei mit zugehöriger Körpersprache sich ohne Probleme zu verständigen. Es grenzt an einer Wunder, dass ich an diesem Abend nicht kotze. Es gibt auf der Welt zwei universelle Sprachen: Fußball und Alkohol. Mit beidem haben die Amerikaner so ihre Probleme. Aber gut.
Die nächsten 36 Stunden wird Paella Essen gegessen, ins Meer gesprungen, gejoggt und ein Abend alleine vor dem Fernseher verbracht. Bei Chickenwings UND Sparmenü gibt es Pokalhalbfinale. Barcelona in Valencia. Messi gegen Hildebrand. 3:2, Pokaldrama. Zwei Villa-Tore. Es gibt langweiligere Spiele. Eines, zu dem die Überlegung im Raum stand, es zu besuchen und ihm mit teuersten Schwarzmarktkarten beizuwohnen. Doch die Gelassenheit eines Couchabends in der Wohnung eines Freundes, gegenüber vom Foodcourt des Einkaufszentrums gelegen, triumphiert. Auf Geld achtete ich die gesamten Tage eh nicht. Für solch ein Gefühl wurde die Kreditkarte doch überhaupt erst erfunden.
Am nächsten Morgen geht’s nach Hause. Es gibt diese Scrubs-Szene; ein alter Schulfreund war für ein paar Tage zu Besuch und sagt: „Ihr werdet mir fehlen!“. Dann müssen alle über diesen Ansatz von Kitsch und Lüge lachen und gehen zügig, ohne sich um zudrehen auseinander. Wir Männer sind richtig schön einfach.
Tag 5
Ich steuere die nächste, etwas besser aussehende Raststätte an und genehmige mir ein ordentliches Frühstück. Bei Orangensaft und Sandwich ziehe ich die Schuhe aus und halte mein Gesicht in die immer noch von morgendlicher Frische durchzogene Frühlingsluft. Ich hatte getankt (an einer Zapfsäule, die ich nur angefahren hatte, weil ich wusste, was diese spezielle Nummer auf spanisch heißt), hatte bei mir unbekannten Menschen die Nacht verbracht und mein Geburtsort war mittlerweile weiter entfernt als der Ort, wo dieser Film „Casablanca“ spielt. (ein MeWi-Witz, höhö.) Kurz hinter Madrid empfand ich mich als Weltbürger. Es reifte in mir die Idee, auf die Frage nach meiner Herkunft mich als „mehr Europäer und weniger Deutscher“ vorzustellen. Ich habe diesen Gedanken nie ganz verloren.
Es ist Zeit für ein neues Ziel. Ich rufe Yannick an und sage ihm wann ich laut Navi da bin. Meine Ankunft ist weder angekündigt noch ein großes Problem. Im Gegenteil; Freude ist da. Wir Männer sind schon schön einfach.
Ästhetisch teilt Madrid das Land in zwei völlig verschiedene Hälften. Auf dem Weg in Richtung Meerenge von Gibraltar entwickelt das steinige Flachland eine rustikale Schönheit, wie man sie sonst vielleicht nur auf Sardinien findet. Grasbüschel sprenkeln eine rot glühende Felswüste, während der Horizont nicht weiß welchen Blauton er dazu anziehen soll. Plötzlich sprechen die Straßenschilder arabisch und die Serpentinen werden proportional zu der Steile der Abhängen an denen sie vorbei führen (sollen), immer enger. Das ganze Land liegt in der Hitze, einen letzten, notwendigen und daher elementar lebendigen Schritt vor der Dürre.
Als ich – im Arminia-Trikot – bei etwas mehr als 30 Grad in Malaga aussteige ist das Bier schon kalt gestellt und die Sonnenbrille aus Bordeaux tut ihren Dienst.
Eine richtige Begründung ist es nicht, aber...
... Sofia Coppola sitzt mir gegenüber. Sie hat etwas Akne bekommen, trägt eine Harry Potter-Brille und weiße Ohrstöpsel, während sie in einem Buch Dinge unterstreicht. Ihr letzter Film spielte in Versailles. Mein letzter Urlaub führte mich dort hin. Und plötzlich ist da ein kleines Verlangen meine Tagebuchreihe dieser vergangen 9 Tage zu einem Ende zu bringen. Verklärt, dramatisiert und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Hochgeladene Fotos und eine tiefe, innere Selektionsphase von jetzt fast zwei Jahren als (Schein-)Hilfen und der Anspruch etwas in mir zu Ende zu bringen. Schließen wir einen Kreis.
Montag, 30. November 2009
Die Bionade-Generation
Meine Generation ist ja eher schüchtern. Andere Haufen von Menschen, die zufällig in ein und der selben Zeitzone geboren wurden, hätten schon längst den Reichstag abfackelt. Nur weil sie die neuste ABM der Bundesregierung für Wolfgang Schäuble als Finanzminister als symbolisch-gefährliche Unterstützung einer Politik der sozialen Hängematte eingestuft hätten.
Nein, meine Generation ist da eher zurückhaltend. Denn die Wenigen, die es noch schaffen sich zu positionieren, schaffen dies nur noch, weil sie Ideologen sind. Und wenn wir etwas aus der Geschichte gelernt haben dann, dass Ideologien dumm sind. George Bush, war der vielleicht Letzte, mit dieser Denke. Es ist der einfachste Weg, sich eine Ideologie „zuzulegen“. Von diesem Moment entscheidet sie über alles was du tust. Du bist fein raus. Kurz: Die einzigen Menschen, die sich noch motivieren können zum Beispiel gegen Studiengebühren (eins der am stärksten ideologisch besetzten Themen der letzten Jahrzehnte) auf die Straße zu gehen sind leider zu oft Idioten. Nicht alle. Nur eine Minderheit der Bildungsstreiker sind Idioten. Aber diese Minderheit, kann auf Grund ihrer ungebremsten Einseitigkeit, mit welcher sie die vorherrschenden Streitpunkte angeht, einfach am meisten auf sich aufmerksam machen. Oder anders ausgedrückt: wenn von 100 Leuten, 20 Leute bei Youtube sind, 20 Leute „Keine Studiengebühren!!! (!!!)“ rufen und vielleicht 60 Leute leise denken, dass diese bei einer neu geordneten Bafög-Regelung, sowie einer funktionierenden Überprüfung und Kontrolle der Reinvestition dieser, daraus eine fast schon sozialistisch anmutende Möglichkeit der Umverteilung resultieren könnte. Dann hört man nur ein schlichtes „Gegen Studiengebühren!!!“ und vielleicht noch „Bildung ist Menschenrecht“, was ungefähr soviel sagt, wie „Freiheit für Tibet“ oder „Britney Spears singt Playback“. Stimmt ja alles, bringt einen aber auch nicht weiter. Im Gegenteil, am Ende pöbelt der Pöbel und die 100 Leute, werden als Pöbel wahrgenommen.
Und die Nicht-Idioten haben keine Lust auf Idioten und gehen daher nicht mit auf den Bahnhofsplatz. Ungeachtet davon, ob sie für oder gegen oder vielleicht viel wichtiger: wie und in welcher Form (sehr unideologische Fragewörter, jaja) sie für Studiengebühren sind. Am Ende bleibt die geistige Elite zu Hause. Am Schreibtisch, in der Disko oder im Kino (als Medienwissenschaftler, musste der einfach sein). Der Rest sitzt in der AstA.
Meine Generation ist weit davon entfernt desinteressiert und wertneutral zu sein. Wir wollen einfach nur nicht die Kämpfe unserer Eltern weiter führen. Diese Schlacht ist geschlagen. Den einzigen Fehler, denn man dabei machen kann, ist zu glauben, dass es keine neuen Schlachten mehr gibt. Unsere Kämpfe bestehen eben nicht mehr darin etwas zu erreichen. Unsere Kämpfe kennzeichnen sich dadurch aus, dass sie bewahren wollen. Meine Generation ist zutiefst konservativ. Nur will sie andere Dinge bewahren als die CDU, oder vielleicht mit anderen Mitteln. Den finanziellen Luxus, die Reise-, Bildungs- und kulturelle Freiheit. Wir haben alles. Außer die Gewissheit, dass das auch so bleibt. Da ist es fast schon eine Wohltat das „Zensursula“ Von der Leyen, eine Rammsteinplatte verbieten lässt. Ein Grund zur Empörung, eine „Grundsatzdiskussion“, ein Spitzname für die Supernanny der Nation, eine Freude.
Denn, die ewige Wachstumslogik (die man irgendwann gegen sich selbst anwendet, Katrin. Hehe. Wer das jetzt nicht versteht, überliest es einfach) unserer Eltern ist zumindest spirituell nicht mehr vorhanden. Stagnation als Lebensphilosophie. Pragmatismus als subversive Kraft. Das kann nicht funktionieren. Was deutlich negativer klingt, als es gemeint ist, beschreibt einen Zustand in dem die Gefahren nicht sichtbar sind und immer von einem „aber wenn das so weiter geht“ ins nächste rennen. Denn es ist ja so; es demonstrieren Leute gegen Studiengebühren, die aber einen (durchaus mit Opfern verbundenen) Weg gefunden haben, diese aufzutreiben. Nicht die Leute, die es durch diese Gebühren in die Schreinerausbildung getrieben hat. Die Menschen, die sich über das Abitur nach 12 Jahren und den die damit wegfallende Möglichkeit eines Auslandsaufenthalt empören, waren im Ausland. Es beschweren sich die Leute über genmanipuliertes Essen, die schon lange die Möglichkeit besitzen im Biomarkt alles nach ihren Wünschen zu erhalten. Und im Punkto Überwachungsstaat und Datenspeicherung ist die Sache ja per Definition quasi unsichtbar.
Wir sind in dieser Gesellschaft weiter als manche glauben wollen. Meine Generation ist weiter als sie es von sich selbst denkt. Ja, sie kokettiert damit, wie wenig sie von sich hält. Aber am Ende, ist es nicht unser Fehler, öfter in der Disko als vor dem Reichstag zu stehen. Sondern unser Glück. Es ist unsere Entscheidung. Genauso wie es unsere Entscheidung ist keine Müller-Produkte zu kaufen, weil diese Firma auf der Spendenliste der NPD steht. Was vielleicht das deutlich effektivere Mittel für Meinungsfreiheit ist, als mit 500 Leuten, die man eh nicht mehr überzeugen muss, auf die Hauptstraße zu gehen. Es ist unsere Entscheidung, viel zu reisen, die Welt zu verstehen, in ihr zu leben, so Vorurteile abzubauen. In uns und gegen uns. Es ist unsere Entscheidung Roche's Feuchtgebiete (oder Mario Barth) nicht zu mögen, weil wir nicht alles, was sich mit Mann und Frau beschäftigt automatisch und blind als Teil eines emanzipatorischen Prozesses zu werten. Meine Generation redet nicht von Gleichberechtigung, sie lebt sie. So wie es ihr (ok, meist) beigebracht wurde. Es ist unsere Entscheidung, der Monogamie unserer Großeltern nach zu eifern und die daraus entstehende Probleme mit Einsamkeit und Langeweile durch die sexuelle Freiheit unserer Eltern zu überbrücken oder zu ersetzen. Es ist unser Glück und unsere Entscheidung all die Dinge, die andere gerne nutzen würden, wahr zu nehmen. Hier liegt es tief im Menschen, das Geld, dass er hat auch auszugeben und nicht für später beiseite zu legen. Die Freiheiten die er hat, auch zu nutzen. Sparen tun nur langweilige Menschen. Und das ist meine Generation absolut nicht. Schüchtern, ja. Zurückhaltend, ok. Aber nicht langweilig. Darauf trink ich jetzt einen! Oder zwei! Ist ja (noch) alles da, was wir zum Leben brauchen.
Donnerstag, 15. Oktober 2009
Eine kleine Geschichte über Glück und Wahrheit
„Manche Menschen muss man mit Freundlichkeit strafen“ (Anna Wilhelmi)
In der sechsten Klasse ging ich auf eine Gesamtschule. Jaja, „das erkläre einiges, blabla“, ich habe es dort nur bis zur neunten Klasse ausgehalten. Doch bis dahin war ich dort. Die Klasse hieß nicht Klasse, sondern Stammgruppe. Meine Klassenlehrer wurden zum einen nicht so, sondern konsequent Stammlehrer genannt und waren zum anderen immer zu Zweit. Ein Männlein und ein Weiblein – kein Geschlecht wird vergessen. Die Mitschüler hießen nicht Elena oder Franziska, sondern Vincent oder Marie-Luise. Selbst die Fächer tauften sich hier anders. Bio, Chemie und Physik waren unter der Bezeichnung Naturwissenschaften zusammen gefasst und Politik, Erdkunde und Geschichte nannte man hier Gesellschaftslehre. Dazu die berühmte Stammgruppe (Stuhlkreis inklusive) und die Arbeitslehre. Erhältlich in den Varianten Werken, Haushalt und Arbeit. Während man im Werken kleine, gut gemeinte Schreibtisch-Gehilfen bastelte, welche durch den überall heraus suppenden Leim komplett unbenutzbar wurden (nicht, dass sie sonst schön genug gewesen wären, sie sich aufs Fensterbrett zu stellen), gab es im Haushaltsunterricht Noten fürs Spülen und Salat putzen. Ja, es gab Noten.
In der Arbeitslehre-Arbeit, eine Mischung aus Politik und Praktikumsbetreuung, saßen wir im … genau; Stuhlkreis. Es war Hausaufgabe gewesen eine Collage zum Thema „Vorbilder“ zu erstellen. Und da Mädchen gerne basteln, kam eine nach der anderen an die Reihe, legte ihre Papp-DIN-A4-Seite in die Mitte des Kreises und erzählte, wer auf diesem Bild warum, wie cool war. Ein zwei Streberinnen hatten sogar selbstbewusst oder in der Gewissheit, eh wieder im Mülleimer (Papier, gelber Sack, Restmüll) zu landen, gar ihre Eltern aufgeklebt. Abschließend wurden noch ein paar Jungs genötigt ihre Meisterwerke vorzulegen und erklärten wortkarg, warum gerade dieser oder jener Hip-Hopper auf ihrer Stickerwand gelandet war. Eine im wahrsten Sinne des Wortes Runde Sache. Eigentlich.
Doch mein Lehrer vernahm Getuschel aus meiner Ecke und forderte mich auf, meine Hausaufgabe dar zulegen. Also legte ich sie in die Mitte. Manche grinsten, andere lachten sogar, als sie sahen was ich zu Hause aufgeklebt hatte. Nur mein Lehrer nicht. Er fragte, was das denn sei. „Homer Simpson“, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß. In Unterhose vor dem Fernseher sitzend. „Außerdem sind das hier sein Sohn Bart und seine Freunde Barney, Lenny und Carl, sowie der Besitzer des örtlichen Supermarktes, Apu. Mein Lehrer schlug seine Beine übereinander, rieb sich seine Hände hastig aneinander und schob sie schließlich druckvoll zwischen Kniescheibe und -Kehle. So sehr seine Haltung verkrampfte, so sehr weiteten sich seine Pupillen. Seine Atmung wurde etwas tiefer.
„Warum sind denn Homer, Apu und Lennart deine Vorbilder?“, bemühte er sich um eine neutrale Stimmlage. Ich zuckte mit meinen äußerst kleinen Schultern. Zu diesem Zeitpunkt war ich kleiner als die meisten Mädchen in meiner Klasse, bis ich in der Sommerpause zwischen achter und neunter Klasse einen riesigen Wachstumsschub mein Eigen nennen konnte. Auf meinem Stuhl sitzend, erreichten meine Beine nicht den Boden. Ich wippte mit ihnen hin und her. Eine innere Souveränität ausstrahlend, wie sie für einen Sechstklässler nicht üblich war. Bei meiner Größe, bei meinem Ansehen innerhalb der Klasse, sowieso nicht.
„Also, Apu ist ein guter Mann. Er ist fleißig und hilfsbereit. Auch noch nach der zweiten 24stunden-Schicht. Barney? - Barney ... möchte aufhören zu trinken. Barney kämpft“, setzte ich an, erzählte dies und jenes über die anderen Randfiguren und kam schließlich zu Homer. Es ging damals, wie heute, eigentlich immer nur um Homer: „Ich mag Homer, weil er zufrieden ist. Ja, Homer ist ein glücklicher Mensch. Ich möchte später so sein wie er.“, grinste ich in die Runde und nickte mir selbst leicht zu.
„Aber was hat Homer denn erreicht?“, wird es meinem Lehrer zu meinungsfreudig. Er beginnt zu argumentieren. Eigentlich wäre dies die Stelle im Film, an der ich ihn gehabt hätte. Er wäre mir ins Messer gelaufen. Mit großen Augen und stolz geschwelter Brust wäre ich ihm gegenüber getreten und hätte all die Dinge aufgezählt; Astronaut, Musiker, Atomphysiker, Barkeeper, liebevoller Ehemann, mehrfacher Vater gesunder Kinder, Bürgermeister, Anführer unzähliger Bürgerinitiativen und vieles mehr. Doch ich war 12 Jahre alt und dies war kein Film. „Nichts.“, sagte ich. Einfach: „Nichts.“, und zuckte erneut mit den Schultern, welche mit der bald stark eintretenden Akne ein kongeniales Duo ergeben sollten.
Es war gut so. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Es war alles wichtige gesagt.
„Da siehst du es“, triumphierte mein Lehrer, der seine ihm antrainierte Neutralität mittlerweile völlig aufgegeben hatte. „Das kann man ja nicht ernst nehmen hier. Die anderen haben sich solche Mühe gegeben und du machst dich doch damit über all diese Arbeiten lächerlich“, läutete er den Endspurt ein.
Abschließend stellte er der Runde seine Bobachtungen über die vorgelegten, von mir beschmutzten Bravo-Sticker-Potpurries vor. Jedes Mädchen hatte nur Frauen und jeder Junge nur Männer aufgeklebt. Das stimmte. Der Ergebnis der Stunde stand fest.
Mein Ergebnis dieser Stunde war schließlich eine Stunde nachsitzen und das Wiederholen und Vortragen meiner Hausaufgabe. Diese erfüllte ich zur vollen Zufriedenheit meines Lehrers. Ich schaffte dies, indem ich sämtliche Stars und Sternchen die richtig scheiße fand, auf eine neue Pappe klebte. Die erstbeste Bravo beim Rewe hatte dafür her gehalten. Zur nächsten Stunde hielt ich einem glühenden Vortrag, ein flammendes Plädoyer über jeden einzelnen Star. Sie alle konnten singen, tanzen, gut aussehen. Alles was ich nicht konnte. Ich lobte sie in den Himmel. Ich glaube, ich habe an diesem Morgen die Powerpoint-Karaoke erfunden. Ich war wohl schon immer meiner Zeit voraus. Ich glaube, ich habe an diesem Tag, meine Faszination für das Lügen entdeckt.
Montag, 5. Oktober 2009
Eine Therapiestunde zum Mitnehmen, bitte
„Früher war alles besser“.
Und im unsicheren Lachen über diese neue Peinlichkeit, welches sich vor der eigenen Naivität schützend, über einen wirft, entsteht Gelassenheit. Welche immer nur im Durchschreiten von Schwierigkeiten entsteht, wie Brecht bereits zu sagen wusste. Es ist also nicht nur an der Zeit zu erkennen, dass es sich mit heutiger Gelassenheit weit aus besser lebt. Es bedarf auch zum Erreichen dieser, der Durchschreitung der nicht gerade kleinen Anzahl an Schwierigkeiten. Säuberlich und teilweise fein in Gedichtsform gegossen. Damals, um das Jahr 16 herum. Es war eine ernste, peinliche und viel zu sehr sich selbst ernst nehmende Zeit. Die Schreibform steht dem in Nichts nach.
Also, nicht zu streng in der Lektüre sein. Ich war jung, hatte auch etwas Geld, dafür aber andere Sorgen. Zum Schutze aller habe ich an dieser Stelle stark selektiert und in seltenen Ausnahmefällen auch den Rotstift angesetzt. Aber nur auf sprachlicher Ebene. Die Peinlichkeiten sind zeitlos. Manches mag ich heute noch, Anderes ertrage ich still und stilvoll. Ich verrate aber nicht was wo zutrifft.
So denn; Streng chronologisch, immer chaotisch, das Über-Ich in den Urlaub und die Prägephase auf die Couch – durchschreiten wir das Jammertal, was sich Jugend schimpfte. Danke fürs Zuhören.
Ich bin
Ich bin nicht allein
denn der Fernseher ist an
Ich bin nicht verrückt
denn ich schlucke die richtigen Pillen
Ich bin nicht arm
denn ich verdiene gut
Ich bin nicht traurig
denn ich lächle
Ich bin nicht krank
denn ich bin so wie alle!
Ein Gespräch
Sie: hdl
Er: hdal
Sie: Hab dich lieb!
Er: Hab dich auch lieb!
Sie: Hdgdl
Er: Hdgggdl
Sie: Hdggg...dl
Er: HDSMUGGG...DL
Sie: Ich liebe dich !
Er hatte kein Guthaben mehr
Erfahrungswert
Zu Zeiten als der Frieden die Gewalt niederschlug
Reichten wir uns die Hände
Und waren dennoch nicht verwundert
Mit eisernen Fäusten
Uns bedrohend gegenüber zustehen.
Eine Erfolgsgeschichte
Wenn du alleine bist, denkst du dann an mich
Und tut es dir dann nicht weh?
Wenn du mit anderen redest, sprecht ihr über mich
Und musst du dann nicht getröstet werden?
Wenn du schläfst, träumst du dann von mir
Und wachst du danach nicht schreckartig, schweißnass auf?
Wenn du Fremde triffst, vergleichst du sie mit mir
Und gefallen sie dir wirklich besser?
Wenn du lächelst, bist du dann wirklich glücklich?
Oder musst du dich nicht eigentlich
geschlagen geben.
Vielleicht zu hart?
„Liebe ist...
wenn die Giraffe ihren Hals einzieht
um der Grille eine gute Nacht zu wünschen“
Steht an der Wand der
Klasse, dessen
Lehrerin nie geliebt wurde.
Selbstverleugnung
Du hast die Uniform der
Eigenständigkeit abgelegt
Dich aufgemacht zu suchen
Was du nie vermisst hast um
Fest zustellen, dass du (trotz deiner
Cordhose und deinen Dredlocks)
So geworden bist wie
Deine Eltern!
Keine Pralinenschachtel
Das Leben ist ein Abschlussball.
Manche tanzen, und
Manche sogar mit Partner.
Manche liegen besoffen
In der Ecke.
Ohne Partner.
Ohne zu merken,
Dass ihre Füße gar nicht
bluten
James Dean
Film gedreht
Lied gesungen
Zigarette geraucht!
Unfall gebaut
Schön.
Lernen lernen
Eng umschlungen mit dem Fremdwort
Tanzen. Wir müssen wissen, lächeln
Für die Welt, die Jury
Wir wissen, dass wir lächeln müssen!
„Ökonomischer Pragmatismus“ in die Runde
Pro – Contra und ein AB
(=Arbeitsblatt), dann HA (in Gruppenarbeit)
Kompromiss, Verständnis, Toleranz
„Also, ich fand’s (wirklich!) gut, aber…“
Deine Welt dreht sich
im Dreiviertel-Takt (ca. 45min)
Du weißt wie’s läuft.
Hektik
Festgehalten, am Bier, an der Handtasche
An der Zigarette, labern, lächeln,
Lieben…Mit der Zunge, Ohne Pause,
Ohne Wiederworte, Ohne Not, Oben ohne…
Schnell, los! Tanzen, Rauch in der Kehle
Die Haare richten, in den Subwoofer halten,
Weitermachen, singen, trinken, schreien,
Durchziehen, lästern,
labern, lächeln, Lieben…
Mit dem Nachbarn
Und dessen Nachbarn und dessen Bruder:
Nichts verpassen. Schwindel! – überall –
Im Kopf und im Gespräch. „Festhalten!“ am Bier,
An der Handtasche, das ist sowas wie Kapitalismus,
Der Rhythmus, wo Mann mit
Muss! Dir ist schlecht,
Schlechter, Langeweile… Und der
Absinth wird ru(h)m gereicht.
Bis einer kotzt,
Vor Langeweile.
Mittwoch, 15. Juli 2009
Hass und andere Tugenden
Im Jazz gibt es einen Grundsatz. Jede Note ist von Bedeutung. Jede gespielte, aber jede nicht ertönende genauso. Die Abwesenheit eines Klangs, bestärkt den tatsächlich gespielten Ton. Gibt ihm Raum zur Entfaltung und Wirkung.
Dieses schlichte Prinzip ist uns so bekannt und vertraut, dass wir ihm kaum noch Bedeutung schenken. Der an Siege gewöhnte Bayern-Fan, der die Begeisterung für Sport und seine Geschichten verliert. Dem gegenüber der zum Kult gewordene Siegesschrei des Bielefelder Radiokommentators, nach dem ersten Sieg nach langer Zeit, in letzter Sekunde. Oder eines, der an dieser Stelle bereits erwähnten, Ölgemälde in den Sälen zu Versailles. Welches nicht gewürdigt werden kann, auf Grund der Fülle und Überfülle an Reizen, und Schönheiten. Dem gegenüber, das einzelne in Glas gehüllte Ausstellungsstück. Ein berüchtigtes Museum, ein weißer, steriler Raum und dann ein Etwas. Vielleicht eine Suppendose, eine etwas bekifft dreinblickende, rundliche Dame, stattlichen Alters oder ein Dutzend leicht schwul wirkender Burschen, beim großen Feiertagsbesäufnis, einer davon mit Heiligenschein und melancholischem Blick in der Mitte. Egal. Die Bedeutung ihrer Existenz wird dadurch verstärkt, ja vielleicht sogar erst generiert, wenn nichts anderes im Raum, Blickfeld oder Gedanken ist. Im Grunde haben wir alle die Mona Lisa mit erschaffen. Wir haben sie alle nicht gemalt. Mit etwas mehr Koks und etwas mieserer (oder etwas zu guter) Kindheit, sind wir bald alle Künstler.
Doch gute Kunst spielt immer zurück ins Leben und so findet sich das hier plastisch gewordene Modell von Sein und Nicht-Sein auch im Alltag wieder. Das Mädel geht nicht mit dem Jungen nach Hause. Einfach, weil dieser zuvor bereits andere potentielle Paarungspartner verbal in Betracht gezogen hat. Da kann der Herr der Tat noch so gut aussehen oder tanzen, reich, witzig, charmant, gut gekleidet oder zuvorkommend sein. Seine Aktien sinken immer im gleichen Verhältnis, in dem er andere Damen auserwählt. (Das rein alkoholbedingte Resteficken stellt dabei einen Sonderfall dar) Mit jeder mehr gespielten Note, wird jede einzelne für sich genommene, immer unbedeutender. So einfach, so wahr.
Bleiben wir auf der sozialen Ebene. Es soll ja Menschen geben, die „mit allen gut können“. Das ist jedoch physikalisch nicht möglich. Denn dieser Typ von Mensch, kann nie gut mit mir. Er spürt die ungewohnte Ablehnung, die ihm meinerseits, meist völlig unbewusst intendiert, entgegen schlägt. Jemand der alle mag oder ihnen zumindest das Gefühl gibt, alle zu mögen, mag nämlich im Grunde niemanden. Auch wenn sich dieser Gedanke klar vom „freundlich und respektvoll sein“ abgrenzt, was zumindest ideologisch jedem gegenüber möglich sein sollte. Doch, wer alles nett findet, jeden schätzt, allem sein gutes abgewinnt oder über jeden Witz lacht, schwächt damit zusehends seine wirkliche, seine authentische Wertschätzung gegenüber Dingen oder Menschen. Eine Freundschaft, platonisch oder nicht, definiert sich immer über die (illusorische,) abstrakte Idee von Besonderheit. Geschichten, die man nicht jedem erzählt. Dinge, die man nicht mit jedem macht. Gedanken, die man sich sonst nicht macht. Wenn ich etwas auch überall anders finde, brauche ich es dann überhaupt?!
Doch wie entsteht dieses Etwas, dieses nie wirklich fassbare Gefühl von Besonderheit? Gemeinsamkeiten, klar. Die gleiche Lieblingsband, die selbe Lieblingsfernsehserie,olé. Die gleiche Art den Kugelschreiber zu halten, kann helfen. Du hast 10 Finger, ich hab 10 Finger, jaja. Aber was wirklich seinen Dienst tut, sind Abneigungen. Was auf makrogesellschaftlicher Ebene hilft (Der Jude, Emos, Schalker, Dortmunder, Bin Laden oder doch die Ammis), funktioniert auch auf encounter und privater Stufe. Nichts schweißt so zusammen, wie das gemeinsame Feindbild. Der mittlerweile zum deutschen Kulturgut gewordene „Mädelsabend“ zu Heidi Klum, Detlef „D“ Sost (Was für ein Name!) oder Dieter Bohlen, findet seinen Reiz, seine einende Kraft in der (lautstark) geteilten Abneigung gegen Moderatoren („Ist die gemein!“), Kandidaten („Ist die doof!“) und Showkonzepte im Allgemeinen („Geschmacklos, was wir da gucken!“). Ablehnung eint. Mehr als alles andere. Dokusoaps, Reality-Shows, Casting- und Promishows. Sie leben davon, dass man sie hasst. Und die immer stärker werdenen Nachfrage nach diesen Formaten, lässt auf einige unausgeschöpfte Hasspotenzialle schließen. Im Grunde wäre es das schlimmste für Paris Hilton, wenn man sie mögen würde. Deswegen singt sie auch und geht auf den Bauernhof. Weil sie es nicht kann. Und wir zahlen dafür Geld, sie dabei zu begleiten. Weil es uns eint. Und weil Gemeinschaft dadurch entsteht, die wir instinktiv brauchen und wollen.
Doch auf der anderen Seite der Mattscheibe herrscht eine schreckliche Leere. Von political correctness und großflächig ausgebreiteter Unsicherheit in die Ecke getrieben, gilt Ablehnung und Kritik als No-Go. Der Fernseher wird hier zum Hass-Methadon für schwache Individuen. Oder wenigstens wissen die meisten Menschen nicht mehr richtig zu verunglimpfen. Wir kriegen nicht mehr beigebracht zu kritisieren. So müssen wir Feedback an Referenten immer erst mit einem Lob beginnen („Schön, dass du dein Nasenbluten dann doch noch in den Griff bekommen hast.“) . Wir sind immer abwägend, auch uns selbst gegenüber. Deswegen gibt es so viele Menschen mit 500 StudiVZ-Freunden oder mit einem Musikgeschmack namens „Alles“. Deswegen halten sich viele Menschen für politisch, nur weil sie „Nazis raus“ rufen oder Spiegel lesen. Wir haben verlernt zu hassen. Wir beginnen unsere Sätze mit „Es gibt auch Argumente, die besagen...“, oder „Andere hingegen behaupten...“.Hassen, ablehnen, nicht-mögen bedeutet immer, Stellung zu beziehen. Es bedeutet immer Risiko. Oder um im Bild zu bleiben; wenn ich die gesamte Tonleiter spiele, kann mir niemand vorwerfen etwas vergessen zu haben.
Es gibt sie in großer Stückzahl. Die vorsichtigen, liberalen, kleinen, netten Gutmenschen. Und gegenseitig spendet sich diese Gruppe auch viel Zustimmung und Bestätigung. Jeder mag jeden (Niemand mag niemanden).Und wenn ich sage, dass niemand alle mögen kann, weil jeder der mit allen gut kann, nie (ok, meist) mit mir gut kann, dann klingt dass nur auf rhetorischer Ebene melancholisch oder bedauernd. Je mehr es Menschen dieses Schlages gibt, desto größer ist die Begeisterung für die, welche aus diesem Raster fallen. Jede nicht gespielte Note der Ablehnung, des Ehrlichen und Wahren, verstärkt die dann selten doch ausgesprochenen Momente des „Dagegen sein“. Es erhöht, ja generiert vielleicht sogar erst, den einenden Moment des Gemeinsamen, des Besonderen. Ich bin ihnen allen sehr dankbar dafür. So, let's play again, Louis.