Dienstag, 22. Februar 2011

Der Facebook-Knigge

Ein paar Überlegungen: Elektromusik ist seit jeher Melting-Pot sämtlicher Sub- und Jugendkulturen, und damit prägnanter Ausdruck einer stilbewussten aber auch ambivalenten bis fragwürdig-gleichgültigen Gruppe Heranwachsender. FDP-Wähler besitzen weiterhin kein Hotel. 83% aller Bildungsbürger denken bei dem Ausdruck „deutscher Film“ an Till Schweiger (inklusive Till Schweiger). Die Besten sind nie die Reichsten. Silbermond-Hörerinnen verlieben sich immer in den dümmsten Idioten, weil sie das was er zu jedem sagt, auf sich beziehen und es für persönlich nehmen. Um dann – nachdem er sich idiotisch verhalten hat – zu merken, was für ein Idiot er ist, um auf dieser Grundlage die Männlichkeit im Allgemeinem zu verunglimpfen (und „Idiot“ zu nennen). Aber natürlich nur bis jemand neues ihnen sagt, wie schön ihre Augen doch wären. Alles bekannt. Das sind nur ein paar wohlbekannte Beispiele für die Unveränderbarkeit der Menschen. Der Mensch bleibt sich treu.

Was sich ändert, sind die Umstände. Die Welten, in denen sich der ewig gleiche Mensch seine zumeinst eher lästige als lässige Menschlichkeit beweist. Was sich verändert, sind die Technologien. Das Internet, die jüngeren dürften es bereits kennen gelernt haben, wartet mit immer wieder neuen Ideen und Möglichkeiten auf. Der Mensch nutzt die Illusion von weltweiter Ereichbarkeit zu dem, was er immer tut; sich ausleben. Dabei gibt es gute wie schlechte Wesenszüge zu beobachten. Neben dem Versprechen einer Weltgemeinschaft, bietet das Internet aber noch eine weitere Fantasie: Ein nur schwer zu erklärendes Gefühl von Sicherheit. Wie in einem Auto, das in seiner isolierten Form Schutz und Geborgenheit suggeriert, läd auch das World Wide Web zur unreflektierten, scheinbar-folgenlosen Handlungen. Im Internet dürfen wir endlich so sein, wie wir sind. Und die Kommentarfunktion entspricht dem senilen Rentner vor einem. Wer wir auch sind, im Internet sind wir es deutlicher.

Es gibt Quergänger und Personen, die steil gehen und quer tragen. Es gibt sympathisch und es gibt Junge Union. Es gibt Lady-Killer und Zuhörer. Es gibt diejenigen, die diese Klischees glauben und welche, die sie leben. Wer sich online trotzdem nicht zum Horst-Kevin-Emanuell machen will, ist hier richtig.

Ein Ratgeber, ein paar Richtlinien für den guten Umgang in der Welt der kabellosen Haushalte und aufmerksamkeitssüchtigen Smartphones. Eine Anleitung zur gelungenen Facebook-Nutzung. Für einen neuen Umgebung zur Befriedigung der ewig gleichen Wesenszüge. Zur erfolgreichen Aufnahme in das Netzwerk, das sich Ansehen schimpft.


1. Der Status

Grundsätzlich gilt: man kann nicht, nicht kommunizieren. Daher ist – nachdem man sich in einem sozialen Netzwerk angemeldet hat – das nicht-updaten seines Status, genauso eine Form von Selbstdarstellung, wie das Darstellen selbst. Dies sei für alle gesagt, die Selbstdarstellung seine Daseinsberechtigung absprechen möchten, weil sie keinen evolutionären Nutzen darin finden. Den gibt es auch nicht. Nur ist es die Stärke des Status', es nicht auf jenen anzulegen. Facebook-Updates sind wie Bonus-Tracks. Keiner braucht sie, aber gerade darin besteht ihr Reiz. Und wer will schon funktional leben?!

Gleichzeitig besteht der Vorteil einer Nicht-Kommunikation in der Wahrung des Unbekannten, ja des Mystischen. Da dies aber eine weibliche Tugend ist, sollte vor allem der männliche Nutzer ab und an auf sich aufmerksam machen. Dabei sind folgende Grundsätze zu beachten:

1. maximal 1-2 Updates pro Tag (Keine Reizüberflutung!)

2. Wenn du Freunde suchst, kauf dir nen Hund (Kein Anbiedern!)

3. Niemand interessiert, was du zum Frühstück hattest (Keine Langeweile!).

4. Leute, die Mitleid oder Anteilnahme im Internet suchen, sind wie katholische Priester im Pornokino. Wer das für echt hält, hat es nicht verstanden (Kein Gesundheitszustand!).

Mit diesen Eingrenzungen kann ihnen die spannende Selbstdarstellung, inklusive Anschlusskommunikation gelingen. Vorausgesetzt, sie sind auch offline interessant.


2. Die Fotos

Grundsätzlich gilt: weniger ist mehr. Der Mensch ist ein Augentier, folglich kann das Darstellen der eigenen Äußerlichkeit durchaus von höherem Wert sein, als die verbale Beschreibung komplexer Innerlichkeiten. Doch – und diesen scheinbaren Widerspruch können viele nicht auflösen – ist auch die Äußerlichkeit vielschichtig. ODer zumindest kann sich als komplexes Mittel genutzt werden. Das bedeutet; um interessant zu sein, muss ihr Portfolio an Hochglanzmomenten ebenso abwechslungsreich sein, wie sie sein wollen, sein können. Idealtypisch gesprochen: Jedes Motiv sollte sich von seinem Albumsnachbarn unterscheiden. 50mal das gleiche Schlafzimmerblick (gerne auch mit einer Note Napoleon!)oder die gleiche Ansammlung verschiedener Helden der Kindheit (Janosch nicht vergessen!) zeugt von einer Monotonie, die mehr abschreckt, als interessiert. Und die Vodka-Flasche muss auch nicht jedes Mal ins Bild. Jedes Foto, zumindest aber jedes Album braucht also ein Alleinstellungsmerkmal. Unter dieser Prämisse ist es dann aber ganz gleich, ob sie kein Foto oder 500 einstellen. Das Mark Zuckerberg – und natürlich Sie selbst – nur Zeuge auf- und nicht abwertender Momente ihrer Person werden möchte, versteht sich von selbst.


3. Die Infos / Der Steckbrief

Grundsätzlich gilt: bleiben sie sich treu. Auch wenn wir uns seit I Heart Huckebees auch permanent fragen: "wie kann ich nicht ich selbst sein?!" Die Frage, die diese beiden Wege vereint, lautet: Wie kann ich das was ich bin, mögen? Sich treu bleiben, heißt eigentlich, sich selbst mögen können. Selbst ihrem Steckbrief merkt man an, ob sie hier etwas darstellen oder nur darstellen wollen. Quantität spielt dabei eine zumeist unterschätzte Rolle. ZU häufig vergleichbare Informationen (Meine Exfreunde haben doofe Freundinnen!) verlieren ihre Wirkung mit jeder Wiederholung. Jede Aussage, jede Info wird mit in ihrer Paraphrasierung zu einem Euphemismus ihrer selbst. Doch wer in seiner Rolle als Schöngeist, Partyhase, Philosoph, Womanizer, Sportler oder Freak glaubwürdig aufgeht, dem wird sie vom Pöbel als Persönlichkeit angeheftet. Wer eine solche Figur schlecht spielt, dem wird die gewählte Identität zum Verhängnis. Die Qualität unserer Darstellung hängt vom Identifikationspotenzial unserer Rolle ab. Lee Strasberg ist überall. Wir spielen alle. Aber mögen sie, was sie spielen. Sogar Focus lesen ist ok. Aber schämen sie sich nicht dafür. Laut Scooter hören ist besser, als heimlich Hoffenheim zujubeln. Mensch bedenke, dass du sterblich bist. Facebook-User bedenke, dass du durchschaubar bist.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Ein optimistisch-verwirrter Text über die Liebe


Manchmal, wenn es mir richtig gut geht, denke ich über den Tod nach. Wie ich mal sterben will. Und Warum. Wer über den Tod nachdenkt, denkt über das Leben nach.

Unfall oder Suizid, sind da Möglichkeiten, denen man sich nähert. Durch die Hintertür, selbstredend. Ein Unfall scheidet früh aus. Flugzeugabstürzen fehlt es an Eleganz und Privatsphäre. Das Ausrutschen im Bad würde den stimmigen Schlusspunkt hinter ein stilloses Leben setzen. Das Einbrechen im zugefrorenen See ist infantil, der Blitzeinschlag willkürlich. Bleibt nur noch der Mord und der Selbstmord. Mord hieße sein Selbstbild als rechtschaffener Mensch zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt aufgeben zu müssen, sich sein Schicksal wenig tugendhaft erarbeitet zu haben. Totschlag liegt irgendwo zwischen Mord und Unfall, und hat dort keinen guten Stand. Somit kommt dem Akt der eigenen Exekution die größte Faszination entgegen. Leider bleibt die Eingrenzung: Suizid wäre ne super Sache, wenn man danach weiterleben könnte.


Was ist denn der Vorteil von Selbstmord? - Aufmerksamkeit. Die 15 Minuten Ruhm, die jedem zu Teil werden, der mit dem Strick um seinen Hals kommuniziert, verdammt bemitleidunswert zu sein. Seht mich an, wie arm ich dran war, seht mich an! Selbstmitleid, sonst kollektiv geächet, wird nun geachtet. Im Tod kehrt sich alles um. Mitleid wird gewöhnlich nur den Glücklichen zu Teil. Also denen, die eine Mitte finden, zwischen Tiefe und Höhe, zwischen Witz und Träne und allgemein. Schließlich mag niemand Menschen, die ausschließlich Trauer in sich tragen. Nicht mal die Trauernden. Würden sie sich in ihrem Trauern schätzen oder mögen, müssten sie nicht mehr trauern.

Doch mit dem letzten Atemzug kehrt sich dieses gesellschaftliche Verhaltensweise um. Wo vorher noch Irritation und Abgrenzung zur gezeigten Melancholie herrschte, entsteht nun Anteilnahme. Nach der Vergewaltigung wird die Hure zur Heiligen. Das größte Arschloch bekommt die schönste Grabrede.

Die Trauer ist groß. Ob man das eigene, kollektive Scheitern, der nicht erfolgreichen Bewahrung eines menschlichen Lebens bedauert oder den Toten selbst. Vielleicht beides. „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“, hat Nietzsche mal gesagt. Das gilt genauso für den Betrauerten wie die Masse, die ihn betrauert.

So grotesk wie das im ersten Moment auch wirken mag: Der Suizid ist eine Bewahrung der eigenen Würde. Nicht weil alle Menschen doof zu einem sind, sondern weil es ein Akt der Macht ist. Man selbst bestimmt Timing, Art und Grund – und niemand anders. 15 Minuten Ruhm und Macht. 15 Minuten seht mich an, beschäftigt euch mit mir. Und nach nichts anderen streben Menschen an erster Stelle. Menschen streben nach Aufmerksamkeit. Die einzigen Momente, in denen dies nicht der Fall ist, nennen sie Liebe. Die Liebe zu Anderen, zum Anderem: Menschen, Gott, Tiere. Zum Wandern, zu Mutternatur, zum Vaterland. Liebe für die fünf großen „F“: Für Frauen, Fußball, Filme, Fressen, Frauen. Wenn jemand sagt, er liebe etwas, meint er, dass ihn das Objekt seiner Zuneigung sich selbst vergessen lässt. Liebe heißt, sich selbst vergessen können.

Der Selbstmord ist ein letzter Akt der Liebe. Denn die Vorstellung von Ruhm und Macht ist so groß, dass sie die eigenen, bitteren Selbstgedanken überdeckt. Jeder der sich umbringt, hat keine Freude am Leben. Aber der Grund für diesen ultimativen Schritt ist nicht nur das bisherige Ausbleiben von Freude, sondern auch die Hoffnung auf Genuss im Akt der Vernichtung selbst. Wie in Waltz With Bashir, diesem großen Stück Kino. In dem der Soldat feucht von seinem eigenen Tod phantasiert und davon, wie seine akut zur Exfreundin gewordene Liebschaft an seinem Grab um ihn weint. Macht! Der Träumer sitzt dabei in Gedanken im Flieger Richtung Front. Macht, bzw. die Vorstellung von Macht als die Möglichkeit der Ausblendung des eigenen Zustands der Jämmerlichkeit. Das einzige Problem bleibt davon ungelöst. Man erlebt dies alles nicht mehr mit. Schade, eigentlich. Aber dadurch wird Suizid auch ein so wirksames Mittel in der Kunst. Der Betrachter lebt ja weiter.

Die im Suizid erworbene Aufmerksamkeit wird nicht erlebt. Sie funktioniert nur fiktional. Vielleicht haben Religionen gerade eine solche Faszination, weil die Vorstellung bei der eigenen Beerdigung dabei sein zu können, dem Wesen Mensch am nächsten kommt? Suizid ist Romantik. Romantik ist das Ebnen eines emotionalen Zustands. Straffen, was vorher noch zerkratzt, fehlerhaft erschien. Daher hat Romantik auch immer mit Entfernung zu tun. Aus der Ferne sieht alles perfekt aus, ist alles eben. In der Liebe nennt sich das rosarote Brille. Das geht vorbei. Aber wie jede Romantik, ist auch der Selbstmord … Trommelwirbel … genauso wenig alltagsfähig. Der Fehler im System ist nicht, dass alles fehlerhaft ist, sondern dass Romantik und Fehler unüberbrückbare Antagonisten sind. Jede Form von Romantik hat etwas Fehlerhaftes in sich – gerade weil den Anspruch auf Perfektion legt, sind ihr Fehler inhärent. Romantik ist somit die Verleugnung des Lebens. Oder optimistischer: Urlaub vom Leben.

Jeder Suizid ist romantisch, indem er die Unmöglichkeit des Fortbestehens leugnet. Jede Romantik hat demnach ihre Illusion. Jede Illusion hat ihren schmerzhafte Realitätsabgleich. Jedes mal sind Romeo und Julia am Ende tot – weil sie die Fehlerhaftigkeit ihrer Umwelt nicht akzeptieren konnten. Es waren Kinder, die das nicht verstanden haben. Das lebendige Publikum hält das für Romantik.

Also lebt man weiter und versucht in der Liebe zu vergessen. Man sucht und lebt eine Liebe, die das Fehlerhafte vergessen lässt.

Aber die gute Liebe will das Gegenteil. Liebe, die das Fehlerhafte akzeptiert. Mehr noch, die es als eigenen Wert schätzt! Liebe funktioniert immer dann, wenn sie nicht wegen, sondern gerade durch Missstände entsteht. Liebenswerte Schwächen braucht der Mensch. Deswegen findet die Liebe häufig auch nur die Selbstbewussten, die fähig sind Schwächen zu zeigen. Aber solange der Mensch das Scheitern nicht schätzt, sucht er weiter nach Perfektion, die er Romantik schimpft. Die Illusion lautet: Ein Leben voller romantischer Liebe führen, wissen wann man stirbt – und sich dann 15 Minuten vorher von der Brücke werfen. Das wäre Erfüllung.

Freitag, 14. Januar 2011

Und das ist auch gut so

Tom Tykwer liebt die Menschen – und den Fortschritt, Berlin, die Freiheit.


Linien. Baumkronen. Wolken. Mann. Frau. Sexgespräch. Weiß. 2 Tänzer. 1 Tänzerin. Tanz. So beginnt „Drei“, der neue Film von Tom Tykwer. Ein furioser Anfang, der bannt, bereits alles erzählt. Was jetzt noch folgt, sind die Farben zwischen den Linien, die Zwischentöne. Denn geradlinig ist hier wenig. Chaos ist in „Drei“ – im Vorspann und danach – Programm.

Vor allem in Berlin, wo Hanna und Simon, zwei Vierzig-Irgendwasler, ein ruhig-routiniertes, bürgerliches Leben führen. Er baut Kunst, ist kein Künstler. Sie moderiert eine Kultursendung, ist keine Künstlerin. Beide mögen sich, lieben sich sogar irgendwie, aber langweilen sich nach 19 Jahren Beziehung auch. Bis Adam, ein Stammzellenforscher, in ihr beider Leben tritt. Allerdings getrennt voneinander. Hanna geht mit ihm ins Fußballstadion und anschließend ins Bett. Simon trifft Adam im Schwimmbad und sein Sperma danach auf Adams Brust. An dieser Stelle beginnt das narrative Durcheinander. Selbst der Tod hatte zuvor nicht diese Wirkung. Nachdem Simon die Beatmungsmaschine seiner Mutter (Angela Winkler) abstellt, geht das Leben weiter. Das Comic-Relief hilft, wo er nur kann. Ab einem gewissen Alter ist der Tod einkalkuliert. Nicht aber mit Vierzig-irgendwas. Erst als Simon mit Hodenkrebs auf dem OP-Tisch liegt und Hanna währenddessen in Adams Armen, wird das Protokoll des Vorhersehbaren verlassen.

Bis dahin hatte Tykwer vor allem einen audio-visuellen Einfall an den nächsten gereiht und somit stilistisch einiges an Zinober veranstaltet. Splitscreens, Engels-Erscheinungen, durch drei teilbare Zahlen. Im ersten Drittel macht Tykwer deutlich: Leben ist Film. Film ist Chaos. Leben ist Chaos. Mit dieser anfänglichen Verspieltheit etabliert Tykwer also vor allem sein Thema, nicht seine Geschichte. Die kommt später. Mit zunehmender Komplexität der Erzählung vereinfacht sich der Gestus. Damit umgeht der Regisseur die Gefahr „Drei“ zu einer reinen Stilübung verkommen zu lassen. Stattdessen bleibt der Film durchgehend eine wortwitzige Vorstellung einer sozialen Idee.

Doch die muss erst ausdiskutiert und erfühlt werden. Hanna und Simon – und mit ihnen das Publikum – ringen mit sich selbst und ihren Wirrungen. Gerade im heterogenen Berlin, das zwischen futuristischen Schwimmbädern und Nazivergangenheit, zwischen Ost und West und zwischen Arm und Reich seine Mitte sucht, fällt das schwer.

Adam hingegen steht derweil über den Dingen, zumindest über den rationalen. Der Mensch müsse sich einfach von seinen Determinierungen lösen, erklärt er Simon, als dieser mit seiner neu entdeckten homosexuellen Seite hadert. Von solchen Problemen ist Adam frei – nicht aber von denen der Einsamkeit oder der fehlenden, sozialen Bindung. Adam ist – der Name verrät es wenig subtil – ein Mensch aus Fleisch und Blut. An seiner Figur wird deutlich, wie Tykwer seinen Film und seine Figuren anlegt. Zwar ist Adam ein moderner Mensch: sexuell offen, gebildet, wohlhabend, frei und selbstbewusst. Aber all das hilft ihm nicht, die grundlegenden, menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit anders oder effektiver zu befriedigen als alle Anderen. „Drei“ versucht sich dabei in einer Beschreibung des Wesens Mensch. Ganz gleich, ob der Mensch über Handy oder Brieftaube kommuniziert, die Themen bleiben die Gleichen. Ganz gleich, ob er seine Bücher vor sich aufschlägt oder im E-Book hinunter scrolled, er liest weiterhin Moby Dick. Ganz gleich, welches Jahrhundert wir haben, Shakespeare wird immer noch gegeben. Oder Hesse. Ganz gleich, ob die eigene Mutter stirbt oder man gemeinsam kocht, es löst früher wie heute das gleiche Trauer- oder Glücksgefühl aus. Was sich über die Jahrhunderte ändert, ist nicht der Mensch - vorerst. Was sich ändert, sind die Umstände.

Tykwer, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat immer ein offenes Ohr für seine Figuren, für ihre Überforderung mit Leben, Stadt und Trieben. Die Einteilungen, die der Mensch vornimmt: Hetero, Homo, Bi. Es sind Fluchten vor dem Chaos, Hilfestellungen. Das schafft Orientierung, schränkt das Leben aber gleichzeitig ein. Als Hanna das in ihrer eigenen Fernsehsendung erklärt bekommt, kann sie nicht zuhören. Sie weiß seit wenigen Momenten, dass sie schwanger ist. Das Leben hat sie übermannt. Da hilft es auch nichts, dass sie von der Menschlichkeit dieses Vorgangs erzählt bekommt. Dafür hat Tykwer Verständnis. Und somit schenkt er Hanna, Simon und Adam die emotionale und kognitive Möglichkeit der Überbrückung der selbst auferlegten Grenzen, der eigens geschaffenen Lebensstrukturen. Aber erst nachdem er dem Publikum eine schlichte aber vielleicht auch die schönste Affären-Aufdeckungsszene der Filmgeschichte geschenkt hat.

Auch sein Ensemble hat diese Hoffnungsmomente verdient. Egal ob Sophie Rois als Hanna, Sebastian Schipper als Simon oder Devid Striesow als Adam, alle geben ihren Figuren genügend Tiefe und Ernsthaftigkeit, um sie in den schönen bis ulkigen Momenten ihres Daseins nichts ins Alberne abdriften zu lassen. Besonders Rois schaut man gerne zu, wie sie da steht und meckert und zischt, dass man am Nachbarstisch doch bitte ruhig sein solle. Damit verdient sie sich ihr Glück, man gönnt es ihr.

Der Schlüssel zum Glück aller Protagonisten ist es, die Verwirrungen des Lebens nicht als Krankheit, sondern als Bereicherung zu betrachten. So wie es „Drei“ konzipiert, wäre sich Simon ohne seine Hodenoperation, nie über seine homosexuellen Neigungen bewusst geworden. Den Heiratsantrag gibt es an der Pommesbude, am Tag von Mutters Beerdigung. Das Leben ist nicht linear, und das ist auch gut so.

Ein solch optimistischer Grundton verwundert etwas. Waren Tykwers vorangegangene Arbeiten „The International“ und sein Betrag zu „Deutschland 09“ (Tykwer war Initiator des Projekts) doch wütende Anklagen eines arroganten Westens, der seine Macht anhand von Statussymbolen der Architektur und Hochkultur vorführt. In “Drei“ scheint diese Bitterkeit einer optimistischen Zukunfts- und Fortschrittsgläubigkeit gewichen zu sein. Nicht nur die Welt, ihre Gebäude und technischen Möglichkeiten, ändern sich. Selbst der Mensch ist fähig, seine inneren Grenzen zu überwinden. Zu erkennen, dass das Leben eben nicht aus den anfänglich klaren, abgrenzenden Linien besteht. Leben ist Chaos, und dieses lässt sich führen – in harmonischer Dreisamkeit.

Freitag, 7. Januar 2011

In der Breite gut aufgestellt - Das Kino-Jahr 2010


Nein, ich habe ganz viel nicht gesehen: Carlos, The Town, oder auch die Fremde haben es beispielsweise nicht vor mein Kassengestell geschafft. Und trotzdem hier meine Abhandlung der letzten, durchwachsenen 12 Monate. Oder ist das der Anfang einer einsetzenden Kritiker-Arroganz? - Wir hoffen auf das Beste und erwarten das Schlimmste. Bei der FDP und auch im Kino 2011. Ein Jahr das mit neuen Filmen von Arronovsky, Inárritu oder auch Malick aufwarten wird. Aber bis dahin: ein Rückblick.


Tendenz des Jahres

…geht zum Kindererwachsenen-Film. Auch wenn Wo die Wilden Kerle wohnen offiziell noch ins Jahr 2009 (17. Dezember) gehört. Fantastic Mr Fox, Mary und Max tun dies nicht. Alle Filme treffen einen sensiblen, punktgenauen Ton und packen ihn in liebevolle, aufwendige und nachwirkende Bilder. Detailliebe und ungezwungener Aufklärer-Ansatz haben diese Filme gemein. „Familie sein ist nicht einfach“, heißt es bei Spike Jonzes Kinderbuchverfilmung und die Leinwand atmet poetische Momente, wie sie es nur ganz selten tut. Man versteht nicht nur, man fühlt! Das Post-Moderne Leben scheint am ehesten noch im Rückgriff auf einen verständlichen, infantil-naiven Duktus gemeistert zu werden. Damit die kleingroßen Themen wie Freundschaft oder eben Familie doch noch gelingen. Naivität oder besser: Einfachheit als Ausweg aus der Falle Leben. Dem gegenüber die pseudo-potente Aufplusterung, die Feuer mit Feuer bekämpft, aber die...


Enttäuschung des Jahres

… war in doppelter Hinsicht Inception. Nicht nur war der Film eine einzige, 100Million teuere Augenwischerei, die mit Taschenspieler-Tricks versuchte, sich wichtig zu tun. Nein, fast noch schlimmer war die erfahrene Einsamkeit mit dieser Einschätzung. Wie intelligent dieses Stück Verschachtelung doch sei, hieß es allerorten. Schein ist alles! Das hier nicht mehr gemacht wird, als ein gutes Ensemble mit großartigen Spezialeffekten auszustatten, dabei aber dramaturgisch völlig konventionell zu hantieren und intellektuell über ein „Das Unterbewusstsein ist schon ne spannende Sache“ nicht hinaus zukommen, wird vergnügt übersehen. Das zweifellos schön-glitzernde Licht blendet zu sehr. Bleibt nur zu hoffen, dass es den ein oder anderen Kinogänger motiviert, älteren Nolan Filmen wie The Dark Knight, The Prestige und besonders Memento ihre Aufwartung zu machen. Damit sie auch mal sehen, wie intelligentes Action-Kino so geht.


Safety-Bet des Jahres:

… konnte und sollte nur New York, I Love You sein. Die Stadt ist der zivilisatorische Höhepunkt unseres kurzen Daseins auf diesem Planeten und wird auch dementsprechend in Szene gesetzt. Sonnenaufgänge über dem Hudson, verträumte Centralparkbänke und das zelebrieren einer romantisch-multikulturellen Popkultur. Der Westen in seiner schönsten Form. Die Storys sind How I Met Your Mother mit besserer Ausleuchtung und weniger Off-Text. Außerdem ist Natalie Portman gleich an mehreren Episoden beteiligt. Was will man mehr?!


Zu-unrecht-schon-wieder-vergessen Film des Jahres:

George Clooneys Kunst besteht darin, dass eigentliche Dilemma aufzulösen, es allen Recht zu machen, ohne dabei beliebig zu werden. Daher ist man machmal veruscht Sätze zu schreiben wie: Wer Clooney nicht mag, mag das Kino, die Kunst, ach was, die gesamte menschliche Rasse nicht. Seine Coolness, die immer nur würdevoll und nie selbstgefällig wirkt, geht mit einer emotionalen Intelligenz einher, die man bei deutschen Intellektuellen nur selten findet. Der Mann ist klug, schön und (!) hat trotzdem Spaß am Leben. Doch Komödien haben es schwer. Jedenfalls in Deutschland (s. Klischee-Bestätigung des Jahres). So auch Up In The Air. Der neben dieser Reinkarnation von Cary Grant eine Menge unaufdringlicher Weisheit und Beobachtungen unseres täglichen Leben bereit hält. Doch was witzig ist, kann nicht tiefgründig sein – so die landläufige Meinung. Deswegen wird Jason Reitmans nächster Schritt auf leisen Sohlen in die Königsklasse zwar überall geschätzt, aber nirgends besprochen.



Klischee-Bestätigung des Jahres

Jaja,... die Franzosen. Lange Einstellungen, Lange Beine, tiefe Blicke, tiefe Ausschnitte, aber zu kleine Dekolletees dafür. So ungefähr sieht auch Mademoiselle Chambon aus. Dazu eine Geschichte, die so geht: Mann trifft Lehrerin seines Sohnes. Beide verlieben sich. Er ist von seiner Frau gelangweilt. Sie will mit ihm durchbrennen. Er kriegt im letzten Moment Angst. Sie steht alleine auf dem Bahnsteig. Wer glaubt, dies wäre verknappt, der irrt. Mehr passiert nicht. Das füllt über 100 Minuten, meist nonverbal. Geige wird gespielt und viel geschwiegen. Schön, anmutig soll das ganze sein, weil die Bilder ja so lange wirken können. Dafür müssten sie aber in sich geschlossen sein. Sind sie aber nicht. Bedeutsamkeit wird durch eine Ästhetik der Langsamkeit suggeriert, die am Ende aber nichts weiter ist, als ein Versprechen der kulturellen Bildung für das Lehrer- und Mittelstandspublikum. Bildung als selbstgefälliger, arroganter Moment der Abgrenzung zum Unterschichten-TV, der seine Effizienz aus der größtmöglichen Langeweile zieht. Oder wie sagte es ein Kommilitone: „Ich gucke keine Filme – nur fränzösische“.


Kinomoment des Jahres:

Sneak Preview. Jennifer Lopez. Na toll. Ende des 4 Akts entbindet sie. Was Sonst? Die Schweißperlen gleiten sauber die ebenen Gesichtszüge hinunter, die Haare bleiben davon unberührt. Der noch-nicht-ganz-Vater/Ehemann/Naturbursche gesteht der Großstadt-Zicke seine Liebe. Warum auch immer. Der Aufnahmeleiter stellt derweil das Happyend schon mal an den Horizont – sein Einsatz ist nicht weit entfernt. Ein paar Augenkontakte, ein paar ebenso säuberlich aufgetragene Freudentränen. Das durchaus kino-affine Preview-Publikum windet sich vor Schmerzen. Dann platzt es aus mir heraus: „Zack! Fehlgeburt!“, entgleitet es mir ohne Lautstärkeregulierung. Der Saal lacht, brüllt, er bebt. Das nennt man Comic-Relief! Noch auf dem Heimweg ziehe ich eine Karriere als Kultur-Komiker in Betracht.


Film des Jahres:

...gibt es nicht. Nur in der Breite war 2010 ein gutes Jahr für das Kino. Für die Spitze fehlte es vieler Orten an wirklich bleibenden Momenten. MicMacs hatte Kreativität für drei Filme (Jeunet, halt), The Social Network wartete mit einem pulsierenden Drehbuch und einem großartigen Hauptdarsteller auf und Lebanon gefiel in seiner theatralischen Enge und der Benennung des Wesentlichen. Doch für eine klare Nr1 fehlt es an wirklicher, ungebrochener Brillianz.

Weitere Filme mit denen man nicht viel falsch macht: Green Zone, Kick-Ass, The Kids Are All Right, Moon, Renn, wenn du kannst, Somewhere.


Donnerstag, 16. Dezember 2010

Kein Tomatensaft!

Über Billigfliegen und den Wert des Weges – Ein Vergleich


Zeit ist eine opportunistische Hure. Besonders Morgens. Und ganz besonders früh Morgens. Es ist noch keine 6 Uhr, da kommen einem auf der Einstiegstreppe Menschen entgegen gefallen, die auf dem Weg zur Arbeit scheinen. Spontane Bewunderung: es ist so früh, so dunkel, so kalt.

Im Zug ist es wärmer. Stadtauswärts ist das Abteil nun leer und es gleitet sich in den Tag. Ein Eistee, eine Brezel, eine Zeitung und der Blick auf die verschneite, vormünchnerische Peripherie, hinter der sich erste Sonnenbögen abzeichnen, helfen. Die Richtung heißt Memmingen, Allgäu Airport. Das Ziel heißt Andalusien. Ich bin auf dem Weg.


Zug


Irgendwo hinter Geltendorf tritt der Schaffner durch die Schiebetür. Es stellt sich – zu meiner Überraschung heraus, dass mein gelöstes Tagesticket erst ab 9Uhr gilt. Demnach fahre ich schwarz und darf nochmals 40€ löhnen, den doppelten Fahrpreis also. Wenig später füllt sich der Zug mit Schülern auf dem Weg zum Frontalunterricht. Manche vergleichen Hausaufgaben, andere nutzen mein Gegenübersitzen als Ausrede, sich zu sechst in eine Sitzecke zu quetschen. Mit den Mädchen in der Mitte, selbstredend. Zwei Unterstufler in ihrem Rücken interessieren sich indes nicht für solche Formen des Paarungsverhaltens. Der eine ist in ein Mathebuch vertieft, der andere hat sich das 11. Physik-Kapitel vorgenommen. Beide tragen Brillen. Im Grunde ist die Welt in diesem Abteil in Ordnung.

Im Flugzeug gibt es keine Platznummern. Jeder sitzt, wo er kann. Ein kleines bisschen Fressen und Gefressen werden. Die Stewardessen sind alle weder blond, noch sonderlich schlank. Sie sprechen kein gutes Englisch. Was noch mehr ins Gewicht fällt, da alle 15 Minuten neue Ansagen durch die knarzenden Lautsprecher trompetet werden. Die Karte mit den obligatorischen Anweisungen für den Ernstfall ist auf den Rücken des Vordersitzes geschweißt. Man hat sie immer im Blick. Essen gibt es nur gegen Bares. Der Cheeseburger kostet 7€. Tomatensaft ist gar nicht erst im Angebot. Aber man kann Lose kaufen. Für bedürftige Kinder, heißt es. Nach der Landung ertönt ein Jingle. Eine männliche Stimme verkündet – nun in besserem Englisch vom Band – dass man pünktlich gelandet sei. Ryanair sei mit über 90% die pünktlichste Fluggesellschaft Europas.

Wenn man mit solch einem Billigflieger reist, wird einem ziemlich schnell bewusst, um was es dabei geht: den reinen Transport. In einer Ryanair-Maschine zu sitzen, bedeutet, alles was das Unterwegssein zum Selbstzweck machen könnte, zu vernachlässigen. Stattdessen unterstellt man sich dem Credo der Effektivität, des Nutzes, der Ökonomie, der Zeitersparnis. Man zahlt dabei weniger mit Geld, als mehr mit der Gefühl, das man andererorts gerne „Reisen“ nennt. Der Weg ist nicht das Ziel.


Auto


Bis Malaga sind es ungefähr 2500 Kilometer. Wenn man entlang der Atlantikküste fährt und erst bei San Sebastian die Grenze überquert, ein paar mehr. Dafür spart man sich eine nicht unbeachtliche Summe Mautgebühren um Lyon, sowie zwischen Barcelona und Valencia. Doch ums Sparen geht es auf diesem Weg nicht. Dann hatte man auch fliegen können.

Das französische Tempolimit verleitet zu einer entspannten Fahrt. Es summt sich staufrei dahin. Die Musik aus unzähligen Mix-Tapes wabert durch den Wagen. Alles Songs werden ausgespielt. Keine Hektik. Kein neurotischer Glücksoptimierungsversuch des ewigen Weiter-Drückens auf der CD. Das Stade De France und ganz Paris lässt man links liegen und steuert Bordeaux entgegen – eine wunderbare Stadt. Wie da die Stadtmauern sich vor dem Fluss Garonne auftürmen, man über die Pont de Pierre fast unmerklich in die inneren Kreis der Universitätsstadt geleitet wird, um anschließend vor dem Grand Theatre zu stehen. Schönheit! Dort wo die futuristische Straßen-Bahn den klassischen, prunkvollen Vorplatz kontrapunktiert ohne aufzufallen. Wo Gassen im Schatten und Parkhäuser unter Parks liegen – und nicht daneben.

Durch die kleine Plexiglass-Scheibe im Flieger ist davon nicht viel zu sehen. Punkte und Striche sollen Städte sein und das Meer – ein großer, blauer Fleck. Das Gefühl von Raum und Entfernung geht verloren.

Ein Flug nach Malaga ist eine horizontale Fahrstuhlfahrt. 3 Stunden lang – ohne Musik. Man merkt zwar, dass man sich bewegt, aber weder wohin, noch wie schnell. In einen radikal-funktionalen Raum gezwängt. Dadurch das Billigfliegen bereits seinem Namen nach für jeden jederzeit erschwinglich ist, und somit die einstige Illusion einer Unerreichbarkeit widerlegt wird, verliert sie dadurch ihre Faszination. Wenn es möglich ist, jederzeit, überall sein zu können, ist es keine Besonderheit mehr. Für den Flug bis an die Grenze Europas ist das Hinkommen kein eigenständiger Wert. Nur ein Weg unter vielen. Nur Punkte und Striche. Die seltsamen Frisuren der Angestellten an den Péage-Stellen bleiben genauso verborgen, wie die Städte und Dörfer auf der Strecke. Das befriedigende Gefühl der Ankunft, weicht einem erschöpften Empfinden der Ödnis. Die Erfahrung in Madrid – ohne Navi – Auto zu fahren wird nicht gemacht. Das Abenteuer in Spanien zu Tanken wird nicht durchgestanden. Der Weg ist nicht das Ziel.

Auf festem Boden. Kurz vor Bilbao tut sich das Meer auf, wie es aus 8000 Metern Höhe vor lauter Blau nicht zu erkennen ist. Der Hafen zuckt über den Rand des Armaturenbretts. Die Sonne scheint. Dann knickt die Autobahn Richtung Festland ab. Wenige Stunden später wird die iberische Halbinsel von Madrid wie mit dem Lineal gespalten. Ästhetisch teilt die spanische Hauptstadt das Land in zwei völlig verschiedene Hälften. Zunächst noch grünlich-fruchtbar, entwickelt das steinige Flachland auf dem Weg in Richtung Meerenge von Gibraltar eine rustikale Schönheit, wie man sie sonst vielleicht nur auf Sardinien findet. Letzte Grasbüschel sprenkeln eine rot glühende Felswüste, während der Horizont nicht weiß, welchen Blauton er dazu anziehen soll. Das ganze Land liegt in der Hitze, einen letzten, elementar-lebendigen Schritt vor der Dürre. Die Serpentinen schlängeln sich immer steilere Abhänge empor, die Fahrspuren werden gleichzeitig immer dünner und die Zäune immer kleiner. Die Straßenschilder beginnen arabisch zu sprechen.


Flugzeug


Auf dem Flughafen von Malaga sind die Schilder auf Deutsch und Englisch. Große Flughäfen sehen auf der ganzen Welt gleich aus: steril. Lange, langsame Laufbänder führen die rundum verglasten Korridore entlang. Ehe man die Halle mit nie enden wollenden Gepäckbändern erreicht. Die taxi-Schlage ist nicht minder kurz.

Eine 20minütige Busfahrt später steht man am Strand. 25Grad sind es. In München liegt derweil Schnee. Ein Einheimischer wird einen Abend später bei Bier und Tapas erzählen, dass er gerne in Deutschland arbeiten würde, aber ihn das Wetter abschreckt. Danach unterhält man sich über die Dinge, über die sich Deutsche und Spanier unterhalten – Fußball und Weltkriege. Die Zeit verfliegt.

Zeit, die man auf dem Flug hierher gespart hat. Doch Sparen ist ein irreführender Begriff. Er suggeriert die Möglichkeit eines Erfolgs, eines Gewinns. Aber wieviel Zeit spart man wirklich, wenn die wegfallenden Auto-Stunden voller Musik und Moment, durch eine kürze und auch billigere Anreise ersetzt werden, die aber keine eigenen Qualitäten bieten? Als ob das Leben im engen Flieger für drei Stunden aussetzen und auf dem Rollfeld wieder anlaufen würde. Die Zugfahrten vom und zum Landflughafen, das ewige Warten zwischen Check-In und Boarding und die Fahrt vom Flughafen in die Stadt, sind dabei nicht mal mit eingerechnet.


Es gibt einen großen Unterschied zwischen Allein sein und Einsamkeit. Im Auto ist man allein, mit sich und seinen Mix-Tapes. Im Flieger sitzt man „Im Niemandsland derer, die Leben eintauschen für Zeit“. So wie es bei der Hamburger Indie-Band Kettcar heißt. Doch Musik und Billigflieger sind auch auf dem Rückweg keine gute Kombination. Die permanenten Durchsagen und die gröllenden Mitreisenden machen das unmöglich. Zudem muss der Ipod während der Start- und Landephase eh ausgeschaltet werden.

Ich sitze neben einer Dame mit Flugangst. Sie klammert sich an ein Promiblättchen, ihr Mann versucht zu schlafen. Vor mir sitzt eine fünfköpfige Gruppe Junggesellen aus Lateinamerika. Einer trägt einen Loony Tuns-Pullover. Ein anderer hat sich seine Kamera an dünnen Lederbändern quer über den Wohlstandsbauch gezogen. Noch einer hat ein Kartenspiel in der Hand, welches er den gesamten Flug über mischt. Alle denen noch Haare wachsen, haben sich diese mit viel Gel in den Nacken gelegt. Ich versuche zu lesen – es misslingt. Schlafen fällt schwer, so wie in diesen engen Sitzen einem die Knie ans Kinn getackert sind.

Nach drei Stunden landet die Maschine im verschneiten Memmingen. Jingle. „Eine weitere pünktliche Landung mit Ryanair, der pünktlichsten Fluggesellschaft Europas.“ Aber wer will schon pünktlich sein.

Montag, 4. Oktober 2010

C'est la vie, la bourgeoisie

„Ich mag Frauen, die langweilige Bücher lesen“, behauptete er und wollte seine Worte sogleich zurück. Wie eine betrunkene SMS waren sie ihm heraus gerutscht. Nur mit dem Unterschied, dass er in diesem Moment nicht unter Alkoholeinfluss stand. Im Gegenteil; es war die Coolness, das aufgesetzt Lässige, was ihn anzog. Im Starbucks muss man nicht „man selbst“ sein. Man kann sich ehrlich und aufrichtig seiner affektierten, eitlen und aufgesetzten Seite hingeben. Ist man doch sonst zur nervigen Selbstfindung gezwungen. Ein wahrlich befreiendes Gefühl. Ein Gefühl, welches jeden überteuerten Kaffeepreis wert ist. Mehr noch: was jenes Gefühl überhaupt erst ermöglicht. Selbst wenn er eigentlich immer nur Kakao mit Sahne bestellte.


Doch das alles nütze ihm in diesem Moment nichts. Seine an das hübsche Mädchen gerichteten Worte standen nun im nach olivgrünen Sofas und braunen Sesseln riechenden Raum. Das Mädel guckte freundlich verstört. So wie man in dieser Stadt nun mal häufig guckt, wenn auch häufig ohne Anlass. Aber ihr Blick offenbarte eher ein akustisches Problem und keine Verständnislosigkeit über seinen jämmerlichen Versuch ein Gespräch mit einem Kompliment oder etwas derartigen zu beginnen. Alles war noch einmal gut gegangen.


„Ich mag Frauen, die langweilige Bücher lesen“, wiederholte er und wollte erneut seine Worte sogleich zurück haben. Was war mit ihm los?

Der Vorteil an betrunkenen SMS ist der, dass man sich erst am nächsten Morgen mit ihnen rumschlagen muss. Wenn der Körper eh nichts von einem will, außer etwas Ruhe, amerikanischer Filme und jeder Menge Wasser. Wenn der Tag eh verloren ist. „Deutsche Filme kann man nicht betrunken gucken. Könnte man deutsche Filme betrunken gucken, wären sie erfolgreicher“, dachte er bei sich, ehe ihn ihr Blick zurück in die Wirklichkeit zog.

Ihr Blick war voller Unverständnis. Sie nahm das Reclamheft in beide Hände und presste es schützend an sich. Sie trug keinen Ausschnitt. Zu Zeiten des Oktoberfestes hatte das durchaus seinen Reiz, war aber nicht der Grund für sein Handeln.

„Nein!“, entgegnete sie.

„Nein?“

„Einfach Nein.“

„Nein zu was?“

„Nein zur Langeweile.“, grinste sie und knallte das Buch auf den Tisch, als ob sie vergessen hätte im Starbucks zu sitzen. Niemand schaute auf. „Effi ist nicht langweilig. Effi ist toll.“Effi ist eine Heldin!“

Er guckte herausfordert: „Für wen? Für dich?“

„Ja“, sagte sie so vorlaut und selbstverständlich wie eine fünfjährige, die Paula heißt und keine Angst vor dem Nachbarshund hat. Er hatte sich verliebt.

„Und Crampas?“, fragte er ohne wirklich zu wissen, was die Frage eigentlich sollte. Irgendwie wollte er wohl zu Verständnis geben, dass er jenes Buch gelesen hatte. Was ihm bei näherer Betrachtung noch dämlicher vor kam, als sein anfänglicher Versuch diese Konversation einzuleiten. Schließlich garantierte die Frage nach einer Roman- oder Dramenfigur noch lange nicht die Kenntnis des Stoffes, in dem diese aufzufinden war. Folglich ergänzte er seine Frage: „Wie weit hatte er sie denn nun – in der Kutsche?“. Ein Ansatz von Eloquenz war ihm da geglückt und er gewann sich ein Lächeln ab.

„Die haben es wild getrieben – in der Kutsche, die zwei. Jetzt weiß ich aber auch, warum du das Buch nicht spannend findest. Die fehlt da was.“ Er hatte sich verliebt.

„Wo fehlt mir was?“, fragte er sich und gab die Frage weiter.

„Du hast da nichts, wo etwas sein muss, um das zu verstehen.“

Er guckte verstört. So wie man in dieser Stadt nun mal häufig guckt.

„Es geht nicht ums Verstehen.", fuhr sie fort: "Es geht ums Fühlen. Du bist ein Mann. Du bist ein Augentier. Du tanzt nicht!“

„Wer tanzt denn bitte in dieser Stadt? In dieser Stadt wird nicht getanzt, hier wird performt.“

Von dieser Bemerkung musste sie lachen. Sie verstand. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, hörte aber nicht auf zu kichern. Wenige Menschen schauten kurz auf. Frauen müssen nicht witzig sein, sie müssen nur an den richtigen Stellen lachen. Die Besten können aber beides, malte er sich aus und hatte sich erneut verliebt.


Liebe ist in den Grundzügen ihrer Existenz unvollständig. Nur dann kann sie romantisch sein. Romantik ist das Gegenteil von Perfektion. Deshalb steht die Romantik auch dem Tod so nah. Die Vergangenheit, die Erinnerung überdauert immer die Gegenwart. Romeo und Julia müssen sterben, sonst merken sie bald, dass sie sich nichts zu sagen haben, vergessen gegenseitig ihre Geburtstage und schlafen mit ihren Geschwistern – weil es sonst langweilig werden würde. Die Familien bekriegen sich ja nicht mehr.


Er verabschiedete sich. Von dem Converse-Ordner, dem MacBook, dem United-Nations-Kugelschreiber, der Bench-Jacke, ihrem selbstgestrickten Schal, ihren mittellangen, braunen Haaren und ihrer zierlichen Lehramtsbrille. Sie hinderte ihn nicht zu gehen. Ein Tatbestand, den sie Abends im Bett noch bereute.

Er trat auf den Odeonsplatz hinaus, ging an dem Café vorbei, wo sie sich beim Reden nicht angucken. Stattdessen sitzen sie parallel nebeneinander, beäugen das Gewusel des Platzes und hoffen so selbst Beachtung zu erfahren. Ein jämmerliches Bild ist das.

Von dort stieg er zusammen mit einer grauen H&M-Masse in die U-Bahn und dachte nicht an zu Hause. Am Stiglemeierplatz stieg er die Rolltreppe links hinauf, während ihm die Menschen rechts aufgereiht Platz machten. „Das vielleicht eindeutigste Zeichen für eine Weltstadt, ist das Rolltreppen Verhalten ihrer Bewohner“, dachte er etwas stolz. Er ging ins Theater, sah einen russischen Autor zu , wie er dort zur Schmierenkomödie herunter gestutzt wurde und anschließend schwärmte ein Regiestudent davon, wie gut doch der Raum genutzt worden war. Was er äußerlich nickend entgegen nahm, während er innerlich nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte.

Schließlich ging er nach Hause. Am nächsten Morgen gelangte er von dort in die Uni und blieb für ein paar Jahre, lass jede Menge dicke Bücher und sah unzählige, schlechte Inszenierungen davon, traf das hübsche Mädchen nie mehr wieder, trank jede Menge überteuerten Kakao mit Sahne und schrieb betrunkene SMS. Er verliebte sich unzählige Male.

Dienstag, 21. September 2010

Sarrazin ist immer als Letzter gewählt worden

Eine Gegenpolemik mit Anspruch auf Diskurs.


Thilo Sarrazin hat gewonnen. Dieser Satz steht hier am Anfang und wird am Ende stehen. Die Erklärung für meine Behauptung möchte ich dazwischen legen.


Dafür ist es nötig zu verstehen, was der Begriff Agenda-Setting bedeutet. Letztendlich sammelt der Ausdruck alle Prozesse und Entwicklungen in sich, die an der Mitbestimmung und der Festlegung der behandelten Themen in einer Öffentlichkeit beteiligt sind. Agenda-Setting ist die Tagesordnung und somit auch der Kampf um jene. Denn das etablieren eines Themas, eines "Diskurses" wie es so oft genannt wird, ist ein politisches Instrument. Eines, das für sich steht, Macht besitzt. Es gibt gerade in der Medienwissenschaft, die natürgemäß ihrem eigenen Forschungsobjekt eine potente Stellung zuweist, einige Ansätze, die Agenda-Setting als wirkungsvollstes, wenn nicht gar einzig wirkungsvolles, politisches Instrument betrachten.


Es ist nur zu erahnen, aber meiner Vermutung nach, liegt ein wesentlicher Grund dafür in der immer kürzer werdenden Taktung und Dauer von politischen Kommunikationsmomenten. Auf deutsch: vor ca. 30 Jahren sprach ein Politiker zu einem Thema in der Tagesschau im Schnitt 30 Sekunden. Heute sind es etwa 8 Sekunden. Natürlich wird in 8 Sekunden deutlich weniger erzählt, als in fast 4mal so langer Zeit. Der Politiker, ob er nun will oder nicht, bewegt sich dabei also in einem Prozess, der ihm nicht die Zeit gibt, die er benötigt, um das zu tun, was er theoretisch immer tun will; argumentieren. Stattdessen wird nicht erwähnt, bzw. nicht in den Beitrag geschnitten, warum etwas richtig oder falsch ist, sondern nur noch erklärt, dass es so sei. Um dieser Problematik vorzubeugen, behilft sich der mediale Akteur eines Kniffs: er benutzt Schlagworte. Ausdrücke, die für sich stehen. Nicht Themen-bezogene Vokabeln, die dem Publikum intuitiv mitteilen, was richtig und was falsch ist. Regierungsmitglieder nennen„Zukunft“, „Aufschwung“, „Stabilität“, „Sicherheit“ oder „Freiheit (in den USA kommt noch „Gott“ dazu), die Opposition kontert mit „Frechheit“, „Verfassungswidrig“ „Klientelpolitik“ oder auch einfach „Krise“. Natürlich sind das keine heiligen Grale, die ich hier aufliste, aber diese Tendenzen im politischen Diskus sind unverkennbar.


Ein Diskurs, der einen Protokoll-artigen Zustand erreicht hat. Auf jedes Schlagwort, fällt der fällige Gegenbegriff. Auf jedes „Terrorgefahr“ folgt ein „Bürgerrechte“. Führt man diese Logik weiter, wird der entscheidende Punkt meiner Argumentation deutlich: der heutige politische Diskurs ist kein Prozess im klassisches Sinne, also mit einem Anfang und einem unbekannten, offenen Ende, sondern eine Wiederholung. Der heutige politische Diskurs, also die mediale Darstellung von konträren Positionen und Ideen ist durchgespielt, abgesprochen, wiedererkennbar. Es ist vorher bekannt, wer welches Gesetz befürworten oder ablehnen wird, wer zufrieden und wer beschämt ist. Es ist das immer gleiche Theaterstück. Der gleiche Text in wechselnder Besetzung.


Das dabei nicht selten von einer Inszenierungs-Politik die Rede ist, ist je nach Quelle dieser Bezeichnung entweder treffend oder ungewollt komisch. In Talkshows werden die Darsteller deshalb auch gleich in immer wiederkehrender Reihenfolge platziert: von Links nach Rechts, von Israel nach Palästina, von Lafontaine nach Westerwelle.


Aus dieser Paraphrasierung von Abläufen folgen im wesentlichen zwei Dinge. Eine unglaublich stark ausgeprägte Politikverdrossenheit, die ein Ausdruck von Langeweile und Gleichgültigkeit ist und eine Stagnation in einem Punkt, den viele für den grundsätzlichsten, wichtigsten Baustein einer demokratischen Gesellschaft begreifen: Meinungsbildung. Meinungsbildung. Wenn die Argumente bereits vorher bekannt sind und man selbst weiß, wann welches vorgetragen wird, entstehen beim Zuschauer keine neuen, progressiven Ansätze, sondern es werden bereits vorhandene Einstellungen und Eindrücke bestätigt. Jeder nickt, wenn sein Politiker im Bild ist, niemand wird überzeugt, umgestimmt oder wenigstens ins Grübeln gebracht. Deswegen müssen Westerwelle und Künast ja auch zu allem ihren Senf dazu geben. Quantität vor Qualität.


Aus diesem Grund ist Agenda-Setting so ein unglaubliches Machtinstrument. Wer bestimmt worüber „diskutiert“ wird, bestimmt die Meinung. Da die ausgestellten Themen nur eine Art Erinnerungsfunktion beim Wähler erfüllen. Der heutige politische Kampf stellt sich nicht mehr die Frage „Wer hat die besseren Argumente?“ sondern nur „Welches Thema wird für wichtig erachtet?“ Weswegen die Bildzeitung weiterhin der wichtigste Faktor in unserer politischen Kultur ist. Schließlich beantwortet sie diese Frage täglich, und zwar ohne jede Zweifel oder Abstriche. "Und die Dummheit siegt, weil ja der Klügere nachgibt", riefen Fettes Brot mal dazu.


Das kombinieren von Themen aber, wie es in einer argumentativ anspruchsvollen Diskussion nötig wäre, passt nicht in 8 Sekunden oder eine rot-weiße Überschrift.


Nach meiner Beobachtung ist die Mehrheit der Menschen in Deutschland genauso Atomkraft-kritisch wie genervt von hohen Strompreisen, mag weder Terrorgefahr noch am Telefon abgehört werden, isst gerne Fleisch und ist trotzdem gegen Massenhaltung.


Doch um diese Elemente zusammen zuführen, was die Aufgabe von guter Politik wäre, fehlen die genannten Kapazitäten. Genauso auch beim Thema Integration, oder was als solches Thema verstanden wird. Es ist die Erinnerungsfunktion des Agenda-Setting, die viele Deutsche denken lässt (und in anderen europäischen Ländern sind es wohl noch viel mehr), was sie schon immer dachten oder besser: fühlten. Die Ausländer bemühen sich nicht genug, lernen kein Deutsch, wollen nur unser Geld, sind schuld. "Schuld" ist dabei ein super Schlagwort. Und jetzt kommt so ein Hansel mit 1 ½ Augen und verschwindend geringen rhetorischen Fähigkeiten daher und behauptet, dass liege an ihren genetischen Voraussetzung.


Führt man diese Drecks-Denke weiter, dürften in Zukunft nur noch Integrierte in deutschen Fußballmannschaften stehen, da die WM gezeigt hat, dass nur ihre Gene zu gutem Fußball fähig sind. Ganz gleich ob türkische (Özil), tunesische (Khedira), spanische (Gomez), polnische (Klose, Podolski, Wilhelmi) ghanaische (Boateng) oder serbische Gene (Marin). Das deutsche Gen, das des Ariers – und Sarrazins Logik lässt diese Vokabel wirklich zu – steht demnach in Deutschland nur noch im Tor. Bei Adler erinnert aber auch nun wirklich nicht wenig (Haarfarbe, Kreuz, Name) an die HJ.


Doch wo war die Integrations-„Debatte“ zur WM? - Alibihaft wurde sie geführt, in Feuilletons überregionaler Qualitätspresse wurde sie angerissen. Nicht mal der Spiegel hatte wirklich Interesse an ihr. Weil eine positive Darstellung dieses Themas nicht ins Protokoll passt und das überfordert; sowohl Redakteure als auch Leser. Denn am Beispiel Nationalelf wird etwas ganz banales deutlich: der einzig entscheidende Erfolgsfaktor heißt immer Bildung. Immer. Egal ob man Physiker, Fußballer oder Selbstbewusstsein ausbilden möchte. Je mehr ich in Bildung investiere, desto besser die Ergebnisse. Deutschland erntet heute die Früchte dafür, dass es – zum Beispiel im Gegensatz zu Italien oder England, wo die Strukturen weit aus weniger gut ausgeprägt sind – nach der desolaten EM 2004 sein Ausbildungssystem umgestellt und ausgebildet hat. Als Müller England abschoss, schloss sich damit ein Kreis, der mit einem 0:0 gegen Lettland begonnen hat.


Und natürlich liegt auch der Schlüssel zum Thema Integration in der Bildung. Nur die Frage, die man sich dabei stellen muss ist, ob und wie man das finanzieren will. Solange man darauf aber keine Lust hat, gibt man das gesparte Geld lieber für scheiß pseudo-intellektuelle Bücher aus, die man zwar nicht liest, die sich aber gut im Regal machen. Man ist ja politisch interessiert. Und jetzt weiß man auch, dass man schon immer intuitiv richtig fühlte, wenn das Thema Integration ganz oben auf der Agenda stand. Der Diskurs dazu stimmt nicht um. Es ist gar kein Diskurs. Den will Sarrazin auch nicht. Er will nur auf die Agenda. Das ist ihm geglückt. Thilo Sarrazin hat gewonnen.