Freitag, 3. Juni 2011

You say Mai-Tai, we say die!

Der Goldene Monaco 2011 war ein entspanntes Klassentreffen, eine überwältigende Party und sogar ein bisschen Lebensgefühl.

In München gibt es T-Shirts und Diskoreihen, die nennen sich: „So much not Berlin“. Irgendwie ein schwaches Bild. Wenn die „Weltstadt mit Herz“ und Wahlheimat Patrick Lidners sich selbst so klein macht, sich über jemand anderen als sich selbst definiert. Nur kleine Verlierer reden immer über die Anderen, hat Sir Alex Ferguson mal über ManCity gesagt.
„Wie ist München?“ ist die erste Frage nach dem Zug. Schön, sehr schön, unglaublich schön, fast zu schön, zu schön! So ungefähr, antworte ich. Doch Abends geht es weniger um mich als mehr um „die Anderen“. Eine Flasche Wein, eine Runde Wizzard, es laufen „Editors“. Gossip-Gespräche: wer mit wem, wer nicht mehr, „Was hat er gesagt?“. In einem Jahr passiert eine ganze Menge und niemand ist gestorben. Verbindende Feindbilder und Weißwein. Ein guter Abend.
Einen kurzen Schlaf später hat die Mensa auf. Das Beste was die Uni-Siegen zu bieten hat: der großartige Laucheintopf und die unglaublich großartige Bioquarkspeise, inklusive Wasser und soviel Zahnstochern wie man nur essen kann, 1.30€. Dafür gibt’s in München nicht mal nen Bier in der Happyhour.
Anschließend müssen die Damen zum Frisör, die Herren nochmal zu "H&M". Es wird Zeit. Das erste Bier schäumt gegen 15Uhr über. Man kommt zusammen. Jeder studiert jetzt irgendwo, ist auch egal. Dein Verein ist ja auch abgestiegen... aber was waren das für tolle 20 Minuten am letzten Spieltag, als Wolfsburg am Abgrund stand... . Hemden und Haare sitzen noch, der Vodka ist offen aber noch kühl. Moderat und modisch geht’s Richtung Siegerlandhalle. In Reihe 3 werden Schnäpse verteilt. Im Ausschnitt der blonden Dame zu meiner Rechten sind sie ins Rund gelangt. Noch vor dem ersten Einspieler wird gehoben. Stil ist, wenn man trotzdem kotzt. (Was keiner tun wird, nur so am Rande)
Die Show hat keine Kinderkrankheiten, sie ist eine Kinderkrankheit. Timing besteht nicht, die Musik ist nicht abgemischt, Mikros werden hinter der Bühne angelassen, mitten im Film wird die Leinwand für einen der miesen Sketsche zugemauert. Eine Art Film-Mario-Barth beklagt das Frauenbild Rosamunde Pilchers und das Dürr-sein von Bondgirls. Soso. Und Wasser ist nass. Selbst die Einspieler – die letzten Jahre immer kleine Perlen des selbstverliebten Dilettantismus – sind erschreckend lahm. Auch die Publikumsfilme wollen nicht recht unterhalten. Fremdschämen everywhere! Nach der Pause werden wenigstens die Gewinnerfilme ansprechend und es geht versöhnt in die Nacht.
Es ist voll! Für Monaco-Verhältnisse insbesondere. 1500, vielleicht 2000 Leute sind da. Die Beine sind frisch gewachst, die Kleider ein ganzes Jahr ungetragen, die herrlichen Düfte noch nicht von Schweiß und Pils überlagert. Man verliert sich und andere, trifft auf diese und jenen. Schmalltalk everywhere! Etwas vorsichtig ist noch alles und die lange Schlange am Wertmarkenverkauf verleitet zu dem Gedanken, die Tanke zu konsultieren. Doch mit dem Abend, mit der Lichtung der Gänge, mit dem Alkoholspiegel, mit dem Kennenlernen von neuen Masterstudenten dreht sich der Abend fast unbemerkt ins gelobt-wollige. Irgendwann geht alles von allein. Die Musik wird lauter, die Gespräche witziger, die Gesten mutiger. Überall läuft man plötzlich Menschen über den Weg, die man vergessen hatte, aber trotzdem gerne wieder sieht. Permanent! Kommilitonen, natürlich. Aber auch den Typen aus dem Filmprojekt im 2. Semester, die Süße aus dem Vollyballkurs, die einen damals abserviert hatte („Du meinst das nicht ernst!“), die Leute mit denen man Theater gespielt hat, den Lieblingsdozenten, den Hassdozenten, die Quirlige aus der Oberstadt, ehemalige Nachbarn, die Organisatoren aus dem unteren Semester oder die neue Mitbewohnerin von dem und dem. Es ist wundervoll. Mit jedem gelingen die Pointen, jeder hat Lust, ist bemüht aber nicht verkrampft. Jeder sieht gut aus. Vielleicht um Drei Uhr klemme ich die neue Masterstudentin unter die Arme und schleppe sie unter großem Gekreische auf die Tanzfläche. Dort ist mittlerweile auch das Orgateam angelangt, dass sich in einer Mischung aus Stolz, gelöster Anspannung und Müdigkeit in ein bescheuerten-Scheiß-mach-Delirium befördert hat. Etwas später massiere ich einer Dame die Füße und gegen halb Fünf stehe ich an Theke. Neben mir die Blondine, aus dessen Ausschnitt ich zuvor noch Klopfer ziehen durfte: „Was gibt’s?“ „Cocktail.“ Sie erhält ein buntes Etwas in einem Cosmoplitan-Glas, halb gefüllt. Sie ist genervt: „...aber nicht, wenn ich gewusst hätte, dass ich eine solche Pfütze bekommen würde!“ Ich bestelle mein Bier und wir suchen den Typen, der sie letztens mit „Einen wegstecken“ rumkriegen wollte, um ihm damit schlechte Wortspiele unterzujubeln.
Mit der aufgehenden Sonne kommt ein neuer Energieschub. Telefonnummern werden an immernoch schöne Frauen verteilt, die nie anrufen werden. Aber es fühlt sich gut an. Die Jagd ist das Ziel. Als die Musik mal wieder ins elektronische abdriftet, macht sich der Medien-Mob auf. Vor der Halle wird Frisbee gespielt, Männer liegen sich in den Armen und wissen nicht warum. Überhaupt nicht müde watschelt die dünnäugige Gruppe Richtung Stadtzentrum. Frauen laufen barfuß, Männer gucken, wen sie bis zur Wohnungstür bringen dürfen. Die Hemden sind längst offen. An der Weggabelung zur Oberstadt gibt es eine dieser Verabschiedungen, die ein unendlich charmanter Wind umweht. Als wenn man gerade das ganze Glück der beiläufigen Welt zwischen sich zusammen drückt. „Du bist eine von den Guten“ möchte man sagen und – dem Restalkohol sei dank – tut man es sogar. Hach!
Zu Hause gibt es noch etwas Rührei im Brötchen. Damit schläft es sich besser. Wer hat heute wen abgeschleppt, wer ist wie unfotogen? Der letzte Ritter des verlorenen Schatzes kehrt Heim. Völlig zerstört und seiner großspurigen Ankündigung „heute auf gar keinen Fall allein nach Haus zu gehen“ nicht folgend. In drei Stunden will er eigentlich zu „Rock Am Ring“.
Am nächsten Mittag steht die Sonne so hoch, wie sie es in Siegen selten tut. Ohne Kater sitzt man auf dem Balkon und hört Lokalradio. Was war das gestern? Da war Glück, ohne zu wissen oder sich daran zu erinnern, glücklich zu sein. Es war diese Zwischenwelt, von der man glaubt, sie nur im Suff betreten zu können. Dabei aber häufig vergisst, dass diese aus weit mehr besteht. Da waren Menschen, in dessen Mitte man stand, und nicht dabei. Bei denen einem nichts peinlich war und denen selbst nichts peinlich ist. Hier lag etwas unbekümmertes, etwas leichtes, etwas ehrliches zwischen den hedonistischen Momenten. Hier haben die Frauen Klasse ohne Anstrengung im Blick und die Männer behaupten nicht, endgültig zu wissen, was genau Stil sei. Der "Goldene Monaco 2011" war ein großartiges Klassentreffen. Aber ohne das Gefühl, den Anderen zeigen zu müssen, wie weit man es gebracht hat.
Also steht man mitten im Abend an der Theke und ärgert sich über einen mickrigen Cocktail, guckt auf sein Bier, das man hier nicht Helles nennt, und denkt sich mit glänzender Seele und nostalischem Blick: Siegen – so much not Munich!

Montag, 9. Mai 2011

Phoenix aus der Masse

Jeden Sonntag gehst du in ein Stadion, jeden Sonntag gewinnst oder verlierst du – die Frage ist nur: kannst du gewinnen oder verlieren wie ein Mann. (Oliver Stone)


Es war einer dieser Mittwochabende, die davon lebten, dass sie terminlicher Fixpunkt des Tages waren. Meine Eintrittskarte potent unter die Windschutzscheibe geklemmt, ging es mit Mutters A2 Richtung Gelsenkirchen. Ein Auswärtsspiel, von denen es immer gerade so viele gab, dass man gerade noch so ohne völlig bescheuert zu sein, denken konnte, dass es beim nächsten Mal anders werden würde. Arminia lag kurz nach dem Seitenwechsel mit 3:0 zurück, ehe der beste aller schlechten Fußballer Marko Küntzel – nachdem ich diesen Blog genauso hätte benennen können – den Ehrentreffer zum 3:1 Endstand erzielte. Doch alldem wohnte ich nicht bei. Ich stand bei Rheda-Widenbrück auf der linken Spur, der Motor aus, die Füße an der Leitplanke balanciert, das Ohr am Radio. Vollsperrung. 30 Kilometer. Hörend fühlt man sich einer solchen Niederlage noch hilfloser ausgesetzt, als man es sonst schon ist. Wobei selbst ein belangloses Dahin-Verlieren im Drecksruhrgebiet seine romantischen Momente hat. Das Aufwärmen, das gegenseitige Begrüßen zwischen Mannschaft und Gästeblock hat im fremden Rund immer etwas würdevolles: da gehören zwei unter Millionen zusammen. Verbundenheit als Massenerlebnis. Als Bielefelder nimmt man fremden Städte nicht mit dem Breitschwert ein, sondern führt mit dem Skalpell Guerillakrieg. Die Waffen sind das in guten Zeiten grandios praktizierte Konterspiel (Delron Buckley, wow!) und neben dem Rasen die Selbstironie, die anderswo – vielleicht in München – so oft fehlt. „Kniet nieder, ihr Bauern, Arminia ist zu Gast!“ Gerade in den Bahnhöfen und Fußgängerzonen Berlins oder Hamburgs kam das immer gut. Wenn die Begleitpolizisten grinsten, war ich zufrieden.

Vor dem Anpfiff ist natürlich auch das Spiel noch nicht verloren. Hoffnung ist ein euphorischer Zustand. Und nirgends ist die Hoffnung größer als in der Liebe. Ich bin seid über 5 Jahren unüberzeugter Single: Da fällt einem noch stärker auf, was dieser Ausdruck eigentlich gedeutet. Es gab nur eine Situation, in der ich die paar Bezahlfußballer da unten und was sie repräsentierten mehr liebte als in den 30 Minuten vorm Anpfiff auf fremden Geläuf: nach dem Spiel. Dazwischen konnte ich alles was da unten rum lief richtig hassen. Richtig! All die Alibipässe, die halbherzigen Tacklings, die erbärmlichen Abschlüsse und die taktischen Grundprobleme, sie trieben mich an den Abgrund meiner Seele. Ich wünschte Schiedsrichter nach Ausschwitz (lautstark) oder überwarf mich in jedem zweiten Spiel mit meinem Vater. Ich hasste von ganzem Herzen. Aber nur bis zum Abpfiff. Nach dem Spiel gibt es eine zweite Erlebniswelt, die sich den meisten wohl noch schwerer erschließt, als was ich sonst hier beschreibe. Ich weiß noch, wie ich vor 10 Jahren für das Spiel in Bochum die Schule schwänzte, Lense an seinem Geburtstag zum 1:0 traf, Hain beim Stand von 2:0 einen Elfer und den dazugehörigen Nachschuss hielt und Diabang kurz vor Schluss einen ganz edlen Konter über The-One-And-Only-Ansgar-Brinkmann zum 3:0 abschloss. Und ich weiß, wie ich danach auf den Zaun kletterte, der Sitz- und Stehtribühne trennte, wie Trainer Möhlmann seine so speziell-verkrampfte Zwei-Fäuste-Geste machte und abschließend Tim Danneberg, der da sein erstes Bundesligaspiel auf der Bank verbrachte und mittlerweile leider nicht mehr im Verein ist, mit glänzenden Augen nicht wusste, was zu tun war (Denkt nicht, ich gucke sowas nach). Das war der einzige Auswärtssieg in einer ganzen Saison, die mit dem Abstieg endete. Man möchte gefühlsduseln, das Spiel und das Danach: es war es wert.

Und es gab diese Momente, nach der Niederlage. Wenn sich da zwei Gefallene respektieren, während 60 Tausend drumherum den Arbeitssieg gegen den Punktelieferanten aus der Provinz beklatschten. Da war ein kleines Heer Versagerkinder unter sich und feierte sein Dasein („Niemand erobert den Teutoburger Wald“). In der würdevollen Niederlage verstand ich immer die Besonderheit dieses Clubs. Im erhaben Versagen dieser Farben fand ich den Grund, warum ich sie mir umband. Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, ich oder Arminia, aber das ist meine Stärke: das aufrechte Untergehen! Bei Freunden, Bekannten, Frauen sowieso. Ich kann nicht viel, aber ich kann gut verlieren. Vielleicht hat mir dieser Klub das beigebracht, vielleicht passe wegen dieser Fähigkeit einfach gut zu ihm. Und ich wollte dabei sein, damals, auf Schalke. Ich wollte nicht auf der A2 stehen, eine Stunde nach Abpfiff bei McDonalds abfahren und die Niederlage mit mir selbst ausmachen. Ich wollte meine Arme Richtung Rasen recken, sie als Zeichen meiner Anerkennung dem Laufpersonal entgegen werfen. Meine tiefe, unendlich tiefe Loyalität ihn gegenüber und vor allem gegenüber dem, was sie repräsentieren wollte geteilt werden.

In Zeiten in denen ich nicht viel habe, habe ich immer noch die Gewissheit, dass ich darin sehr gut bin, nicht viel zu haben. Das ist der nie endende könnende Hoffnungsloop. Das ist Schönheit.

Jetzt ist die schlimmste Saison in der Geschichte dieses Sports endlich vorbei. Ein halbes Jahr habe ich meine Sorgen vor diesem Verein versteckt. Ich war trocken geweint und 600 Kilometer auf Sicherheitsabstand. Es gab keine Möglichkeit mehr erwartungsfroh zu einem Auswärtsspiel zu fahren und dabei nicht bescheuert zu sein. Das 0:0 in der Allianzarena, es war ein guter Nachmittag. Wie da nach Spielende ein paar 18jährige Abwehrspieler in schwarzweißblau mir durch das Gitter erlöste Blicke zugewarfen, wie ein paar Sitznachbarn mich schief anguckten, weil ich in einer kritischen Phase sehr, sehr, sehr lautstark bejubelte, dass Eilhoff einen Eckball abgefangen hatte; war zutiefst befriedigend. Da war ich wieder einer dieser Gallier-Nerds, die glaubten es mit dem gesamten Römerstaat aufzunehmen. Doch sonst war da wenig Asterix die letzte Zeit, sondern nur ein wenig Trauer, ein bisschen Wut und jede Menge Gleichgültigkeit. Ein Selbstschutz.

Doch mit dem heutigen Tag ist alles wieder da. Die mögliche Lizenz für die 3. Liga, der neue Trainer, der neue Sportmanager, die beide kompetenter und motivierter wirken, als alles, was die letzten 5 Jahre hier Gehaltsschecks abgeholt hat. Das fast volle Stadion beim letzten Heimspiel, dass von einer Stadt kündet, die noch nicht aufgegeben hat, die dies nie tun wird. Niemand erobert den Teutoburger Wald. Wir sind würdevolle, ehrfürchtige Hinterwäldler.

In ein paar Jahren wird dieser Verein wieder um den Aufstieg in die 2. Liga spielen, er wird Preußen Münster schlagen, er wird dies mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs tun, die nur deswegen gefördert werden konnten, weil man diese Scheiße seitdem Hain weg und Middendorp da war, durchgemacht hat. Statistisch gesehen, lebe ich noch über 50 Jahre. Irgendwann wird Arminia wieder Bundesliga spielen und irgendwann werde ich mit diesem Verein auch nochmal ein Pflichtspiel im Ausland sehen, so wie ich es mir mal mit 14 Jahren auf eine Lebens-To-Do-Liste geschrieben habe. Nirgends ist die Hoffnung größer als in der Liebe. Nirgends braucht man die Hoffnung mehr als in der Liebe.

Dienstag, 19. April 2011

Top 100

Kein Hitchcock, kein Godard, kein Truffaut, kein Bergman, kein Fassbinder, kein Allen, kein Polanski, kein Almodóvar, kein Lynch, kein Western, kaum Eastern, kein Horror, kaum Doku, kein Citizen Kane, kein Pate, keine Amélie, kein Pulp Fiction, kein Herr der Ringe, kein Harry Potter, kein Star Wars, kein Blade Runner, kein 2001, nicht mal Lubitsch, Lang oder Chaplin. Keine Frauen-Quote, kein Spanien, keine Objektivität. Dafür viel Politik, viel Krieg, viel Satire und ein Regisseur, dessen sämtliche Filme es geschafft haben. Eine Art Lebensgeschichte in Filmen.


100. An jedem verdammten Sonntag – Oliver Stone

99. Fargo – Coen-Brüder

98. Ocean's Eleven – Steven Soderbergh

97. Die Queen – Stephen Frears

96. Pi – Darren Aronofsky

95. Mary And Max – Adam Elliot

94. Casablanca – Michael Curtiz

93. City Of God – Fernando Meirelles

92. Monster Ag – Peter Doctor

91. Dogma – Kevin Smith

90. Drei – Tom Tykwer

89. Schräger als Fiktion – Marc Forster

88. No Country For Old Men – Coen Brüder

87. Imaginary Heroes – Dan Harris

86. Das Leben des David Gale – Alan Parker

85. Die üblichen Verdächtigen – Bryan Singer

84. Manche mögens heiß – Billy Wilder

83. Nach der Hochzeit – Susanne Bier

82. Stay – Marc Forster

81. Reservoir Dogs – Quentin Tarantino

80. GoodFellas – Martin Scorsese

79. Lucky #Slevin - Paul McGuigan

78. L'auberge espagnole – Cédric Klapisch

77. Zombieland – Ruben Fleischer

76. Brüno – Larry Charles

75. Bloody Sunday – Paul Greengrass

74. Die Reifeprüfung – Mike Nichols

73. One, Two, Three – Billy Wilder

72. Das Schweigen der Lämmer – Jonathan Demme

71. Team America – Trey Parker, Matt Stone

70. Bin Jip – Ki-duk Kim

69. Mon Oncle – Jacques Tati

68. The Deer Hunter – Michael Cimino

67. Alien – Ridley Scott

66. There Will Be Blood – Paul Thomas Anderson

65. 21 Gramm – Alejandro Gonzalez Inarrítu

64. Catch Me If You Can – Steven Spielberg

63. Urwerk Orange – Stanley Kubrick

62. Micmacs – Jean-Pierre Jeunet

61. Thankyou For Smoking – Jason Reitman

60. Jodaeiye Nader az Simin – Asghar Farhadi

59. Little Children – Todd Field

58. Casino Royal – Martin Campell

57. Bowling For Columbine – Michael Moore

56. The Fountain – Darren Aronofsky

55. Momento – Christopher Nolan

54. Taxi Driver – Martin Scorsese

53. The Wrestler – Darran Aronofsky

52. Funny Games – Michael Haneke

51. Einer Flog Übers Kuckucksnest – Milos Forman

50. Old Boy – Chan-wook Pak

49. Punch-Drunk-Love – Paul Thomas Anderson

48. Barry Lyndon – Stanley Kubrick

47. Der fantastische Mister Fox – Wes Anderson

46. Brazil – Terry Gilliam

45. Der freie Wille – Matthias Glasner

44. South Park – Der Film – Trey Parker, Matt Stone

43. Zeiten des Aufruhrs – Sam Mendes

42. Starship Troopers – Paul Verhoeven

41. Apocalypse Now – Francis Ford Coppola

40. Big Fish – Tim Burton

39. Sieben – David Fincher

38. Das Fest – Thomas Vinterberg

37. Bob Roberts – Tim Robbins

36. Das Bourne Ultimatum – Paul Greengrass

35. Control – Anton Corbijn

34. Donnie Darko – Richard Kelly

33. Lost In Translation – Sofia Coppola

32. Gomorrha – Matteo Garrone

31. Wag The Dog – Barry Levinson

30. Adaption – Spike Jonze

29. Gran Torino – Clint Eastwood

28. Dogville – Lars von Trier

27. Inglourious Basterds – Quentin Tarantino

26. Watchmen – Zack Synder

25. Der Schmale Grat – Terrence Malick

24. Die Ritter der Kokosnuss – Terry Gilliam, Terry Jones

23. Hautnah – Mike Nichols

22. München – Steven Spielberg

21. Into The Wild – Sean Penn

20. Black Swan – Darren Aronofsky

19. The Departed – Martin Scorsese

18. Fight Club – David Fincher

17. Auf der anderen Seite – Fatih Akin

16. Full Metal Jacket – Stanley Kubrick

15. American Beauty – Sam Mendes

14. Irreversiblé – Gaspar Noé

13. Rachels Hochzeit – Jonathan Demme

12. Waltz With Bashir – Ari Folmann

11. Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben – Stanley Kubrick

10. Wall Street – Oliver Stone

09. Hard Candy – David Slade

08. Das Leben des Brian – Terry Jones

07. Magnolia – Paul Thomas Anderson

06. The Dark Knight - Christopher Nolan

05. Babel – Alejandro González Inarrítu

04. Das Apartment – Billy Wilder

03. Wo die wilden Kerle wohnen – Spike Jonze

02. Requiem For A Dream – Darren Aronofsky

01. Vergiss mein Nicht! - Michel Gondry

Freitag, 18. März 2011

Achronistisches Allerei

Mit Badelatschen und Ballettschuhen gegen in die Jahre gekommene Nazi-Windmühlen der Walt-Disney-Monarchie: Die Oscar-Verleihung 2011 war ein Schritt in die falsche Richtung.


Auf Grund von rechtlichen Problemen wird diese Abhandlung nun völlig verspätet veröffentlicht. Jedoch verbietet es mir meine Eitelkeit verbietet strikt, Dinge wegzuschmeißen.


Das Kino ist in den letzten fünfzig Jahren fast genauso oft für tot erklärt worden, wie man Schalke 04 zum Meisterfavoriten ernannte. Tatsächlich ist das Kino in dieser Zeitspanne aber auch genauso oft dahin geschieden, wie Schalke tatsächlich Meister geworden ist: nie. Doch der letzte Oscar-Sonntag war wieder so ein Tag, an denen die Fanfaren mehr nach Reqieum klangen und die After-Show-Parties mehr Leichenschmaus waren.

Die Show war die Show, theoretisch. „Hollywoods biggest night“, wie Moderatorin Anne Hathaway (28) die Oscar-Nacht routiniert eröffnete. Ihr Co-Moderator James Franco (32) stand derweil neben ihr und kniff die Augen zusammen. Wobei nicht ganz ersichtlich war, ob er nur versuchte den Telepromter zu entziffern oder das einfach seine Masche ist.

Die Dynamik des Duos ist damit aber schon vollends beschrieben. Franco, seines Zeichens Alleskönner in Hollywood, stand leicht ins Hohlkreuz gelehnt und lächelte freundlich-lausbübisch, insbesondere wenn Hathaway eines ihrer acht (!) Outfits präsentierte. Wobei sie sich die hässlicheren für den Schluss der Show aufbewahrt hatte. Auch wenn sowohl Franco (dieses Jahr nominiert:„127 Hours“) als auch Hathaway (2009 nominiert: „Rachels Hochzeit“) zuletzt bewiesen haben, dass sie alleine einen ganzen Film tragen können, die trägen Oscars konnten die Beiden nicht stemmen. Im Grunde würde das auch kein Problem darstellen. Es hat fast schon Tradition, dass die Oscar-Nacht eine steife, sich selbst viel zu wichtig nehmende Veranstaltung ist. Im selbstgeschaffenen, konsequenten Rhythmus aus schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Werbung, schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Träne, Werbung, Preis, Preis, Werbung, Preis gefangen. Erinnerungswerte speist der Abend immer nur aus seinem Anlass: den Filmen.

Doch damit diesmal weit gefehlt. Der Gewinner Film des Abends hieß erwartungsgemäß „The King's Speech“. Ein konventionelles, schön gespieltes Biederstück. Ein stotternder Monarch mit hohem Identifikationspotenzial für die Academymitglieder, dem Geld- und Kulturadel also. Doch was die Wahl von „The King's Speech“, insbesondere in den Edelkategorien original Drehbuch, Regie (!) und bester Film, so deplatziert macht, ist ihr Zeitgeist. Mit seiner altbackenen „Man muss nur an sich glauben“-Botschaft, der ungebrochenen, naiven Tugendhaftigkeit und der platten Verneigung vor einer Männerfreundschaft, wirkt der Film wie ein Relikt einer vergangenen Zeit. Eine Wiederauferstehung von Walt Disney persönlich. Doch steht der Film damit nicht an der Spitze einer nostalgischen, gar träumerischen Tendenz des amerikanischen Kinos, sondern im krassen Kontrast zu seinen Wiedersachern an diesem Abend.

„127 Hours“, sowie insbesondere „The Social Network“ oder „Black Swan“; sie alle wären ein passenderer Repräsentant des Kino-Jahres 2011 gewesen. „127 Hours“, im hektischen, ersten Drittel noch ein bisschen „Into The Wild“ auf Koks, erzählt zwar auch eine klassisches Überlebens- und Wandlungsgeschichte. Dies aber mit deutlich mehr Esprit, die der Film vor allem aus der Nachvollziehbarkeit und Realitätsnähe seiner jungen Figur zieht. Ein kleiner Film, der sich dessen bewusst ist.

„The Social Network“, sowas wie der Hauptwidersacher und Gewinner von adaptiertem Drehbuch-, Soundtrack- und Schnittoscar, ist dagegen komplexer. David Finchers Film erzählt nicht nur die Rise-And-Fall-Geschichte von Mark Zuckerberg, sondern porträtiert gleichzeitig auch die gesamte Generation des Facebook-Erfinders. Ein moderner Citizen Kane, nur noch in der Pubertät. Zuckerberg wird von Jesse Eisenberg dabei so unglaublich zerrissen und gerissen gezeichnet, dass man sich schon fragen muss, wieso das ganzjährige Tragen von Badelatschen – wie es Zuckerberg in „The Social Network“ tut – nicht auch schon als Behinderung durchgeht. Dann hätte Eisenberg gegen das britische Stottern von Colin Firth eine faire Chancen gehabt. Zumal Zuckerberg nicht mal gegen Nazis kämpft. Denen wirft Hollywood immer noch sehr gerne ihre Goldjungen entgegen. Kate Winslet kann eine Menge Lieder davon singen. Bei Fincher gibt es hingegen nur Elitestudenten, berauscht an sich und ihren rhetorischen Fähigkeiten, aber dennoch kommunikationsunfähig. Hohle Wesen. "The Social Network" erzählt von dem Menschen, der aus den Neurosen und Komplexen der ganzen Welt ein Millarden-Kapital geschlagen hat; selbst eine einzige Neurose.

Auch „Black Swan“ erzählt von der Ambivalenz heutigen Lebens. Vor dem Hintergrund des Schwanensee-Balletts zeigt Darren Aronofskys Genrehybrid die Primaballerina Nina Sayers, die für ihr Streben nach Perfektion einen äußerst hohen Preis zahlt. Aronofsky zeigt immer nur Leid und Erfolg im Miteinander. Glückstränen auf der Toilette und Selbstbefriedigung in Anwesenheit der Mutter. Der Regisseur, dessen Thema schon immer die ewig Getriebenen waren, führt den körperlichen und geistigen Zustand seiner Figur in ein Finale, welches seine größt-mögliche Tragik im größt-möglichen Moment des Triumphs entwickelt. In einem New York das nur noch aus dunklen Gängen, Toiletten und Umkleiden besteht. „Black Swan“ kann als gewaltiges, dramatisches Abbild der sich selbst immer unterordnenden Generation-Praktikum herhalten. Eine Gruppe von Branchenneulingen, die nur noch im Exzess bei sich sein kann, sich gegen eine elterlich auferlegte Selbstkontrolle nur noch mit Kontrollverlust zu wehren weiß. Mit einer nun Oscar gekrönten Natalie Portman als Repräsentantin dieser Generation. Eine Rolle, die die Harvard-Absolventin (Bachelor in Psychologie, Zuckerberg war ebenso in Harvard eingeschrieben) auch außerhalb der Leinwand einnimmt.

Alle diese Filme eint, dass sie den Geist einer neuen Zeit atmen. Ihre Inszenierungen sind verspielt, mutig bis progressiv. Ihre Hauptdarsteller sind mit begeisternder Tiefe gesegnet, ihre Figuren alle um die Dreißig und mit faszinierender Ambivalenz ausgestattet. Die gezeigten Lebenswelten sind komplex, ernstzunehmen, vielschichtig – und kommen ohne Nazis aus. Das alles lässt „The King's Speech“ nur noch achronistischer, noch belangloser erscheinen. Handwerklich solide, aber hoffnungslos uninteressiert an heutigen, gesellschaftlichen Zuständen. Wie eine Hoffnung auf die gute, alte Zeit wirkt das Versprechen, dass sich die Academy mit dieser Wahl selbst zu geben versucht. Das nur alles gut wird, wenn man alles so macht, wie immer. Wenn man die alten Geschichten mit neuen Gesichtern erzählt. So wie sein Moderatoren-Duo, das mit Abstand jüngste, das die Veranstaltung jemals hatte, denen aber auch nichts anderes einfiel als ihren unambitionierten Vorgängern.

Letztes Jahr gewann mit „The Hurt Locker“ der politische Film gegen das große Konserven-Kino, das kleine, tagesaktuelle Stück Zelluloid gegen das 300Millionen-Dollar-3D-Märchen. Es triumphierte erstmals mit Kathryn Bigelow eine Regisseurin und schlug damit, quasi als emanzipatorischen Bonus, ihren Exmann. Das trug viel Fortschritt in sich – und eben keine Nazis. Die Generation dieser Erneuerung, die „Generation 90“, wie sie das „Cahiers du cinéma“ nennt, hat es diesmal nicht geschafft, die Alteingesessen von ihrem Thron zu stoßen. Doch es hat schon bessere, wichtigere Filme über Freundschaft oder Selbstbewusstsein gegeben als „The King's Speech“. Mehr noch; es hat diese Filme schon gegeben!

Es wirkt wie das letzte Zucken einer vergangenen Filmwelt. Es gilt als erwartbar, dass in ein paar Jahren über die Verlierer dieses Abends mehr gesprochen wird, als den Gewinner. Das Kino ist tot. Lang lebe das Kino.


Dienstag, 1. März 2011

Der Krieg und die Schlacht


Ein paar Minuten waren vergangen.
„Ich möchte mit dir schlafen“, sagte er in einer zaghaft Stimmlage, die solch einer Direktheit fast zwangsläufig zugehörig ist. Sie guckte zunächst fragend, dann ablehnend.
„Warum?“
„Weil du schön bist.“
„Das sind viele.“
„Na und?“ war die Lautstärke seiner Stimme wieder auf einem normalen Level.
„Ich bin aber nicht viele!“
„Sagt auch niemand.“
„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich dazu 'ja' sage?“
„Hatte ich gehofft, klar.“ Er zuckte selbstbewusst aber auch irgendwie notgedrungen mit den Schultern. Der Krieg war verloren, aber nicht die Schlacht.
„Wenn du mit einer Frau schlafen möchtest, musst du ihr das nicht sagen, du musst es ihr zeigen“, schaute sie ihn sachlich an.
„Schwachsinn!“ Es schien, als wären beide von dieser Aussage überrascht. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr mochte er diese Verwirrung. Während ihre Augen nach einer Erklärung fragten.
„Frauen schlafen andauernd mit Männern, die reden, aber... “
„Klar tun sie das!“, fiel sie ihm ins Wort: „Was denn auch sonst?“
„Aber...“, setzte er neu an: „... mit Männern die nur reden, scheiße reden. Typen, die soviel berechnende Luftschlösser bauen, dass man gar nicht aus ihnen heraus kommt. Männer, die euch permanent einwickeln. Und nicht umgekehrt. Ihr Frauen habt eine solch übersteuerte, groteske Vorstellung von Romantik, dass ihr andauernd auf die Typen rein fallt, die euch nach Strich und Faden verarschen. Weil sie euch eine Projektionsfläche bieten, aber keinen Halt.“
„Du bist zynisch.“
„Hab ich mir nicht ausgesucht.“
Sie überlegte, schaute abschätzig, dann: „Du willst also sagen, dass Frauen Opfer ihrer Sehnsüchte werden?“
„Nein, aber Frauen bekämpfen ihre Sehnsüchte mit den falschen Medikamenten.“
„...und die Medikamente in dieser Metapher sind.... Männer?“
„Idioten, ja. Idiotische Typen.“
„Also alle Männer, die wissen, wie man Komplimente macht, sind Idioten?“
„Was habe ich dir eben gesagt?“
„Dass du mit mir schlafen willst.“
„Und warum?“
„Weil ich gut aussehen würde, wow!“, polterte sie befreit. Er begann, ihr Spaß zu machen.
„Die Frage impliziert doch schon eine Wertschätzung. Wenn ich jemanden frage, ob er mein Trauzeuge sein will, drückt das doch mehr Wertschätz aus, als jedes 'Du bist so ein guter Freund'.“
„Ja, weil du nicht jeden fragst.“
„Du denkst, ich frage jede?“
„Ja!“
Er senkte den Kopf, kratzte sich an der linken Schläfe und versuchte desillusioniert auszusehen.
„Ok, mag sein, dass du nicht jede fragst. Aber woher soll ich das wissen?“
„Woher weißt, dass irgendein Typ das ernst meint mit den 'schönen Augen'?“
„Weiß ich nicht. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht. Augen sind nun mal persönlicher als jedes andere Körperteil. Sie sind der Schlüssel zu allem, irgendwie. Manchmal sagt jemand das nur so, manchmal hat er es verstanden.“
„Nein, du glaubst es immer! Nicht aus Dummheit, aber aus Naivität. Weil du es glauben willst. Und dann schläfst du mit ihm, zur Belohnung. Aber auch aus dieser Hoffnung heraus, die Hoffnung er könnte er ernst meinen, dich wirklich lieben, ist einfach zu stark.“
„Und was ist daran falsch, zu hoffen geliebt zu werden.“
„Gar nichts. Nur...“
Das wurde ihr zu persönlich: „...Vielleicht schlafe ich auch einfach nur mit jemandem, weil ich ihn attraktiv finde?“ Es war ein guter, neuer Gedanke.
„Und warum muss dann der 'Augen-Satz' überhaupt noch sein?“
„Weil ich lieber mit großem, als mit kleinem Ego aufwache.“
„Und dein Ego ist immer noch groß, wenn du morgens feststellst, dass du nur eine Nummer bist?“
„Wer hat überhaupt gesagt, dass ich dich anziehend finde?“
Die Frage traf ihn. Aber er überspielte es sehr gut, wie er fand, indem er es einfach überhörte. „Ich hab nur meine blöde Ehrlichkeit anzubieten. Ich möchte dich mit nach Hause nehmen. Und natürlich will ich das wegen deiner Augen, wegen deines Stils oder wie du dich gespielt empörst. ´Ich bin aber nicht viele!`“, machte er sie nach. Sie grinste.
„Jetzt spielst du das Spiel ja doch mit!“
„Und das gefällt dir.“
„Geht. … bist du sicher, dass du einfach nicht gut in diesem Spiel bist. Dass du einfach nicht flirten kannst und es deswegen als verlogen kenntzeichnen musst?!“
Er zuckte mit den Schultern: „Kann schon sein. Aber es ist verlogen. Das Spiel belohnt die Falschen. Es gewinnen die Arschlöcher.“
„Glücklich sind immer die Anderen, was?“
„Öfter als einem lieb ist.“
„Einem? Oder dir?“ Wieder war da ein neuer Gedanke. Wieder gefiel es ihr, so die Überhand zu behalten: „Ich glaube, was du nicht verstehst ist, dass dieses Spiel Spaß macht. Es hat kein Ziel. Und wenn, macht es keinen Spaß. Man spielt nicht für das Ergebnis, verstehst du?! Du spielst für das Ergebnis und gegen die Ärschlöcher oder wie du das nennst. Da kannst du nur verlieren.“
„Mh, ok.“, sagte er abwesend.
Sie schaute über seine Schulter: „Ich muss jetzt mal wieder rüber. “
„... nein! Keine dieser Sätze, bitte. Geh deine Wege, ok. Aber.... ach, … mh.... Scheiße! Schade, wirklich schade. Du hast wirklich schöne Augen.“
„Du Märtyrer!“, rief sie und hoffte, dass ihr Blick diese Worte als harmlos entlarvte.
Er blieb ernst: „Wirklich.“
„Ok, mh. Tja, danke.“ Es war der kälteste Moment an diesem Abend. Ihr Blick versuchte nichts mehr zu entlarven. Sie ging. Er blieb stehen, ging dann in eine andere Richtung. Er holte seine Jacke und ging zum Kiosk um die Ecke. Eine Whiskey-Cola-Dose im Arm setzte er sich vor der Eingangstür auf eine Bank. Er wusste selbst nicht wieso.

Eine gute Stunde später trat sie heraus, zusammen mit zwei Freundinnen, die er gar nicht wahr nahm. Sie sah ihn nicht. Er stand auf.
Sie hatte sich noch nicht einmal umgedreht, da rief er, ohne sich die Worte vorher zurecht gelegt zu haben: „Es gab in meinem Leben bisher vier Frauen, die ich das gefragt habe. Die Letzte vor über einem Jahr. Du warst die erste, die nicht sofort weg gerannt ist.“ Die Worte waren so pathetisch, dass es sie ohne Alkohol nicht gegeben hätte. Sie drehte sich um, während sie letzten Knöpfe ihres Mantels zusammen legte. Sie war nicht nur verwirrt darüber, ihn hier zu sehen, sondern auch, dass sie das freute. Auch wenn man ihr dies nicht ansah.
„Vielleicht kann ich nicht flirten“, fuhr er fort, während sie ihre Haare über den Kragen warf: „Kann ich wirklich nicht. Ich trage wenig Leichtigkeit in mir. Ich spiele nicht, stimmt. Aber das Ehrlichkeit, ich meine Komplimente-machende-Ehrlichkeit nicht belohnt wird. Das ist nicht nur fies. Das ist doch auch nicht in deinem Interesse. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn Idioten wie ich mehr Sex hätten. Ich weiß, das klingt bitter, und Bitterkeit wird nie belohnt, aber es ist falsch, dass sie nicht belohnt wird! Es ist einfach nicht richtig.“ Es klang wirklich alles sehr bitter. Viel verbitterter als es ihm lieb war.
Fast gleichgültig, mit hängenden Schultern fuhr er nach kurzer, hoffentlich wirkungsvoller Pause fort: „Flirten? Ich kann das Wort nicht mal leiden. Ich sage doch auch nicht Clique oder...“
„ … ist gut!“ unterbrach sie ihn: „Komm, sei ruhig!“ Sie suchte nach einer Zigarette: „Du bist zurück gekommen. Du hast was zeigt.... das ist besser als alles was du sagst.“ Und da war auch wieder etwas in ihrem Gesicht, dass ihre Worte kommentieren wollte.
Er nahm die Hände aus der Jackentasche und versuchte etwas Konkretes in ihren großen, braunen Augen zu finden. Es wirkte wie ein Abschied und er tat das, was er immer in solchen Momenten der Unwissenheit tat; er wurde ironisch. „Darf ich dir ein Mixtape zusammen stellen?“ lachte er, als wäre es nicht sein eigener Witz gewesen. Sie tat so als würde ihr Lächeln nur ironisch sein.
„Um Gottes willen, nein! So jemand wie du, hört doch eh nur depressive Scheiße! “, sie genoss diesen Moment wie nur ganz wenige in letzter Zeit. Er nickte, immer noch hinter einem grinsenden Gesicht versteckt. „Aber wenn du willst, kannst noch mit zu mir kommen“, entglitt es ihr. Sie war betrunken.
Er erschrak. Als er sich gesammelt hatte: „Es sind wirklich deine Augen.“
„Halt's Maul!“
Er zahlte das Taxi.

Freitag, 25. Februar 2011

La haine

[Im Entstehungsprozess dieses Textes wurde kein Marylin Manson gehört]


Eigentlich wollte ich der Sache rational, überlegt, aufklärerisch begegnen. Polemisch gewiss, aber immer um Nachvollziehbarkeit bemüht. Das Symbol „Guttenberg“ kenntlich machen, zu dem er sich selbst machte, und wieso er es demnach auch verdient, ihn an seinen und nicht unseren Maßstäben zu messen. Ich wollte mutmaßen, dass der Herr alles aushalten werde, was da bereits jetztim Begriff ist abzuebben. Er hat ja, mutig wie er ist, alles zugegeben, was nach und nach ans Licht kam und sich nicht mehr verleugnen ließ. Dass er – der Tradition seiner Partei folgend – alles aussitzen werde auf dem Thron der Macht, von dem er nie wieder hinabsteigen wird. Nicht weil er Ideale verfolgt, die sich von diesem Sitz am besten verwirklichen lassen, sondern weil es dort so bequem ist. Er wird immer der Erlöser bleiben. Er ist einfach zu großartig, zu gottgleich in seiner Arbeit und trotzdem "irgendwie bodenständig". Seine Fehler machen ihn "menschlich". Seine Frau ist zu hübsch. Ich bin nicht fähig dazu, dies zu erklären oder zu entkräften.

Karl Theodor zu Guttenberg – Rächer der Geerbten, das größte Arschloch der deutschen Geschichte seit Andreas Baader wird alles überstehen, wird meinen Kampfgeist brechen. Da haben andere, weitaus weniger listige Wichser noch ganz andere Sachen hinter sich gelassen: Koch, Kohl, Schäuble. Sie konnten machen was sie wollten, ihre Wähler sind ihnen nachgelaufen. Friedman, Seehofer, Diekmann, Sarrazin. Waffengeschäffte, schwarze Kassen, "Ausländer-Raus", Bruch katholisch getrauter Ehen, Lügen, Unterstützung der Zwangsprostitution und Koks: Ihre eigene Hypermoral hat sich nie gegen sie gewandt. Das wird nie passieren! Die Welt ist voll bescheuerter, machtbesessener Männer mit übergroßem Ego und scheiß Frisuren! Und ein paar Frauen, die – trotz besserer Frisuren – jede Weiblichkeit in sich unterdrücken. Man kann ihnen allen nicht mit Logik nachkommen. Man kann sie nur ertragen – in dem Wissen etwas Besseres zu sein. Ihnen mit der gleichen Arroganz entgegen treten, die sie uns vorleben. Sie wählten die Waffen, ich hiermit den Ort. Eine Katharsis der Beleidigungen. Nicht um zu lehren, um zu stimmen oder zu überzeugen. Sondern um zu überleben. Es sind zuviele. Die Dummheit der Welt ist groß, um ihr mit den Mitteln der Polemik und schlechten Wortspielen beizukommen - auch vor sich selbst. Und schon gar nicht mit dem geschriebenen Wort. Es geht hier nicht um euch, es geht um mich! Ich bin nicht souverän. Ich tue das, weil ich ein absolut reines aber auch müdes Gewissen habe. Weil ich nicht bin wie ihr.

Ihr 295.695 (Stand: 25.02.2011) „gegen die Jagd auf Guttenberg“, ihr Schnösel, ihr Nicht-Zweifler, ihr Frauen mit weißen Stiefeln, ihr Bild-Leser, ihr Silbermond-Hörer, ihr vom RCDS, ihr Christiano Ronaldo-Fans, ihr Konservativen, ihr realen Barney Stinsons, ihr BWLer, ihr Katholiken, ihr Disko-Heteros mit Schal, ihr Steuerhinterzieher, ihr Latent-Rassisten, ihr Priester, ihr Neoliberalen, ihr neurotischen Hetzer, ihr Killerspielgegner, ihr Marktschreier, ihr, für die "Künstler ein Schimpfwort ist, ihr Machtmenschen! Ihr miesen, kleinen, frustrierten, gewissenlosen, von einer verblendeten, verkümmerten Syphilishure gezeugten Söldner einer reaktionären, heuchlerischen Idee, die ihren zynischen, fehlgeleiteten Antrieb aus der unkontrollierbaren Angst um die eigene Potenz zieht!

Ihr seid die Bösen, wir sind die Guten! Ihr werdet alle euer Waterloo, euer Stalingrad, euer Vietnam, euren Irak bekommen! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Wir sehen uns in der Hölle! Wichser!

Dienstag, 22. Februar 2011

Der Facebook-Knigge

Ein paar Überlegungen: Elektromusik ist seit jeher Melting-Pot sämtlicher Sub- und Jugendkulturen, und damit prägnanter Ausdruck einer stilbewussten aber auch ambivalenten bis fragwürdig-gleichgültigen Gruppe Heranwachsender. FDP-Wähler besitzen weiterhin kein Hotel. 83% aller Bildungsbürger denken bei dem Ausdruck „deutscher Film“ an Till Schweiger (inklusive Till Schweiger). Die Besten sind nie die Reichsten. Silbermond-Hörerinnen verlieben sich immer in den dümmsten Idioten, weil sie das was er zu jedem sagt, auf sich beziehen und es für persönlich nehmen. Um dann – nachdem er sich idiotisch verhalten hat – zu merken, was für ein Idiot er ist, um auf dieser Grundlage die Männlichkeit im Allgemeinem zu verunglimpfen (und „Idiot“ zu nennen). Aber natürlich nur bis jemand neues ihnen sagt, wie schön ihre Augen doch wären. Alles bekannt. Das sind nur ein paar wohlbekannte Beispiele für die Unveränderbarkeit der Menschen. Der Mensch bleibt sich treu.

Was sich ändert, sind die Umstände. Die Welten, in denen sich der ewig gleiche Mensch seine zumeinst eher lästige als lässige Menschlichkeit beweist. Was sich verändert, sind die Technologien. Das Internet, die jüngeren dürften es bereits kennen gelernt haben, wartet mit immer wieder neuen Ideen und Möglichkeiten auf. Der Mensch nutzt die Illusion von weltweiter Ereichbarkeit zu dem, was er immer tut; sich ausleben. Dabei gibt es gute wie schlechte Wesenszüge zu beobachten. Neben dem Versprechen einer Weltgemeinschaft, bietet das Internet aber noch eine weitere Fantasie: Ein nur schwer zu erklärendes Gefühl von Sicherheit. Wie in einem Auto, das in seiner isolierten Form Schutz und Geborgenheit suggeriert, läd auch das World Wide Web zur unreflektierten, scheinbar-folgenlosen Handlungen. Im Internet dürfen wir endlich so sein, wie wir sind. Und die Kommentarfunktion entspricht dem senilen Rentner vor einem. Wer wir auch sind, im Internet sind wir es deutlicher.

Es gibt Quergänger und Personen, die steil gehen und quer tragen. Es gibt sympathisch und es gibt Junge Union. Es gibt Lady-Killer und Zuhörer. Es gibt diejenigen, die diese Klischees glauben und welche, die sie leben. Wer sich online trotzdem nicht zum Horst-Kevin-Emanuell machen will, ist hier richtig.

Ein Ratgeber, ein paar Richtlinien für den guten Umgang in der Welt der kabellosen Haushalte und aufmerksamkeitssüchtigen Smartphones. Eine Anleitung zur gelungenen Facebook-Nutzung. Für einen neuen Umgebung zur Befriedigung der ewig gleichen Wesenszüge. Zur erfolgreichen Aufnahme in das Netzwerk, das sich Ansehen schimpft.


1. Der Status

Grundsätzlich gilt: man kann nicht, nicht kommunizieren. Daher ist – nachdem man sich in einem sozialen Netzwerk angemeldet hat – das nicht-updaten seines Status, genauso eine Form von Selbstdarstellung, wie das Darstellen selbst. Dies sei für alle gesagt, die Selbstdarstellung seine Daseinsberechtigung absprechen möchten, weil sie keinen evolutionären Nutzen darin finden. Den gibt es auch nicht. Nur ist es die Stärke des Status', es nicht auf jenen anzulegen. Facebook-Updates sind wie Bonus-Tracks. Keiner braucht sie, aber gerade darin besteht ihr Reiz. Und wer will schon funktional leben?!

Gleichzeitig besteht der Vorteil einer Nicht-Kommunikation in der Wahrung des Unbekannten, ja des Mystischen. Da dies aber eine weibliche Tugend ist, sollte vor allem der männliche Nutzer ab und an auf sich aufmerksam machen. Dabei sind folgende Grundsätze zu beachten:

1. maximal 1-2 Updates pro Tag (Keine Reizüberflutung!)

2. Wenn du Freunde suchst, kauf dir nen Hund (Kein Anbiedern!)

3. Niemand interessiert, was du zum Frühstück hattest (Keine Langeweile!).

4. Leute, die Mitleid oder Anteilnahme im Internet suchen, sind wie katholische Priester im Pornokino. Wer das für echt hält, hat es nicht verstanden (Kein Gesundheitszustand!).

Mit diesen Eingrenzungen kann ihnen die spannende Selbstdarstellung, inklusive Anschlusskommunikation gelingen. Vorausgesetzt, sie sind auch offline interessant.


2. Die Fotos

Grundsätzlich gilt: weniger ist mehr. Der Mensch ist ein Augentier, folglich kann das Darstellen der eigenen Äußerlichkeit durchaus von höherem Wert sein, als die verbale Beschreibung komplexer Innerlichkeiten. Doch – und diesen scheinbaren Widerspruch können viele nicht auflösen – ist auch die Äußerlichkeit vielschichtig. ODer zumindest kann sich als komplexes Mittel genutzt werden. Das bedeutet; um interessant zu sein, muss ihr Portfolio an Hochglanzmomenten ebenso abwechslungsreich sein, wie sie sein wollen, sein können. Idealtypisch gesprochen: Jedes Motiv sollte sich von seinem Albumsnachbarn unterscheiden. 50mal das gleiche Schlafzimmerblick (gerne auch mit einer Note Napoleon!)oder die gleiche Ansammlung verschiedener Helden der Kindheit (Janosch nicht vergessen!) zeugt von einer Monotonie, die mehr abschreckt, als interessiert. Und die Vodka-Flasche muss auch nicht jedes Mal ins Bild. Jedes Foto, zumindest aber jedes Album braucht also ein Alleinstellungsmerkmal. Unter dieser Prämisse ist es dann aber ganz gleich, ob sie kein Foto oder 500 einstellen. Das Mark Zuckerberg – und natürlich Sie selbst – nur Zeuge auf- und nicht abwertender Momente ihrer Person werden möchte, versteht sich von selbst.


3. Die Infos / Der Steckbrief

Grundsätzlich gilt: bleiben sie sich treu. Auch wenn wir uns seit I Heart Huckebees auch permanent fragen: "wie kann ich nicht ich selbst sein?!" Die Frage, die diese beiden Wege vereint, lautet: Wie kann ich das was ich bin, mögen? Sich treu bleiben, heißt eigentlich, sich selbst mögen können. Selbst ihrem Steckbrief merkt man an, ob sie hier etwas darstellen oder nur darstellen wollen. Quantität spielt dabei eine zumeist unterschätzte Rolle. ZU häufig vergleichbare Informationen (Meine Exfreunde haben doofe Freundinnen!) verlieren ihre Wirkung mit jeder Wiederholung. Jede Aussage, jede Info wird mit in ihrer Paraphrasierung zu einem Euphemismus ihrer selbst. Doch wer in seiner Rolle als Schöngeist, Partyhase, Philosoph, Womanizer, Sportler oder Freak glaubwürdig aufgeht, dem wird sie vom Pöbel als Persönlichkeit angeheftet. Wer eine solche Figur schlecht spielt, dem wird die gewählte Identität zum Verhängnis. Die Qualität unserer Darstellung hängt vom Identifikationspotenzial unserer Rolle ab. Lee Strasberg ist überall. Wir spielen alle. Aber mögen sie, was sie spielen. Sogar Focus lesen ist ok. Aber schämen sie sich nicht dafür. Laut Scooter hören ist besser, als heimlich Hoffenheim zujubeln. Mensch bedenke, dass du sterblich bist. Facebook-User bedenke, dass du durchschaubar bist.