Freitag, 3. Juni 2011
You say Mai-Tai, we say die!
Montag, 9. Mai 2011
Phoenix aus der Masse
Jeden Sonntag gehst du in ein Stadion, jeden Sonntag gewinnst oder verlierst du – die Frage ist nur: kannst du gewinnen oder verlieren wie ein Mann. (Oliver Stone)
Es war einer dieser Mittwochabende, die davon lebten, dass sie terminlicher Fixpunkt des Tages waren. Meine Eintrittskarte potent unter die Windschutzscheibe geklemmt, ging es mit Mutters A2 Richtung Gelsenkirchen. Ein Auswärtsspiel, von denen es immer gerade so viele gab, dass man gerade noch so ohne völlig bescheuert zu sein, denken konnte, dass es beim nächsten Mal anders werden würde. Arminia lag kurz nach dem Seitenwechsel mit 3:0 zurück, ehe der beste aller schlechten Fußballer Marko Küntzel – nachdem ich diesen Blog genauso hätte benennen können – den Ehrentreffer zum 3:1 Endstand erzielte. Doch alldem wohnte ich nicht bei. Ich stand bei Rheda-Widenbrück auf der linken Spur, der Motor aus, die Füße an der Leitplanke balanciert, das Ohr am Radio. Vollsperrung. 30 Kilometer. Hörend fühlt man sich einer solchen Niederlage noch hilfloser ausgesetzt, als man es sonst schon ist. Wobei selbst ein belangloses Dahin-Verlieren im Drecksruhrgebiet seine romantischen Momente hat. Das Aufwärmen, das gegenseitige Begrüßen zwischen Mannschaft und Gästeblock hat im fremden Rund immer etwas würdevolles: da gehören zwei unter Millionen zusammen. Verbundenheit als Massenerlebnis. Als Bielefelder nimmt man fremden Städte nicht mit dem Breitschwert ein, sondern führt mit dem Skalpell Guerillakrieg. Die Waffen sind das in guten Zeiten grandios praktizierte Konterspiel (Delron Buckley, wow!) und neben dem Rasen die Selbstironie, die anderswo – vielleicht in München – so oft fehlt. „Kniet nieder, ihr Bauern, Arminia ist zu Gast!“ Gerade in den Bahnhöfen und Fußgängerzonen Berlins oder Hamburgs kam das immer gut. Wenn die Begleitpolizisten grinsten, war ich zufrieden.
Vor dem Anpfiff ist natürlich auch das Spiel noch nicht verloren. Hoffnung ist ein euphorischer Zustand. Und nirgends ist die Hoffnung größer als in der Liebe. Ich bin seid über 5 Jahren unüberzeugter Single: Da fällt einem noch stärker auf, was dieser Ausdruck eigentlich gedeutet. Es gab nur eine Situation, in der ich die paar Bezahlfußballer da unten und was sie repräsentierten mehr liebte als in den 30 Minuten vorm Anpfiff auf fremden Geläuf: nach dem Spiel. Dazwischen konnte ich alles was da unten rum lief richtig hassen. Richtig! All die Alibipässe, die halbherzigen Tacklings, die erbärmlichen Abschlüsse und die taktischen Grundprobleme, sie trieben mich an den Abgrund meiner Seele. Ich wünschte Schiedsrichter nach Ausschwitz (lautstark) oder überwarf mich in jedem zweiten Spiel mit meinem Vater. Ich hasste von ganzem Herzen. Aber nur bis zum Abpfiff. Nach dem Spiel gibt es eine zweite Erlebniswelt, die sich den meisten wohl noch schwerer erschließt, als was ich sonst hier beschreibe. Ich weiß noch, wie ich vor 10 Jahren für das Spiel in Bochum die Schule schwänzte, Lense an seinem Geburtstag zum 1:0 traf, Hain beim Stand von 2:0 einen Elfer und den dazugehörigen Nachschuss hielt und Diabang kurz vor Schluss einen ganz edlen Konter über The-One-And-Only-Ansgar-Brinkmann zum 3:0 abschloss. Und ich weiß, wie ich danach auf den Zaun kletterte, der Sitz- und Stehtribühne trennte, wie Trainer Möhlmann seine so speziell-verkrampfte Zwei-Fäuste-Geste machte und abschließend Tim Danneberg, der da sein erstes Bundesligaspiel auf der Bank verbrachte und mittlerweile leider nicht mehr im Verein ist, mit glänzenden Augen nicht wusste, was zu tun war (Denkt nicht, ich gucke sowas nach). Das war der einzige Auswärtssieg in einer ganzen Saison, die mit dem Abstieg endete. Man möchte gefühlsduseln, das Spiel und das Danach: es war es wert.
Und es gab diese Momente, nach der Niederlage. Wenn sich da zwei Gefallene respektieren, während 60 Tausend drumherum den Arbeitssieg gegen den Punktelieferanten aus der Provinz beklatschten. Da war ein kleines Heer Versagerkinder unter sich und feierte sein Dasein („Niemand erobert den Teutoburger Wald“). In der würdevollen Niederlage verstand ich immer die Besonderheit dieses Clubs. Im erhaben Versagen dieser Farben fand ich den Grund, warum ich sie mir umband. Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, ich oder Arminia, aber das ist meine Stärke: das aufrechte Untergehen! Bei Freunden, Bekannten, Frauen sowieso. Ich kann nicht viel, aber ich kann gut verlieren. Vielleicht hat mir dieser Klub das beigebracht, vielleicht passe wegen dieser Fähigkeit einfach gut zu ihm. Und ich wollte dabei sein, damals, auf Schalke. Ich wollte nicht auf der A2 stehen, eine Stunde nach Abpfiff bei McDonalds abfahren und die Niederlage mit mir selbst ausmachen. Ich wollte meine Arme Richtung Rasen recken, sie als Zeichen meiner Anerkennung dem Laufpersonal entgegen werfen. Meine tiefe, unendlich tiefe Loyalität ihn gegenüber und vor allem gegenüber dem, was sie repräsentieren wollte geteilt werden.
In Zeiten in denen ich nicht viel habe, habe ich immer noch die Gewissheit, dass ich darin sehr gut bin, nicht viel zu haben. Das ist der nie endende könnende Hoffnungsloop. Das ist Schönheit.
Jetzt ist die schlimmste Saison in der Geschichte dieses Sports endlich vorbei. Ein halbes Jahr habe ich meine Sorgen vor diesem Verein versteckt. Ich war trocken geweint und 600 Kilometer auf Sicherheitsabstand. Es gab keine Möglichkeit mehr erwartungsfroh zu einem Auswärtsspiel zu fahren und dabei nicht bescheuert zu sein. Das 0:0 in der Allianzarena, es war ein guter Nachmittag. Wie da nach Spielende ein paar 18jährige Abwehrspieler in schwarzweißblau mir durch das Gitter erlöste Blicke zugewarfen, wie ein paar Sitznachbarn mich schief anguckten, weil ich in einer kritischen Phase sehr, sehr, sehr lautstark bejubelte, dass Eilhoff einen Eckball abgefangen hatte; war zutiefst befriedigend. Da war ich wieder einer dieser Gallier-Nerds, die glaubten es mit dem gesamten Römerstaat aufzunehmen. Doch sonst war da wenig Asterix die letzte Zeit, sondern nur ein wenig Trauer, ein bisschen Wut und jede Menge Gleichgültigkeit. Ein Selbstschutz.
Doch mit dem heutigen Tag ist alles wieder da. Die mögliche Lizenz für die 3. Liga, der neue Trainer, der neue Sportmanager, die beide kompetenter und motivierter wirken, als alles, was die letzten 5 Jahre hier Gehaltsschecks abgeholt hat. Das fast volle Stadion beim letzten Heimspiel, dass von einer Stadt kündet, die noch nicht aufgegeben hat, die dies nie tun wird. Niemand erobert den Teutoburger Wald. Wir sind würdevolle, ehrfürchtige Hinterwäldler.
In ein paar Jahren wird dieser Verein wieder um den Aufstieg in die 2. Liga spielen, er wird Preußen Münster schlagen, er wird dies mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs tun, die nur deswegen gefördert werden konnten, weil man diese Scheiße seitdem Hain weg und Middendorp da war, durchgemacht hat. Statistisch gesehen, lebe ich noch über 50 Jahre. Irgendwann wird Arminia wieder Bundesliga spielen und irgendwann werde ich mit diesem Verein auch nochmal ein Pflichtspiel im Ausland sehen, so wie ich es mir mal mit 14 Jahren auf eine Lebens-To-Do-Liste geschrieben habe. Nirgends ist die Hoffnung größer als in der Liebe. Nirgends braucht man die Hoffnung mehr als in der Liebe.
Dienstag, 19. April 2011
Top 100
Kein Hitchcock, kein Godard, kein Truffaut, kein Bergman, kein Fassbinder, kein Allen, kein Polanski, kein Almodóvar, kein Lynch, kein Western, kaum Eastern, kein Horror, kaum Doku, kein Citizen Kane, kein Pate, keine Amélie, kein Pulp Fiction, kein Herr der Ringe, kein Harry Potter, kein Star Wars, kein Blade Runner, kein 2001, nicht mal Lubitsch, Lang oder Chaplin. Keine Frauen-Quote, kein Spanien, keine Objektivität. Dafür viel Politik, viel Krieg, viel Satire und ein Regisseur, dessen sämtliche Filme es geschafft haben. Eine Art Lebensgeschichte in Filmen.
| 100. An jedem verdammten Sonntag – Oliver Stone 99. Fargo – Coen-Brüder 98. Ocean's Eleven – Steven Soderbergh 97. Die Queen – Stephen Frears 96. Pi – Darren Aronofsky 95. Mary And Max – Adam Elliot 94. Casablanca – Michael Curtiz 93. City Of God – Fernando Meirelles 92. Monster Ag – Peter Doctor 91. Dogma – Kevin Smith 90. Drei – Tom Tykwer 89. Schräger als Fiktion – Marc Forster 88. No Country For Old Men – Coen Brüder 87. Imaginary Heroes – Dan Harris 86. Das Leben des David Gale – Alan Parker 85. Die üblichen Verdächtigen – Bryan Singer 84. Manche mögens heiß – Billy Wilder 83. Nach der Hochzeit – Susanne Bier 82. Stay – Marc Forster 81. Reservoir Dogs – Quentin Tarantino 80. GoodFellas – Martin Scorsese 79. Lucky #Slevin - Paul McGuigan 78. L'auberge espagnole – Cédric Klapisch 77. Zombieland – Ruben Fleischer 76. Brüno – Larry Charles 75. Bloody Sunday – Paul Greengrass 74. Die Reifeprüfung – Mike Nichols 73. One, Two, Three – Billy Wilder 72. Das Schweigen der Lämmer – Jonathan Demme 71. Team America – Trey Parker, Matt Stone 70. Bin Jip – Ki-duk Kim 69. Mon Oncle – Jacques Tati 68. The Deer Hunter – Michael Cimino 67. Alien – Ridley Scott 66. There Will Be Blood – Paul Thomas Anderson 65. 21 Gramm – Alejandro Gonzalez Inarrítu 64. Catch Me If You Can – Steven Spielberg 63. Urwerk Orange – Stanley Kubrick 62. Micmacs – Jean-Pierre Jeunet 61. Thankyou For Smoking – Jason Reitman 60. Jodaeiye Nader az Simin – Asghar Farhadi 59. Little Children – Todd Field 58. Casino Royal – Martin Campell 57. Bowling For Columbine – Michael Moore 56. The Fountain – Darren Aronofsky 55. Momento – Christopher Nolan 54. Taxi Driver – Martin Scorsese 53. The Wrestler – Darran Aronofsky 52. Funny Games – Michael Haneke 51. Einer Flog Übers Kuckucksnest – Milos Forman 50. Old Boy – Chan-wook Pak 49. Punch-Drunk-Love – Paul Thomas Anderson 48. Barry Lyndon – Stanley Kubrick 47. Der fantastische Mister Fox – Wes Anderson 46. Brazil – Terry Gilliam 45. Der freie Wille – Matthias Glasner 44. South Park – Der Film – Trey Parker, Matt Stone 43. Zeiten des Aufruhrs – Sam Mendes 42. Starship Troopers – Paul Verhoeven 41. Apocalypse Now – Francis Ford Coppola 40. Big Fish – Tim Burton 39. Sieben – David Fincher 38. Das Fest – Thomas Vinterberg 37. Bob Roberts – Tim Robbins 36. Das Bourne Ultimatum – Paul Greengrass 35. Control – Anton Corbijn 34. Donnie Darko – Richard Kelly 33. Lost In Translation – Sofia Coppola 32. Gomorrha – Matteo Garrone 31. Wag The Dog – Barry Levinson 30. Adaption – Spike Jonze 29. Gran Torino – Clint Eastwood 28. Dogville – Lars von Trier 27. Inglourious Basterds – Quentin Tarantino 26. Watchmen – Zack Synder 25. Der Schmale Grat – Terrence Malick 24. Die Ritter der Kokosnuss – Terry Gilliam, Terry Jones 23. Hautnah – Mike Nichols 22. München – Steven Spielberg 21. Into The Wild – Sean Penn 20. Black Swan – Darren Aronofsky 19. The Departed – Martin Scorsese 18. Fight Club – David Fincher 17. Auf der anderen Seite – Fatih Akin 16. Full Metal Jacket – Stanley Kubrick 15. American Beauty – Sam Mendes 14. Irreversiblé – Gaspar Noé 13. Rachels Hochzeit – Jonathan Demme 12. Waltz With Bashir – Ari Folmann 11. Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben – Stanley Kubrick 10. Wall Street – Oliver Stone 09. Hard Candy – David Slade 08. Das Leben des Brian – Terry Jones 07. Magnolia – Paul Thomas Anderson 06. The Dark Knight - Christopher Nolan 05. Babel – Alejandro González Inarrítu 04. Das Apartment – Billy Wilder 03. Wo die wilden Kerle wohnen – Spike Jonze 02. Requiem For A Dream – Darren Aronofsky 01. Vergiss mein Nicht! - Michel Gondry |
Freitag, 18. März 2011
Achronistisches Allerei
Auf Grund von rechtlichen Problemen wird diese Abhandlung nun völlig verspätet veröffentlicht. Jedoch verbietet es mir meine Eitelkeit verbietet strikt, Dinge wegzuschmeißen.
Das Kino ist in den letzten fünfzig Jahren fast genauso oft für tot erklärt worden, wie man Schalke 04 zum Meisterfavoriten ernannte. Tatsächlich ist das Kino in dieser Zeitspanne aber auch genauso oft dahin geschieden, wie Schalke tatsächlich Meister geworden ist: nie. Doch der letzte Oscar-Sonntag war wieder so ein Tag, an denen die Fanfaren mehr nach Reqieum klangen und die After-Show-Parties mehr Leichenschmaus waren.
Die Show war die Show, theoretisch. „Hollywoods biggest night“, wie Moderatorin Anne Hathaway (28) die Oscar-Nacht routiniert eröffnete. Ihr Co-Moderator James Franco (32) stand derweil neben ihr und kniff die Augen zusammen. Wobei nicht ganz ersichtlich war, ob er nur versuchte den Telepromter zu entziffern oder das einfach seine Masche ist.
Die Dynamik des Duos ist damit aber schon vollends beschrieben. Franco, seines Zeichens Alleskönner in Hollywood, stand leicht ins Hohlkreuz gelehnt und lächelte freundlich-lausbübisch, insbesondere wenn Hathaway eines ihrer acht (!) Outfits präsentierte. Wobei sie sich die hässlicheren für den Schluss der Show aufbewahrt hatte. Auch wenn sowohl Franco (dieses Jahr nominiert:„127 Hours“) als auch Hathaway (2009 nominiert: „Rachels Hochzeit“) zuletzt bewiesen haben, dass sie alleine einen ganzen Film tragen können, die trägen Oscars konnten die Beiden nicht stemmen. Im Grunde würde das auch kein Problem darstellen. Es hat fast schon Tradition, dass die Oscar-Nacht eine steife, sich selbst viel zu wichtig nehmende Veranstaltung ist. Im selbstgeschaffenen, konsequenten Rhythmus aus schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Werbung, schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Träne, Werbung, Preis, Preis, Werbung, Preis gefangen. Erinnerungswerte speist der Abend immer nur aus seinem Anlass: den Filmen.
Doch damit diesmal weit gefehlt. Der Gewinner Film des Abends hieß erwartungsgemäß „The King's Speech“. Ein konventionelles, schön gespieltes Biederstück. Ein stotternder Monarch mit hohem Identifikationspotenzial für die Academymitglieder, dem Geld- und Kulturadel also. Doch was die Wahl von „The King's Speech“, insbesondere in den Edelkategorien original Drehbuch, Regie (!) und bester Film, so deplatziert macht, ist ihr Zeitgeist. Mit seiner altbackenen „Man muss nur an sich glauben“-Botschaft, der ungebrochenen, naiven Tugendhaftigkeit und der platten Verneigung vor einer Männerfreundschaft, wirkt der Film wie ein Relikt einer vergangenen Zeit. Eine Wiederauferstehung von Walt Disney persönlich. Doch steht der Film damit nicht an der Spitze einer nostalgischen, gar träumerischen Tendenz des amerikanischen Kinos, sondern im krassen Kontrast zu seinen Wiedersachern an diesem Abend.
„127 Hours“, sowie insbesondere „The Social Network“ oder „Black Swan“; sie alle wären ein passenderer Repräsentant des Kino-Jahres 2011 gewesen. „127 Hours“, im hektischen, ersten Drittel noch ein bisschen „Into The Wild“ auf Koks, erzählt zwar auch eine klassisches Überlebens- und Wandlungsgeschichte. Dies aber mit deutlich mehr Esprit, die der Film vor allem aus der Nachvollziehbarkeit und Realitätsnähe seiner jungen Figur zieht. Ein kleiner Film, der sich dessen bewusst ist.
„The Social Network“, sowas wie der Hauptwidersacher und Gewinner von adaptiertem Drehbuch-, Soundtrack- und Schnittoscar, ist dagegen komplexer. David Finchers Film erzählt nicht nur die Rise-And-Fall-Geschichte von Mark Zuckerberg, sondern porträtiert gleichzeitig auch die gesamte Generation des Facebook-Erfinders. Ein moderner Citizen Kane, nur noch in der Pubertät. Zuckerberg wird von Jesse Eisenberg dabei so unglaublich zerrissen und gerissen gezeichnet, dass man sich schon fragen muss, wieso das ganzjährige Tragen von Badelatschen – wie es Zuckerberg in „The Social Network“ tut – nicht auch schon als Behinderung durchgeht. Dann hätte Eisenberg gegen das britische Stottern von Colin Firth eine faire Chancen gehabt. Zumal Zuckerberg nicht mal gegen Nazis kämpft. Denen wirft Hollywood immer noch sehr gerne ihre Goldjungen entgegen. Kate Winslet kann eine Menge Lieder davon singen. Bei Fincher gibt es hingegen nur Elitestudenten, berauscht an sich und ihren rhetorischen Fähigkeiten, aber dennoch kommunikationsunfähig. Hohle Wesen. "The Social Network" erzählt von dem Menschen, der aus den Neurosen und Komplexen der ganzen Welt ein Millarden-Kapital geschlagen hat; selbst eine einzige Neurose.
Auch „Black Swan“ erzählt von der Ambivalenz heutigen Lebens. Vor dem Hintergrund des Schwanensee-Balletts zeigt Darren Aronofskys Genrehybrid die Primaballerina Nina Sayers, die für ihr Streben nach Perfektion einen äußerst hohen Preis zahlt. Aronofsky zeigt immer nur Leid und Erfolg im Miteinander. Glückstränen auf der Toilette und Selbstbefriedigung in Anwesenheit der Mutter. Der Regisseur, dessen Thema schon immer die ewig Getriebenen waren, führt den körperlichen und geistigen Zustand seiner Figur in ein Finale, welches seine größt-mögliche Tragik im größt-möglichen Moment des Triumphs entwickelt. In einem New York das nur noch aus dunklen Gängen, Toiletten und Umkleiden besteht. „Black Swan“ kann als gewaltiges, dramatisches Abbild der sich selbst immer unterordnenden Generation-Praktikum herhalten. Eine Gruppe von Branchenneulingen, die nur noch im Exzess bei sich sein kann, sich gegen eine elterlich auferlegte Selbstkontrolle nur noch mit Kontrollverlust zu wehren weiß. Mit einer nun Oscar gekrönten Natalie Portman als Repräsentantin dieser Generation. Eine Rolle, die die Harvard-Absolventin (Bachelor in Psychologie, Zuckerberg war ebenso in Harvard eingeschrieben) auch außerhalb der Leinwand einnimmt.
Alle diese Filme eint, dass sie den Geist einer neuen Zeit atmen. Ihre Inszenierungen sind verspielt, mutig bis progressiv. Ihre Hauptdarsteller sind mit begeisternder Tiefe gesegnet, ihre Figuren alle um die Dreißig und mit faszinierender Ambivalenz ausgestattet. Die gezeigten Lebenswelten sind komplex, ernstzunehmen, vielschichtig – und kommen ohne Nazis aus. Das alles lässt „The King's Speech“ nur noch achronistischer, noch belangloser erscheinen. Handwerklich solide, aber hoffnungslos uninteressiert an heutigen, gesellschaftlichen Zuständen. Wie eine Hoffnung auf die gute, alte Zeit wirkt das Versprechen, dass sich die Academy mit dieser Wahl selbst zu geben versucht. Das nur alles gut wird, wenn man alles so macht, wie immer. Wenn man die alten Geschichten mit neuen Gesichtern erzählt. So wie sein Moderatoren-Duo, das mit Abstand jüngste, das die Veranstaltung jemals hatte, denen aber auch nichts anderes einfiel als ihren unambitionierten Vorgängern.
Letztes Jahr gewann mit „The Hurt Locker“ der politische Film gegen das große Konserven-Kino, das kleine, tagesaktuelle Stück Zelluloid gegen das 300Millionen-Dollar-3D-Märchen. Es triumphierte erstmals mit Kathryn Bigelow eine Regisseurin und schlug damit, quasi als emanzipatorischen Bonus, ihren Exmann. Das trug viel Fortschritt in sich – und eben keine Nazis. Die Generation dieser Erneuerung, die „Generation 90“, wie sie das „Cahiers du cinéma“ nennt, hat es diesmal nicht geschafft, die Alteingesessen von ihrem Thron zu stoßen. Doch es hat schon bessere, wichtigere Filme über Freundschaft oder Selbstbewusstsein gegeben als „The King's Speech“. Mehr noch; es hat diese Filme schon gegeben!
Es wirkt wie das letzte Zucken einer vergangenen Filmwelt. Es gilt als erwartbar, dass in ein paar Jahren über die Verlierer dieses Abends mehr gesprochen wird, als den Gewinner. Das Kino ist tot. Lang lebe das Kino.
Dienstag, 1. März 2011
Der Krieg und die Schlacht
Freitag, 25. Februar 2011
La haine
[Im Entstehungsprozess dieses Textes wurde kein Marylin Manson gehört]
Eigentlich wollte ich der Sache rational, überlegt, aufklärerisch begegnen. Polemisch gewiss, aber immer um Nachvollziehbarkeit bemüht. Das Symbol „Guttenberg“ kenntlich machen, zu dem er sich selbst machte, und wieso er es demnach auch verdient, ihn an seinen und nicht unseren Maßstäben zu messen. Ich wollte mutmaßen, dass der Herr alles aushalten werde, was da bereits jetztim Begriff ist abzuebben. Er hat ja, mutig wie er ist, alles zugegeben, was nach und nach ans Licht kam und sich nicht mehr verleugnen ließ. Dass er – der Tradition seiner Partei folgend – alles aussitzen werde auf dem Thron der Macht, von dem er nie wieder hinabsteigen wird. Nicht weil er Ideale verfolgt, die sich von diesem Sitz am besten verwirklichen lassen, sondern weil es dort so bequem ist. Er wird immer der Erlöser bleiben. Er ist einfach zu großartig, zu gottgleich in seiner Arbeit und trotzdem "irgendwie bodenständig". Seine Fehler machen ihn "menschlich". Seine Frau ist zu hübsch. Ich bin nicht fähig dazu, dies zu erklären oder zu entkräften.
Karl Theodor zu Guttenberg – Rächer der Geerbten, das größte Arschloch der deutschen Geschichte seit Andreas Baader wird alles überstehen, wird meinen Kampfgeist brechen. Da haben andere, weitaus weniger listige Wichser noch ganz andere Sachen hinter sich gelassen: Koch, Kohl, Schäuble. Sie konnten machen was sie wollten, ihre Wähler sind ihnen nachgelaufen. Friedman, Seehofer, Diekmann, Sarrazin. Waffengeschäffte, schwarze Kassen, "Ausländer-Raus", Bruch katholisch getrauter Ehen, Lügen, Unterstützung der Zwangsprostitution und Koks: Ihre eigene Hypermoral hat sich nie gegen sie gewandt. Das wird nie passieren! Die Welt ist voll bescheuerter, machtbesessener Männer mit übergroßem Ego und scheiß Frisuren! Und ein paar Frauen, die – trotz besserer Frisuren – jede Weiblichkeit in sich unterdrücken. Man kann ihnen allen nicht mit Logik nachkommen. Man kann sie nur ertragen – in dem Wissen etwas Besseres zu sein. Ihnen mit der gleichen Arroganz entgegen treten, die sie uns vorleben. Sie wählten die Waffen, ich hiermit den Ort. Eine Katharsis der Beleidigungen. Nicht um zu lehren, um zu stimmen oder zu überzeugen. Sondern um zu überleben. Es sind zuviele. Die Dummheit der Welt ist groß, um ihr mit den Mitteln der Polemik und schlechten Wortspielen beizukommen - auch vor sich selbst. Und schon gar nicht mit dem geschriebenen Wort. Es geht hier nicht um euch, es geht um mich! Ich bin nicht souverän. Ich tue das, weil ich ein absolut reines aber auch müdes Gewissen habe. Weil ich nicht bin wie ihr.
Ihr 295.695 (Stand: 25.02.2011) „gegen die Jagd auf Guttenberg“, ihr Schnösel, ihr Nicht-Zweifler, ihr Frauen mit weißen Stiefeln, ihr Bild-Leser, ihr Silbermond-Hörer, ihr vom RCDS, ihr Christiano Ronaldo-Fans, ihr Konservativen, ihr realen Barney Stinsons, ihr BWLer, ihr Katholiken, ihr Disko-Heteros mit Schal, ihr Steuerhinterzieher, ihr Latent-Rassisten, ihr Priester, ihr Neoliberalen, ihr neurotischen Hetzer, ihr Killerspielgegner, ihr Marktschreier, ihr, für die "Künstler ein Schimpfwort ist, ihr Machtmenschen! Ihr miesen, kleinen, frustrierten, gewissenlosen, von einer verblendeten, verkümmerten Syphilishure gezeugten Söldner einer reaktionären, heuchlerischen Idee, die ihren zynischen, fehlgeleiteten Antrieb aus der unkontrollierbaren Angst um die eigene Potenz zieht!
Ihr seid die Bösen, wir sind die Guten! Ihr werdet alle euer Waterloo, euer Stalingrad, euer Vietnam, euren Irak bekommen! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Wir sehen uns in der Hölle! Wichser!
Dienstag, 22. Februar 2011
Der Facebook-Knigge
Ein paar Überlegungen: Elektromusik ist seit jeher Melting-Pot sämtlicher Sub- und Jugendkulturen, und damit prägnanter Ausdruck einer stilbewussten aber auch ambivalenten bis fragwürdig-gleichgültigen Gruppe Heranwachsender. FDP-Wähler besitzen weiterhin kein Hotel. 83% aller Bildungsbürger denken bei dem Ausdruck „deutscher Film“ an Till Schweiger (inklusive Till Schweiger). Die Besten sind nie die Reichsten. Silbermond-Hörerinnen verlieben sich immer in den dümmsten Idioten, weil sie das was er zu jedem sagt, auf sich beziehen und es für persönlich nehmen. Um dann – nachdem er sich idiotisch verhalten hat – zu merken, was für ein Idiot er ist, um auf dieser Grundlage die Männlichkeit im Allgemeinem zu verunglimpfen (und „Idiot“ zu nennen). Aber natürlich nur bis jemand neues ihnen sagt, wie schön ihre Augen doch wären. Alles bekannt. Das sind nur ein paar wohlbekannte Beispiele für die Unveränderbarkeit der Menschen. Der Mensch bleibt sich treu.
Was sich ändert, sind die Umstände. Die Welten, in denen sich der ewig gleiche Mensch seine zumeinst eher lästige als lässige Menschlichkeit beweist. Was sich verändert, sind die Technologien. Das Internet, die jüngeren dürften es bereits kennen gelernt haben, wartet mit immer wieder neuen Ideen und Möglichkeiten auf. Der Mensch nutzt die Illusion von weltweiter Ereichbarkeit zu dem, was er immer tut; sich ausleben. Dabei gibt es gute wie schlechte Wesenszüge zu beobachten. Neben dem Versprechen einer Weltgemeinschaft, bietet das Internet aber noch eine weitere Fantasie: Ein nur schwer zu erklärendes Gefühl von Sicherheit. Wie in einem Auto, das in seiner isolierten Form Schutz und Geborgenheit suggeriert, läd auch das World Wide Web zur unreflektierten, scheinbar-folgenlosen Handlungen. Im Internet dürfen wir endlich so sein, wie wir sind. Und die Kommentarfunktion entspricht dem senilen Rentner vor einem. Wer wir auch sind, im Internet sind wir es deutlicher.
Es gibt Quergänger und Personen, die steil gehen und quer tragen. Es gibt sympathisch und es gibt Junge Union. Es gibt Lady-Killer und Zuhörer. Es gibt diejenigen, die diese Klischees glauben und welche, die sie leben. Wer sich online trotzdem nicht zum Horst-Kevin-Emanuell machen will, ist hier richtig.
Ein Ratgeber, ein paar Richtlinien für den guten Umgang in der Welt der kabellosen Haushalte und aufmerksamkeitssüchtigen Smartphones. Eine Anleitung zur gelungenen Facebook-Nutzung. Für einen neuen Umgebung zur Befriedigung der ewig gleichen Wesenszüge. Zur erfolgreichen Aufnahme in das Netzwerk, das sich Ansehen schimpft.
1. Der Status
Grundsätzlich gilt: man kann nicht, nicht kommunizieren. Daher ist – nachdem man sich in einem sozialen Netzwerk angemeldet hat – das nicht-updaten seines Status, genauso eine Form von Selbstdarstellung, wie das Darstellen selbst. Dies sei für alle gesagt, die Selbstdarstellung seine Daseinsberechtigung absprechen möchten, weil sie keinen evolutionären Nutzen darin finden. Den gibt es auch nicht. Nur ist es die Stärke des Status', es nicht auf jenen anzulegen. Facebook-Updates sind wie Bonus-Tracks. Keiner braucht sie, aber gerade darin besteht ihr Reiz. Und wer will schon funktional leben?!
Gleichzeitig besteht der Vorteil einer Nicht-Kommunikation in der Wahrung des Unbekannten, ja des Mystischen. Da dies aber eine weibliche Tugend ist, sollte vor allem der männliche Nutzer ab und an auf sich aufmerksam machen. Dabei sind folgende Grundsätze zu beachten:
1. maximal 1-2 Updates pro Tag (Keine Reizüberflutung!)
2. Wenn du Freunde suchst, kauf dir nen Hund (Kein Anbiedern!)
3. Niemand interessiert, was du zum Frühstück hattest (Keine Langeweile!).
4. Leute, die Mitleid oder Anteilnahme im Internet suchen, sind wie katholische Priester im Pornokino. Wer das für echt hält, hat es nicht verstanden (Kein Gesundheitszustand!).
Mit diesen Eingrenzungen kann ihnen die spannende Selbstdarstellung, inklusive Anschlusskommunikation gelingen. Vorausgesetzt, sie sind auch offline interessant.
2. Die Fotos
Grundsätzlich gilt: weniger ist mehr. Der Mensch ist ein Augentier, folglich kann das Darstellen der eigenen Äußerlichkeit durchaus von höherem Wert sein, als die verbale Beschreibung komplexer Innerlichkeiten. Doch – und diesen scheinbaren Widerspruch können viele nicht auflösen – ist auch die Äußerlichkeit vielschichtig. ODer zumindest kann sich als komplexes Mittel genutzt werden. Das bedeutet; um interessant zu sein, muss ihr Portfolio an Hochglanzmomenten ebenso abwechslungsreich sein, wie sie sein wollen, sein können. Idealtypisch gesprochen: Jedes Motiv sollte sich von seinem Albumsnachbarn unterscheiden. 50mal das gleiche Schlafzimmerblick (gerne auch mit einer Note Napoleon!)oder die gleiche Ansammlung verschiedener Helden der Kindheit (Janosch nicht vergessen!) zeugt von einer Monotonie, die mehr abschreckt, als interessiert. Und die Vodka-Flasche muss auch nicht jedes Mal ins Bild. Jedes Foto, zumindest aber jedes Album braucht also ein Alleinstellungsmerkmal. Unter dieser Prämisse ist es dann aber ganz gleich, ob sie kein Foto oder 500 einstellen. Das Mark Zuckerberg – und natürlich Sie selbst – nur Zeuge auf- und nicht abwertender Momente ihrer Person werden möchte, versteht sich von selbst.
3. Die Infos / Der Steckbrief
Grundsätzlich gilt: bleiben sie sich treu. Auch wenn wir uns seit I Heart Huckebees auch permanent fragen: "wie kann ich nicht ich selbst sein?!" Die Frage, die diese beiden Wege vereint, lautet: Wie kann ich das was ich bin, mögen? Sich treu bleiben, heißt eigentlich, sich selbst mögen können. Selbst ihrem Steckbrief merkt man an, ob sie hier etwas darstellen oder nur darstellen wollen. Quantität spielt dabei eine zumeist unterschätzte Rolle. ZU häufig vergleichbare Informationen (Meine Exfreunde haben doofe Freundinnen!) verlieren ihre Wirkung mit jeder Wiederholung. Jede Aussage, jede Info wird mit in ihrer Paraphrasierung zu einem Euphemismus ihrer selbst. Doch wer in seiner Rolle als Schöngeist, Partyhase, Philosoph, Womanizer, Sportler oder Freak glaubwürdig aufgeht, dem wird sie vom Pöbel als Persönlichkeit angeheftet. Wer eine solche Figur schlecht spielt, dem wird die gewählte Identität zum Verhängnis. Die Qualität unserer Darstellung hängt vom Identifikationspotenzial unserer Rolle ab. Lee Strasberg ist überall. Wir spielen alle. Aber mögen sie, was sie spielen. Sogar Focus lesen ist ok. Aber schämen sie sich nicht dafür. Laut Scooter hören ist besser, als heimlich Hoffenheim zujubeln. Mensch bedenke, dass du sterblich bist. Facebook-User bedenke, dass du durchschaubar bist.