Montag, 3. Oktober 2011

Meister der Schmerzen

Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft. Der Blick in ihn kann erschaudern und trösten. Und solch eine Sicht kann Dinge erklären, oder zumindest voneinander abgrenzen. Der Versuch einer Bewusstwerdung.

Im Herbst 2003 sitzt Steve Bartman in einem Baseballstadion. Es ist der sechste Spiel der Best-of-7-Serie seiner "Chicago Cubs" gegen die "Florida Marlins". Die "Cubs", sowas wie das "Schalke 04" des amerikanischen Sports, ein gutmütig angehauchter Verein, dem ein Moment der Tragik immerzu anhaftet, nur ohne den pathetischen Überhang des Arbeitermilieus, sind seit 1903 ohne Titel. Die Amerikaner sprechen bei solchen Momenten immer gerne von Flüchen, die nicht zu brechen sind. Gewinnen die "Cubs", stehen sie erstmals seit Ewigkeiten im Finale um den Titel, die man in traditioniell-amerikanischer Bescheidenheit "World Series" nennt. Im achten von neun Innings steht es 3-0 für das Heimteam. Dann fliegt ein Ball ins Aus, in Richtung Bartman – und der alles umgebende Überzug, den man Zivilisation nennt, geht in Flammen auf.

Baseball ist ein langweiliger Sport. Unzählige Pausen zwischen wenig aufregenden Momenten - was ihn dann letztlich vom Football unterscheidet - machen das Spiel auch für seine Anhänger zur Nebensache. Baseballspiele besuchen Amerikaner vor allem wegen der gesellschaftlichen Teilhabe. Man isst im Stadion, liest, unterhält sich, es finden sogar erste Dates auf den Rängen statt. Der Sport besteht letztlich nur aus Statistiken, was es dem US-Bürger leicht macht, in gut und schlecht, gut und böse zu denken. Sowas wie unverdiente Sieger gibt es im Baseball nicht. Wenn im Baseball etwas historisches passiert, hat etwas gewöhnliches Jubiläum. Der 500. Homerum, der 1000. Sieg. Die Geschichten, die der Baseballsport schreibt, sind nichts anderes als Zahlen.

Steve Bartman mag diese Dinge, hat früher selbst Baseball gespielt. Er hat Kopfhörer auf, hört dem begeleitenden Radiokommentar zu, der im Normalfall nichts anderes macht, als die Dinge aufzulisten, die vor ihm auf dem Rasen vonstatten gehen. Ob ein Spieler trifft oder verzieht, wie schnell oder genau ein Pitcher wirft oder ob ein Verteidiger fängt.

In jenem achten Inning also fliegt ein Ball in Bartmans Richtung. Er sitzt in erster Reihe, direkt am Spielfeldrand. Der Verteidiger Alou versucht den Ball noch aus der Luft zu fangen und somit den Schläger ausscheiden zu lassen, wie einen verbrannten beim Brennball. Bartman macht das, was Zuschauer in diesem Moment machen: Er versucht den Ball zu fangen. Sich ein Souvenir zu sichern, vom Einzug ins Finale. Das wäre etwas wert. Bartman streckt sich, wie viele seiner Sitznachbarn auch. Er berührt den Ball und macht es für Alou unmöglich den Ball zu fangen. Alou ist sauer, flucht in Richtung Zuschauer, Bartman. Das Spiel geht weiter. Und es kommt, wie es kommen muss, damit es dramatisch wird. Anstatt auszuscheiden, trifft der Schläger Floridas den nächsten Wurf und seine Kollegen tun es ihm nach. Als das Inning nach den erforderlichen drei Outs beendet ist, führt Florida mit 8-3. Die Cubs verlieren und sie verlieren auch das nächste Spiel und scheiden aus.

Das Stadion der Cubs, das nach einem Kaugummihersteller benannte "Wrigley-Field", gilt als Urstätte der Gemütlichkeit. Der Volksmund nennt es "The Friendly Confines". Aber nicht heute. Fox-Sports erkennt noch in der Live-Übertragung die epische Tragik dieses Moments und füllt fortan jede der Spielunterbrechungen mit Blicken auf Bartmans Gesicht. 40.000 Menschen und nochmals 10.000 vor den Toren sehen unablässig in das versteinerte Gesicht eines Mannes um die 30. Langsam rumort es. Es brodelt. Erste Beschimpfungen fliegen heran, dann immer mehr. Menschen kippen ihr Bier über Bartman, werfen Essen nach ihm. Bis schließlich das ganze Rund einstimmt: „Asshole.... Asshole.... Asshole.“ 40.000 Zeigefinger in Bartmans Richtung. Der sitzt immer noch da, hört immer noch Radio, wo man über ihn redet und guckt immer noch steif in Richtung Spielfeld. Es ist der vielleicht leerste Blick der jemals in Bildern dokumentiert wurde. Nach einem kurzen Moment dreht er sich zu seinem Sitznachbarn und fragt: „Glaubst du, ich habe etwas falsch gemacht?“ Er erhält keine ernstzunehmende Antwort. Dann sitzt er wieder da und wischt sich mit dem Ärmel seines Pullovers, auf dem das Logo der von ihm trainierten Jugendmannschaft zu sehen ist, Bier aus dem Gesicht. Wenig später erreicht eine Gruppe Security-Guards den Block. Sie begleiten Bartman hinaus, er hält sich seine Jacke vors Gesicht, wie ein Strafgefangener. „I kill you!“ rufen einige, ein anderer schreit: „Put a gun into your mouth and pull the trigger!“ Spießrutenlauf, in Urform. (http://www.youtube.com/watch?v=JoumAUfwnI8&feature=related) Die Guards schließen Bartman weg, ziehen ihm andere Sachen an, nehmen ihm die Cubs-Mütze ab und schaffen ihn aus Ermangelung einer Alternative ins Haus einer der Securitys. Dort ruft er seine Eltern an, sagt ihnen, dass es ihm gut geht. Wenig später wird er nach Hausegeschickt und verschwindet. Er wird nie ein Interview geben, noch Jahre später Autogrammwünsche für 25.000 Dollar ablehnen. Ein Verwandter wird im TV einen Entschuldigungsbrief vorlesen. Bartmanns Sitznachbar, dem der Ball letztlich in die Hände gerollt ist, verkauft diesen für 100.000 Dollar an ein Restaurant. An Halloween des gleichen Jahres geht man in ganz Chicago als "Bartman".

Am Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung im Judentum, wird traditionell einem Ziegenbock durch einem Geistlichen die Hand aufgelegt. Anschließend wird er durchs Dorf getrieben, wo das anwesende Volk seine Sünden auf ihn abladen kann, mit denen das Tier anschließend aus dem Dorf oder über die Klippe gejagt wird. Vergleichbare Bräuche sind auch in anderen Religion zu finden.

Die Tradition des Sündenbocks ist ein wesentlicher, stabilisierender Grundpfeiler unserer sozialen Ordnung. Psychologe René Girard sagt, je zerrissener eine Gesellschaft ist, desto mehr braucht sie einen Sündenbock, der laut Elliot Aronson machtlos, unbeliebt und leicht identifizierbar sein muss. Bartman ist all das. Er ist Computer-Fachmann, Angestellter. Er trägt Rollkragen, 90er-Kopfhörer und Kassengestell. Er ist zu schwach, um sich zu wehren. Er ist Opfer.

Und vielleicht kann man den Stand einer Gesellschaft daran ablesen, wie sie mit ihren Opfern umgeht. Wie sehr eine Gesellschaft in Schachklub und Quarterback unterscheidet. Wie viel Mobbing es an Schulen gibt. Wieviel sie von Schicksal und von Fluch redet. Wie Medien Emotionen zeigen oder machen - und wieviel Geld sie damit verdienen. Wie sehr eine Gesellschaft im Stande ist, Optimismus zu leben oder (nur) zu predigen. Wie sie mit Niederlagen umgeht, mit den eigenen, fremden oder kollektiven.

Am 17. Juni 1994, am selben Tag, an dem OJ Simpson über eine von unzähligen Passanten gesäumte Autobahn fährt und dabei von so vielen Fernseh-Helikoptern begleitet wird, dass sich ihre Signale überlagern und es Störungen im heimischen Livebild gibt, steht ein Junge in den Straßen von New York. Konfetti regnete von den Dächern. Die heimischen "Rangers" haben nach langer Zeit die Eishockey-Meisterschaft gewonnen. Der Moderator hatte im Moment des Triumphes gerufen: "The curse is over!". Der Junge steht vor einem Manhattener Mikro und spricht: "Now, I can die happy!". Er sieht nicht älter als 12 Jahre aus.

Am 19. Mai 2001 verliert Schalke 04 in unfassbarer Dramatik die Meisterschaft. Als Anderson in Hamburg trifft, ruft Fritz von Thurn und Taxis, der auf Schalke moderiert: „Hoffentlich tut sich heute niemand etwas an“. Wenige Tage später gewinnt der "FC Bayern München" das Champions-League-Finale, das er 2 Jahren zuvor, in der „Mutter aller Niederlagen“ ("11 Freunde") gegen "Manchester United" verloren hatte. Damals hatte niemand von Schicksal oder Fluch geredet.

"Schalke 04" gewinnt einen Samstag später den DFB-Pokal in Berlin. Auf den Rängen, während des Spiels, hängt ein Transparent im Schalker Block. Und immer wenn ich über die USA und Deutschland rede oder denke, ganz gleich ob es um Psychologie, Vorurteile, Sport, Wirtschaft, Rassismus oder Politik geht. Ich will mich immer daran erinnern, wie Steve Bartman auf seinem Stuhl in Chicago sitzt und die Hölle über ihm aufbricht. Oder wie ein 11jähriger in ein Mikro spricht, und wie "Fox-News" über all das berichtet. Und demgegenüber, mit leicht-patriotischem aber vor allem erleichtertem Bewusstein, was damals auf dem Banner der Schalker Anhänger stand: „Alles wird gut“.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Nihilismus als Chance

Heimat, Vergänglichkeit, Kunst, das gute Leben und ein wenig Filmspinnerei: Ein ganz, ganz, ganz grundsätzlicher Text

"Nichts gegen Masturbation, das ist Sex mit jemanden, den ich liebe." (W. Allen)


Heimat ist allein schon deswegen der schönste Ort der Welt, weil es der einzige Ort ist, an dem sich niemand über deine Heimat lustig macht. Und wenn es jemand tut, dann darf er das. Das ist wie die kleine Schwester, über dessen Kleidungsstil man sich in Gegenwart Gleichaltriger auslässt. Doch wehe, jemand mit dem man nicht die DNA teilt, bezeichnet sie als leichtes Mädchen. Dann Gnade ihm nicht mal mehr Gott. Der, so wird zu beweisen sein, ist eh ein faules Miststück, der nach sechs Tagen Arbeit auf Sonntagsausflug ist - bis heute.

Natürlich hat Heimat mit Familie zu tun. Mit Zugehörigkeit. Mit Sicherheit. Mit dieser unschätzbaren, unüberschätzbaren Fantasie – und in guten Fällen: Erfahrung, dass es einen Ort gibt, an dem du dich nicht beweisen musst. Wo man dich liebt. Nicht für die Dinge, die du tust oder lässt. Sondern einfach liebt. Weil du atmest. Natürlich streben wir danach, dieses Gefühl später zu imitieren. Da ist auch nichts Falsches dran. Wir suchen uns Menschen, die wie unsere Mütter riechen oder wie unsere Väter reden. Wir singen Lieder auf sie, auf diese Gerüche, diese Bräuche und Momente. Wir machen alles wie sie. Weil wir hoffen, dann wird alles gut, so wie früher. Ob und wie es früher so war, ist nicht mehr als ein Fun-Fact kognitiver, menschlicher Überlebensstrategien.

Wir singen Lieder auf die Vergangenheit, in dessen Unveränderbarkeit, dessen Unzerrstörbarkeit alles noch größer wird. Jedes Gefühl von Sicherheit, von Frieden kann in diesem Schutzraum der Selektion noch tiefere Wurzeln schlagen. Wir singen Lieder auf das Gewesene, weil es uns niemand nehmen kann. Unsere Eltern werden sterben, unsere kleinen Schwestern hören auf, niedlich zu sein, unsere Freunde haben besseres zu tun. Selbst unsere Liebe, die Liebe, die wir verschenken, vergeht. Das lernen wir, noch bevor wir die Schule verlassen. Wenn wir, die perfekten Wesen, als die wir uns jeder für sich und heimlich begreifen, schon nicht ewig lieben können, wer soll dies sonst vollbringen? Und ganz nebenbei: wer soll uns schon lieben, so perfekt wie wir meinen zu sein, so sehr halten wir es doch genauso mit Woody Allen: Mit der Liebe ist das wie mit den Clubs. Man möchte nie Einem angehören, der Leute wie einen selbst als Mitglied aufnimmt.

Doch irgendwann, aller Verklärung, aller Sicherheit zum Trotz, geht man. Zur Sparkasse oder nach Spandau, aber weg. Wahrscheinlich weil man sich nur vor einer Sache noch mehr fürchtet, als vor der Einsamkeit: Vor dem Tod. Und den überlistet man vermeintlich, halt nur mit Sex. Weswegen „Antichrist“ ja auch so ein perverser Film ist, weil er den Orgasmus in sein Gegenteil verkehrt. Weil er das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, das Überleben des eigenen Kindes, mit dem größten, was der Mensch gegen seine Ängste tun kann, verbindet. Weil der Versuch, die eigene Sterblichkeit zu hintergehen, in der absoluten Gewissheit endet, sterblich zu sein. Was der Film dann damit macht, und wem er die Schuld an seiner eigens geschaffenen Hölle gibt, ist das Resultat einer depressiven Phase eines Regisseurs, der sich zu oft bewusste gemacht hat, Künstler zu sein.

Wenn selbst das eigene Kind stirbt, vor seinen, den eigenen Augen. Dann tut man es selbst erst Recht. Gewissheit ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Deswegen sind Religionen ja auch so ungewiss. Und jeder, der so etwas erlebt und danach einigermaßen wieder auf die Beine kommt, hat meinen größten Respekt! Doch die Hoffnung, sie stirbt halt immer zuletzt, aber manchmal stirbt sie. Doch wir überwinden die Angst zu scheitern und ziehen in die Welt – und Gründen Familien.

Da fragt man sich manchmal wie das die Homosexuellen aushalten. Wie sie gar keine Möglichkeit zur Weitergabe des eigenen Lebens haben. Adaption, zumindest in meiner Vorstellung, ist da auch nicht mehr als Evolutions-Methadon. Vielleicht zieht es deswegen so viele Schwule zur Kunst. Weil es Menschen innewohnt, zu kreieren. Und wer sich selbst nicht nachbauen kann, der kompensiert das mit übrig gebliebenen Mitteln. Vielleicht zieht es deswegen alle Scheidungskinder in die Großstädte. Weil dort die Kunst ist. Oder vielleicht ist die Kunst auch immer dort, wo die Scheidungskinder sind. Auf jeden Fall sind es die schlechten Kindheiten, die zur Kunst streben. Es wollen die ihre Wurzeln und Ideen und Schmerzen besingen und besiegen, die überhaupt lernen mussten, dass sie Wurzeln, Ideen und Schmerzen haben. Weil sie unfähig sind, zu verklären.

Vielleicht ist es eine der größten Glücksfälle des Menschen, wenn es ihm ungebrochen gelingt, seine Kindheit zu verklären, sie zu diesen Paradies auf Erden zu machen, wo niemand rein darf außer man selbst. Vielleicht müssen diejenigen, die keinen Eintritt in dieses gelobte Land haben, deswegen versuchen, sich anderorts ihre Welt zu bauen. Mit Gitarre, Stift, Pinsel, Kamera oder Stimme. Vielleicht ist Kunst das Methadon der Menschen, die irgendwo zwischen übergriffigen Großeltern, traurigen Eltern, mainstream-neurotischen Mitschülern und ungeteilten Interessen, ihr Urvertrauen verloren haben. Und jetzt kommt die traurige Wahrheit: Das Urvertrauen, es kommt nie wieder. Das Urvertrauen ist wie ein verpasster Zug. Klar, irgendwann kommt der nächste. Aber pünktlich wirst du nie wieder.

Und doch hoffen wir, dass der nächste Zug noch aufholt, einholt, überholt. Weil wir uns selbst trösten wollen, erfinden wir Jing-Jang-Logiken. Die machen aber nicht nur Hoffnung, sie schaffen auch Unmengen Enttäuschungspotenzial und nicht zuletzt: Druck. Wer in der Schule die Steine an den Kopf bekommt, will später mit Rosen beschmissen werden und tröstet sich mit der Lüge, dass jeder Stein die Rose wahrscheinlicher macht. Man tröstet sich mit der Lüge, dass das Leben gerecht ist. Und wenn wir merken, dass unsere eisern durchlebte Kindheit doch für nichts nütze war, weil "der Durchbruch" auf sich warten lässt, wem gibt man dann die Schuld? - Sich selbst. Dann wird aus dem Trost auch nur wieder Versagen. Schließlich hätte man mit dieser Vergangenheit nun wirklich genug Potenzial eine große, bedeutsame Persönlichkeit zu werden, wir Versager!

Es bleibt allen (uns) Opfern nur zu wünschen, dass sie es nicht persönlich nehmen, wenn Rosen und Medaillen ausbleiben. Denn darin liegt das Hauptbeweisstück für die Anklage, Gott neben dem Strafverteidiger, sein Massenmörder-Grinsen aufgesetzt: Das Leben ist ein Arschloch. Nicht weil es Leid gibt, sondern weil sich Leid und Glück nicht ausgleichen. Gott ist nicht tot, das wäre verständlich. Gott ist in Rente, ihm ist schon längst alles egal.

Die einzige Möglichkeit, die man hat, besteht darin, zu akzeptieren. Was nach Nihilismus klingt, führt in Wirklichkeit zu Stärke und Frieden, und den muss man machen. Mit sich. Aller Abgedroschenheit zum Trotz: Alles was du tust, tue für dich. Alles was du brauchst, nimm es dir! Aber erwarte kein Lob dafür, keine höhere, ausgleichende Kraft, keine Gerechtigkeit. Scheidungskinder haben die höchsten Scheidungsraten, weil sie ihr Urvertrauen in die Zuneigung verloren haben. Sie klammern, eifersüchteln, träumen und zweifeln, an Partnern, aber eigentlich nur sich selbst und der Welt. Ihre Tragik liegt nicht im zurückliegenden Unglück, sondern ihr Unglück steht dem Glück weiterhin im Weg, bis in alle Ewigkeit, Amen.

Also bleibt den Heimatlosen nur zu wünschen, dass sie akzeptieren, keine solche zu haben und man nicht automatisch zu einem guten Vater wird, nur weil der eigene scheiße war. Dass Mobbingopfer verstehen, dass sie auch in Zukunft anders sein werden, dies aber leider nicht immer zu Ruhm und Ehren führt. Dass man sich eingesteht zu weinen, aber aufhört zu hoffen, dass die vergossenen Tränen auf fruchtbaren Acker fallen.

Dass man ein Buch schreibt, dass man selbst lesen würde. Einen Film dreht, der die eigenen Bilder im Kopf wahr werden lässt. Ein Bild malt, das nur die eigenen Hände fertig bringen. Einen Menschen lieben, es ihm sagen, ohne das gleiche von ihr oder ihm zu verlangen. Ein Kind zeugen, das nichts mehr von einem verwirklichen muss. Das hat es doch schon! Es atmet. Dinge tun, weil man sie tun will, nicht weil sie etwas bewirken sollen, weil endlich Gerechtigkeit eintreten soll. Aber nochmal: Gott ist ein Arschloch, ein Misantroph, ein Zyniker, ein Hartzer, und alles was du tun kannst, ist ihn zu ignorieren. Er wird dich nicht erlösen. Niemand wird irgendwen erlösen. Du kannst dich erlösen, von der Hoffnung das Recht auf ein gutes Leben zu haben.

Montag, 19. September 2011

Flaschendrehen im September

Man findet seinen Frieden nicht. Man macht ihn.

Die Stadt ist verkatert. O'fuckt is. Selbst der Himmel hat Kopfschmerzen, es blitzt durch seine Wolken. Die Mehrheit hat sich selbst gefeiert. Das kann sie, weil sie sich keine Gedanken darüber macht, warum. Die Mehrheit. Einmal übertreiben, einmal über die Stränge schlagen, weil die Strenge sonst zur Last wird. Das selbstauferlegte Kreuz des sündenbehangenen Lebens, es drückt beständig in den Rücken, die restlichen 50 Wochen.

Auf dem Rücken der funktionalen Sportbekleidung prangt der Name des Fußballclubs, in dem man 15 Jahre Erinnerungen gesammelt habe. Die Jungs aus damaligen C-Jugend sind mittlerweile mit der Schule durch. Das Internet verrät, dass sie zufrieden sind. Manche scheinen es sogar verdient zu haben. Ich mache mir selbst immer Glauben, sie hätten damals – allen Frotzeleien und Schikanen zum Trotz – auch zu mir aufgeschaut. Dass etwas von mir geblieben ist. Dass ich Spuren hinterlassen habe. Dass die Liebe zum Spiel, meine Art das Spiel zu sehen, auch die ihrige geworden ist. Das wäre schön.

Ein BWL-Schnösel zieht vorbei. Eine gelangweilte Hausfrau summt und wirft die Arme von sich. Die Schwere-Reiter-Straße hat sich wieder die eigenen Wunden aufgekratzt. Der Asphalt blutet, der Regen wird zur Kochsalzlösung. Da schlurft es sich mit hängender Frisur und ausgedehnten Laufschuhen entlang und man wünscht dieser Stadt, mit innerem Lächeln, ein bisschen Unglück, ein bisschen Tragik, ein bisschen Zweifel. So ungefähr wie einer John Irving-Figur. Dann würden sie mir ähnlicher. Dann könnte ich in ihrer Mitte stehen. Doch Zweifel sind was für Minderheiten. Die Mehrheit hat immer sich selbst. Und mit fast ehrlichem Mitleid fragt die Holofernes, ob man wüsste, wie es ist, immer raus zu fallen. Aber nie weit genug, um irgendwo anzukommen. Da würde man jetzt gerne drüber nachdenken, aber die Seitenstiche drängeln sich dazwischen. Leichte Schmerzen, gesunde Schmerzen. Mögen sie nie abklingen.

Wie der Schmerz im Magen, das schwere Atmen nach dem Schlag, damals, an der Frittenbude. Der Minderwertigsmagnet mit Übergewicht und mindestens einem Freund zuviel. Was hab ich ihm die Fresse poliert. Was hab ich ihm die Nase eingedrückt. In Gedanken ging ich anschließend zu ihr, klingelte, hielt mir dramatisch die Stirn und sagte nur: "Du solltest den anderen erst sehen". Sie hätte mich herein gelassen. Einmal nicht Opfer gewesen. Einmal das weinerliche „bitte beachtet mich“ gegen das feldherrische „Seht mich an!“ getauscht. Gute Vorstellung. Gute 6 Stunden, gutes Aufwachen. Bis die Hübsche vom Nachbartisch plötzlich in der zweiten Stunde herüberspuckte, wie unfair ich doch gekämpft hätte. Zum Beweis lagen ein paar minderwertige Haare auf dem Tisch. Auf die nächsten Flaschendrehparties wurde ich - wie zuvor - nicht eingeladen.

Viel hat sich seither nicht geändert. Aus den Flaschen wurden Maßkrüge und im Kreis sitzen nicht mehr 6 sondern 6 Millionen. Die Worte sind etwas gewählter, die Ansichten etwas aufgebrochen. Erwachsenwerden ist auch nichts anderes, als sich seine Irrungen einzugestehen und - im guten Fall - zu akzeptieren. Freude nennt man nicht mehr die, mit der größten Spiele- sondern der größten Plattensammlung. Die Frauen sind selbstbewusster.

Ja, alter Zweifler, was willst du denn noch, fragt der Song aus der Deichmann-Werbung, irgendwo, wo keine Karrieristen mehr überholen. Wir haben „Songs, Sex, alles!“ Kettcar missverstehen, davonziehen. Mit erhöhter Schlagzahl. Schattenboxen mit der Seele. Und der Weg, der selbstredend, immer wieder und naturgemäß das Ziel bleibt, wird gesäumt: von der Kreativität, den Kommilitonen, den Menschen mit Meinung, den Freunden, der Hobbymannschaft, dem Stammlokal. Von dem Gedanken, dass aus Verweilen Bleiben wird. Von dem genauso beängstigenden wie tröstenden Gefühl, dass das Leben aus drei Akten besteht: Heimat, Verlassen der Heimat, Finden einer Heimat. Die Kunst ist, Akt zwei zu genießen und Akt drei zu meistern. Selbst wenn Akt eins nur aus ein paar Trainingseinheiten und einer Prügelei bestand.

Nichts fliegt einem zu. Keiner weiß das besser, als man selbst. Keiner darf einem das sagen, als man sich selbst. Und das ruft man hinaus, bis in die Zelte. Hier bin ich! Nicht ich bin hier mit euch, ihr Mehrheit, ihr seid hier mit mir. Gewöhnt euch dran! Ich bin eure neue Minderheit. Ihr habt mich nötig. Ich ziehe bei euch ein. Euren Fußballklub könnt ihr behalten, da brauche ich erstmal etwas Zeit für mich allein. Euren Karneval im Einheitskostüm, die Schleife, die primäre Geschlechtsfuge entlang, will ich euch nicht neiden. Euren Musikgeschmack wollen wir mal nicht so nennen.

Aber eure Spezi nehm ich und euren Alkohol, eure Joggingstrecken, euren Sinn für Hedonismus, euer Wetter und eure nicht-blonden Frauen.

Frage nicht, was dir deine Stadt bedeutet, frage, was du deiner Stadt bedeutest.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Top 5 - Records (III)

... es hört nie auf ...

Top 5 - Über Sex kann man nicht reden, aber singen

Katy Perry - E.T.

Kante - Warmer Abend

MIA - Kreisel

Blink 182 - The Party Song

Britney Spears - If You Seek Amy



Top 5 - Hüpf Miststück, Hüpf!

Two Door Cinema Club - Eat This Up, It's Good For You

Muff Potter - Alles was ich brauch

The Wombats - 1996

Artic Monkeys - View From The Afternoon

Beatsteaks - I Don't Care As Long As You Sing



Top 5 - Liebe ist vergänglich, Kunst bleibt

Damien Rice - 9 Crimes

Kaiser Chiefs - Love Ain't A Competition (But I'm Winning)

Kettcar - 48 Stunden / Wir müssen das nicht tun

Mumford & Sons - I Gave You All

Juli - Wenn du lachst



Top 5 - In diesen Akkorden ist man weniger allein

Wir Sind Helden - The Geek

Aimee Mann - One

Billy Talent - Nothing To Lose

Karpatenhund - Wald

Death Cab For Cutie - Someday You Will Be Loved



Top 5 - Das Gewicht der Welt passt nicht mal in diese Songs

Joy Division - Transmission

Sum 41 - Pieces

Slut - The Day It Rained Forever

Billy Talent - Surrender

Coldplay - Amsterdam



Top 5 - verwirrt und auch noch glücklich

Cassisus - Toop Toop

The Vines - Ride

White Lies - Holy Ghost

The Ting Tings - That's Not My Name

Die Ärzte - Friedenspanzer



Top 5 - Bitte ziehen sie durch!

Taking Back Sunday - Error:Operator

Deichkind - Krawall und Remmidemmi

Royal Republic - Underwear

Rammstein - Mein Teil

Boysetsfire - Requiem

Montag, 6. Juni 2011

Top 5 - Records (II)

...und weiter geht die wilde Fahrt.


Top 5 – Vorglühmomente

Spider Murphy Gang – Skandal im Sperrbezirk

Fettes Brot – Bettina

Scooter - Hyper Hyper

Beyoncé – Single Ladies

Vengaboys – Boom Boom Boom


Top 5 – gute Songs von miesen Bands

Linkin Park – The Little Things Give You Away

Simple Plan – Take My Hand

Avril Lavigne – Sk8er Boi

Jet – Look What You've Done

Dashboard Confessional – Stolen


Top 5 – Songs fürs Snowboarden, fürs Laufband, fürs in Bewegung bleiben

Billy Talent – Perfect World

Frittenbude – Das ist Kunst (1000 Jahre)

Rammstein – Nadel

H-Blockx – Time Of My Life

Dredg – Uplifting News


Top 5 – Für den Sonnenuntergang

Paramore – The Only Exception

Olli Schulz – Schritt Für Schritt

Slut - Something To Die For

Oasis – Champagne Supernova

Death Cab For Cutie - Transatlanticism


Top 5 – Für den Sonnenaufgang

Phoenix – Love Is A Sunset (Part I)

Slut – Global Cut

Two Doors Cinema Club – Eat This Up, It's Good For You

Dredg – Matroshka (The Ornament)

Johnossi - Man Must Dance


Top 5 – Coversongs

Jeff Buckley – Halleluja

Jimmy Eat World – Firestarter

Vanilla Sky – Just Dance

Ryan Adams – Wonderwall

Aimee Mann - The Scientist


Top 5 – Songs, die einem das Leben erklären

Kettcar – Nachts

Death Cab For Cutie – Passenger Seat

Jimmy Eat World – A Praise Chorus

Editors – Munich

Tomte - Die Schönheit der Chance



Top 5 – Wenn Songs Häuser sind, sind das Wolkenkratzer

Jimmy Eat World – Get It Faster

Editors – Bricks And Mortar

Foo Fighters – Everlong (gerne auch in der Acoustic-Version)

Muse – Map Of The Problematique

Jimmy Eat World – Goodbye Sky Harbor


Top 5 – Jede Stadt hat den Soundtrack, den sie verdient

Interpol – NYC

Editors – In This Light And On This Evening

Peter Fox – Schwarz Zu Blau

Rammstein – Moskau

Jay-Z – Empire State Of Mind


Top5 - Records (I)

Es wird Zeit Nick Hornby zu ehren. Nicht nur mit dem Geist, der Art wie wir täglich unser Leben denken. Als wären wir seinen Figuren nachempfunden und nicht umgekehrt. Sondern mit der Tat. In der Top5-Tradition, dem High-fidelischen Gedanken unseren tiefen, ehrlichen Respekt entgegen bringen. Die Kategorie macht die Musik. Sammeln wir Empfindungen.


Top 5 – die traurigsten Lieder für betrunkene Stunden

Bosse – 3 Millionen

Death Cab For Cutie – What Sarah Said

Imogen Heap – Hide And Seek

Jimmy Eat World – Hear You Me

Editors – Well Worn Hand


Top 5 – Jugendsünden, für die man sich nicht schämt

Limp Bizkit – Take A Look Around

Blink 182 – The Party Song

Die Ärzte – Schunder Song (letztlich alles von den Ärzten)

Die Prinzen – Gabi und Klaus

Sum 41 – Fat Lip


Top 5 – Zurecht vergessene OneHit-Wonder mit zu unrecht vergessenen OneHits

Wamdue Project – King Of My Castle

Stars – Take Me To The Riot

Ian O'Brian-Docker – Totally Alright

Azzido Da Bass – Lonely By Your Side

Carpark North - Human


Top 5 – Bands, die alle mögen außer man selbst, die dann aber doch einen Hit hatten

Tocotronic – Hey Freaks

Bloc Party – This Modern Love

Blur – Song 2

Queens Of The Stoneage – Little Sister

Radiohead – Street Spirit


Top 5 – Wut ist gut

Billy Talent – Devil In The Midnight Mass

Rise Against – Worth Dying For

Three Days Grace – Riot

Rage Against The Machine – Killing In The Name Of

Sum 41 – We're All To Blame


Top 5 – Wir ersticken nicht an Coolness, die Coolness erstickt an uns

Oasis – Gas Panic

Royal Republic – We Are The Royal

Lexy & K-Paul – Vicious Love

Muse – Undisclosed Desires

Lostprophets – Last Train


Top 5 – Nur Du und die Autobahn

Editors - Bullets

The Sounds – Song With A Mission

The Naked And Famous – Young Blood

The Wombats – My First Wedding

Kyle Minogue – Get Outta My Way


Top 5 – Songs so gut, dass man eine Kategorie für sie erfinden muss

Mazzy Star - Fade Into You

Frittenbude – Bilder Mit Katze

Ellie Goulding – Starry Eyed

Faithless – Insomnia

Florence & The Machine – Cosmic Love


Sonntag, 5. Juni 2011

Alles kann, nichts muss

Was die Welt im Innersten zusammenhält: Death Cab For Cutie sind schon längst kein Geheimtipp mehr. Was sie aber nicht davon abhält, großartige Alben in die Welt zu entlassen.


Es ist Frühling. An allen Ecken und Enden sprießt und gedeiht es. Alles was war, ist vorbei. Alles was noch kommt, ist bedeutungslos. Ein dumpfer Beat schleicht, surrt, spinnt ein Netz aus verschlafener Erhabenheit. Ein schüchterner Riese erwacht. Er wischt sich den Sand aus den Augen, reckt sich, setzt etwas Kaffee auf. So hört sich „Home Is A Fire“ an. Der Auftakt zur neuen Death Cab For Cutie Platte "Codes & Keys". Ein Türöffner, mit dem man sich auf den sonnengefluteten Balkon setzen möchte. Das Müsli auf dem Schoß, die Haut noch etwas feucht aus der Dusche und den leichten Geruch des Deos in der Nase. „Plats, they will shift, houses will shake, fences will droop, will will awake, only to find, nothing's the same. “. Genau.

Zuletzt sind die vier Herren aus Bellingham, Washington zunehmend ins Zentrum des Pop-Kosmos gerückt. Die ersten Alben der Band sind ein Sammlertraum: experimentell, zerfranzt und reich gesät an ungebügelten Kostbarkeiten, die einladen, sie als seine eigene, ganz persönliche Entdeckung zu vereinnahmen. Nachdem einem gerichtlich geführten Scheidungskrieg mit dem Basis-Label "Barsuk" und dem „Transatlanticism“-Intermezzo beim „Grandhotel Van Cleef“ (2003), kam man ab 2005 beim Major „Atlantic“ unter. Eine Kooperation, die beiden Seiten gut getan hat. Death Cab For Cutie ist eine dieser Bands, die saubere Melodien schaffen kann, ohne dabei beliebig zu werden. Immer irgendwo zwischen Indie und Pop steht und sich gar nicht entscheiden will. Songe, die zu gleichen Teilen klassische Eingängigkeit entwickeln und elektronische oder Postrock-Experimente anbieten. Die letzten Alben stiegen in den USA und anderswo auf 1 und Songs der Band schafften es immer häufiger in jugendliche TV-Formate, deren Zielgruppe entweder mitten in der Pubertät steckt ("O.C. California") oder versucht, dieser zu entkommen ("How I Met Your Mother"). Sogar in die "Twilight"-Reihe hat es das eigens dafür produzierte „Meet Me On The Equinox“ geschafft. Und zu allem boulevardesken Überfluss hat Sänger, Texter und Charakterkopf Ben Gibbard die schnucklige Zoey Deschanel ( "(500) Days Of Summer") geheiratet. Auf schleichenden Sohlen sind "Death Cab For Cutie" so etwas wie Popstars geworden. Ein Zustand, der frustierten Internet-Usern meist böse aufstößt und auch diesmal Reaktionen zwischen Verwirrung und Entrüstung provozierte.

Doch darin liegt vielleicht das Geheimnis dieser Band. Das kann ihr alles nichts anhaben. Erfolg ist bei "Death Cab For Cutie", so scheint es, eher ein beiläufiges Moment als eine Karriereeigenschaft. Die Gruppe macht einfach Musik: selten formel, trotz großer Gesten weit vom Kitsch entfernt. Ehrlich, wie man so oft sagt, und nur selten meint. Ein Klangspektrum, von der Gitarre, mit denen man auf dem Fahrrad den sonnenbefleckten Hügel hinunter gleitet und dabei Kopf und Arme in den Windzug wirft. Bis zum Klaviergeschwader, das einem danieder streckt, in die Flut der Trauer wirft und nicht mehr ins Trockene lässt. Death Cab For Cutie kennen das Glück und den Schmerz – und bringen jeder Gefühlswelt ihre ganze, unendlich scheinende Tiefgründigkeit entgegen. Für jede Gemütslage die passende Partitur, die nun von „Codes & Keys“ nochmals ergänzt wird.

Der Sound dieser Platte erinnert nicht selten an eine übergroße Picknickdecke, mit der man in die Sonntagsstimmung aufbricht, und auf der sich alle Kostbarkeiten des Lebens ausbreiten lassen. Die Band hat eine leise Zufriedenheit für sich entdeckt. Der Volvo zuckelt die Landstraße entlang, die Kinder halten Mittagsschlaf, die Frau liest, während sie sich die Sonnenbrille richtet. Alles ist möglich, nichts ist nötig. Von solchen Momenten wimmelt es auf diesem Langspieler. Auch der Titeltrack schlägt, nun ja, schuppst in gleiche Kerbe. Umkreist seine leichten Streicher und findet in der eigenen Friedfertigkeit Halt. „Some Boys“ spricht Manchem die Fähigkeit zu Lieben ab, schließt aber unverzüglich wieder Frieden mit seinen Namensgebern. "Let it grow, let it grow, when there's a burning in your heart, don't be alarmed“ besänftigt die Vorabsingle „You Are A Tourist“ sich und andere. Das Schlagzeug zuckt erwartungsvoll-nervös und der Bass nickt dazu. Die Band, die früher vor allem mit präziser, großer Geste agierte, hat sich der sanften Zwischentöne angenommen. Das Dazwischen war bei Death Cab For Cutie schon immer anwesend, aber nie wurde ihm diese ungebrochene Aufmerksamkeit zuteil. Nicht überschwänglich aber mit jeder Menge Urvertrauen ausgestattet. Das große Überraschungsmoment dieses Albums dabei ist, dass der allumfassende Optimismus nur selten in Naivität oder Langeweile übergeht. Nur im etwas beliebigen Mittelteil bekommt die Gemütlichkeit einen einschläfernden Touch.

Doch Meister der Dramaturgie, die Death Cab For Cutie immer noch sind, ist das nicht anderes als ein Anlauf. Zum Ende der Platte wird der pathetische Ernstfall geprobt wird, der diesmal aber verhaltener ausfällt als auf vorherigen Alben. Deswegen aber nicht weniger bedeutsam ist. Nun sind es seichte Spielereien und konstante Soundgebilde, die einem Klimax hinterrücks aufs Kreuz legen. „St. Peter's Cathedral“ beginnt vorsichtig, verwirft aber zunehmend seine Schüchternheit und wiegt sich im eigenen Instrumenten-Kanon, der sich einem erst mit ein wenig Abstand wirklich erschließt. Auch der überraschend klein geratene Rausschmeißer „Stay Young, Go Dancing“ hüpft unbeschwert am Teich entlang und ruft der Welt zu „And when she sings, I hear a symphony“. Überall auf den gut 45 Minuten hallt der Gesang etwas mehr als sonst und es sitzen kleine elektronische Verzierungen im Geäst. Die Songs wirken, trotz Längen von bis zu 6 Minuten nie ausufernd, bleiben immer greifbar.

In den kleinen Freuden des Lebens scheinen Gibbard und Gefolgschaft ihr Glück gefunden zu haben. Am deutlichsten wird das am heimlichen Star des Albums: „Underneath The Sycamore“. Ein Stück, dass wohl am wenigsten auf vergangenen Death Cab-Platten aufgefallen wäre. Konventionell im Aufbau, wirft der Track die Arme von sich, läuft die Straße entlang und schreit in die Welt, was ihn berührt. Da kommt altes und neues der Band zusammen und es fühlt sich gut an. Gibbard selbst bringt dabei wie immer wundervoll auf den Punkt: „This is, where we find our peace. This is, where we are at least.“