Es war in der 12. Klasse als mein damaliger Sowi-Lehrer einen seiner vielen Sätze sagte, welche mir bis heute in Erinnerung geblieben sind: „Materieller oder Immaterieller Reichtum ist möglich – nicht beides“. Er sagte diesen Satz sicherlich etwas ausschweifender und natürlich nicht so bildzeitungsartig komprimiert. Aber worum es ging, das Thema der Doppelstunde an jenem Mittwochvormittag lies mich von diesem Moment nie wieder richtig los. Es waren viele gute Momente in diesen 90 Minuten Mittwoch-Vormittags. Ob Globalisierung, Frauenquoten oder eben wie an jenem Tag, wirtschaftliche Theoriemodelle und ihre gesellschaftlichen Umsetzungen. Dieser eine Lehrer lebte eine innere Begeisterung für seine Fächer vor und steckte uns damit an. Es ging heiß her in den Diskussionen und Erörterungen. In Lehrer-Schüler- und Schüler-Schüler-Gesprächen. In und nach der Stunde. Ich lass zu Hause Stoff über den Stoff hinaus und hielt freiwillig Referate. Ich hatte Spaß an der Schule. Das Erkennen und lösen von politischen, sozialen oder sonstigen Fragestellungen oder das definieren eines eigenen Schwerpunktes, einer eigenen Meinung verschaffte mir eine innere Befriedigung. Es ging in diesen Momenten weder um Noten oder die Anerkennung Anderer. Ich hatte Blut geleckt. Ein tolles Gefühl.
Heute, an dem Tag an dem die Rohschrift für dies hier entsteht, hat gestern ein Tim in Winnenden, Baden-Württemberg 15 Menschen und sich selbst mit der Waffe seines Vaters erschossen. Warum er das tat weiß man nicht. Wahrscheinlich hat man mittlerweile alle Tatmotive auf irgendeinem riesigen Flipchart zusammen gefasst. Ganze "Spiegel(-TV), "Anne Will" oder "Galileo"-Sendungen werden sich mit dem Täter auseinander gesetzt haben. Aber die Gründe werden wohl wiedermal ähnliche sein wie immer in solchen Momenten. Scheiß Frisur, nichts zu vögeln, keiner der in der Mensa neben einem sitzen will, Essen dass am selbem Ort nach einem fliegt, Eltern die den ganzen Tag arbeiten oder besoffen sind, ein Gefühl von Endstation, Hilfslosigkeit, überforderte Lehrer, naive Umwelt und so weiter. Das Übliche.
Aber bitte keine Sorge an dieser Stelle. Das wird hier keine Täterverteidigung oder -mystifizierung. Nur soviel; der Junge war ein riesengroßes Arschloch und hat es nicht verdient, dass wir über ihn reden! Doch gleichzeitig möchte ich diesen Vorfall zu etwas machen, wozu auch jedes weitere vergleichbare Geschehniss taugt. Es taugt zum Indikator. Wofür? Für das Klima an deutschen Schulen, vielleicht sogar für den Zustand der (deutschen?) Gesellschaft. Wenn also Angela Merkel oder wer zur Hölle nach so etwas, wie auch schon beim letzten mal sagt, dass wir uns nicht mit solchen Tätern auseinandersetzen dürften, dass wir so etwas nicht verstehen dürften, dann tut man in diesem Moment vielen Menschen unrecht. Nicht diesem Wichser! Nein. Aber es ist ein einfacher Logikfehler, dass Wissen zu Nachahmung führt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Verständnis und Rechtfertigung. Oder einfach gefragt: macht uns Guido Knopp alle zu Nazis? Nein, aber wem an dieser Stelle Unrecht getan wird, sind andere. Es sind alle die, die nicht zur Waffe gegriffen haben. Alle, die nicht im Kampfanzug durch den Flur gestreift sind. Alle, die nicht vor haben Menschen zu töten, obwohl es ihnen genauso geht wie diesem Tim. Und davon gibt es eine Menge! Der Grund dafür, dass es nicht mehr feige, verantwortungslose, schlicht schwache Hundesöhne wie Tim gibt ist nicht, dass es nur wenigen so dreckig geht wie ihm. Sondern, dass die meisten Menschen gut sind. Ihre "gut-sein" - ihre Tugend wenn man so will - besteht darin, dass sich eher selbst bestrafen für Mobbing und/oder nicht vorhandene Eltern- und Lehrer-Persönlichkeiten. Sie fressen sich bis zur Unkenntlichkeit voll, ritzen sich die Arme, saufen sich permanent ins Koma oder zerstören passiv wie aktiv sämtliche Möglichkeit auf zwischenmenschliche Beziehungen. Aber, sie greifen sich selbst an, nicht andere. Diese Menschen verdienen unsere Hilfe, ja sogar unser Verständnis und unsere Aufmerksamkeit. Diese Menschen haben ihre gesellschaftliche Chance noch nicht verspielt. Verstehen heißt somit in diesem Zusammenhang nicht ein möglichst lückenloses Profil des einen Täters zu erstellen, sondern vielmehr die Realisierung und Darstellung der Situation in deutschen Schulen, die Situation aller. Da wo diese Tim-Scheiße aufbricht und ihre Wurzel hat. Im Unterricht als auch in der Pause.
Doch es ist ein einfacher, psychisch wirksamer Schachzug diese Ereignisse von sich zu weisen. Es ist einfach zu sagen: „Ich muss so etwas nicht verstehen, dann kann diese Scheiße nicht an mich ran.“ Die gleiche Logik begegnet uns auch bei der derzeitigen Diskussion zum „Vorleser“, (oder früher bei „der Untergang“), welcher deswegen kritisiert wird, weil hier der Nazi menschlich wird. Eine Gymnasiallehrerin schreibt in einem Leserbrief an den Spiegel: „Mir war es unbegreiflich, dass diese Geschichte als „Auseinandersetzung mit dem Holocaust“ verstanden wurde. Auf die Frage was das Buch ihm vermittelt hatte antwortete ein Schüler von mir: `Dass die Aufseher im KZ auch nur Menschen waren`. Hier läuft etwas schief.“ Nein, Nazis hatten Sex?! Nazis hatten Gefühle?! Wie schrecklich. Bei dieser Dame endet die "Auseinandersetzung mit dem Holocaust" bei der stumpfen Verteufelung sämtlicher Gräueltaten.
Was ist der erste Satz, der immer fällt wenn wir das Foto dieses Tims auf Spiegel- oder Bild-Titel sehen?! „Der sieht so normal aus.“ oder „Von jemandem wie ihm hätte ich so was nicht erwartet.“, heißt es dann. Menschen, die schlimme Dinge tun, sind urplötzlich keine Menschen mehr. Oder zumindest keine von uns. Nein, es gibt nur Böse und Mensch. Der Nazi, der Amokläufer wird zum Tier. Man traut sich selbst in diesem Moment sehr wenig zu. Es ist einfach das Böse für böse zu erklären und es dabei zu belassen. Den Anti-Nazi-Button auf den Eastpack und gereinigt ist das Gewissen. „Das Böse totschweigen“, nennt das ein anderer Leserbrief zum selben Thema: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“. Eine weitere Auseinandersetzung wäre schädlich.
Doch wenn wir diesen Tim zum Tier machen, sind seine Empfindungen nicht mit all diejenigen Menschen vergleichbar, welche eben nicht austicken und nicht um sich schießen. Dann entsteht an dieser Stelle kein Bezug zu denjenigen, die diese Debatte und die daraus resultierenden Änderungen nötig und verdient hätten. Es findet für diese Leute keine Auseinandersetzung statt. Für diesen Hundesohn Tim hingegen wird demnächst jeden zweiten Tag ein weiterer psychologischer Bericht erstellt werden.
Amokläufer sind Indikatoren. Sie zeigen, dass tausende, nicht ein paar wenige , dass tausende Jugendliche jeden Morgen lieber sonst was machen würden als zur Schule zu gehen. Tausende Kinder bleiben im harten Hierarchiekampf auf der Strecke. Ein Kampf, welcher aus einem Klima erwächst, voll Enge, Druck, Hässlichkeit, Schmerz und Kränkung. Bei diesem Tim ist einmal alles zusammen gekommen, vermutlich. Sonst würden wir nicht über ihn reden. Und all die jetzt aufkommenden Waffen- und Computerspielgesetze werden vielleicht die zukünftigen Fälle solchen Ausmaßes verhindern oder wenigstens minimieren. Aber was passiert mit all den Anderen? Mit denen, die noch die Stärke haben in solch einer Situation nicht den Egoismus zu entwickeln, andere hinzurichten. Aus plumpen, verachtungswürdigen, widerlichen Rachegelüsten. Doch die Maßnahmen werden sich auf den Bereich beschränken, welcher nichts kostet. Gute Worte, die Bildung eines Prüfungsausschusses und Verbote – aber auch nur wenn die zugehörige Lobby nicht zu stark ist. Olé! Der einzige Grund, warum Computerspiele verboten werden sollen und Waffen nicht, ist doch der, dass mit Waffen in Deutschland mehr Umsatz gemacht wird als mit PC-Spielen.
Und ja, richtig – der Ausweg aus dieser Scheiße ist recht schlicht aber deswegen auch nicht von der Hand zu weisen; Geld.
- Geld für Eltern, Kindergeld. Nicht für Akademiker, damit die mehr Kinder kriegen sollen, sondern für Arbeiterfamilien. Geld für die Eltern, welche mit den Kindern, die bereits da sind völlig, ich meine so richtig überfordert sind. Kindergeld sollte eine Hilfe zur Erziehung von Kindern sein, nicht ein weltfremder, bürokratischer Anreiz für ihre Zeugung. Aber kein Geld sollte einfach vergeben werden. Es sollte als ein Wert für eine Leistung stehen. Eine Leistung, die der Gesellschaft gut tut. Geld für Jugendzentren, zum Beispiel. Geld für öffentliche Einrichtungen. Wenn man sich fragt warum die Schweden so viele gute und weltweit erfolgreiche Bands haben, dann hat das seinen Ursprung in der Jugendkultur eben solcher (teuer erkauften) Zentren. Die haben „The Hives“, „The Sounds“ oder „Mando Diao“, alle über die Landesgrenzen gefeiert. (Von den Englischkenntnissen will ich hier gar nicht erst anfangen) ...und wir? - „Die Ärzte“ sind mit immer den selben drei Witzen schon sein 20 Jahren auf jedem Festival Headliner. Oder „Silbermond“:„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit / In einer Welt, in der nichts sicher scheint.“. Naaaa toll! Es ist ein großes Gefühl zu erschaffen - mit anderen. Eine Band zu gründen, im Keller der Eltern oder eben mit bereit gestellten Instrumenten im Jugendzentrum Klänge erzeugen. Das befriedigt. Und lässt den nächsten Schultag vielleicht etwas besser überstehen?! Befragen wir Kurt Cobain dazu.
- Geld für Schulen. Geld für Psychologen für Schüler und Lehrer. Geld für Räumlichkeiten, funktionierenden Heizungen, nen neuen Anstrich im Flur, mal ne Pflanze oder auch Stühle, welche nicht schon mehrere Weltkriege überstanden haben. Eben alles was die Gemüts- und Aggressionslage nicht unter „Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle“ sinken lässt. Geld für Bücher, Beamer, Filme, heile Tafeln, Mikroskope. Geld für Lehrer!
- Geld für Lehrer, verdammt! Mehr Lehrer in dann kleineren Klassen. Für bessere Lehrer, ihre (dann teure) Ausbildung zum Pädagogen, nicht zum stumpfen Mittelsmann zwischen Buch und Schüler. Wenn wir gute Lehrer möchten, müssen wir sie besser bezahlen. Viel besser! Sonst sagen sich alle so wie derzeit, die was auf dem Kasten haben, dass sie wo anders besser aufgehoben sind. Gehen „in die Wirtschaft“ oder eröffnen eine Praxis im Vorort. Die einzigen Persönlichkeiten in diesem Land stecken dann mit ihrer Leidenschaft für ihren Beruf – Achtung Wortspiel – nur noch ihre Patienten an. Im Gegenzug darf man dann mehr vom Lehrer erwarten. Viel mehr! Wie bereits erwähnt; Geld ist immer nur als Ausdruck für eine wertgeschätzte Leistung nützlich. Es darf also nach Leistung bezahlt werden. Das Gehalt sollte nicht an den Klassendurchschnitt gekoppelt sein, aber die nicht vorhandene Möglichkeit Lehrer zu kündigen lädt einen bestimmten Menschentypus nun mal ein diesen Job zu erlernen. A pro pos, eine längere, praktischere und schlicht; anspruchsvollere Ausbildung mit anspruchsvollerer Einstiegshöhe. Ein NC von 1, X auf alle Lehramtsfächer und 2 Wochen, was sag ich 4 Wochen benoteter Probeunterricht vor der ersten Vorlesung. Halleluja! Und das ganze gilt natürlich auch für Kindergärten, Unis und alle weiteren Bildungsinstitutionen. (Man sollte die Kindergärtnerinn eh endlich zum Akademikerberuf machen, wie in den meisten Industrienationen dieser Welt.) Welchen Job glaubt in Deutschland jeder Assi machen zu können? Welche Berufsgruppe ist unbeliebter als die des Politikers?! Den (Wohl-)Stand einer Gesellschaft erkennt man an dem Stand des Lehrers in ihr. Und wer wird in diesem Land Lehrer? Der, der nicht in Psychologie rein gekommen ist, macht Pädagogik. Der, der nicht Matheprofessor werden darf, wird Mathelehrer. Der halb-invalide Ex-Profi macht den Sportunterricht von der Bank aus und der gescheiterte Autor Deutsch. Und dann muss man sich nicht wundern, wenn es in diesem Land keine Lehrer-Persönlichkeiten, keine Überzeugungstäter mehr gibt. Lehrer, sind in Deutschland der personifizierte 2. Bildungsweg. Das wird schon an ihrer Kleidung deutlich. Sie schreit förmlich: "Schaut mich nicht an, ich bin gescheitert. Aber nur noch 22 Jahre bis zur Rente."
Natürlich gibt es Ausnahmen, wie meinen Sowi-Lehrer. Doch sie werden weniger. Stattdessen geht der Trend in die andere Richtung. Schule wird allgemein immer stärker der Wirtschaft und ihren Anforderungen unterstellt. Abi nach 12 Jahren. Ein Jahr gespart, ein Jahr mehr Sozialabgaben zahlen, ein Jahr weniger auf Staatskosten rumsitzen. Ein Jahr voller Auslandsaufenthalte, voller Möglichkeit für Projekte oder Themenwochen, voller Freiheit für die Unterrichtsgestaltung, voller Persönlichkeitsentwicklung. Und wenn wir bei PISA schlecht sind? Dann ändern wir nichts an Schulform oder -system, sondern setzen einfach die in den Untersuchungen abgefragten Fächer doppelt so häufig auf den Lehrplan. Natürlich zum Leid sämtlicher künstlerischer, gesellschaftlicher oder individueller Fächer. Deren nutzen mag zwar da sein, ist aber nicht messbar und daher unbedeutend. Das ist billigste Symptombekämpfung. Gegen schlechte Zahlen, für die Presse.
In NRW werden jetzt gelangweilte Rentner eingestellt. Sie sind billiger als Geschichtslehrer. Aber die Zahl der ausgefallenen Stunden im Jahresbericht kann dadurch nach unten korrigiert werden. Gegen die Schule, für die Presse. Dringend benötigte Ganztagsschulen werden nur eingeführt wenn die Eltern der Schüler, die Schule selber finanzieren. Womit sich nur denjenigen zu gute kommt, welche sie nicht (am stärksten) brauchen. Aber im Jahresbericht sind einige neue Ganztagsschulen vermerkt. … für die Presse. Ich wiederhole mich, ja. Das nennt sich Stilmittel. Eigentlich kosten Ganztagsschulen nämlich Geld.
Es ist also eine ganz einfache Formel. Nimmt man Geld für irgendetwas, fehlt es an anderer Stelle. Es ist also eine Frage der Präferenzen. Die Frage lautet nicht, was will ich für Bildung und Gemeinwesen ausgeben bzw. ob man das gut findet. Da könnte ich auch fragen, ob man den Weltfrieden begrüßen würde. Die frage lautet viel mehr: will ich dafür mehr ausgeben als für andere Dinge? Zahlen wir in Deutschland genug für dies oder jenes? Zuviel? Zuwenig? Was ist uns es wert? Ganz ehrlich. Denn natürlich würde eine (massive! Wirklich massive) Erhöhung der Bildungskosten von denen getragen, welche derzeit gut im Saft stehen und/oder zum Leiden anderer Staatszahlungen gehen.
Also, machen wir es einfach. Was willst du? Mehr Geld für dich, deine engste Umwelt, Familie. Oder einen Teil davon (muss ja nicht gleich alles sein) in die Gemeinschaftskasse, genannt Steuern, Sozialabgaben, Spenden, Lohnnebenkosten. Steuern! Ich könnte das alles noch schön ausmalen. Könnte irgendwie ökonomisch argumentieren. Dass das Geld wieder reinkommt im Wirtschaftskreislauf durch eine bessere Ausbildung, blabla. Oder, dass es ja auch durchaus im Interesse der Privilegierten ist, wenn ihre Kinder eine bessere Ausbildung genießen, in einer gemütlicheren Bildungsanstalt. Mobbing ist ja definitiv ein Problem der Gymnasien und Realschulen. Ich könnte Modelle zur Gegenfinanzierung vorstellen. Wir nehmen das Geld von den Bundeswehr-Kasernen und packen es in die Musikinstrumente oder Sporthallen, blabla. Ich könnte taiwanische, Violine-spielende Ökonomen zitieren, Querverweise hin und her wälzen, mit Fußnoten um mich schmeißen, mich verbiegen und winden. Nur um noch weiter Werbung für meine Ideen zu machen.
Aber am Ende ist es eine gefühlte Wahrheit, die jeder in sich selbst finden muss. Die Frage, die sich jeder stellen sollte ist: Wie erreicht man in seinem Leben die höchstmögliche Zufriedenheit? Ich für meinen Teil glaube, dass Geld (auf der Bank oder im neuen Auto) nicht so wichtig ist. Dass es nur die am einfachsten erkennbar und sogar abzählbare Form von Zufriedenheit darstellt. Jedoch nicht die qualitativ hochwertigste. Aber mir mangelte es auch noch nie an Geld. Ich habe reiche Großeltern und bin Beamtenkind. Ich muss nicht mal arbeiten um mein Studium zu finanzieren. Sonst wäre das vielleicht anders. Eine Art hypothetische Mangelhypothese. Andererseits, Angela Merkel zum Beispiel - welche eine riesige Anzahl an Wähler repräsentiert, die ähnlich fühlen – hat genauso ihre Wahrheit gefunden. Sie, selbst ein Muster an Ausstrahlung, Rückgrat und Persönlichkeit, versteht sich sehr gut mit Bastian Schweinsteiger. Ich hingegen vermute, auch wenn ich damit wohl in der klaren Minderheit bin; wenn es uns egal, oder zumindest zu teuer ist immateriellen Reichtum, Persönlichkeitsentwicklung und all der Gleichen zu fördern und über die Indikatoren- und Symptombekämpfung hinaus zu gehen, werden wir über kurz oder lang alle dafür bezahlen. Einzelne in Baden-Württemberg vielleicht sogar mit ihrem Leben.
Samstag, 11. April 2009
Dienstag, 3. März 2009
Eins noch
Ein Blog ist ein demokratiestabilisierender Grundpfeiler unserer Gesellschaftsordnung. Oder zumindet rechtschreibfehlerfreie Unterhaltung. Aber, wer das hier regelmäßig liest, sagt mir bitte wie er das Zeug findet. Auch gerne auf die 12. „Ja-Sager“machen nur eine Sommerferien lang Spaß. Also,... Feedback macht glücklich. Und dadurch gehe ich dann auch bestimmt zur nächsten Anti-Nazi-Demo im Jugendzentrum um die Ecke.
Jesus lebt! - in einer Kommune
Religion ist nur für die Menschen ein sensibles Thema, die keine Ahnung davon haben. Wer nicht über (seine) Religionen lacht, praktiziert sie nicht.
Das sich Glaubensgrundsätze aus ihren regionalen Gegebenheiten entwickelt haben ist nichts neues. Natürlich wird der Islam Schweinefleisch für falsch erklären und keine andere Religion. Kein anderes Fleisch ist bei Hitze anfälliger zu verderben als das vom Schwein. Und wo ist es wärmer als in dem arabischen Wüstengebieten. Natürlich entwickelt sich eine „Marschkultur“, in den europäisch, christlichen Religionsformen. In keiner Religion gehört das kollektive Wandern so zum traditionellen Inventar wie im Christentum. Ob Nubbelverbrennung, Karneval im allgemeinen, österliche Prozessionen oder der eigens für das christliche Beinevertreten kreierte Begriff „pilgern“, alles hat seinen Ursprung im kalten Europa. Wo man sich bewegen muss, um nicht zu erfrieren. Wo Bewegung aus evolutionärer Sicht keine Gefahr sondern eine Lebenshilfe darstellt. Was die Frage aufwirft ob das Wort „Glaubensgrundsatz“ das zutreffende ist. Diese spirituelle, sinnliche, naturgemäß übermenschliche Assoziation mit dem „Glauben“ verblasst schnell, wenn man sich vor Augen führt wie Religionen entstanden sind, wie wenig autonom sie sich entwickelt haben.
Es gibt keine Zufälle. Der Mensch erschafft sich seine Religion, seine Gebote mit dem für ihn effektivsten Nutzen. Kein Ritual ist vom Himmel gefallen, sondern der Mensch ist gewillt seine eigenen Bedürfnisse vor sich selbst zu rechtfertigen. Rituale (auch nicht religöse) sind Lebenshilfen. Sie helfen dem Menschen im Umgang mit dem Alltäglichen. Wo der Mensch sich selber eine Hilfestellung geben möchte, auf was er achtet und auf was nicht, ist das spannende, aufschlussreiche hierbei. Religion ist ein Spiegel der menschlichen Seele. Und wenn die Seele Frauen unterdrücken möchte oder gutes tun will; Religion und der Glaube an sie ist Begründung, Antrieb und Absicherung der eigenen Handlung. Selbst als ein schlichter Lebensmittelpunkt, in der Existenz um seiner Selbst willen, taugt der Glaube. Was anders wo vielleicht die Familie (oder auch der Fußball) übernimmt, kann auch durch die Gemeinde geleistet werden. Hier liegt vielleicht auch ein Ansatz zu erklären wieso so überdurchschnittliche viele Priester und Pastoren schwul sind (Oder etwa nicht?). Tausche Frau und Kind gehen Vater und Schäfchen. Das Subjekt braucht die Religion mal mehr, mal weniger. Aber nie braucht die Religion das Individuum.
Was aber wenn sich der Glaubensgrundsatz nicht nur aus einer gesellschaftlichen Umweltsituation heraus entwickelt, sondern wenn der Glaubensgrundsatz in die Gesellschaft wieder hinein spielt? Was wenn die zum eigenen Nutzen aufgestellten Regeln und Richtlinien auf Grund ihrer angestrebten Allgemeingültigkeit mehr Schaden anrichten als selbigen zu reduzieren?
An diesem Punkt – und das hat daher auch nichts mit einer übermenschlichen Existenzfrage zu tun – wird Religion kritisierbar. Und dies sowohl in praktischer als auch philosophischer Sicht. Zweifel kommen auf. Wie weit ist es von „das „wahre“ Leben fängt erst nach dem Leben an“, bis zu „Nach mir die Sinnflut“?! Da lässt sich kurz: „Sehr weit entfernt“, antworten und damit wäre die Diskussion beendet. Auch Fragen wie „Warum sehen Papst Benedikt XIVs Gesichtszüge so rein gar nicht danach so als, als ob er jahrzehntelang die Menschen geliebt hätte?“ sind mit einem einfachen „Ich finde er hat schon ein schönes Lächeln“ zu beenden. Oder die Sache mit den pädophilen Priestern ist leicht zu widerlegen. Sind ja nicht alle so. Trotz der Tatsache, dass die „Familienersatzlogik“ (s.o.) auch hier einen ersten monokausalen Ansatz liefern könnte. Könnte die dann extrem ausgelebte Kinderliebe nicht auch einer verdrängten Sehnsucht nach Stablität, Wurzeln, Familie eben, geschuldet sein?! Nur weil es einfach ist, muss es nicht falsch sein. Aber lassen wir Sigmund. Im Kern kann die Kirche diese Fragen nicht beantworten. Die unzulängliche Antwort lautet dann doch immer nur „Jesus“, mit dem ich persönlich kein Problem habe. Aber ausreichen tut diese Antwort immer nur für den der an ihn glaubt. Die Arbeit der ganzen Überzeugungstäter in den ganzen Einkaufspassagen deutscher Großstädte hat genau einen Satz: „Jesus lebt.“. Punkt. Ein Pappschild, ein Stock und jede Menge Ausdauer. Es geht dabei weder um die Art wie Jesus lebte, was sein Leben, sein Schaffen ausmachte oder was das für unser heutiges Leben bedeuten könnte. Es geht einzig und allein darum, die Leute davon zu überzeugen, dass Christen sich richtig entscheiden. Egal bei was. Egal wie sie sich entscheiden. Also geht es nur darum an Jesus zu glauben und damit Christ zu werden. „Wer Jesus hat, hat das Leben“, stand letzte Woche in der Einkauspassage. Alle müssen Christen sein. Ohne dabei zu fragen was ein Christen überhaupt ausmacht. „Jesus war gut – also ist es auch das Christentum.“. Dabei hat das Christentum etwas vom deutschen Beamtentum. Schaff die nicht sonderlich schwere Aufnahmeprüfung und du hast ausgesorgt, kannst von nun an machen was du willst. Und niemand wird dich hinterfragen. Du hast ja den richtigen Ausweis in der Tasche oder die richtige Kette um den Hals. Aber wer war Jesus denn?
Bei NOFX ziert Jesus weintrunken noch das CD-Cover: „Never trust a hippie“ steht darunter. Und genau das bringt mich zum Grab des Hundes mit dem Flöhen. Was ist der Unterschied zwischen eben jenem Hippie-tum wie ihn NOFX bei Jesus verwurzeln und dem 68er-Feindbild welches die christliche Rechte kultiviert und pflegt. Die, von Nixon angeführe ,„schweigende Mehrheit“ verachtete, brandmarkte den Hippie so lange, dass niemand der Kreuzritter bemerkte, dass die Teilnehmer dieses Experiments sich bereits selbst eingestanden hatten gescheitert zu sein. Mein Vater fährt seit kurzem Mercedes, Kombi – mit Erdgasmotor, versteht sich von selbst.
Lange, unkontrollierte Haare, Sandahlen, Drogen und Sätze wie „Habt euch lieb“. Alles, selbst die Drogen sind in der Bibel zwischen den Zeilen verankert. Aber sonst. „Seit nett zu einander.“ Oder „Gehe hin, nimm alles was du hast – und schenk es den Armen. Wenn dich einer auf die rechte … und so weiter“ Sätze die heute entweder von meiner viel zu sehr in der harten Realität angekommenen Generation belächelt werden oder von den selben Menschen auf dem Kirchbänken dieser Welt nickend gepriesen wird. Verpackung ist alles! Die Kirche, das Christentum ist Verpackung. Die Gebote sind eine Präambel, der Grundsatz der Hyporeal-Estate „verantwortungsbewusst zu handeln“. Ich habe kein Problem mit Verpackung, solange sie sich mit dem Inhalt deckt. Aber eine Verpackung als Begründung zu nehmen, dass das Geschenk darin ja gelungen sein muss, ist urchristliche Naivität.
Also, was macht das Christentum um seine Werte, seine Verpackung in die Welt zu tragen – außer diese Worte zu predigen?! Was macht das Christentum? Was machen die Religionen? An dieser Frage haben sich alle Gruppierungen messen zu lassen. Nicht an ihren aufgeschriebenen, wirren, vielzählig (fehl-)deutbaren und schlichtweg veralteten Grundsätzen oder ihren Logikketten, die es für unumgänglich machen Frauen bis zur Unkenntlichkeit zu verpacken. Eine Peinigungskultur, welche im tropischen Osten weit aus wirksamer ist als anderswo. Wo wir wieder bei den Nicht-Zufällen wären.
Warum heißt die Partei, die meines Erachtens am wenigsten Nächstenliebe, so wie ich das Wort verstehe, verbreitet die christlich, demokratische Union?! Wo zum Henker ist Kardinal - „wir müssen die Plage der Schwulen ausschwitzen“ Meisner ein Menschenfischer? Warum nennt Peter Hahne sein Buch, welches die Rückkehr Gottes in die Politik fordert „Schluss mit Lustig“? Überall wird die von der Kirche so angestrebte Harmonie, das seelische Glück über den Humor erreicht. Nichts stärkt den Menschen nach der Liebe so sehr wie der Humor. Auch der über sich selbst. Die Gelassenheit der Selbstironie, die einende Wirkung einer guten Pointe, alles trägt zum Wohlsein des Menschen bei – ohne Kehrseite. Wenn etwas das Immunsystem des Menschen stärkt und somit auch aus evolutionärer Sicht durchaus zu begrüßen ist, dann sind es Sex und Witz. Beidem steht die Kirche nicht gut gegenüber, warum auch immer. Beim Sex wird das sogar ganz deutlich. Da wird nämlich nur der Spaßfaktor gestrichen. Die Sache selber darf weiter bestehen. Wäre aus evolutionärer Sicht aber nicht wirklich ratsam. Es gibt keine Zufälle.
Und an diesem Punkt ist die Frage nach den Gesichtszügen des Papstes weniger belanglos, als viel mehr die rhetorische Formulierung meiner Meinung zu diesem Thema.
Das sich Glaubensgrundsätze aus ihren regionalen Gegebenheiten entwickelt haben ist nichts neues. Natürlich wird der Islam Schweinefleisch für falsch erklären und keine andere Religion. Kein anderes Fleisch ist bei Hitze anfälliger zu verderben als das vom Schwein. Und wo ist es wärmer als in dem arabischen Wüstengebieten. Natürlich entwickelt sich eine „Marschkultur“, in den europäisch, christlichen Religionsformen. In keiner Religion gehört das kollektive Wandern so zum traditionellen Inventar wie im Christentum. Ob Nubbelverbrennung, Karneval im allgemeinen, österliche Prozessionen oder der eigens für das christliche Beinevertreten kreierte Begriff „pilgern“, alles hat seinen Ursprung im kalten Europa. Wo man sich bewegen muss, um nicht zu erfrieren. Wo Bewegung aus evolutionärer Sicht keine Gefahr sondern eine Lebenshilfe darstellt. Was die Frage aufwirft ob das Wort „Glaubensgrundsatz“ das zutreffende ist. Diese spirituelle, sinnliche, naturgemäß übermenschliche Assoziation mit dem „Glauben“ verblasst schnell, wenn man sich vor Augen führt wie Religionen entstanden sind, wie wenig autonom sie sich entwickelt haben.
Es gibt keine Zufälle. Der Mensch erschafft sich seine Religion, seine Gebote mit dem für ihn effektivsten Nutzen. Kein Ritual ist vom Himmel gefallen, sondern der Mensch ist gewillt seine eigenen Bedürfnisse vor sich selbst zu rechtfertigen. Rituale (auch nicht religöse) sind Lebenshilfen. Sie helfen dem Menschen im Umgang mit dem Alltäglichen. Wo der Mensch sich selber eine Hilfestellung geben möchte, auf was er achtet und auf was nicht, ist das spannende, aufschlussreiche hierbei. Religion ist ein Spiegel der menschlichen Seele. Und wenn die Seele Frauen unterdrücken möchte oder gutes tun will; Religion und der Glaube an sie ist Begründung, Antrieb und Absicherung der eigenen Handlung. Selbst als ein schlichter Lebensmittelpunkt, in der Existenz um seiner Selbst willen, taugt der Glaube. Was anders wo vielleicht die Familie (oder auch der Fußball) übernimmt, kann auch durch die Gemeinde geleistet werden. Hier liegt vielleicht auch ein Ansatz zu erklären wieso so überdurchschnittliche viele Priester und Pastoren schwul sind (Oder etwa nicht?). Tausche Frau und Kind gehen Vater und Schäfchen. Das Subjekt braucht die Religion mal mehr, mal weniger. Aber nie braucht die Religion das Individuum.
Was aber wenn sich der Glaubensgrundsatz nicht nur aus einer gesellschaftlichen Umweltsituation heraus entwickelt, sondern wenn der Glaubensgrundsatz in die Gesellschaft wieder hinein spielt? Was wenn die zum eigenen Nutzen aufgestellten Regeln und Richtlinien auf Grund ihrer angestrebten Allgemeingültigkeit mehr Schaden anrichten als selbigen zu reduzieren?
An diesem Punkt – und das hat daher auch nichts mit einer übermenschlichen Existenzfrage zu tun – wird Religion kritisierbar. Und dies sowohl in praktischer als auch philosophischer Sicht. Zweifel kommen auf. Wie weit ist es von „das „wahre“ Leben fängt erst nach dem Leben an“, bis zu „Nach mir die Sinnflut“?! Da lässt sich kurz: „Sehr weit entfernt“, antworten und damit wäre die Diskussion beendet. Auch Fragen wie „Warum sehen Papst Benedikt XIVs Gesichtszüge so rein gar nicht danach so als, als ob er jahrzehntelang die Menschen geliebt hätte?“ sind mit einem einfachen „Ich finde er hat schon ein schönes Lächeln“ zu beenden. Oder die Sache mit den pädophilen Priestern ist leicht zu widerlegen. Sind ja nicht alle so. Trotz der Tatsache, dass die „Familienersatzlogik“ (s.o.) auch hier einen ersten monokausalen Ansatz liefern könnte. Könnte die dann extrem ausgelebte Kinderliebe nicht auch einer verdrängten Sehnsucht nach Stablität, Wurzeln, Familie eben, geschuldet sein?! Nur weil es einfach ist, muss es nicht falsch sein. Aber lassen wir Sigmund. Im Kern kann die Kirche diese Fragen nicht beantworten. Die unzulängliche Antwort lautet dann doch immer nur „Jesus“, mit dem ich persönlich kein Problem habe. Aber ausreichen tut diese Antwort immer nur für den der an ihn glaubt. Die Arbeit der ganzen Überzeugungstäter in den ganzen Einkaufspassagen deutscher Großstädte hat genau einen Satz: „Jesus lebt.“. Punkt. Ein Pappschild, ein Stock und jede Menge Ausdauer. Es geht dabei weder um die Art wie Jesus lebte, was sein Leben, sein Schaffen ausmachte oder was das für unser heutiges Leben bedeuten könnte. Es geht einzig und allein darum, die Leute davon zu überzeugen, dass Christen sich richtig entscheiden. Egal bei was. Egal wie sie sich entscheiden. Also geht es nur darum an Jesus zu glauben und damit Christ zu werden. „Wer Jesus hat, hat das Leben“, stand letzte Woche in der Einkauspassage. Alle müssen Christen sein. Ohne dabei zu fragen was ein Christen überhaupt ausmacht. „Jesus war gut – also ist es auch das Christentum.“. Dabei hat das Christentum etwas vom deutschen Beamtentum. Schaff die nicht sonderlich schwere Aufnahmeprüfung und du hast ausgesorgt, kannst von nun an machen was du willst. Und niemand wird dich hinterfragen. Du hast ja den richtigen Ausweis in der Tasche oder die richtige Kette um den Hals. Aber wer war Jesus denn?
Bei NOFX ziert Jesus weintrunken noch das CD-Cover: „Never trust a hippie“ steht darunter. Und genau das bringt mich zum Grab des Hundes mit dem Flöhen. Was ist der Unterschied zwischen eben jenem Hippie-tum wie ihn NOFX bei Jesus verwurzeln und dem 68er-Feindbild welches die christliche Rechte kultiviert und pflegt. Die, von Nixon angeführe ,„schweigende Mehrheit“ verachtete, brandmarkte den Hippie so lange, dass niemand der Kreuzritter bemerkte, dass die Teilnehmer dieses Experiments sich bereits selbst eingestanden hatten gescheitert zu sein. Mein Vater fährt seit kurzem Mercedes, Kombi – mit Erdgasmotor, versteht sich von selbst.
Lange, unkontrollierte Haare, Sandahlen, Drogen und Sätze wie „Habt euch lieb“. Alles, selbst die Drogen sind in der Bibel zwischen den Zeilen verankert. Aber sonst. „Seit nett zu einander.“ Oder „Gehe hin, nimm alles was du hast – und schenk es den Armen. Wenn dich einer auf die rechte … und so weiter“ Sätze die heute entweder von meiner viel zu sehr in der harten Realität angekommenen Generation belächelt werden oder von den selben Menschen auf dem Kirchbänken dieser Welt nickend gepriesen wird. Verpackung ist alles! Die Kirche, das Christentum ist Verpackung. Die Gebote sind eine Präambel, der Grundsatz der Hyporeal-Estate „verantwortungsbewusst zu handeln“. Ich habe kein Problem mit Verpackung, solange sie sich mit dem Inhalt deckt. Aber eine Verpackung als Begründung zu nehmen, dass das Geschenk darin ja gelungen sein muss, ist urchristliche Naivität.
Also, was macht das Christentum um seine Werte, seine Verpackung in die Welt zu tragen – außer diese Worte zu predigen?! Was macht das Christentum? Was machen die Religionen? An dieser Frage haben sich alle Gruppierungen messen zu lassen. Nicht an ihren aufgeschriebenen, wirren, vielzählig (fehl-)deutbaren und schlichtweg veralteten Grundsätzen oder ihren Logikketten, die es für unumgänglich machen Frauen bis zur Unkenntlichkeit zu verpacken. Eine Peinigungskultur, welche im tropischen Osten weit aus wirksamer ist als anderswo. Wo wir wieder bei den Nicht-Zufällen wären.
Warum heißt die Partei, die meines Erachtens am wenigsten Nächstenliebe, so wie ich das Wort verstehe, verbreitet die christlich, demokratische Union?! Wo zum Henker ist Kardinal - „wir müssen die Plage der Schwulen ausschwitzen“ Meisner ein Menschenfischer? Warum nennt Peter Hahne sein Buch, welches die Rückkehr Gottes in die Politik fordert „Schluss mit Lustig“? Überall wird die von der Kirche so angestrebte Harmonie, das seelische Glück über den Humor erreicht. Nichts stärkt den Menschen nach der Liebe so sehr wie der Humor. Auch der über sich selbst. Die Gelassenheit der Selbstironie, die einende Wirkung einer guten Pointe, alles trägt zum Wohlsein des Menschen bei – ohne Kehrseite. Wenn etwas das Immunsystem des Menschen stärkt und somit auch aus evolutionärer Sicht durchaus zu begrüßen ist, dann sind es Sex und Witz. Beidem steht die Kirche nicht gut gegenüber, warum auch immer. Beim Sex wird das sogar ganz deutlich. Da wird nämlich nur der Spaßfaktor gestrichen. Die Sache selber darf weiter bestehen. Wäre aus evolutionärer Sicht aber nicht wirklich ratsam. Es gibt keine Zufälle.
Und an diesem Punkt ist die Frage nach den Gesichtszügen des Papstes weniger belanglos, als viel mehr die rhetorische Formulierung meiner Meinung zu diesem Thema.
Donnerstag, 12. Februar 2009
Der Große TuS
Für die Senner Bauern und die Operation Blau-Weiß.
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Elfmeterschießen. Pokalspiel.
Einer unserer Schützen hatte das fabriziert, was wir im Training gerne mal mit dem kollektiven Ausruf „Field Goal!“ abwerteten. Dabei synchron die Arme gen Himmel recken - die dazugehörige Schiedsrichtergeste beim Football. Ein schönes, kleines und auch typisches Ritual.
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Beim Landesligisten FC Türksport, welcher 3 Ligen über uns B-Ligisten spielt, hatten alle Schützen getroffen. Nach 90 Minuten hatte es 2:2 (1:0) gestanden, nach 120 Minuten genauso. In der 119. Minute hat unser Trainer nacheinander Daniel und Yannick vom Platz genommen. Nicht weil sie müde waren und nur enfternt aus taktischen Gründen. Sie standen zu diesem Zeitpunkt einfach am weitesten vom Wechselpunkt gegenüber entfernt. Angst fressen Seele auf - selbst in der Kreisliga B.
Ich bin letzter Schütze, muss also treffen. Der Torwart springt in die selbe Ecke, in die ich schieße. Dazu muss erwähnt werden, dass es sich bei ihm nicht um einen Torwart im klassischen Sinne handelt. Er ist einer der Feldspieler. Das einzige was ihn von seinen Mitspielern unterscheidet und damit zum Torwart befähigt ist sein Trikot, welches er vom eigentlichen Schlussmann erhalten hat. Dieser war – natürlich – des Feldes verwiesen worden.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Ein Elfmeter, der alle meine fußballerischen Fähigkeiten mit denen ich mir hier „am Waldbad“ in den letzten 15 Jahren mehr Freunde als Feinde gemacht habe auf einen dramaturgisch zugespitzten Höhepunkt bringt. Wenn man bereit ist ihn als solchen zu erkennen. Ich war in allen Mannschaften die ich hier beim „großen TuS“, wie wir diesen Verein sicher nicht frei von unterbewusster Ironie nannten, durchlaufen habe, einer der konstant technisch schlechtesten Spieler. Gleichzeitig aber immer genauso konstant Stammspieler und nie länger von Trainern in Frage gestellt. Irgendwann fingen wir – neben mir gab es noch ein paar andere Spieler dieses Schlages – uns nur „Holzfuß“ zu nennen. Wir stoppten den Ball weiter als andere schießen können, aber wenn es hoch her ging waren wir immer mittendrin. „Ich wusste, dass du einer der Schützen sein würdest – Mut hattest du immer“, wird mir meine Mutter später auf dem Heimweg berichten und hat damit – was ich hier alles nicht ohne Stolz von mir gebe – wie immer Recht.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Halb rechts, nicht stark geschossen, nicht mal richt flach. Der Torwart springt in die richtige Ecke – und landet auf dem Ball. Seine Hüpfte presst den Ball nach Außen weg. Er ist für einen kurzen Moment irritiert, wirrt umher. Er dreht sich um, sieht wie der nun leicht dahin rollende Ball Richtung Pfosten unterwegs ist. Er hechtet dem Ball hinterher. Doch dieser springt an den Innenposten und von dort hinter die Linie, wo ihn der Torwart schließlich aus dem Tor kratzt. Ich blicke zum Schiedsrichter, welcher auf Tor entscheidet. Es ist nicht minder als pervers.
Jubel bricht aus, die Spieler-Mütter lachen, die Spieler-Freundinnen kichern, streichen sich durchs Haar, Spieler-Frauen gibt es nicht, die Mitspieler grölen und ich pose den 200 Menschen, die sich heute hier eingefunden haben in bester „Droga-Cantona-gefühler-Stehkragen-Manier“ entgegen. Yannick schreit mich in einer Mischung aus Begeisterung und Verlachen an. Rodger Ehlers gibt alles direkt per Handy in die Lokalsport-Redaktion durch. Morgen wird mein Name in der Zeitung stehen. Als Spieler der einen der Elfmeter verwandelt hat. Dies wird niemand lesen, der nicht eh schon dabei gewesen ist. Und nur eine weitere handvoll Menschen in Bielefeld werden sich für das Ergebnis interessieren, nicht für meinen Namen. Auch nicht dafür dass ich in beiden Zeitungen auf dem Aufmacherfoto bin. Groß und in Farbe, hehe. Nicht weil ich gut bin, oder spielentscheidend war. Im Gegenteil, mein Gegenspieler, ein ehmaliger aserbeischanischer Nationalspieler, welcher die Ehre hatte einige Champions League-Spiele von auf der Bank von Dynamo Kiew zu verbringen, ist das gesuchte Objekt. Und doch; es fühlt sich gut an.
Es ist mein Moment! Es ist mein letztes Spiel bevor ich wegziehe. Mein letztes Spiel nach 15 Jahren. 15 Jahre, 3 bis 8mal die Woche voller verpasster Aufstiege, überraschender Aufstiege im Folgejahr, Abstiege, Klassenerhalte, Prügeleien auf dem Trainingsplatz, mit Urin gefüllte Trinkflaschen auf Mannschaftsfahrten, Spielabbrüchen, Luftpistolen aus Polen, guter und schlechter Spiele.
Gute Spiele, wie das Nachholspiel in Langenheide, welches nur deswegen stattfand, da der Schiedsrichter nach einen Elfmeter für Langenheide auf Abstoß entschieden hatte. Allerdings nur weil der Ball nicht im Tor war, sondern weil der Schütze seinen Anlauf verzögert hatte. Im Nachholspiel siegten wir durch ein Tor von Michael(!), der sonst so torungefährlich ist, dass dies sogar in einer StudiVZ-Gruppe seinen Ausdruck fand, in der 92. Minute 3:2. Das reguläre Spiel wäre mit 0:0 gewertet worden. Aber Langenheide, zu denen wir eine gesunde Hass-Liebe entwickelt hatten, hatte gegen die Regelkenntnis des Schiedsrichters "erfolgreich" Einspruch eingelegt.
Oder das 4:0 in der D-Jugend gegen den Ortsnachbarn aus Brackwede, in dem ich 2 Treffer vorbereitet und 2 selber erzielte. Eins davon aus 30Metern, Dropkick, in den Winkel. Ich machte die nächsten drei Jahre kein Tor mehr in einem Pflichtspiel. Oder die miesen Spiele, wie das 4:4 in Quelle, wo wir nach 4:0 Führung am Ende nur noch mit 7 Mann und ohne Trainer auf dem Platz standen. Der Rest war des Feldes verwiesen worden. Oder die skurrilen Spiele, wie das verlorene Aufstiegsspiel in der C-Jugend, nach dem wir alle weinend auf den Rasen saßen. Nicht weil wir wirklich traurig waren. Nur weil wir aus dem Fernsehen gelernt hatten, dass man nach großen Niederlagen das so zu tun hätte. Oder das eigentlich schlichte Liga Spiel gegen irgendwen als ich mich – wegen irgendetwas – beim Schiedsrichter beschwerte und mein Gegenspieler mich leicht genervt fragte ob das denn sein müsste und wie alt ich denn sei. Worauf ich nur antwortete: „7 Jahre – aber für deine Mutter reicht's schon.“. Bei der nächsten Ecke flogen die Ellenbogen in meine Richtung und ich fühle mich gut damit. Ein Dialog, sicher die Spitze, aber genauso wenig der einzige Teil dieses Eisbergs.
Ich fühlte mich gut beim „Großen TuS“, welcher mich jede Woche mit diesen Typen zusammen brachte, die einen Anschreien, wenn du den 5Meter-Pass nicht genau genug hin bekommst oder ihrer Meinung nach nicht nah genug am Mann bist. Die selben Typen, die dich in der C-Jugend ekelhaft ernst gemeint für deine Klamotten auslachten und deinen ersten und einzigen Filmriss miterlebten. Irgendwo im Osten hatte ich beschlossen, dass eine Mannschaftsfahrt kurz vor Polen der beste Ort sei um sich absichtlich abzuschießen. Nur um zu sehen, wie das so ist. Und während ich im Bad war und meinen Spielbild erzählte wie hübsch es doch sei, so hieß es jedenfalls noch ein bitteres halbes Jahr später beim Training, wechselten die letzten noch nicht völlig aus dem Leben geschiedenen meine Bettwäsche.
Die selben Typen, die dir unauffällig und anerkennend zu blinzelten wenn du den Assi-Mittelstürmer mit goldenen, neongelben oder -blauen Schuhen und Nike-Stirnband mit einer gut getimeten Grätsche auf die Aschebahn legt hattest. Oder die Typen mit denen du nach dem 2:1 in Peckeloh, nur noch mit Boxershorts am Leib, die Straße entlang zogst. Ein Lied in den inbrünstigen Kehlen: „Da war ein Mädchen – auf dem Fahrrad – und sie schrie: AUSWÄRTSSIEG! AUSWÄRTSSIEG!“. Beim Schlusspfiff standen nur noch 19 Spieler auf dem Platz, 10 Peckeloher, 9 von uns. Der Siegtreffer kam schon in Unterzahl durch einen dreist erschwalbten Elfmeter zustande. Olé!
Die besten Drogen produziert der Körper immer noch selbst. Besonders während du einen Ball den du locker mit der Innenseite ins Aus hättest klären können, voller Kalkül aus 6 Metern per Spannschuss in die Peckeloher Bank drescht. Traditionell voll mit Russen, die mir von diesem Moment an, an die Wäsche wollen. Ich schwadroniere halbstark auf Höhe der Mittellinie, sie sollten doch rüber kommen. Ich „würde mich hier das gesamte restliche Spiel nicht wegbewegen“ und Adrenalin ist besser als Heroin. Wie erwähnt, es gab auf dem Fußballplatz einige Gründe mich zu hassen. Auf dem Platz, und das ist die bittere Wahrheit, wurden wir alle, wurde ich zum „Jarolim“. Oder anders; wer mich noch nicht auf dem Fußballplatz erlebt hat, kennt mich nur halb.
Das Spiel ist beendet. Mein Treffer war nutzlos, da auch der letzte Türksport-Spieler verwandelte. Doch Melancholie kommt nicht auf. Zu gut war unser Spiel, zu hoch der Endorphinspiegel und zu leer mein Geist. Wer sich nach einer Niederlage so fühlt hat nichts zu bezweifeln. Wenige Minuten später sitzen wir barfuß vor der Umkleidekabine, einen Kasten Bier zwischen uns. Die Hälfte der Spieler raucht bereits wieder. Ich werde für meinen Elfer gleichzeitig verhöhnt und bejubelt und irgendwer macht Witze über irgend wen und wer anders macht Witze über irgendwen anders.
Ein britischer Jugendtrainer wurde einmal in einer 11Freunde-Ausgabe mit den Worten zitiert: „Der Fußball lehrte einen eine gesunde Mischung aus Demut und Arroganz.“. Manchmal ist England immer noch das Mutterland des Fußballs.
Ob ich lernte das Kollektiv zu schätzen, dass im Leben (und beim Fußball) immer der gewinnt, der es schafft Lockerheit und Ehrgeiz zu verbinden oder auch einfach dass Benni jeden weiteren Freitagabend bei Frauen auf der Couch pennt und nicht merkt, dass sie ihn nicht ran lassen werden. Vieles was ich lernte, lernte ich beim „Großen TuS“. Und Fußballspielen kann ich bis heute nicht so wirklich. Der „Große TuS“ war für mich das, was andere ihre Jugend nennen. Also dann – und jeglicher Pathos und Schmalz ist hier völlig legitim – Thanks for the memories!
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Elfmeterschießen. Pokalspiel.
Einer unserer Schützen hatte das fabriziert, was wir im Training gerne mal mit dem kollektiven Ausruf „Field Goal!“ abwerteten. Dabei synchron die Arme gen Himmel recken - die dazugehörige Schiedsrichtergeste beim Football. Ein schönes, kleines und auch typisches Ritual.
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Beim Landesligisten FC Türksport, welcher 3 Ligen über uns B-Ligisten spielt, hatten alle Schützen getroffen. Nach 90 Minuten hatte es 2:2 (1:0) gestanden, nach 120 Minuten genauso. In der 119. Minute hat unser Trainer nacheinander Daniel und Yannick vom Platz genommen. Nicht weil sie müde waren und nur enfternt aus taktischen Gründen. Sie standen zu diesem Zeitpunkt einfach am weitesten vom Wechselpunkt gegenüber entfernt. Angst fressen Seele auf - selbst in der Kreisliga B.
Ich bin letzter Schütze, muss also treffen. Der Torwart springt in die selbe Ecke, in die ich schieße. Dazu muss erwähnt werden, dass es sich bei ihm nicht um einen Torwart im klassischen Sinne handelt. Er ist einer der Feldspieler. Das einzige was ihn von seinen Mitspielern unterscheidet und damit zum Torwart befähigt ist sein Trikot, welches er vom eigentlichen Schlussmann erhalten hat. Dieser war – natürlich – des Feldes verwiesen worden.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Ein Elfmeter, der alle meine fußballerischen Fähigkeiten mit denen ich mir hier „am Waldbad“ in den letzten 15 Jahren mehr Freunde als Feinde gemacht habe auf einen dramaturgisch zugespitzten Höhepunkt bringt. Wenn man bereit ist ihn als solchen zu erkennen. Ich war in allen Mannschaften die ich hier beim „großen TuS“, wie wir diesen Verein sicher nicht frei von unterbewusster Ironie nannten, durchlaufen habe, einer der konstant technisch schlechtesten Spieler. Gleichzeitig aber immer genauso konstant Stammspieler und nie länger von Trainern in Frage gestellt. Irgendwann fingen wir – neben mir gab es noch ein paar andere Spieler dieses Schlages – uns nur „Holzfuß“ zu nennen. Wir stoppten den Ball weiter als andere schießen können, aber wenn es hoch her ging waren wir immer mittendrin. „Ich wusste, dass du einer der Schützen sein würdest – Mut hattest du immer“, wird mir meine Mutter später auf dem Heimweg berichten und hat damit – was ich hier alles nicht ohne Stolz von mir gebe – wie immer Recht.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Halb rechts, nicht stark geschossen, nicht mal richt flach. Der Torwart springt in die richtige Ecke – und landet auf dem Ball. Seine Hüpfte presst den Ball nach Außen weg. Er ist für einen kurzen Moment irritiert, wirrt umher. Er dreht sich um, sieht wie der nun leicht dahin rollende Ball Richtung Pfosten unterwegs ist. Er hechtet dem Ball hinterher. Doch dieser springt an den Innenposten und von dort hinter die Linie, wo ihn der Torwart schließlich aus dem Tor kratzt. Ich blicke zum Schiedsrichter, welcher auf Tor entscheidet. Es ist nicht minder als pervers.
Jubel bricht aus, die Spieler-Mütter lachen, die Spieler-Freundinnen kichern, streichen sich durchs Haar, Spieler-Frauen gibt es nicht, die Mitspieler grölen und ich pose den 200 Menschen, die sich heute hier eingefunden haben in bester „Droga-Cantona-gefühler-Stehkragen-Manier“ entgegen. Yannick schreit mich in einer Mischung aus Begeisterung und Verlachen an. Rodger Ehlers gibt alles direkt per Handy in die Lokalsport-Redaktion durch. Morgen wird mein Name in der Zeitung stehen. Als Spieler der einen der Elfmeter verwandelt hat. Dies wird niemand lesen, der nicht eh schon dabei gewesen ist. Und nur eine weitere handvoll Menschen in Bielefeld werden sich für das Ergebnis interessieren, nicht für meinen Namen. Auch nicht dafür dass ich in beiden Zeitungen auf dem Aufmacherfoto bin. Groß und in Farbe, hehe. Nicht weil ich gut bin, oder spielentscheidend war. Im Gegenteil, mein Gegenspieler, ein ehmaliger aserbeischanischer Nationalspieler, welcher die Ehre hatte einige Champions League-Spiele von auf der Bank von Dynamo Kiew zu verbringen, ist das gesuchte Objekt. Und doch; es fühlt sich gut an.
Es ist mein Moment! Es ist mein letztes Spiel bevor ich wegziehe. Mein letztes Spiel nach 15 Jahren. 15 Jahre, 3 bis 8mal die Woche voller verpasster Aufstiege, überraschender Aufstiege im Folgejahr, Abstiege, Klassenerhalte, Prügeleien auf dem Trainingsplatz, mit Urin gefüllte Trinkflaschen auf Mannschaftsfahrten, Spielabbrüchen, Luftpistolen aus Polen, guter und schlechter Spiele.
Gute Spiele, wie das Nachholspiel in Langenheide, welches nur deswegen stattfand, da der Schiedsrichter nach einen Elfmeter für Langenheide auf Abstoß entschieden hatte. Allerdings nur weil der Ball nicht im Tor war, sondern weil der Schütze seinen Anlauf verzögert hatte. Im Nachholspiel siegten wir durch ein Tor von Michael(!), der sonst so torungefährlich ist, dass dies sogar in einer StudiVZ-Gruppe seinen Ausdruck fand, in der 92. Minute 3:2. Das reguläre Spiel wäre mit 0:0 gewertet worden. Aber Langenheide, zu denen wir eine gesunde Hass-Liebe entwickelt hatten, hatte gegen die Regelkenntnis des Schiedsrichters "erfolgreich" Einspruch eingelegt.
Oder das 4:0 in der D-Jugend gegen den Ortsnachbarn aus Brackwede, in dem ich 2 Treffer vorbereitet und 2 selber erzielte. Eins davon aus 30Metern, Dropkick, in den Winkel. Ich machte die nächsten drei Jahre kein Tor mehr in einem Pflichtspiel. Oder die miesen Spiele, wie das 4:4 in Quelle, wo wir nach 4:0 Führung am Ende nur noch mit 7 Mann und ohne Trainer auf dem Platz standen. Der Rest war des Feldes verwiesen worden. Oder die skurrilen Spiele, wie das verlorene Aufstiegsspiel in der C-Jugend, nach dem wir alle weinend auf den Rasen saßen. Nicht weil wir wirklich traurig waren. Nur weil wir aus dem Fernsehen gelernt hatten, dass man nach großen Niederlagen das so zu tun hätte. Oder das eigentlich schlichte Liga Spiel gegen irgendwen als ich mich – wegen irgendetwas – beim Schiedsrichter beschwerte und mein Gegenspieler mich leicht genervt fragte ob das denn sein müsste und wie alt ich denn sei. Worauf ich nur antwortete: „7 Jahre – aber für deine Mutter reicht's schon.“. Bei der nächsten Ecke flogen die Ellenbogen in meine Richtung und ich fühle mich gut damit. Ein Dialog, sicher die Spitze, aber genauso wenig der einzige Teil dieses Eisbergs.
Ich fühlte mich gut beim „Großen TuS“, welcher mich jede Woche mit diesen Typen zusammen brachte, die einen Anschreien, wenn du den 5Meter-Pass nicht genau genug hin bekommst oder ihrer Meinung nach nicht nah genug am Mann bist. Die selben Typen, die dich in der C-Jugend ekelhaft ernst gemeint für deine Klamotten auslachten und deinen ersten und einzigen Filmriss miterlebten. Irgendwo im Osten hatte ich beschlossen, dass eine Mannschaftsfahrt kurz vor Polen der beste Ort sei um sich absichtlich abzuschießen. Nur um zu sehen, wie das so ist. Und während ich im Bad war und meinen Spielbild erzählte wie hübsch es doch sei, so hieß es jedenfalls noch ein bitteres halbes Jahr später beim Training, wechselten die letzten noch nicht völlig aus dem Leben geschiedenen meine Bettwäsche.
Die selben Typen, die dir unauffällig und anerkennend zu blinzelten wenn du den Assi-Mittelstürmer mit goldenen, neongelben oder -blauen Schuhen und Nike-Stirnband mit einer gut getimeten Grätsche auf die Aschebahn legt hattest. Oder die Typen mit denen du nach dem 2:1 in Peckeloh, nur noch mit Boxershorts am Leib, die Straße entlang zogst. Ein Lied in den inbrünstigen Kehlen: „Da war ein Mädchen – auf dem Fahrrad – und sie schrie: AUSWÄRTSSIEG! AUSWÄRTSSIEG!“. Beim Schlusspfiff standen nur noch 19 Spieler auf dem Platz, 10 Peckeloher, 9 von uns. Der Siegtreffer kam schon in Unterzahl durch einen dreist erschwalbten Elfmeter zustande. Olé!
Die besten Drogen produziert der Körper immer noch selbst. Besonders während du einen Ball den du locker mit der Innenseite ins Aus hättest klären können, voller Kalkül aus 6 Metern per Spannschuss in die Peckeloher Bank drescht. Traditionell voll mit Russen, die mir von diesem Moment an, an die Wäsche wollen. Ich schwadroniere halbstark auf Höhe der Mittellinie, sie sollten doch rüber kommen. Ich „würde mich hier das gesamte restliche Spiel nicht wegbewegen“ und Adrenalin ist besser als Heroin. Wie erwähnt, es gab auf dem Fußballplatz einige Gründe mich zu hassen. Auf dem Platz, und das ist die bittere Wahrheit, wurden wir alle, wurde ich zum „Jarolim“. Oder anders; wer mich noch nicht auf dem Fußballplatz erlebt hat, kennt mich nur halb.
Das Spiel ist beendet. Mein Treffer war nutzlos, da auch der letzte Türksport-Spieler verwandelte. Doch Melancholie kommt nicht auf. Zu gut war unser Spiel, zu hoch der Endorphinspiegel und zu leer mein Geist. Wer sich nach einer Niederlage so fühlt hat nichts zu bezweifeln. Wenige Minuten später sitzen wir barfuß vor der Umkleidekabine, einen Kasten Bier zwischen uns. Die Hälfte der Spieler raucht bereits wieder. Ich werde für meinen Elfer gleichzeitig verhöhnt und bejubelt und irgendwer macht Witze über irgend wen und wer anders macht Witze über irgendwen anders.
Ein britischer Jugendtrainer wurde einmal in einer 11Freunde-Ausgabe mit den Worten zitiert: „Der Fußball lehrte einen eine gesunde Mischung aus Demut und Arroganz.“. Manchmal ist England immer noch das Mutterland des Fußballs.
Ob ich lernte das Kollektiv zu schätzen, dass im Leben (und beim Fußball) immer der gewinnt, der es schafft Lockerheit und Ehrgeiz zu verbinden oder auch einfach dass Benni jeden weiteren Freitagabend bei Frauen auf der Couch pennt und nicht merkt, dass sie ihn nicht ran lassen werden. Vieles was ich lernte, lernte ich beim „Großen TuS“. Und Fußballspielen kann ich bis heute nicht so wirklich. Der „Große TuS“ war für mich das, was andere ihre Jugend nennen. Also dann – und jeglicher Pathos und Schmalz ist hier völlig legitim – Thanks for the memories!
Freitag, 23. Januar 2009
Versuch
Eigentlich ist dies hier nichts anderes als der Versuch sich zu öffnen. Es ist der Spagat sich soweit zu öffnen, dass es nicht peinlich wird. Für niemanden. Weder für alle die aufnehmen und damit unerhofft und unvorbereitet vereinnahmt und überfordert werden könnten. Noch für einen Selbst. Im - sicher etwas verkrampft daher kommenden - Versuch weder belang- noch hilflos zu wirken. Kein leichtes Unterfangen.
Allein diese blogg'sche Kommunikationsform hat gespaltene Züge. Der Außemwirkung, welche ein Musiklehrer einmal treffend mit dem Wort "Luftikus" beleidigte, entgegen. Das Ernste, das Tiefe in Augen, Block und Tastatur. Immer auf der Suche nach Hollywood. Nach dem einen Regenschauer, vor Sonnenaufgang. Der große, ehrliche Auftritt - schwere Atmung, prägnante, pathetische Worte und ein Gefühl von "Ich darf das jetzt mal!"
Dies ist der Versuch einen Weg zu finden zwischen Witz und es nicht auf diesen anzulegen. Zwischen dem Moment nach der miesen Pointe, die mit gesenktem Blick feststellt, erneut der Typ von Mensch zu sein, den jeder vergisst wenn er sich nicht aufdrängt. Und dem Moment nach der gelungenen Pointe. In der zwittrigen Erkenntnis, dass Selbstironie auch nichts anderes ist, als die Tapete in deinem Elfenbeinturm ist. Ungeachtet wie farbenfroh und wohl ausgesucht sie auch sein mag.
Dies ist nichts anderes, als der simple Versuch nicht zu reden, nicht den Nebenmann voll zutexten, nicht zu hampeln, nicht zu diskutieren, nichts zu zuspitzen, nicht zu nerven, nicht witzig zu sein und trotzdem da, trotzdem anwesend zu sein.
Ein Blogg, ein Kontrapunkt zu allem Typische. Ein etwas längeres, etwas ehrlicheres "Wie geht es dir?" als sonst. Ein Blogg, so selbstbezogen wie schlechter HipHop, geschrieben zwischen "Please stop missing me", dem dazugehörigen Bandshirt und dem langjährigen Wunsch es leben zu können. Ein Blogg nicht einsam zu sein, mit sich. Es ist - ganz einfach - der Versuch zu überleben.
Allein diese blogg'sche Kommunikationsform hat gespaltene Züge. Der Außemwirkung, welche ein Musiklehrer einmal treffend mit dem Wort "Luftikus" beleidigte, entgegen. Das Ernste, das Tiefe in Augen, Block und Tastatur. Immer auf der Suche nach Hollywood. Nach dem einen Regenschauer, vor Sonnenaufgang. Der große, ehrliche Auftritt - schwere Atmung, prägnante, pathetische Worte und ein Gefühl von "Ich darf das jetzt mal!"
Dies ist der Versuch einen Weg zu finden zwischen Witz und es nicht auf diesen anzulegen. Zwischen dem Moment nach der miesen Pointe, die mit gesenktem Blick feststellt, erneut der Typ von Mensch zu sein, den jeder vergisst wenn er sich nicht aufdrängt. Und dem Moment nach der gelungenen Pointe. In der zwittrigen Erkenntnis, dass Selbstironie auch nichts anderes ist, als die Tapete in deinem Elfenbeinturm ist. Ungeachtet wie farbenfroh und wohl ausgesucht sie auch sein mag.
Dies ist nichts anderes, als der simple Versuch nicht zu reden, nicht den Nebenmann voll zutexten, nicht zu hampeln, nicht zu diskutieren, nichts zu zuspitzen, nicht zu nerven, nicht witzig zu sein und trotzdem da, trotzdem anwesend zu sein.
Ein Blogg, ein Kontrapunkt zu allem Typische. Ein etwas längeres, etwas ehrlicheres "Wie geht es dir?" als sonst. Ein Blogg, so selbstbezogen wie schlechter HipHop, geschrieben zwischen "Please stop missing me", dem dazugehörigen Bandshirt und dem langjährigen Wunsch es leben zu können. Ein Blogg nicht einsam zu sein, mit sich. Es ist - ganz einfach - der Versuch zu überleben.
Donnerstag, 4. Dezember 2008
Schnee, der in Dreckslöcher fällt
Ich würde lügen. Ich würde bösartig, hinterlistig lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir die Welt verändert hätten. Das draußen von nun an die Flocken aufwärts steigen und der Matsch zu purem, reinen und unberührten Schnee werden würde. Die Welt war nach diesem Abend, die Selbe die sie auch schon zuvor gewesen ist. Mit allem was dazu gehört.
Unter anderem die Wohnung, in der wir uns ab etwa 21.30Uhr einrichteten. Eine Festplatte guter Musik, ein mit Aufbackbaguette gefüllter Ofen, IKEA-Tisch und der darauf abgestellte Alkohol. Darum 4 Kommilitonen und die Idee eines Trinkspiels, bei dem jeder den Tequilla leeren muss, der nicht fähig ist zum eben vom Nebenmann genannten Film einen Schauspieler zu nennen. Was beim Scrabble das Wörterbuch, ist hier imdb.com. Nach Mitternacht wird auf Martini umgestellt. Mit diesem nimmt die Konzentration auf das Spielchen ab und die zu den jeweils genannten Filmen geäußerten Stammtischparolen übernehmen die Überhand. Es ist eine Assoziationkommunikation. Ein Wort ergibt das Andere. Jede Meinung findet einen Gegenpart, jede Idee, eine Abneigung. Ein Film ergibt den Nächsten, eine Filmmusik den nächsten Darsteller und dieser einen Regiesseur.
Von Magnolia und darauf über Youtube gesuchten Aimee Man, gelangt die Runde zu Queens Of The Stoneage und über Umwege zu Scorsese, "Hard Candy" und später auch Tarrence Malik und sein von uns allen Seiten selten einig für grandios befundenes Meisterwerk „“The Thin Red Line“.
An diesem Punkt erreicht der Abend einen Wendepunkt. Mit diesem Film und der alteingesessenen Frage nach der Existenz des Anti-Kriegsfilms wird es (etwas) politisch. Wir sitzen nicht bei Anne Will in der Berliner Kuppel, aber den Stammtisch haben wir immer noch nicht ganz verlassen. Das ändert sich, als jeder erstmal ein paar Sätze, die ihm grundsätzlich auf der Seele brannten los geworden ist. Ab diesem Punkt wird die Diskussion gradliniger. Und als gegen 2.30Uhr das Thema geklärt und die Konzentration zurück gekehrt ist fällt Schnee auf Fenster in der Dachschräge.
Die Diskussion wird persönlicher, lauter, aggressiver. Von Afrika, der dortigen, westlichen Verantwortung nach der Kolonialzeit, Globalisierung, Europas Selbstfindung seit dem 30jährigen Krieg, der dabei (nicht) zu findenden Analogie zu Afrika heute, führt uns erneut zum schwarzen Kontinent. Unsere Meinungen darüber sind, wie immer, emotional befleckt, wenn diesmal auch deutlich mehr als sonst. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dies als unsachlich und hinderlich zu bewerten. Vielmehr ist es ehrlich. Ob naiv, zwanghaft optimistisch, melancholisch gleichgültig oder eine ausgewachsene Aggression gegen alles und jeden; alles hier von uns vier vorgetragene Etwas ist grundehrlich. Wir sind ehrlich, wenn wir sagen, dass wir genauso wie alle anderen auch nichts tun, dass dieser Abend, diese Diskussion reiner Selbstzweck ist und dass wir eigentlich diese Welt nicht ändern wollen. Ob wir es nickend, weinend oder mit Schaum vorm Mund sagen, wir sagen es. In den Zeilen oder dazwischen. Der Tequilla in unserer Blutbahn ist dabei schon lange nicht mehr wirksam.
Irgendwann wird es müde. Die Fähigkeit dem Gegenüber zu zuhören geht vor die Hunde, Beleidigungen wechseln den Adressaten und gegen 5.30 hat der Gastgeber den Geistesblitz Tee aufzusetzen. Beide Hände an der großen Tasse, endet dieser Abend wie ein guter Film. Er warbt seinem Ende entgegen. Wie in „The Thin Red Line“ ist das Gemetzel, das ganze Chaos über uns eingebrochen, hat Unmengen an Fragen aufgeworfen, auf die wir keine Antwort haben. Was bleibt ist der schlichte Abspann, weiß auf schwarz und ein trüber Chor sind melanesische Lieder, die zwar schön aber dadurch auch entlarvent sind. Das Licht geht an, die Idioten sind bereits hektisch raus gerannt und du presst dich noch ein letztes Mal kurz in den Sitz.
Um kurz vor 7Uhr steige ich aus dem Bus aus. Die Sonne mit mir. Ich werde heute oder morgen weder auf eine Demonstration gehen, noch Flugblätter verteilen. Ich werde nachdem der Biomarkt bereits geschlossen hat bei Aldi an der Kasse stehen, Hackfleisch in der Hand und diese komische Uni-Wahl völlig vergessen. Aber das wäre auch ohne diesen Abend der Fall gewesen, also lassen wir die Moral endlich mal Beiseite, die hat hier eh nichts zu suchen.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause läuft mir der Matsch über die Schuhe. In Puff und Schwulendisko ist auch schon das Licht aus. Sogar die Batterien meines Mp3-Players haben keinen Saft mehr, wofür es keinen besseren, weil unbedeutenderen Zeitpunkt geben könnte. Denn; es geht mir gut. Hier, in dieser Welt in der – ohne jede hier selbst schützende – Ironie Kinder in Afrika sterben, vielleicht sogar weil ich nicht im Biomarkt kaufe. Hier, in dieser Stadt zwischen Bordell, Dreck und nicht fahrenden Bussen, habe ich etwas gefunden. Habe ich Leute gefunden, mit denen ich gerne die Dienstagnächte verbringe, womit auch immer. Leute mit Plakaten im Treppenhaus, gutem Musik- und Filmgeschmack und einer Menge Lebensbejahender Energie, die nicht in jedem zu finden ist.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass diese Welt sich verändert hätte, gestern.
Aber ich fühle mich doch deutlich wohler und besser in ihr zurecht. Ich fühle mich zu Hause.
Unter anderem die Wohnung, in der wir uns ab etwa 21.30Uhr einrichteten. Eine Festplatte guter Musik, ein mit Aufbackbaguette gefüllter Ofen, IKEA-Tisch und der darauf abgestellte Alkohol. Darum 4 Kommilitonen und die Idee eines Trinkspiels, bei dem jeder den Tequilla leeren muss, der nicht fähig ist zum eben vom Nebenmann genannten Film einen Schauspieler zu nennen. Was beim Scrabble das Wörterbuch, ist hier imdb.com. Nach Mitternacht wird auf Martini umgestellt. Mit diesem nimmt die Konzentration auf das Spielchen ab und die zu den jeweils genannten Filmen geäußerten Stammtischparolen übernehmen die Überhand. Es ist eine Assoziationkommunikation. Ein Wort ergibt das Andere. Jede Meinung findet einen Gegenpart, jede Idee, eine Abneigung. Ein Film ergibt den Nächsten, eine Filmmusik den nächsten Darsteller und dieser einen Regiesseur.
Von Magnolia und darauf über Youtube gesuchten Aimee Man, gelangt die Runde zu Queens Of The Stoneage und über Umwege zu Scorsese, "Hard Candy" und später auch Tarrence Malik und sein von uns allen Seiten selten einig für grandios befundenes Meisterwerk „“The Thin Red Line“.
An diesem Punkt erreicht der Abend einen Wendepunkt. Mit diesem Film und der alteingesessenen Frage nach der Existenz des Anti-Kriegsfilms wird es (etwas) politisch. Wir sitzen nicht bei Anne Will in der Berliner Kuppel, aber den Stammtisch haben wir immer noch nicht ganz verlassen. Das ändert sich, als jeder erstmal ein paar Sätze, die ihm grundsätzlich auf der Seele brannten los geworden ist. Ab diesem Punkt wird die Diskussion gradliniger. Und als gegen 2.30Uhr das Thema geklärt und die Konzentration zurück gekehrt ist fällt Schnee auf Fenster in der Dachschräge.
Die Diskussion wird persönlicher, lauter, aggressiver. Von Afrika, der dortigen, westlichen Verantwortung nach der Kolonialzeit, Globalisierung, Europas Selbstfindung seit dem 30jährigen Krieg, der dabei (nicht) zu findenden Analogie zu Afrika heute, führt uns erneut zum schwarzen Kontinent. Unsere Meinungen darüber sind, wie immer, emotional befleckt, wenn diesmal auch deutlich mehr als sonst. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dies als unsachlich und hinderlich zu bewerten. Vielmehr ist es ehrlich. Ob naiv, zwanghaft optimistisch, melancholisch gleichgültig oder eine ausgewachsene Aggression gegen alles und jeden; alles hier von uns vier vorgetragene Etwas ist grundehrlich. Wir sind ehrlich, wenn wir sagen, dass wir genauso wie alle anderen auch nichts tun, dass dieser Abend, diese Diskussion reiner Selbstzweck ist und dass wir eigentlich diese Welt nicht ändern wollen. Ob wir es nickend, weinend oder mit Schaum vorm Mund sagen, wir sagen es. In den Zeilen oder dazwischen. Der Tequilla in unserer Blutbahn ist dabei schon lange nicht mehr wirksam.
Irgendwann wird es müde. Die Fähigkeit dem Gegenüber zu zuhören geht vor die Hunde, Beleidigungen wechseln den Adressaten und gegen 5.30 hat der Gastgeber den Geistesblitz Tee aufzusetzen. Beide Hände an der großen Tasse, endet dieser Abend wie ein guter Film. Er warbt seinem Ende entgegen. Wie in „The Thin Red Line“ ist das Gemetzel, das ganze Chaos über uns eingebrochen, hat Unmengen an Fragen aufgeworfen, auf die wir keine Antwort haben. Was bleibt ist der schlichte Abspann, weiß auf schwarz und ein trüber Chor sind melanesische Lieder, die zwar schön aber dadurch auch entlarvent sind. Das Licht geht an, die Idioten sind bereits hektisch raus gerannt und du presst dich noch ein letztes Mal kurz in den Sitz.
Um kurz vor 7Uhr steige ich aus dem Bus aus. Die Sonne mit mir. Ich werde heute oder morgen weder auf eine Demonstration gehen, noch Flugblätter verteilen. Ich werde nachdem der Biomarkt bereits geschlossen hat bei Aldi an der Kasse stehen, Hackfleisch in der Hand und diese komische Uni-Wahl völlig vergessen. Aber das wäre auch ohne diesen Abend der Fall gewesen, also lassen wir die Moral endlich mal Beiseite, die hat hier eh nichts zu suchen.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause läuft mir der Matsch über die Schuhe. In Puff und Schwulendisko ist auch schon das Licht aus. Sogar die Batterien meines Mp3-Players haben keinen Saft mehr, wofür es keinen besseren, weil unbedeutenderen Zeitpunkt geben könnte. Denn; es geht mir gut. Hier, in dieser Welt in der – ohne jede hier selbst schützende – Ironie Kinder in Afrika sterben, vielleicht sogar weil ich nicht im Biomarkt kaufe. Hier, in dieser Stadt zwischen Bordell, Dreck und nicht fahrenden Bussen, habe ich etwas gefunden. Habe ich Leute gefunden, mit denen ich gerne die Dienstagnächte verbringe, womit auch immer. Leute mit Plakaten im Treppenhaus, gutem Musik- und Filmgeschmack und einer Menge Lebensbejahender Energie, die nicht in jedem zu finden ist.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass diese Welt sich verändert hätte, gestern.
Aber ich fühle mich doch deutlich wohler und besser in ihr zurecht. Ich fühle mich zu Hause.
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Ein Experiment
1. Machen Sie Musik an die Sie mögen
2. Lesen Sie folgenden Text. Denken Sie nicht.
Eine Milchstrasse. Ein Fahrrad mit Stückrädern. Ein 10Meter-Strungbrett. Eine Sonnenuhr. Eine kurze Antwort auf eine lange Frage. Ein Zopf der sich in sich selbst versteckt. Eine Idee. Eine melancholische Melodie. Ein Mars. Ein Stück unbenutzte Seife. Ein roter Tennisball. Ein Lächeln. Eine vom Schnee gesäumte Strasse. Ein Kinderspielzeug. Eine Drehtür. Ein Rausch. Ein Eiszapfen an der Dachrinne eines Bauernhofs. Eine Palme. Ein Paar abgenutzter Turnschuhe. Ein Witz. Ein Cocktail. Ein frisch gebügeltes Hemd. Eine Jeans mit Grasflecken. Ein Pyjama. Ein tropfen Schweiß. Ein Ausrufezeichen. Eine Schaumkrone. Ein Heuballen. Eine Zugabe. Ein Kuss im Regen. Ein verweinter Leadschatten. Eine Windmühle. Ein Oma der du im Zug Platz machst. Ein Orgasmus. Ein Fragebogen, mit Fragen, die du noch nie gehört hast. Ein Foto. Eine Schafsherde im Regen. Eine Sonnenblume. Ein ungebundenes Buch. Ein weinender Sportler. Eine Wolldecke. Eine Erinnerung. Ein unangeschnittener Würfel Butter. Eine Flanke. Ein Wasserfleck auf dem Spiegel. Ein Wortspiel. Ein Bagger. Ein Nachtisch. Ein volles Kino. Eine leere Autobahn. Eine Mundharmonika. Eine Flamme. Ein Kreis. Ein Freund. Eine Träne. Ein Glas Wein. Ein kleiner Finger über einem Großen. Ein Daumen. Eine Textzeile. Eine Silbe. Ein Schwamm. Ein Fenster. Eine neue StudiVZ-Nachricht. Ein Spiel. Ein Rhythmus. Ein Zeitungsartikel. Ein Blick zum Himmel. Ein Tanz. Ein Leuchtturm. Ein altes Buch. Ein Marktplatz. Ein Gespräch. Ein Schweif. Eine Fee. Ein Ziel. Eine Vision. Ein Anfang.
4. Lächeln Sie.
5. Tun Sie was Sie wollen.
2. Lesen Sie folgenden Text. Denken Sie nicht.
Eine Milchstrasse. Ein Fahrrad mit Stückrädern. Ein 10Meter-Strungbrett. Eine Sonnenuhr. Eine kurze Antwort auf eine lange Frage. Ein Zopf der sich in sich selbst versteckt. Eine Idee. Eine melancholische Melodie. Ein Mars. Ein Stück unbenutzte Seife. Ein roter Tennisball. Ein Lächeln. Eine vom Schnee gesäumte Strasse. Ein Kinderspielzeug. Eine Drehtür. Ein Rausch. Ein Eiszapfen an der Dachrinne eines Bauernhofs. Eine Palme. Ein Paar abgenutzter Turnschuhe. Ein Witz. Ein Cocktail. Ein frisch gebügeltes Hemd. Eine Jeans mit Grasflecken. Ein Pyjama. Ein tropfen Schweiß. Ein Ausrufezeichen. Eine Schaumkrone. Ein Heuballen. Eine Zugabe. Ein Kuss im Regen. Ein verweinter Leadschatten. Eine Windmühle. Ein Oma der du im Zug Platz machst. Ein Orgasmus. Ein Fragebogen, mit Fragen, die du noch nie gehört hast. Ein Foto. Eine Schafsherde im Regen. Eine Sonnenblume. Ein ungebundenes Buch. Ein weinender Sportler. Eine Wolldecke. Eine Erinnerung. Ein unangeschnittener Würfel Butter. Eine Flanke. Ein Wasserfleck auf dem Spiegel. Ein Wortspiel. Ein Bagger. Ein Nachtisch. Ein volles Kino. Eine leere Autobahn. Eine Mundharmonika. Eine Flamme. Ein Kreis. Ein Freund. Eine Träne. Ein Glas Wein. Ein kleiner Finger über einem Großen. Ein Daumen. Eine Textzeile. Eine Silbe. Ein Schwamm. Ein Fenster. Eine neue StudiVZ-Nachricht. Ein Spiel. Ein Rhythmus. Ein Zeitungsartikel. Ein Blick zum Himmel. Ein Tanz. Ein Leuchtturm. Ein altes Buch. Ein Marktplatz. Ein Gespräch. Ein Schweif. Eine Fee. Ein Ziel. Eine Vision. Ein Anfang.
4. Lächeln Sie.
5. Tun Sie was Sie wollen.
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