Samstag, 20. Februar 2010

Wahrheit oder Pflicht

Viel ist gesagt worden über die Abgründe und Tiefen unserer Seele. Viel ist geschrieben worden über die dunklen Ecken unserer Psyche. Viel ist diffamiert worden, an Hand von musikalischen Krankheiten, akustischen Auswüchsen.
Dies alles ist Teil der Popkultur, die es uns ermöglicht andere Menschen zu erkennen, zu beleidigen und zu würdigen. Doch was ist mit dir selbst? Wo in diesem wunderbar großen Kosmos von Möglichkeiten platzierst du dich selbst? Was für ein Mensch willst du sein? Was für ein Mensch bist du? - Weißt du nicht? Dann mach jetzt den großen Bravo-Test und schicke deine Antworten an das ZDF. Einsendeschluss ist die Premierenfeier des neuen Kubrick-Films.


  1. Interpol oder Editors

  2. Family Guy oder The Simpsons

  3. Neon oder Jetzt

  4. StudiVz oder Facebook

  5. Harald Schmidt (ARD) oder Harald Schmidt (Sat.1)

  6. De Niro oder Pacino

  7. Hans Zimmer oder John Williams

  8. Shakespeare oder Goethe

  9. England oder Schweden

  10. Schlingensief oder Friedmann

  11. Westerwelles Pullover oder Westerwelles Krawatte

  12. Akin oder Fassbinder

  13. New York oder Los Angeles

  14. Portman (mit kurzen Haaren) oder Portman (mit langen Haaren)

  15. Paul Thomas Anderson oder Wes Anderson

  16. Goodfellas oder Casino

  17. Freiheit oder Sicherheit

  18. Adidas oder Nike

  19. Hamburg oder Berlin

  20. Coca Cola oder Pepsi

  21. Definitly Maybe oder Morning Glory

  22. Love Parade oder Mayday

  23. Daniel Craig oder Sean Connery

  24. Selma oder Penelope

  25. Mayo oder Ketchup

  26. Spielberg oder Jarmusch

  27. Jay-Z oder Beyoncé

  28. Komödie oder Tragödie

  29. Gott oder Nietzsche

  30. Diekmann oder Markworth

  31. Ribery oder Robben

  32. Youtube oder Youporn

  33. spiegelonline oder tagesschau.de

  34. Dan Brown oder Stieg Larsson

  35. Die Prinzen oder Pur

  36. TKKG oder ???

  37. Brüno oder Borat

  38. George Clooney oder Brad Pitt

  39. CD oder Mp3

  40. Merkel oder Kohl

  41. PC oder Mac

  42. 42.

Dienstag, 16. Februar 2010

Hör auf! 1.1

Xavier Naidoo: Es ist ein leichtes über den letzten gallischen Barden am Lagerfeuer herzuziehen. Wenn Gerald Asamoah, seines Zeichens Quoten-Schwarzer der deutschen Nationalmannschaft und lebender Beweis dafür, dass Fußballer weder kulturell, noch musikalisch ernst zunehmen sind, schon Xavier's Partyhitmix spielt, weiß man; dieses Land wird nie verstehen, was Stil bedeutet. Dieses Feld müssen wir einfach den Angelsachsen und Skandinaviern überlassen. Leider. Aber, die Sache ist die; der Xavier, von Freunden auch liebevoll gute-Laune-Papst oder Wanderprediger genannt, hat es einfach verdient. Mit schiefsten Paarreimen-Delux wie „Wir holen uns den Himmel auf Erden / Und keiner muss sein Leben mehr gefährden“ und Beats, so komplex und vielschichtig, dass sie mindestens aus dem Drumcomputer von Windows 95 stammen müssen. Oder aber mit von Lidl in Auftrag gegebenen Darbietungen , um die Tiefkühlabteilung dauerzubeschallen, hat er sich sämtlichen Spott reglich verdient. Nein, Xavier's Problem ist nicht sein Glaube, den er zwanghaft in jedes Lied – Achtung, Jesus-Witz – nagelt. Geschenkt. Das Problem ist die Ruhe, diese unglaubliche Stille, dieses Valium, dieses Vakuum, dieses Nichts Mit dem all dies den Anspruch stellt, bedeutsam zu sein. Aber mit Allgemeinheitsplätzchen wie „Bitte hör nicht auf zu träumen / von einer besseren Welt / Fangen wir an aufzuräumen /bau sie auf wie sie dir gefällt“ (Kreuzreim-Delux), wird hier die selbe, plumpe Bilderbuchgeschichte erzählt, wie wenn Scooter mit „When I was young / It seemed that life was so wonderful / A miracle / Oh it was beautiful / Magical“ Supertramp ohne jedes Schamgefühl covern. Nur tut der Kirmes- und Gülcan's Hochzeitsact, dies mit dem Wissen hoffnungslos belanglos zu sein. Und das macht die Herren um Hans-Peter Baxtor um einen wesentlichen Faktor reicher, als den Mickey-Krause des Beichtstuhls, ohne die Musik einfach nicht funktionieren kann; Authentizität.
Lieblingszeile: „Spürst du die Vorhut / aufkommenden Frohmut?

Silbermond: Ich weiß nicht ob die Sängerin der Band früher gehänselt wurde. Aber ich halte es für durchaus möglich, dass Stefanie den Namen ihrer Band auch gerne mal als Vergangenheitsbewältigung nutzt. Mit Silberblick und Mondgesicht gegen den bösen Schulhofmob vergangener Tage.
Überhaupt stehen Silbermond immer auf der guten, sicheren Seite der Aula. Sie sind der Schülersprecher der deutschen Musiklandschaft. Für gute Laune, gegen Pessimisten. Für Gerechtigkeit, gegen die bösen Politiker da oben. Wallraff mit Akne. Silbermond haben den Schulhof nie verlassen. Nur anstatt dort wie früher verprügelt zu werden (habe ich schon erwähnt, dass die Kapelle aus dem tiefsten Sachsen, namentlich Bautzen stammt?!), sind sie jetzt die aufrichtigen, strebsamen Aufseher und SV-Mitglieder. Neonfarbenes Leibchen und reflektierender Aufkleber inklusive.Und so stehen Silbermond da, in jedem ihrer Videos und gucken traurigen Menschen beim scheitern zu. In jedem Video! So stehen sie da, gucken selber traurig und singen: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in dieser Welt in der nichts sicher scheint“. Das ist kein Optimismus, das ist Ekel. Die TAZ nennt sowas CDU-Romantik. Ich nenne es die Angst, den Schulhof zu verlassen und – genau! – zu leben. Mit Narben, Reibungen, dem ganzen Scheiß. Mit Feinden, Gegnern und allen, was es so mit sich bringt, wenn man bereit wäre für etwas einzustehen. Doch dafür fehlt Silbermond einfach das Rückradt und wohl auch der Intellekt. Zu gemütlich lebt es mit den weichen Gitarren, den vorsichtig, ganz vorsichtig hingerockten „Jetzt-alle-im-Chor:-wir-sind-alle-Individuen“-Nummern oder den schön allgemein gehaltenen „Aufstehen!-egal-für-was-,ist-auch-gut-für-die-Figur“-Singles. Damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Selbst im persönlichsten was es gibt, bleiben Silbermond so allgemein, dass es an Satrie grenzt; "Du bist das Beste was mir je passiert ist, / es tut so gut wie du mich liebst. / Vergess den Rest der Welt / wenn du bei mir bist." Ein Liebeslied, gerichtet an jeden und alles und damit dabei seine Existenzberechtigung völlig zu unterlaufen. Wenn ich einen Menschen liebe, dann doch weil eben nicht so ist wie alle. Aber bei Silbermond darf jeder mitmachen. Hauptsache, er ist kein Miesepeter. Mit einem Lächeln in die Bankkaufsmann-Ausbildung und dann in den Schützenverein. Aber damit niemand (vorallem man selbst) merkt, dass wir schon jetzt älter sind, als unsere Eltern, alle im Chor, gegen das Mobbing:

Lieblingszeile: "Gib nicht auf / Du bist gleich da / Und dann vergisst du das was vorher war / Du bist gleich da /Du bist gleich da / Am Ort wo vor dir keiner war"

PS: Preisfrage: Wer ist dieses Jahr beim 1Live-Schulduell dabei? (Kleines Zitat; "Das wird wie ne Klassenfahrt, nur ohne Lehrer.")

Sonntag, 14. Februar 2010

Hör auf!

Die Welt wird immer kälter. Die Maschinen, die Technik, die unsere Gletscher und Pole zum Schmelzen bringen, erwärmt nicht auch unsere Herzen. Der Rauch aus ihren Schächten, nimmt uns jede Luft zum Atmen. Das große Wort „Freundschaft“ wird untergraben (Nur das Wort, nicht seine Bedeutung, aber erklär' das einer mal der Von der Leyen). Familien brechen auseinander, weil man sich nicht einigen kann, wer die nächsten 6 Stunden World of Warcraft spielen darf. Wie gut, dass es da noch eine letzte Rettung der Zivilisation gibt. Einen letzten grammastrahlen-Streif am Horizont. Die Musik. Einfach, für jeden zu verstehen. Es bedarf nichts, außer der Bereitschaft, sich auf sie einzulassen. Kein Vorwissen, keine Fachkenntnisse. Doch genauso, wie es leicht ist Musik zu lieben, erscheint es genauso schwer uns über sie auszutauschen. Weil sie eben nicht rational ist. Sie erfasst uns – bei aller Technologie – mitten im Herzen (und entgegen der Gewohnheiten an dieser Stelle, ist das nicht mal ironisch gemeint). Musik ist menschlich. Jeder mag Musik. Und weil sie eben jeden von uns, in unseren tiefsten Empfindungen trifft, wird sie bedeutsam. Weil eben unser Geschmack und unsere bevorzugten Musikkapellen genau deswegen massiv an Bedeutung gewinnen. Unsere Werte, unsere Ideen von Leben und unsere Ängste, werden durch unsere CD-Sammlung deutlich. Und wenn es keine Sammlung gibt oder diese aus Vinyl besteht, sagt dies natürlich genauso etwas. Es gilt also erneut, sich der Spezies Mensch zu nähern. Es gilt erneut, dies im Negativismus zu tun. Es gibt soviel schönes auf der Welt und dem Musikmarkt, dass es leichter fällt, die kleinen Opferwelten zu analysieren.Und erneut macht das auch einfach viel mehr Spaß. (...dass dabei mehrere Listenmitglieder Lieblingsbands meiner Ex-Freundin sind, wird hier nicht erwähnt).


Rosenstolz: Rosen und Stolz. Das sind eh schon Dinge, die vor allem von Menschen gemocht werden, die entweder zu oft oder zu wenig verletzt wurden. So wohl auch die immer in den richtigen Momenten emanzipierte oder doch nähebedürftige („nur wenn das Leben weh tut, ist es gut“) Frontfrau Anna und ihr übergeoutete Nebenmann. Der heißt wirklich Peter und niemand weiß, was er eigentlich musikalisch so beisteuert. Er spielt jedenfalls kein Instrument und singt nur alle paar Alben mal. Aber bei Rosenstolz geht es auch nicht um Musik. Es geht um mehr. Um alles, was eigentlich schon da war. Um freie Liebe, Blumen im Haar, Selbstverwirklichung durch das Überqueren einer roten Ampel – nachts um halb Vier und durch „hier kommt die Sonne, hier kommt das Licht“. Oder auch „Liebe ist alles, Liebe ist alles, Liebe ist alles [...]“. Ja, danke. Vor allem für den Subtext. Lagerfeuerromantik im Sekretärinnenbüro. So glatt und reibunsglos, dass es sogar dem Lokalradio zu viel ist. Nein, Rosenstolz sind weder zeitgemäß, abwechslungsreich, noch irgendetwas mit Gewicht. Wie ihr Publikum. Denn, wenn man nichts sagt, ist die Chance am größten, dass sich irgendwer verstanden fühlt. Oder anders; Niemand kauft Kitsch, außer die Millionen, die es tun. Fragen wir Modern Talking dazu.
Lieblingszeile: „Ich muss mich jetzt nicht finden / Darf mich nur nicht verliern.“


Sportfreunde Stiller: Frage: Was haben Männer in Frauenkleidern, zum Ende des Satzes laut werdende Menschen und die Sportfreunde Stiller gemeinsam? - Bei allen weiß man, dass es witzig gemeint ist. Aber das ist das Dilemma. Denn leider ist ein guter Witz in sich, seiner Pointe, genauso wie im Moment seines Erscheinens immer eins; unerwartet. Die Sportfreunde Stiller (ein goldiger Name) sind der hörbar gewordene Beweis dafür, dass es andersrum nicht funktioniert. Ein rotes Telefon als Mikro, immer die selbe Trainingsjacke, das kultivieren des Bayern-Fan-Seins und die Texte im Allgemeinen. Es gibt nichts verkrampfteres als aufgesetzte Lockerheit „Wie ne Eiszeit ohne Schnee / England ohne Tee / Fühl ich mich“. Charmant geht anders. Auch in Sachen Struktur geht es kaum biederer; Ob Komplimente gemacht werden („Ein Kompliment“, ach so.), oder Gründe aufgezählt werden, warum der eine Ex-Bayern-Spieler jetzt rockt („Ich Roque“, haha) oder irgendwer nicht mehr los lassen soll (genau; „Lass mich nie mehr los“). Den Ideenreichtum eines Achtklässlers, bei der Pflichthausaufgabe ein Gedicht zu schreiben (Titel: „Gefühle“), übertrifft das nie. Es gibt keinen Grund diese Band zu hören. A pro pos hören; dieser ekelhafte Sprechgesang, welcher genauso so tut, als ob er witzig ist, aber nur kaschiert, dass niemand hier singen kann. Von weiteren musikalischen Fähigkeiten kann man hier jetzt nicht ankommen. Aber das wäre auch nicht schlimm, wenn Musik hier nur das Medium ist, für weitere unterhaltsame Elemente. Doch wo Olli Schulz oder Wir sind Helden noch ein wenig Gespür für Wahrheiten oder Wortwitz haben, sind die Sportfreunde Stiller einfach nur scheiße! Sie sind der laute Mittelstufler, den man damals noch spannend fand, bis man beim Nachtreffen merkt, dass ja gar nichts aus ihm geworden ist. Man selbst ist erwachsen geworden, die Sportis haben einen Plattenvertrag bekommen. Nur Gott weiß warum. Lieblingszeile: 54, 74, 90, 20.... äh.... 10...14....egal“



die Reihe wird fortgesetzt...

Dienstag, 5. Januar 2010

Epilog

Fassen wir zusammen: Stadt auf Stadt und Land auf Land. Gedanke auf Idee. Klischee auf Geschichte. Glück auf Müdigkeit und Erfahrung auf Zerstreuung. Am Ende war es eine Flucht. Vor Menschen und dem Bestehenden. Eine Flucht aus dem Leben in das Leben. Klein, groß, das ist – wie so vieles – relativ. Da kann es kein großes Fazit geben. Meine Probleme und die dazu gehörigen Lösungsstrategien waren danach weiterhin die Selben und meine Ideen vom Leben genauso unverändert. Es gibt wenig Konkretes. Das Madrid-Schild der Anhalterin hängt über meiner Zimmertür. Die Fotos im StudiVZ. Nicht mehr. Es ist das Nicht-benennbare, was diese Reise mir gegeben hat. Das Grinsen, wenn ich auf diese Tage angesprochen werde. Der pubertäre Stolz, etwas (allein!) getan zu haben. Aus einer zwanghaft, individuellen Kraft heraus, die es sonst selten verdient so gepriesen zu werden. Doch eine Erkenntnis, eine reifen Satz und ein Ergebnis kann es nicht geben. Dies ist kein Entwicklungsroman. Der Held hat hier seine Dämonen weder besiegt, noch hat er sich ihnen gestellt. Es ging nicht mal um eben jene. Das Fazit ist, dass es kein Fazit gibt. Vielleicht lebt Gott, vielleicht ist er tot und vielleicht lebt er in Frankreich. Relativ. Am Ende wollte ich nach Hause. Am Anfang wollte ich weg. So ist das.
So hört meine Reise und dies hier, mit einem Satz auf, mit dem sie angefangen hat. „Das Leben ist wie fahren. Alles ist da, aber nur kurz.“ Und ich hatte es einfach nötig diesen Satz wörtlich zu nehmen. Doch irgendwie ein Fazit.

Tag 9

Für mich geht es wie erwähnt nicht weiter. Es geht zurück. Nach Hause. Mein verlässlicher Routenplaner schickt mich, anders als auf dem Hinweg, entlang der Ostküste Richtung Barcelona.
Gegen 2Uhr schlafe ich ein paar Stunden. Ich habe keine Ahnung wo. Irgendwo zwischen Sevilla und Alicante.
Was ich weiß ist, dass ich mein Ziel Barcelona auf Grund des um 17Uhr beginnenden Ligaspiels zeitig gebunden erreichen will. Ich liege allerdings so gut in eben jenem Zeitplan, dass ich zwischen ein paar, auf dieser Strecke völlig überteuerten und an jeder verdammten Ecke vorhandenen Mautstellen, einen Mittagsschlaf genießen kann.
Das schöne Barcelona interessiert mich nicht wirklich. Ich war bereits mehrfach dort und will nur ins Camp Nou. Es ist ein besonderes Stück Architektur. Drei bis vier Ränge, oval geformt, keine Laufbahn, daher Sitze direkt am Feld und trotzdem Platz für 100.000 Menschen. Schlicht; beeindruckend. Am Ende fließen doch alle großen, menschlichen Errungenschaften an einem Punkt zusammen, an dem es darum geht eine Sache zusammen zu erleben. Verdammte Herdentiere. Und liebe Kunstliebhaber; Fußballstadien sind bedeutsame, kollektiv prägende Weltkulturerbstücke. Sie sind spannend. Oder nach was drehen sich kleine Kinder auf der Autobahn um? - Nach an der Schnellstraße gelegene Massenschüsseln und McDonalds. Mit beidem können die Amerikaner sehr gut. Aber gut.
Genauso wie mit dem Kapitalismus. Der ist mittlerweile auch in Katalonien angekommen und ich zahle für die billigste Karte 30€. Einen gefühlten Kilometer vom Spielfeld entfernt, sitze ich zwischen unzähligen Touristen wie mir und einiger kräftiger Windböen, die die Geschichte ziemlich ungemütlich werden lassen. Es wird um mich kein spanisch gesprochen und auch nicht über Fußball. Messi, wird unter einem Sturm von handtuchwinkenden Katalanen (eine spanische Geste der Unmutsbekundung. Frank Rijkard wird am Ende des Jahres entlassen) erst in der 80. Minute eingewechselt, Henry hat seine besten Tage hinter sich und die iberische Art Fußball zu „spielen“ (im wahrsten Sinne dieses Wortes), ist nicht die Meine.
Das Spiel hat 20 gute Minuten, als das abstiegsbedrohte Valladolid durch einen Elfmeter, die zwischenzeitliche Führung Barcelonas egalisiert. Ein kleiner Tross mitgereister Gästefans, wird neben meiner Tribüne in einen Hundezwinger gesperrt. Ich schließe mich ihnen an und feiere lautstark das aufbegehren gegen den mehrfachen Champions League-Sieger. Es gibt an diesem Punkt zwei Regeln: 1. Support your local hero. Always. 2. Immer für den Underdog. Ein paar Erasmustudentinnen schauen mich schief an. Das bestärkt. Dann macht Barca das 2:1 und die Geschichte hat kein Happy-End. 4:1. Die Hälfte der Zuschauer geht früher. Bloß nicht im Stau stehen. Auch ich verabschiede mich gedanklich, da mein lokaler Außenseiter dabei ist zum selben Zeitpunkt Werder Bremen einen auszuwischen. Doch Diego(Elfmeter, 70.) gleicht die Führung durch Kirch (15.) noch aus (denkt nicht, dass ich das nachgeschlagen habe).
Dann geht’s ohne große Pause nach Hause. Ein wenig getrieben und etwas kränklich bringe ich es fertig von Spanien bis Köln nahezu durchzufahren. Spritsparend Fahren ist was für Pussys. Kurz hinter Lyon schlafe ich vielleicht eine Stunde. Es reicht. Frankreich nehme ich nicht wahr. Zum ersten mal läuft zwischenzeitlich keine Musik im Auto.
Im verschneiten Köln bin ich viel zu früh und die 8 Stunden, die mir bis zur Autoabgabe noch bleiben fülle ich mit einem Saunabesuch. Jetzt bin ich müde. Gehüllt in mehrere Wolldecken schlafe ich wie das berühmte Baby. Die Reize der letzten Tage verschwimmen vor meinem geistigen Auge zu einem großen bunten Etwas. Schließlich tanke ich voll und bringe das Auto zur Station. Mehr als 6000 Kilometer in 9 Tagen sind es schließlich gewesen. Bei Europcar rollt man mit den Augen. Das bestärkt. Dort wartet schon meine Mutter auf mich und wir fahren nach Hause. Nach Hause. Auf dem Beifahrersitz. Nach Hause.

Tage 6-8

Mit Yannick ist es wie immer. Wir haben uns nichts bedeutsames zu sagen, wissen nichts voneinander, aber genießen uns. Es ist unser erster (und wird unser einziger) Kontakt (sein), bei dem wir nicht beide in der selben kleinen Stadt wohnen und in selben Verein Fußball spielen. Bei Bier aus einer Menge 0,2Liter-Flachen (pfff...) wird Yannick auf den neusten Stand gebracht („wie, der lässt den immer noch auflaufen?!... wie, ihr spielt mit einer Spitze?!“). Spektakulär ist anders. Abenteuer ist anders. Das Ganze nennt sich Urlaub.
Später geht’s in die Innenstadt. Malaga soll auf Grund der großen, anstehenden Osterprozessionen im Stress sein, doch die Siesta dauert mir immer noch zu lange. Nicht meine Kultur.
Doch ein paar Skateboarder und eine zwischen Palmen gelegene Joggingstrecke entlang des Mittelmeeres wirken sympathisch. Der Hafen ist alt und verrostet, der Rest der Wirtschaft scheint zu laufen. Der Strand ist weiß, das Wasser kalt, der Supermarkt ist überraschend teuer und ich erfreue mich an Ampeln, die mir (wie eigentlich überall außer in Deutschland) sagen wieviele Sekunden es noch bis zur nächsten Grünphase sind. So weit.
Abends kochen wir irgendwas mit Curry und gehen danach was trinken und bestellen Oliven dazu. An nächsten Morgen gehe ich alleine zum Strand. Fünf Sekunden nachdem ich ein Klischee-Foto von meinen Füßen im Sand gemacht habe, bekomme ich eine SMS, die von Schneestürmen in Nürnberg berichtet. Ich grinse eine nicht ganz so schöne Frau im Bikini an, sie grinst zurück.
Abends geht’s mit Yannick's Kommilitonen auf Piste. Ein paar unbekannte Biersorten später und mit meiner Wiederentdeckung der deutschen Sprache, hat der Abend Gestalt. Die Frauen sind nett aber nicht spannend und auch nicht schön. Was Vorteile hat, da dies verhindert, dass disharmonische und nicht befriedigte Eroberungstriebe auftreten. Gemütlichkeit ist das Gebot der Stunde. Der Besitzer der Bar spielt mit uns Dart und gibt uns bei jeder verlorenen Runde, eben solche aus. Er verliert oft. Mit der Zeit stellt er auch als Sieger Bier, Tequilla oder H-Milch auf die Theke und man dankt herzlich. Die herzhafte Allzweckwaffe „Hombre“, hilft dabei mit zugehöriger Körpersprache sich ohne Probleme zu verständigen. Es grenzt an einer Wunder, dass ich an diesem Abend nicht kotze. Es gibt auf der Welt zwei universelle Sprachen: Fußball und Alkohol. Mit beidem haben die Amerikaner so ihre Probleme. Aber gut.
Die nächsten 36 Stunden wird Paella Essen gegessen, ins Meer gesprungen, gejoggt und ein Abend alleine vor dem Fernseher verbracht. Bei Chickenwings UND Sparmenü gibt es Pokalhalbfinale. Barcelona in Valencia. Messi gegen Hildebrand. 3:2, Pokaldrama. Zwei Villa-Tore. Es gibt langweiligere Spiele. Eines, zu dem die Überlegung im Raum stand, es zu besuchen und ihm mit teuersten Schwarzmarktkarten beizuwohnen. Doch die Gelassenheit eines Couchabends in der Wohnung eines Freundes, gegenüber vom Foodcourt des Einkaufszentrums gelegen, triumphiert. Auf Geld achtete ich die gesamten Tage eh nicht. Für solch ein Gefühl wurde die Kreditkarte doch überhaupt erst erfunden.
Am nächsten Morgen geht’s nach Hause. Es gibt diese Scrubs-Szene; ein alter Schulfreund war für ein paar Tage zu Besuch und sagt: „Ihr werdet mir fehlen!“. Dann müssen alle über diesen Ansatz von Kitsch und Lüge lachen und gehen zügig, ohne sich um zudrehen auseinander. Wir Männer sind richtig schön einfach.

Tag 5

Madrid ist eine wunderschöner Bastard, der mich schräg anlächelt, nachdem ich hektisch rhetorische „Kaffee-oder-Tee-oder-gleich-ein-ganzes-Frühstück“-Fragen angelehnt habe (siehe Tag 4) und zum Auto gesprintet bin. Es ist noch keine 7Uhr und ich suche eine Tankstelle, die Morgenröte im Gesicht. Das Tanken ist ein erneutes Abenteuer. In Spanien oder zumindest im Stadtkern Madrids tankt man nämlich erst, nachdem man sich beim Tankwart mit der angefahrenen Zapfsäule, sowie der gewünschten Bezahlungsart angemeldet hat. Erst nach dieser Prozedur, wird dir die Zapfsäule freigeschaltet. Bis mir diese Ehre zu Teil wird, muss ich allerdings noch einige genervte Weltstadtbürger hinter mir auf Englisch beruhigen. Schließlich entschließe ich mich an den Rand zu fahren und von der gegenüberliegenden Straßenseite Anschauung-Unterricht zu nehmen. Nach einer halben Stunde geht es mit vollem Tank zurück auf die Autobahn („am nächsten fünfspurigen Wendekreis, bitte die sechste Ausfahrt nehmen“).

Ich steuere die nächste, etwas besser aussehende Raststätte an und genehmige mir ein ordentliches Frühstück. Bei Orangensaft und Sandwich ziehe ich die Schuhe aus und halte mein Gesicht in die immer noch von morgendlicher Frische durchzogene Frühlingsluft. Ich hatte getankt (an einer Zapfsäule, die ich nur angefahren hatte, weil ich wusste, was diese spezielle Nummer auf spanisch heißt), hatte bei mir unbekannten Menschen die Nacht verbracht und mein Geburtsort war mittlerweile weiter entfernt als der Ort, wo dieser Film „Casablanca“ spielt. (ein MeWi-Witz, höhö.) Kurz hinter Madrid empfand ich mich als Weltbürger. Es reifte in mir die Idee, auf die Frage nach meiner Herkunft mich als „mehr Europäer und weniger Deutscher“ vorzustellen. Ich habe diesen Gedanken nie ganz verloren.

Es ist Zeit für ein neues Ziel. Ich rufe Yannick an und sage ihm wann ich laut Navi da bin. Meine Ankunft ist weder angekündigt noch ein großes Problem. Im Gegenteil; Freude ist da. Wir Männer sind schon schön einfach.

Ästhetisch teilt Madrid das Land in zwei völlig verschiedene Hälften. Auf dem Weg in Richtung Meerenge von Gibraltar entwickelt das steinige Flachland eine rustikale Schönheit, wie man sie sonst vielleicht nur auf Sardinien findet. Grasbüschel sprenkeln eine rot glühende Felswüste, während der Horizont nicht weiß welchen Blauton er dazu anziehen soll. Plötzlich sprechen die Straßenschilder arabisch und die Serpentinen werden proportional zu der Steile der Abhängen an denen sie vorbei führen (sollen), immer enger. Das ganze Land liegt in der Hitze, einen letzten, notwendigen und daher elementar lebendigen Schritt vor der Dürre.

Als ich – im Arminia-Trikot – bei etwas mehr als 30 Grad in Malaga aussteige ist das Bier schon kalt gestellt und die Sonnenbrille aus Bordeaux tut ihren Dienst.