Sonntag, 25. Juli 2010

Die Filme meiner Jugend

Martin Scorsese wächst in New York auf. Ohne dabei wirklich groß zu werden. Mit 1.54m hat der auch sonst von Krankheiten geplagte „Marty“ in Little Italy nicht viel zu bestellen. Das feudale Viertel New Yorks, welches vor allem von sizilianischen Einwanderern bevölkert und strukturiert wird, bietet daher für den gläubigen Katholiken nicht viel. Einzig die Kirche und das Kino bieten Orte der Zuflucht.

Nach der Schule will Scorsese seine Mutter stolz machen und Priester werden. Doch die Ausbildung scheitert. Sie kann die Widersprüche, die das mafiöse, katholische Leben gegenüber den katholischen Predigten aufwirft, nicht auflösen. Stattdessen flüchtet Scorsese an den Ort, in den er schon als Kind - bis zu dreimal täglich - zurückzog; das Kino. Dort macht er die Fragen, die ihm seine Kindheit, sein Leben aufgeworfen haben zu denen seiner Filme, die er nach einer NYU-Ausbildung dreht (An selber Stelle wird er später u.a. Oliver Stone unterrichten). Scorsese ist getrieben von einer, von wenigen Fragen. Vier Ehen scheitern an seiner Besessenheit. Die ersten drei halten nie länger als drei Jahre. Letztendlich wird Scorsese sein Leben lang den immer gleichen Film in wechselnden Farben und Klängen drehen. Nur sein herausragendes Talent überdeckt dies zumeist, bzw. macht diesen Umstand zu einer beinahe bedeutungslosen Randnotiz. Diesen Film kann man sich neu verputzt immer wieder angucken. Doch am Ende, wenn Scorsese nicht gerade in Form von Musik-Dokumentationen Urlaub vom Leben machte, kreisen seine Filme immer um Gewalt. Das Verhältnis von Kirche und Gewalt (Mean Streets), von Gewalt und menschlicher und urbaner Genese (Gangs Of New York), von Gewalt und Gegengewalt (Taxi Driver). Die Gewalt, die Scorsese in seiner Kindheit erlebte (er berichtete selbst von dem Anblick eines Toten auf der Straße, was seine Mutter mit den Worten „Das ist nur ein Jude“ kommentierte und ihn von der Leiche weg zog), hat ihn nicht mehr los gelassen. Damit ist der New Yorker, der seine Stadt erst in den letzten Jahren filmisch verlassen hat (The Departed spielt in Boston), ein Symbol für eine Art des Filmemachens, die ganz sich selbst verpflichtet ist. Die Themen sind nur die eigenen, die Geschichten stets die selbst erlebten. Autorenfilm nennt man das in Frankreich. In Amerika meint man mit Independent-Film oder der New Hollywood-Ära, dessen Kopf Scorsese war, etwas ähnliches. In Deutschland tut man sich schwer, einen passenden Namen zu finden und kopierte den Autoren-Begriff Frankreich, ohne ihm wirklich zu folgen. Fatih Akin ist einer wenigen, der heute damit Erfolg hat. Er berichtete vor kurzem, wie er in Cannes von Scorsese zum Essen eingeladen wurde und genau diese Botschaft mit auf den Weg zurück nach Hamburg bekam. Dort wo Akin bis heute Filme über seine deutsch-türkischen Welten dreht. Seine eigenen Erlebnisse dramaturgisch abhandelt.

Nimmt man diese Analogie als allgemeingültigen Maßstab oder als Beispiel wird deutlich, dass die Art Filme zu machen, der Anspruch der damit verbunden wird, sich seit der Scorsese-Generation und ihrer Idee von individuellem Kino nicht besonders verändert hat. Daraus folgt; wenn aus ähnlichen Motiven und mit ähnlichen Ideen heute Filme gemacht werden wie vor dreißig Jahren, lässt sich an diesen erkennen, wie sich die Dinge entwickelt haben - auch außerhalb des Kinos.

Eine neue Generation von Filmemachern ist erkennbar, die weitaus heterogener auftritt als ihre Vorgänger. Diese: Spielberg, Coppola, Scorsese, Forman, Nichols, Polanski oder auch Kubrick sind aus heutiger Sicht zu meist auf einen groben Torso an Themen zu reduzieren (Gewalt spielt nahezu ausnahmslos, nicht nur bei Scorsese, eine Hauptrolle), denen sie aus unterschiedlichen Blickrichtungen näher kommen wollten.

Die talentierten Regisseure der letzten Jahre hingegen sind zumeist vielschichtiger. Entweder innerhalb ihres Oeuvres, wie zum Beispiel Sam Mendes, der zwar immer mit ähnlichen, fast-wissenschaftlich, unterkühlten Bildern arbeitet (Von American Beauty über Jarhead bis Zeiten des Aufruhrs), dabei aber ein komplexes, amerikanisches Gesellschaftsbild zeichnet und mit jedem Film erweitert (Sein aktuelles Projekt wird der nächste Bond sein - sofern MGM nicht dicht macht). Andere hingegen erzählen zwar mit sich selbst verglichen, ebenso häufig vergleichbare Geschichten wie ihre Branchen-Vorgänger, nur sind diese Erzählungen thematisch weitaus differenzierter. Alejandro Gonzalez Inarritu erzählt episodisch von Schuld und Schicksal (Amores Perros, 21 Gramm, Babel) Jason Reitman verknüpft inhaltlich und handwerklich den Spaß mit der Verantwortung (Thank You For Smoking, Juno, Up In The Air), Paul Thomas Anderson findet in den größten Geschichten kleine, reine Wahrheiten (Boogie Nights, Magnolia, Punch Drunk Love, There Will Be Blood) und Darran Aronovsky versucht zu ergründen, was Menschen antreibt und erzählt dabei von Getriebenen aller Art (Pi, Requiem For A Dream, The Fountain). Ganz nebenbei hat er mit Clint Mansell den wohl größten Komponisten aller Zeiten berühmt gemacht.

An Aronovskys The Wrestler lässt sich erahnen, was man aus den heutigen und damaligen Filmen als Veränderung wahrnehmen kann. Da wo Scorseses wilder Stier (Racing Bull) im und vor dem Ring immer wieder austeilte, zieht sich der alternde Profi-Wrestler Aronovskys unter großen Schmerzen in sich und aus dem Ring zurück. Die dumpfen Schläge des Boxens 1980 sind heute introvertierten, schlichten, melancholischen E-Gitarren-Klängen gewichen. Früher beschäftigte man sich mit der Gesellschaft, die einen in die Gewalt, in den Ring drängte, heute ringt man mit sich selbst. Früher versuchte man die Welt zu verstehen, heute sich selbst. Ein Prozess, der äußerst produktive Ergebnisse abwerfen kann, weil mit dem Blick in sich, immer ein Reflektieren und Bewusstwerden einhergeht. Akin hat mal gesagt: „Wer die Welt verbessern möchte, sollte erstmal in seiner Straße anfangen.“. Es geht jetzt um die kleinen Dinge, nicht das große Ganze. Es geht um den einzelnen Soldaten Anthony „Jarhead“ Swofford, mit sich allein im Irak. Und nicht mehr um die "Apocalypse Now". Ein Film, der versuchte den Vietnamkrieg, die amerikanische Gesellschaft und gleich die gesamte menschliche Rasse zu erklären, während es sich auf sich selbst einen runterholt. Die Filme sind kleiner geworden. Kleinere gemeinsamere Nenner werden gesucht und gefunden. Ob dadurch die Filme besser werden, wird jede Generation anders beantworten, weil Filme immer mehr Lebensgefühl und weniger Ästhetik sind. So ist „Easy Rider ein wichtiger aber wahrlich kein guter Film, aber erzähl das mal einem Alt-68er.

Doch vielleicht werden die heutigen und zukünftigen Werke dadurch zeitloser, weil sie universeller und globaler werden. Und "zeitlos" ist ein großartiges Adjektiv für einen Film. Vielleicht ist New York auch einfach nicht mehr der Vorort zur Hölle, welcher er zur Scorseses Jugendzeiten noch gewesen sein muss. Selbst die American-Psycho-Generation hat die Stadt hinter sich gelassen. Vielleicht ist die Welt – zumindest im Westen der Welt – wirklich besser geworden, so dass man sich um bestimmte Dinge einfach keine Gedanken mehr machen muss.

Und vielleicht ist im Gegensatz dazu „Requiem For A Dream“ auch in 30 Jahren immer noch ein guter Film, um ihn seinen Kindern im Drogen-nahen Alter zu zeigen. Vielleicht will ich aber auch einfach nur, dass meine Generation einen bleibenden Eindruck hinterlässt und versuche dies hiermit zu erzwingen. Vielleicht will ich einfach nur sagen, dass ich mich derzeit im Kino so verstanden fühle, wie noch nie.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Gottes Wort II

Niederlade: Der gute Trainer schafft es vielleicht das ewige Leichtfuß-Ballett mit deutschen Siegergenen auszustatten. Robben, Sneijder Van Persie (der alte Vergewaltiger!). Qualität ist da. Nur hinten, will immer in Holland niemand spielen. Wobei das auch schon schlimmer war. Finalkandidat (immer unter der Eingrenzung man trifft Spanien nicht früher) und mein einziger Außenseitertipp auf den Titel.

Japan: Asiaten. Mh. Mir fällt kein Witz ein. Sind alle klein und schüchtern. Und nur zu Besuch.

Kamerum: Klingt es rassistisch wenn ich frage: "wer hat all diese Afrikaner eingeladen?" Naja. Nichts zu holen. Ich mag den Eto'o nicht.

Dänemark: Durch die schwache Gruppe winkt das Achtelfinale. Aber am Ende ist es schon schade, dass Dänemarkt, Griechenland oder die Schweiz dabei sind und Kroatien, Türkei oder auch Russland nicht. Naja.

Italien: Zu alt, zu satt, zu doof. Die schwache Gruppe ermöglicht einen Viertelfinaleinzug. Nicht mehr. Und ganz nebenbei: wer italinischen Fußball mag, gehört erschossen. Und wer italienische Fußballer mag, gibt mir genügend Gründe zu Hause und nicht auf Großleinwand zu gucken. Nein, Baggio spielt nicht mehr. Ja wirklich, Luca Toni hat eine Freundin.

Slowakei: Kroatien in Langweilig und ohne Olic.

Paraguay: Die haben zwei Dortmunder Stürmer, Jürgen Klopp was zum freuen (Sahin macht ja Urlaub und Hummels war nicht gut genug... in your face BVB-Fans) und ich was zum Zeilen füllen. Aber im Grunde; hab ich keine Ahnung. Achtelfinale, passt und heim geflogen.

Neuseeland: Aus der Kategorie: Exoten, die beweisen, dass WMs in der Vorrunde wirklich spröde sein können. Und irgendein Reporter wird was von "Die längste Anreise" reden. Toll. Wenn das diesmal überhaupt stimmt. Sonst aber eine super Floskel. Schwachpunkt einer schwachen Gruppe.

Braslien: Das Land der Zauberer wird europäisch. Was ich gut finde. Die Messis und Robbens sterben ja nicht aus. Leider spielen die Arbeiter dann aber auch nicht mehr bei Real Madrid und Chelsea, sondern Sporting Lissabon oder Wolfsburg. Das Land ist im Umbruch. Weiterhin gut, aber auch mit zu Hohen Erwartungen ausgestattet. Bis ganz oben wird es nicht reichen. Finale 2014 in Rio: Deutschland – Brasilien.

Portugal: Am Ende gehts doch nur um eins: Wer hat den Längsten?! Christiano natürlich. So häßlich und stolz drauf, dass es Stil hat. So selbstverliebt, dass vor lauter Hass der ihm entgegen schlägt, fast sympathisch daher kommt. So egozentrisch, dass er vergisst abzuspielen. Und deswegen gibt’s für Portugal auch wieder nichts zu holen. Außer heißen Tränen auf dem Spielfeld. Medial wirksam, für alle sichtbar. Wenn Ronaldo weint (oder von Friedrich auf die Aschebahn gelegt wird), wird die Welt ein Stückchen besser.Klassischer Viertelfinal-Kandidat.

Elfenbeinküste: Mit oder ohne Drogba (der noch weniger abspielt und mehr heult als Ronaldo aber irgendwie damit durchkommt); auch der Klassiker-Tip für Leute, die so tun möchten, als hätten sie Ahnung, scheidet schneller aus, als es dem schwarzen Kontinent lieb sein kann. Vorrunde und zurück zu den britischen, spanischen und deutschen Kolonialherren, das Feld bestellen.

Nordkorea: Schade, dass mein Geheimtipp die mit Abstand schwerste Gruppe komplettiert. Im sozialistischen Gleichschritt kann man am besten eins; verteidigen. Zwei 0:0 und eine 0:2 Niederlage gegen Brasilien bedeuten leider das aus. Die 15Spieler bleiben anschließend in Johannesburg.

Honduras: Zum ersten Mal dabei, und das kurz.

Chile: Hoffnung besteht, dass die Nation entlang der Anden mir hilft die Schweiz nach Hause zu schicken. Am Ende taugen sie aber auch nur zu dieser halbgroßen Projektionsfläche. Die Zeit der Stars des Landes ist vorbei.

Schweiz: Ein beschissener Nazi-Staat, diese Schweiz. Frei von Minaretten, Moral, Ehre und rechtsstaatlicher Bereitschaft sich in Europa und eine Weltgemeinschaft einzugliedern. Aber dann beim Fußball mitmachen wollen; Na super! Das wird bestraft; mit bitteren Niederlagen und einem 1:1 gegen Honduras. Wehe wenn anders.

Spanien: Kurz; die beste Mannschaft des Turniers wird alles wegputzen, was sich ihm in den Weg stellt. Ich hatte noch nie so hohe Erwartungen an eine Mannschaft, wie an diese, in der sich eine handvoll Spieler befinden, die auf ihrer Position die besten der Welt sind. Cassillas, Xavi, Iniesta, Fabregas, Torres, Villa. Ich kriege hier feuchte Hände. Die Pässes Iniestas sind das einzige auf der Welt was Günther Netzer bereuht nie geschafft zu haben. Villas Technik. ACh die technik der gesamten Mannschaft. Lauter Özils. Torres' Antritt und Abschluss, dem stehen sogar lange, blonde Haare. Neid! Weltmeister!

Gottes Wort.

Die folgenden Aussagen treffe ich mit reinem Gewissen. Ich habe immer Recht. Das weiß ich aus Erfahrung. Wenn nicht, teste ich nur ob wer nicht aufgepasst hat.

Südafrika: Der Merkel-Effekt; ein Tor schießen und alle sagen; "Wow, dass hätte ich nicht erwartet." Vielleicht, ein paar Unentschieden. Achtelfinale? Wohl nicht.

Uruguay: Um mal wieder den guten Homer anzubringen: "Was ist das denn für ein Land "U R GAY"?!. Drittbeste Südamerikamannschaft - Achtelfinale.

Mexiko: Achtelfinale und gut - so wie immer halt. Ja, auch der Typ mit dem Ball zwischen den Oberschenkeln ist dabei. Blanco, spielt mittlerweile aber nur noch zweite mexikanische Liga.

Frankreich: Standfußball zu Füßen eines Dreckstrainers, der diesen Sport immer noch mit Schach verwechselt und bei dem niemand weiß wieso er noch bezahlt wird. Außerdem; Das Land hat in seiner arroganten Grundart bis heute nicht gemerkt, dass sie eine durchschnittliche Fußballnation plus Zindane waren und somit sind (minus Zidane). Die Hahn-Elf macht nur drei Spiele. Von "spielen" kann man dabei ja nicht reden.

Argentinien: Messi, Messi, MESSI; Star der WM. Period. Wenn man bedenkt, dass Podolski 2006 zum besten Nachwuchsspieler vor dem Argentinier und Ronaldo wurde, weiß man was falsch lief in München und Köln und wohl auch seinem Kopf. Die Stärkste Offensive des Tuniers hat Angst vor seinem Koks-Trainer, der vielleicht lieber seinen Schwiegersohn als CL-Finale-Doppeltorschütze Milito, aufstellt. Hoffe auf ein Spiel gegen England. Tipp:Finale.

Nigera: Afrikas Fußball wird überschätzt, so auch Nigerias. WM-Touristen.

Griechenland: Mauern sich ins Achtelfinale und hoffentlich nicht weiter. Für diesen Sport!

Südkorea: No Gus Hiddink, No Heimvorteil, No bestochene Schiris (Ja, wirklich! WM Spiele wuren verschoben... aber wenn es Italien trifft nenne ich das mal "Karma") - No party.

England: Was passiert wenn die beste Liga der Welt nur aus Nicht-Inländern besteht? - Ein überschätztes WM-Team mit einem überschätzten Trainer, das so tut als würde es Beckham vermissen. Und mit Peter Crouch im Sturm - wir hätten Carsten Janker nominieren sollen! Achtelfinale, dann; als zweiter gegen 5 deutsche Schützen. The same procedure as every year.

USA: Die Chance zur Überraschungsmannschaft und zum Nationalbeheizer dieses Sportes besteht. Gruppensieger. Langweilig aber Viertelfinale.

Slowenien: 0:0 gegen Algerien; langweiligste Spiel aller Zeiten. 13. Juni, 13.30H. Da muss man dabei sein. Sonst gibts wenig Ruhm. Man verliert 0:1 gegen England und sagt sich dann, wie toll man Parole geboten hätte. Dabei ist England einfach nicht so gut.

Algieren: ..... NOT.

Deutschland: Löw raus! rufe ich seit Jahren. Trochowski, Tasci, Klose oder Aogo sind keine Nationalspieler. Podolski kein Links-außen, Jansen kein linker Verteidiger und Fußball immer noch ein emotionaler Sport und kein Abwägen von Hautcremes, Schals und pseudo-intelligenten Taktiken. Aber trotzdem werden Özil, Schweinsteiger (so geht Entwicklung Trotz Werbevertrag, Prinzenrollen-Prinz-Poldi) und (ab der 60. Min.) Marin so manchen eindrehen. Wenn Friedrich den Torres' und Miltios dieser Welt nur ein bisschen hinterher kommt läuft der Laden. Zwischen Viertel- bis Finale ist alles drin; je nachdem wann man auf Spanien trifft.

Ghana: Essien verletzt. Bitter. Daher; Siehe Nigeria.

Australien: Aussie! Aussie! Aussie! gilt diesmal nicht Bernd Schneider, höhö. Aber verdienen tut sich die Anerkennung auch nur der Towart, der vielleicht ein, zwei Punkte festhält. Das Land braucht eh keine Sporterfolge. Auch ein Erfolg.

Serbien: Geheimtipp. Vidic ist toll, Pantelic hat Schuhcreme im Haar. Auf jeden Fall weiterkommen (1:1 gegen Deutschland) dann vielleicht mehr.

Gruppen E - H sind bald hier.

Sonntag, 16. Mai 2010

A Praise Chorus

Dies war mal das erste Kapitel meines Romans, den ich nie fertig stellen werde. Das Werk hat den Arbeitstitel "Treppenmensch". Dieses Kapitel, benannt nach einem großartigen Jimmy Eat World-Song, funktioniert aber auch gut, als in sich geschlossene Kurzgeschichte.

Beziehungen sind ja so einiges. Sie sind bestimmt von Trauer, Schmerz, Wut, Angst, Hass, Ignoranz, Zweifel, Frustration, Erniedrigung, schlechten Kompromissen, Nervtötung, Zwang, Eifersucht, Stress, Tränen, gebrochenem Stolz und Hilflosigkeit. Und das ist meist nur der Sex oder zumindest der Grund dafür.
Das einzige was man als gewillter Kuschelpädagoge dazu noch lächelnd erwähnen kann ist, dass es wohl nie langweilig wird, und wenn doch, so wird aus dem Schoß dieser Gleichgültigkeit schon irgendetwas Verletzendes, Frustrierendes, Trauriges oder Erniedrigendes heraus springen. Was wieder zu Sex führt. Wahlweise zu Versöhnungs-, „Ich-will-dich-nicht-verlieren-“, „Thank-God-we're-alive-“ oder „Besser-als-miteinander-Reden“-Sex, was in seinem Affekt zu ungewollten Schwangerschaften führt und darauf zu kurzfristig begonnenen Ausbildungen im Schreinerbetrieb des Schwiegervaters. Manchmal jedenfalls.

„…darum und weil ich sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten alle ganz doll lieb habe, wünsche ich ihnen, uns einen schönen und unvergesslichen Abend“.
Die Frau die dies und noch mehr seltsames Zeug zuvor gesagt hat, ist die Schülersprecherin eines sehr, sehr gutbürgerlichen Gymnasiums im Zentrum Bielefelds. Sie trägt ein sehr extravagantes und zugleich klassisches Kleid, mit akzeptablem Ausschnitt, in einem Weinrotfarbton. Sie strahlt und man strahlt ihr zu.
Ich sitze in einer der unzähligen Ecken dies komisch konstruierten Saales und probiere mich mit meiner Mutter zu unterhalten. Die ist angetrunken und süß dabei. Ich bin müde.
„Was wäre mit der da?“, fragt sie in einer Lautstärke, die ich gerade so verstehen kann und zeigt dabei auf Julia, die eben noch auf der Toilette, Dirk's Zunge in ihrem Mund und Dirk's Hand in ihrem Schritt hatte.
„Lesbe.“, antworte ich.
„Das ist aber schade. Also für dich.“, räuspert sich meine Mutter.
Ich nicke und sie steht auf und geht auf die Toilette.
Ich hole mir ein Pils von der Theke und wandere damit, möglichst lässig aussehend, durch den Saal. Nina, Janine und Caroline wollen mich zum Tanzen auffordern, aber ich lehne möglichst diplomatisch ab („... nicht tanzbar.“) und stelle mich zu Tim und John. Eigentlich heißt John Johann, aber irgendwie hat sich sein Spitzname so sehr verselbstständigt, dass selbst Lehrer ihn so nennen. Wenn es dann mal vorkommt, dass ein Unwissender seinen Namen von der Klassenliste her kennt und ihn abliest, weiß zunächst niemand wer gemeint ist. Auch John selbst braucht dann immer ein bisschen um zu reagieren.
Tim erzählt von seinen letzten Interneterlebnissen und berichtet wie viel er verloren hat, als er bei Manchester gegen Newcastle (+ Handicap) auf Unentschieden gesetzt hat.
Tim ist einer dieser Nerds, die immer zufrieden scheinen, selbst wenn ihnen irgendetwas bescheuertes oder gar trauriges passiert ist. Sie reden dann zwar laut und deutlich davon, dass alles nervt oder scheiße ist aber letztendlich wird man das Gefühl nicht los, dass alles in Ordnung ist oder mehr noch; dass alles bestens ist. Besonders dann, wenn einen auffällt, dass Tim nervt - vor lauter Witzen, Sprüchen und Anekdoten. Anzumerken wäre dabei noch, dass Tim noch nie eine Freundin, ja noch nicht mal eine Abendgeschichte hatte.
Häufig kommt da die Frage auf, ob er so positiv und albern wirkt, weil er sich noch nie im Geruch einer ganz bestimmten Frau verloren hat oder ob dies der Grund ist dafür, dass er noch nie jemanden für sich ernsthaft begeistern konnte. Ich meine, Frauen wollen ja immer zum Lachen gebracht werden, sagen sie in den Zeitschriften und schlechten Fernsehsendungen. Was sie aber nie sagen ist, dass dies immer erst dann geschehen soll, wenn es ihnen schlecht geht. Dafür muss man selbst sorgen indem man wenigstens so tut als wäre die erzieherische Arbeit seiner Eltern zur Austreibung des Patriarchats fehlgeschlagen oder ganz viel Geduld haben und dann im richtigen Moment anrufen. Timing ist entscheident. Da hat es Hollywood immer einfach. Der böse Noch-Freund baut immer kurz davor scheiße, wenn Er und Sie sich auf einer Parkbankk trefen. Wenn es regnet, natürlich. Wurden diese Filme, 10 Stunden lang gehen, hätten überhaupt kein Realtätsproblem. Aber Realitsten wurde früher eh zu oft der Lutscher geklaut.
Also, wie dass mit Tim aussieht kann ich wirklich nicht sagen. John ist da anders. Was Frauen angeht, ist durchsichtiger und offener. Er ist nun seit über 3 Jahren mit Patricia aus unserer Parallelklasse zusammen und nachdem selbst ein 10monatiger Mexiko-Aufenthalt von John, sie nicht auseinander bringen konnte, ist nicht mehr viel mit Jugendliebe. Die beiden meinen es ernst.
John einer dieser Sorte Mensch, die man oft nicht bemerkt. Erst wenn man dazu gedrängt wird, sich mit ihnen zu unterhalten merkt man wie viel Potenzial und Qualität in diesem Jungen steckt.
Menschen wie ihn nenne ich gerne „Treppenmenschen“. Das Gegenstück dazu wäre der „Fahrstuhlmensch“. Typ A brauche lange, um in der Aufmerksamkeit und Wertschätzung Anderer nach oben zu gelangen. Typ B ist sofort da. Zack! Er muss nichts tun, außer anwesend zu sein und man hört ihm sofort zu und gibt ihm Recht. Und daher hat man immer große Erwartungen an den Fahrstuhltyp und wird häufig enttäuscht. Und Zack! Ist der Fahrstuhl wieder unten. Aus diesem Grund gewöhnen sich, glaub ich, viele Menschen dieser Kategorie an die kurze Dauer von menschlichen Beziehungen und ähnlich wertvollen Dingen. Für sie ist es leichter Freunde, Partner, Geschmäcker und Ideen zu ändern, zu finden und dabei nicht das Gefühl zu haben sich und ihre Vergangenheit zu verleugnen.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: nur weil jemand mit 17 Jahren beginnt, sich für seine „Limp Bizkit“-Platten zu schämen, ist er noch lange kein Fahrstuhlmensch, aber ihr versteht schon… .

Tim ist fertig mit erzählen. Er fragt, ob noch jemand ein Bier will und verzieht sich nachdem John kurz nickend seinen Finger gehoben hat.
„Tolle Rede, mh?!“, frage ich süffisant.
„Was willst du denn? Die Blondinen fühlen sich geborgen und die Anderen lässt sie in Ruhe.“, entgegnet John.
„Naja, aber warum muss es den immer jemand aus dieser Fraktion sein. Warum kann ich mich nicht auch mal vertreten fühlen. So wenige sind wir doch auch nicht, oder?“
John seufzt auf: „Erstens: hättest du dann nichts mehr zu meckern. Du willst dich doch gar nicht „vertreten fühlen“ (John zeichnet die Gänsefüßchen mit Mittel – und Zeigefinger), hier am Ceci. Da wo Tradition und Disziplin groß geschrieben werden willst du doch deine Feinde in der Überzahl, du „Rebell aus Langeweile“ (erneut). Zweitens: schau dich doch mal um. Ich weiß nicht genau, was du mit "wir" (herrje!) meinst aber, ich glaube so viele können es nicht sein.“
Ich schaue in einer denkenden Pose in die Runde: „Läuft.“
John nickt grinsend.
Ich nicke zurück und wir beide fangen an zu lachen.
Tim kommt mit Johns Bier wieder. Wir stoßen an und reden über Fußball und kommen über Roman Abramowitsch, auf die derzeitige wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland und von dort auf den letzten Film von Roman Polanski und von dort auf die derzeite gesetzes Lage im Jugendstrafrecht. Spaß. Spaß in einer seiner reinsten Formen.

Nach etwa einer halben Stunde, hole ich mir ein weiteres Pils und verabschiede meine Mutter, die sich jetzt ein Taxi nehmen will. Ich gehe mit ihr nach draußen. Nachdem das Taxi weg ist, stehe ich noch ein wenig draußen und genieße die frische Luft dieses tagsüber heißen Tages Mitte Mai.
Etwas klopft mir auf die Schulter. Maria.
„Na?“ fragt sie leise.
„Na.“, probiere ich ihr in die Augen zu sehen. Es gelingt.
„Warum hier draußen?“
„Hab meine Mutter verabschiedet. Sie war müde.“
„Mh. Wo ist dein Vater?“
„Magendarm. Liegt im Bett.“, säusele ich.
„Das ist ja doof. Grüß ihn mal von mir, ja?“
„Mach ich“, antworte ich und lächle. Maria lächelt nicht. Sie schaut in die Wolken, pustet einmal tief durch und dreht sich um: „Okay, ich geh wieder.“, sagt sie während sie bereits den Blick zur Halle gerichtet hat.
„Hey!“ rufe ich ihr zaghaft hinterher: „ Du siehst gut aus.“ Maria dreht sich um.
„Danke.“, sagt sie mit gesenktem Blick und geht rein.

Ich gehe wieder rein und stoße dort mit meinem Deutschlehrer und Tim an. Tim ist gut angetrunken. Ich ein bisschen weniger.
Nach „Ihr wart ein wirklich schöner Kurs. Kein guter, aber ein Hübscher.“, meines typisch ironisch, dahin labernden Deutschlehrers und paar weiteren Witzen, gehe ich zur Tanzfläche. Dort tanzen mittlerweile auch Janine und Nina. Caroline, die natürlich von allen nur „Caro“ oder „Line“ gerufen wird, hat sich Dirk geschnappt und ist mit ihm ein paar Runden um den Block. Ich überlege kurz, ob ich mich später in die Eingangshalle setzen soll und darauf warte bis die Beiden wiederkommen. Ich finde dieses leichte Lächeln, welches zwei kurz „Verschwundene“ immer im Gesicht haben, wenn sie zurück kommen auf eine Party oder wie heute: den Ball, einfach beeindruckend. Diese Fünf Minuten Glück. So unverbraucht, einfach und leicht.
Aber ich finde etwas anderes, wo es noch mehr Spaß macht zu zuschauen. John und Patricia tanzen. Es wirkt, als wenn es in diesem Moment nur die Beiden gibt. Und das, obwohl gerade Nelly läuft. Es ist ihnen egal. Sie sind nicht euphorisch und turteln auch nicht rum. Im Gegenteil, kein Angemache, keine komischen aus dem letzten Videoclip abgeguckten Bewegungen, so wie sie zur selben Zeit die meisten anderen Mädchen tun. Einfach schlicht und ruhig.
Ihre Beziehung ist an einem Punkt, in dem es nicht mehr wichtig ist, sich zu unterhalten oder zu umschwärmen. Es ist eine ganz positive Form von Routine, die ich so schön finde, dass ich etwas denke, was ganz selten denke. Das gleiche wie bei der Hochzeit meines Schwiegeronkels, letztes Jahr. Als ich dem Brautpaar beim Eröffnungstanz zusah. Ich dachte nur:
Das will ich auch! Klein, sehnsüchtig, schmalzig, wahr.
Während ich dabei verträumt an meinem Pils nippe, male ich mir aus, dass ich heute Abend eine meiner Ryan Adams Platten auflege und mich dabei selbst in den Schlaf wiegen werde.
Klein, sehnsüchtig, schmalzig, wahr.
Am Ende des Abends stehe ich mit John, Patricia, Tim und einigen weiteren Abiturienten an der Bushaltestelle und warte darauf, dass uns die N3 in die Stadt bringt.
Zwilling Nr.1, der nur so oder einfach „Nr.1“ genannt wird, weil er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem weiterem Jungen aus unserer Stufe hat, raucht einen Joint und lässt ihn nach kurzer Zeit rum reichen.. Im Wirklichkeit heißt er Mark. Nr. 2 heißt Stefan. Außerdem stehen noch Tina und Sonja mit an der Bushaltestelle.
„Goldenes M?“ fragt Kilian.
„Ich nicht.“
„Ich auch nicht“
„Nö“ und
„Zu Müde“, sind die Antworten die Kilian hört. Er fährt sich kratzend über die Stirn und danach durch seine blonden, langen und lockigen Haaren. Er sieht aus wie der Sänger von Nickelback, nur ein kleines bisschen weniger peinlich.
Die N3 kommt und bringt uns zum Jahnplatz, von wo aus sich unsere Wege in die verschiedensten Richtungen trennen.
Ich sage John, Patricia, Tim und Nr.1 auf Wiedersehen und nehme die N6. Zu Hause habe ich zu meiner eigenen Überraschung immer noch nicht Ryan Adams vergessen und bereits beim Zähneputzen fährt mir „Political Scientist“ durch die Ohren. Es gibt Musik, die geht immer und daher nie. Und es gibt Ryan Adams. Oder um es mit Tees Uhlmann zu sagen: "Es gibt nichts schöneres als betrunken, traurige Lieder zu hören". Timing ist alles.
Beim Ausziehen meiner Krawatte fällt mir auf, wie komisch und somit auch ungewollt eindrucksvoll dieser Abend war.
Wie viel wurde im Vorfeld über diesen ach so großen Abend geredet. Wie lange Patricia gebraucht hat ein Kleid zu finden, was John erzählt hat. Wie teuer so eine Eintrittskarte war und wie viel Sorgen man sich gemacht hat, beim Standardtanz zu versagen, bzw. scheiße auszusehen. Mancher Mathe-LKler jedenfalls.
Und am Ende steht man mit den gleichen 7 Personen, wie die letzten 7 Jahren an der Bushaltestelle, nachdem man den ganzen Abend über die Musik genervt war und überlegt ob man noch zu McDonalds will. In solchen Momenten wird immer wieder deutlich, auf was es im Leben ankommt. Nämlich zu wissen, was man will. Was willst du? Und nicht zu glauben, man will unbedingt diesen dämlichen Abschlussball nur weil irgendjemand sagt: „So was kommt nie wieder.“
Ja und?! Ich will keine großen, kitschigen (und in unserem Fall: verlogenen) Reden oder großes Essen in noch größeren Sälen. Jemanden finden, der mich versteht. Das ist es. Ganz einfach. Egal, welche Konsequenzen das mit sich zieht.
Ich liege noch lange wach, das Licht längst aus und lausche Ryan noch eine ganze Weile. Plötzlich zuckt es durch meine Gedanken, ich stehe senkrecht im Bett. Ich fahre den PC hoch und öffne die Worddatei mit dem „Beziehungen sind ja so einiges-Text“, den ich letztens erst dahin gerotzt habe. Ich schreibe eine zweite Version:

Beziehungen sind ja so einiges. Sie sind bestimmt von Trauer, Schmerz, Wut, Angst, Hass, Ignoranz, Zweifel, Frustration, Erniedrigung, schlechten Kompromissen, Nervtötung, Zwang und Hilflosigkeit. Und das ist meist nur der Sex oder zumindest der Grund dafür. Aber wenn es passt, hat man bei all dem immer das Gefühl: Es lohnt sich.

Als ich den PC wieder herunterfahre, wird in der Bäckerei gegenüber gerade das „Geöffnet-Schild“ umgedreht. Ich laufe auf die andere Straßenseite und kaufe mir ein Käsebrötchen. Ich bin nicht mehr müde.

Sonntag, 18. April 2010

Einfach Lena

Ein Land auf der Suche nach der Schnittmenge.


Woran erkennt man, dass man älter wird? – Man will im Restaurant nicht mehr in der Mitte des Saales sitzen. Man interessiert sich bei Frauen, mehr für ihren Geruch, ihr Lächeln und ihre Plattensammlung und weniger für ihre Oberweite und ihr Verhältnis von Hüfte zu Hintern. Wobei diese Dinge nicht unbedeutend werden. Und man weiß, dass man älter geworden ist, wenn man nicht Lena heißt. Lena Meyer-Landrut, um genau zu sein.
Zugegeben, ich gucke keine Castingshows. Ich gucke allgemein wenig Hass-TV. Also alles, was man vor allem guckt um sich danach oder währenddessen darüber auszutauschen, dass man es scheiße findet. Talk-, Reality-, Castingshows. Eigentlich alles was auf „-Show“ endet und Olli Pocher. „30% all deiner Zuschauer, sind Hass-Quote“, schätzte einmal Harald Schmidt, welcher mittlerweile seit Jahren intensiv versucht diesen Markt zu erschließen. Mit Erfolg. Doch war die öffentlich-rechtliche-Stefan Raab-Ko-Produktion „Unser Star für Oslo“ nicht mit dem Ziel angetreten, sich einem anderen Markt zu öffnen?! Das qualitativ hochwertige Kultur-Produkt sollte es werden. Ein klarer Antagonist zu Bohlens DSDS. Mit guter Laune, weniger zwanghaftem Migrationshintergrund und dem wesentlichem im Vordergrund; Musik. Eben allem, was der Mittelschichtler so erwartet vom öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. So ein bisschen wie „Wetten dass... ?“. Nur für Menschen, die erst in 10 Jahren mal „Wetten dass...?“, gucken werden.
Alles gut, soweit. Ein bisschen heile Welt ist auch ganz nett, manchmal. Und wo soll die heile denn existieren, wenn nicht in der ARD? Das Problem an der ganzen Geschichte heißt Lena. Sie sah ich dann bei „Wetten dass... ?“. Selbstbewusst, eloquent, strebsam. Doppelname, inklusive. Jemand, den ältere (gerne auch „junggebliebene“) Menschen gerne als „keck“ oder „frech“ beschreiben würden. Eine Gymnasiastin. Eine junge Gymnasiastin. Es ist nicht ganz aufzuklären ob das kleine Nesthäkchen in ihrem auffällig billigen Video und dort auf der ZDF-Couch zu dieser Gymnasiastin gestylt wurde oder ob sie wirklich dieses Mädchen ist. Vermutlich ist sie es auch wenn die Kamera aus ist, The Ultimate Girl Next Door. Daran würde ich mich ja gar nichts stören, wenn da nicht eine Sache wäre; die Frau kann nicht singen.
Sie hat diese Castingshow nicht durch musikalische Qualität gewonnen. Sie verkauft nicht auf Grund ihrer Tanzausbildung jetzt erstmal massig Singles, um dann zu gucken ob es was wird, mit dem zweiten Album. Nein, der Grund für ihren akuten Erfolg ist ihr Image. Ein Image, dass eben genau das ist. Das freche, kecke oder junge. Lena Meyer-Landuth ist nicht von den zahlreichen Anrufern bei „Unser Star für Oslo“ gewählt worden, weil sie musikalische Qualitäten besitzt. Sonst hätte jemand gewonnen, den Xavier Naidoo nicht gelobt hätte. Sondern die18jährige Hannoveranerin darf nach Oslo, weil sie das Image von Qualität besitzt. Es ist das öffentlich-rechtlichen-Prinzip. Der Schein ist entscheidend. Deswegen werden wir in der Tagesschau auch nie spannende Bilder sehen, sondern immer nur Gerichtsgebäude von außen. Weil nichts so sehr mit Seriosität assoziiert wird wie Langeweile. Das muss die Seriosität gar nicht ausschließen, aber letztendlich entscheidend ist das Image von Seriosität.
Lena, wie wir sie ja auch nur nennen, ist genau das. Ein Image von Qualität. Von einem guten, gut behüteten Mädchen, die niemandem wehtut. Ein Image von einem Gegenpol zu Bohlens Ex-Knacki's und Frühschwangeren. Um Qualität zu suggerieren, reicht es aus, dass man anders ist als das, was augenscheinlich keine Qualität besitzt; Hass-Fernsehen.
Es geht also in beiden Sendeformaten um das Gleiche. Eine möglichst große Schnittmenge in der jeweiligen Zielgruppe zu finden. Hier, das Prekariat von RTL-Familiengericht, da die bürgerliche Tatort-Mittelschicht. Hier, Alexander Klaws (welchen ich übrigens letztens in einer dieser Telenovelas gesehen habe...), da Lena. Einfach Lena, ohne Nachnamen. Sie ist die popkulturelle Version von Angela Merkel. Nichts woran man sich reiben kann, nichts woran sich die Geister scheiden, nichts mit Gehalt. Genau das, was man in Deutschland scheinbar immer wieder sucht. Das Einende. Entweder im gemeinsamen Hassobjekt oder in der Unschuld der Jugend. Die Zeiten eines polarisierenden Guildo Horns sind lange vorbei, welcher mit seiner Glatzen-küssenden und Glocken-spielenden Selbstverballhornung noch einen lang nicht mehr erreichten 7. Platz einheimste.
Aber das oberflächlich, leicht Zugängliche Lena's muss in Oslo überhaupt kein Nachteil sein. Die dicken Olsen Brothers aus Dänemark konnten 2000 mit ihrer schlichten Häuslichkeit genauso punkten, wie 2006 die Finnen Lordi mit ihrer Suggestion von Hardrock. Wo ihr Auftritt im Grunde auch nur ein Image von Härte war. Slipknot mit Kinderschminke. Aber für das europäische Schlagerpublikum reichte es. Und was ist der Schlager, wenn nicht Suggestion einer heilen Welt. Somit wird eine fordere Platzierung an dieser Stelle auch gar nicht ausgeschlossen.
Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass sich Deutschland dort etwas erwachsener präsentiert.

Sonntag, 21. Februar 2010

Hör auf! 1.2

Ich + Ich: An fehlendem Selbstbewusstsein leidet Annette Humpe, Hauptverantwortliche des Musikprojektes Ich + Ich und Schwester von Berlin-Swingerclub-Techno-Kombo 2Raumwohnung-Frontfrau Inga, scheinbar nicht. Zu dekadent fällt dabei der Name dieses „Duos“ aus. Zu zufrieden ist man innerhalb dieser musikalisch einfachsten Darstellung von Seelenverwandtschaft. Ich und Ich, du und du. Ein Regenschauer, ein Mann auf den Knien und ein Lied von Ich + Ich. Romantik aus dem Hollywood-Valentinstag-Setzbaukasten. Und ganz nebenbei, wird - wenn ein schlichtes „und“ oder ein vollfertiges „&“ durch ein billiges „+“ erstetzt wird - die Smiley-Generation zum Tanz gebeten. Denn wenn die 1950 geborene Humpe Texte wie „und jetzt die Gewissheit, die mir keiner nimmt, wir waren von Anfang an füreinander bestimmt“ oder „weil dich die gleiche Stimme lenkt und du am gleichen Faden hängst, weil du dasselbe denkst [und damit es wirklich jeder, absolut jeder versteht:] wie ich, wie ich, wie ich“ in den Äther rotzt, steckt der kleine Mirko auf Wangerooge gerade seiner ersten Liebe Linda, dass er nachts nicht schlafen kann und ihr danach die Zunge in den Hals. An und für sich ja ein Akt des Erwachsenwerdens und völlig legitim. Aber eine Jugend hat ihre Helden selber zu produzieren und die Zielgruppe der letzten Nachwehe der neuen deutschen Welle (frühere Band; "Ideal"), ist eh eine andere. Es sind die ganzen von Disney und Ben Affleck geschädigten Hausfrauen dieser Welt, die durch den Ich+Ich-Feenstaub auf Drogen gesetzt werden. Alterschnittsenker Adel Tawil umkurvt dabei mit Heliumstimme, Migrationsvordergrund und hipper Frisur jede auftretende Ecke oder Kante und spritzt dem Radiovolk die nächste Dosis Anästhetikum. Hinaus aus einer Welt der Probleme und Familiengerichte auf RTL, hinein in eine Welt voller wollig warmer Worthülsen wie „Seelenverwandter“ und „Retter in der Not“. Dass an dieser Vorstellung mehr Lieben zerbrochen als gewachsen sind, stört Frau Humpe nicht. Sie tourt mit ihrer Botschaft von einer Tupperparty zur nächsten und schläft nachts tief und selbstbewusst.
Lieblingszeile: „wo viele Schatten sind da ist auch Licht / ich laufe zu dir ich vergesse dich nicht / du kennst mich und mein wahres Gesicht“


Jack Johnson:
Auf einem Lehrgang im Zivildienst versuchte mir jemand zu erklären warum Jack Johnson toll sei. Dieser jemand trug einen Pullover, vom dem man nicht wusste ob er in seine Dreadlocks überging oder umgekehrt. Also jemand, den man grundsätzlich auch mit Jack Johnson in Verbindung bringen würde. Er sagte mir, dass er es bewunderswert finden wurde, was dieser junge Mann aus den immer gleichen drei Akkorden machen würde. Meinen Einwand, dass er ja auch mal einen anderen dazu nehmen oder gar ganz andere Akkorde einsetzen könne, lies der Krankenpfleger nicht gelten. Nein, Jack Johnson hat sich seine kleine Welt gebaut. Mit Lagerfeuer, Flip-Flops und Albumtiteln wie „ Brushfire Fairytales“ oder „In Between Dreams“. Dazu gibt’s Videos mit animierten Tieren, die man in den Arm nimmt, sowie die immer gleiche Khaki-Hose und fertig ist die Gesamtschulhysterie. Jack Johnson geht es gut. So gut, dass er keine Musik machen müsste. Die drei Akkorde kriegen andere auch noch hin. Aber eben in einem Lied und nicht in einem dutzend Alben. Nein, Jack Johnson-Musik stört nicht. Sie lässt dich dein Leben weiter leben, dich unberührt. Jack Johnson will nichts von dir. Er tut so sehr nicht weh, dass es weh tut. Jack Johnson istein musikalischer Zeuge Jehovas. So voller innerer Ruhe und dem ewig gleichen bekifften Dauergrinsen im Gesichtselfmeter, dass man ihn einfach nur windelweich prügeln möchte. Nur, damit er aufhört zu grinsen. Private Paula mit Gitarre. Du musst auch seine CD nicht kaufen. Er braucht ja doch nur die Sonne Kaliforniens und sein Lagerfeuer. Oder um es mit den treffenden Worten der Neon zu sagen:„Das neue Jack Johnson-Album – Für Menschen, die sich eigentlich nicht für Musik interessieren.

Lieblingszeile: interessiert nicht.

Samstag, 20. Februar 2010

Wahrheit oder Pflicht

Viel ist gesagt worden über die Abgründe und Tiefen unserer Seele. Viel ist geschrieben worden über die dunklen Ecken unserer Psyche. Viel ist diffamiert worden, an Hand von musikalischen Krankheiten, akustischen Auswüchsen.
Dies alles ist Teil der Popkultur, die es uns ermöglicht andere Menschen zu erkennen, zu beleidigen und zu würdigen. Doch was ist mit dir selbst? Wo in diesem wunderbar großen Kosmos von Möglichkeiten platzierst du dich selbst? Was für ein Mensch willst du sein? Was für ein Mensch bist du? - Weißt du nicht? Dann mach jetzt den großen Bravo-Test und schicke deine Antworten an das ZDF. Einsendeschluss ist die Premierenfeier des neuen Kubrick-Films.


  1. Interpol oder Editors

  2. Family Guy oder The Simpsons

  3. Neon oder Jetzt

  4. StudiVz oder Facebook

  5. Harald Schmidt (ARD) oder Harald Schmidt (Sat.1)

  6. De Niro oder Pacino

  7. Hans Zimmer oder John Williams

  8. Shakespeare oder Goethe

  9. England oder Schweden

  10. Schlingensief oder Friedmann

  11. Westerwelles Pullover oder Westerwelles Krawatte

  12. Akin oder Fassbinder

  13. New York oder Los Angeles

  14. Portman (mit kurzen Haaren) oder Portman (mit langen Haaren)

  15. Paul Thomas Anderson oder Wes Anderson

  16. Goodfellas oder Casino

  17. Freiheit oder Sicherheit

  18. Adidas oder Nike

  19. Hamburg oder Berlin

  20. Coca Cola oder Pepsi

  21. Definitly Maybe oder Morning Glory

  22. Love Parade oder Mayday

  23. Daniel Craig oder Sean Connery

  24. Selma oder Penelope

  25. Mayo oder Ketchup

  26. Spielberg oder Jarmusch

  27. Jay-Z oder Beyoncé

  28. Komödie oder Tragödie

  29. Gott oder Nietzsche

  30. Diekmann oder Markworth

  31. Ribery oder Robben

  32. Youtube oder Youporn

  33. spiegelonline oder tagesschau.de

  34. Dan Brown oder Stieg Larsson

  35. Die Prinzen oder Pur

  36. TKKG oder ???

  37. Brüno oder Borat

  38. George Clooney oder Brad Pitt

  39. CD oder Mp3

  40. Merkel oder Kohl

  41. PC oder Mac

  42. 42.