Dienstag, 19. April 2011

Top 100

Kein Hitchcock, kein Godard, kein Truffaut, kein Bergman, kein Fassbinder, kein Allen, kein Polanski, kein Almodóvar, kein Lynch, kein Western, kaum Eastern, kein Horror, kaum Doku, kein Citizen Kane, kein Pate, keine Amélie, kein Pulp Fiction, kein Herr der Ringe, kein Harry Potter, kein Star Wars, kein Blade Runner, kein 2001, nicht mal Lubitsch, Lang oder Chaplin. Keine Frauen-Quote, kein Spanien, keine Objektivität. Dafür viel Politik, viel Krieg, viel Satire und ein Regisseur, dessen sämtliche Filme es geschafft haben. Eine Art Lebensgeschichte in Filmen.


100. An jedem verdammten Sonntag – Oliver Stone

99. Fargo – Coen-Brüder

98. Ocean's Eleven – Steven Soderbergh

97. Die Queen – Stephen Frears

96. Pi – Darren Aronofsky

95. Mary And Max – Adam Elliot

94. Casablanca – Michael Curtiz

93. City Of God – Fernando Meirelles

92. Monster Ag – Peter Doctor

91. Dogma – Kevin Smith

90. Drei – Tom Tykwer

89. Schräger als Fiktion – Marc Forster

88. No Country For Old Men – Coen Brüder

87. Imaginary Heroes – Dan Harris

86. Das Leben des David Gale – Alan Parker

85. Die üblichen Verdächtigen – Bryan Singer

84. Manche mögens heiß – Billy Wilder

83. Nach der Hochzeit – Susanne Bier

82. Stay – Marc Forster

81. Reservoir Dogs – Quentin Tarantino

80. GoodFellas – Martin Scorsese

79. Lucky #Slevin - Paul McGuigan

78. L'auberge espagnole – Cédric Klapisch

77. Zombieland – Ruben Fleischer

76. Brüno – Larry Charles

75. Bloody Sunday – Paul Greengrass

74. Die Reifeprüfung – Mike Nichols

73. One, Two, Three – Billy Wilder

72. Das Schweigen der Lämmer – Jonathan Demme

71. Team America – Trey Parker, Matt Stone

70. Bin Jip – Ki-duk Kim

69. Mon Oncle – Jacques Tati

68. The Deer Hunter – Michael Cimino

67. Alien – Ridley Scott

66. There Will Be Blood – Paul Thomas Anderson

65. 21 Gramm – Alejandro Gonzalez Inarrítu

64. Catch Me If You Can – Steven Spielberg

63. Urwerk Orange – Stanley Kubrick

62. Micmacs – Jean-Pierre Jeunet

61. Thankyou For Smoking – Jason Reitman

60. Jodaeiye Nader az Simin – Asghar Farhadi

59. Little Children – Todd Field

58. Casino Royal – Martin Campell

57. Bowling For Columbine – Michael Moore

56. The Fountain – Darren Aronofsky

55. Momento – Christopher Nolan

54. Taxi Driver – Martin Scorsese

53. The Wrestler – Darran Aronofsky

52. Funny Games – Michael Haneke

51. Einer Flog Übers Kuckucksnest – Milos Forman

50. Old Boy – Chan-wook Pak

49. Punch-Drunk-Love – Paul Thomas Anderson

48. Barry Lyndon – Stanley Kubrick

47. Der fantastische Mister Fox – Wes Anderson

46. Brazil – Terry Gilliam

45. Der freie Wille – Matthias Glasner

44. South Park – Der Film – Trey Parker, Matt Stone

43. Zeiten des Aufruhrs – Sam Mendes

42. Starship Troopers – Paul Verhoeven

41. Apocalypse Now – Francis Ford Coppola

40. Big Fish – Tim Burton

39. Sieben – David Fincher

38. Das Fest – Thomas Vinterberg

37. Bob Roberts – Tim Robbins

36. Das Bourne Ultimatum – Paul Greengrass

35. Control – Anton Corbijn

34. Donnie Darko – Richard Kelly

33. Lost In Translation – Sofia Coppola

32. Gomorrha – Matteo Garrone

31. Wag The Dog – Barry Levinson

30. Adaption – Spike Jonze

29. Gran Torino – Clint Eastwood

28. Dogville – Lars von Trier

27. Inglourious Basterds – Quentin Tarantino

26. Watchmen – Zack Synder

25. Der Schmale Grat – Terrence Malick

24. Die Ritter der Kokosnuss – Terry Gilliam, Terry Jones

23. Hautnah – Mike Nichols

22. München – Steven Spielberg

21. Into The Wild – Sean Penn

20. Black Swan – Darren Aronofsky

19. The Departed – Martin Scorsese

18. Fight Club – David Fincher

17. Auf der anderen Seite – Fatih Akin

16. Full Metal Jacket – Stanley Kubrick

15. American Beauty – Sam Mendes

14. Irreversiblé – Gaspar Noé

13. Rachels Hochzeit – Jonathan Demme

12. Waltz With Bashir – Ari Folmann

11. Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben – Stanley Kubrick

10. Wall Street – Oliver Stone

09. Hard Candy – David Slade

08. Das Leben des Brian – Terry Jones

07. Magnolia – Paul Thomas Anderson

06. The Dark Knight - Christopher Nolan

05. Babel – Alejandro González Inarrítu

04. Das Apartment – Billy Wilder

03. Wo die wilden Kerle wohnen – Spike Jonze

02. Requiem For A Dream – Darren Aronofsky

01. Vergiss mein Nicht! - Michel Gondry

Freitag, 18. März 2011

Achronistisches Allerei

Mit Badelatschen und Ballettschuhen gegen in die Jahre gekommene Nazi-Windmühlen der Walt-Disney-Monarchie: Die Oscar-Verleihung 2011 war ein Schritt in die falsche Richtung.


Auf Grund von rechtlichen Problemen wird diese Abhandlung nun völlig verspätet veröffentlicht. Jedoch verbietet es mir meine Eitelkeit verbietet strikt, Dinge wegzuschmeißen.


Das Kino ist in den letzten fünfzig Jahren fast genauso oft für tot erklärt worden, wie man Schalke 04 zum Meisterfavoriten ernannte. Tatsächlich ist das Kino in dieser Zeitspanne aber auch genauso oft dahin geschieden, wie Schalke tatsächlich Meister geworden ist: nie. Doch der letzte Oscar-Sonntag war wieder so ein Tag, an denen die Fanfaren mehr nach Reqieum klangen und die After-Show-Parties mehr Leichenschmaus waren.

Die Show war die Show, theoretisch. „Hollywoods biggest night“, wie Moderatorin Anne Hathaway (28) die Oscar-Nacht routiniert eröffnete. Ihr Co-Moderator James Franco (32) stand derweil neben ihr und kniff die Augen zusammen. Wobei nicht ganz ersichtlich war, ob er nur versuchte den Telepromter zu entziffern oder das einfach seine Masche ist.

Die Dynamik des Duos ist damit aber schon vollends beschrieben. Franco, seines Zeichens Alleskönner in Hollywood, stand leicht ins Hohlkreuz gelehnt und lächelte freundlich-lausbübisch, insbesondere wenn Hathaway eines ihrer acht (!) Outfits präsentierte. Wobei sie sich die hässlicheren für den Schluss der Show aufbewahrt hatte. Auch wenn sowohl Franco (dieses Jahr nominiert:„127 Hours“) als auch Hathaway (2009 nominiert: „Rachels Hochzeit“) zuletzt bewiesen haben, dass sie alleine einen ganzen Film tragen können, die trägen Oscars konnten die Beiden nicht stemmen. Im Grunde würde das auch kein Problem darstellen. Es hat fast schon Tradition, dass die Oscar-Nacht eine steife, sich selbst viel zu wichtig nehmende Veranstaltung ist. Im selbstgeschaffenen, konsequenten Rhythmus aus schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Werbung, schlechter Witz, Preis, Werbung, Preis, Träne, Werbung, Preis, Preis, Werbung, Preis gefangen. Erinnerungswerte speist der Abend immer nur aus seinem Anlass: den Filmen.

Doch damit diesmal weit gefehlt. Der Gewinner Film des Abends hieß erwartungsgemäß „The King's Speech“. Ein konventionelles, schön gespieltes Biederstück. Ein stotternder Monarch mit hohem Identifikationspotenzial für die Academymitglieder, dem Geld- und Kulturadel also. Doch was die Wahl von „The King's Speech“, insbesondere in den Edelkategorien original Drehbuch, Regie (!) und bester Film, so deplatziert macht, ist ihr Zeitgeist. Mit seiner altbackenen „Man muss nur an sich glauben“-Botschaft, der ungebrochenen, naiven Tugendhaftigkeit und der platten Verneigung vor einer Männerfreundschaft, wirkt der Film wie ein Relikt einer vergangenen Zeit. Eine Wiederauferstehung von Walt Disney persönlich. Doch steht der Film damit nicht an der Spitze einer nostalgischen, gar träumerischen Tendenz des amerikanischen Kinos, sondern im krassen Kontrast zu seinen Wiedersachern an diesem Abend.

„127 Hours“, sowie insbesondere „The Social Network“ oder „Black Swan“; sie alle wären ein passenderer Repräsentant des Kino-Jahres 2011 gewesen. „127 Hours“, im hektischen, ersten Drittel noch ein bisschen „Into The Wild“ auf Koks, erzählt zwar auch eine klassisches Überlebens- und Wandlungsgeschichte. Dies aber mit deutlich mehr Esprit, die der Film vor allem aus der Nachvollziehbarkeit und Realitätsnähe seiner jungen Figur zieht. Ein kleiner Film, der sich dessen bewusst ist.

„The Social Network“, sowas wie der Hauptwidersacher und Gewinner von adaptiertem Drehbuch-, Soundtrack- und Schnittoscar, ist dagegen komplexer. David Finchers Film erzählt nicht nur die Rise-And-Fall-Geschichte von Mark Zuckerberg, sondern porträtiert gleichzeitig auch die gesamte Generation des Facebook-Erfinders. Ein moderner Citizen Kane, nur noch in der Pubertät. Zuckerberg wird von Jesse Eisenberg dabei so unglaublich zerrissen und gerissen gezeichnet, dass man sich schon fragen muss, wieso das ganzjährige Tragen von Badelatschen – wie es Zuckerberg in „The Social Network“ tut – nicht auch schon als Behinderung durchgeht. Dann hätte Eisenberg gegen das britische Stottern von Colin Firth eine faire Chancen gehabt. Zumal Zuckerberg nicht mal gegen Nazis kämpft. Denen wirft Hollywood immer noch sehr gerne ihre Goldjungen entgegen. Kate Winslet kann eine Menge Lieder davon singen. Bei Fincher gibt es hingegen nur Elitestudenten, berauscht an sich und ihren rhetorischen Fähigkeiten, aber dennoch kommunikationsunfähig. Hohle Wesen. "The Social Network" erzählt von dem Menschen, der aus den Neurosen und Komplexen der ganzen Welt ein Millarden-Kapital geschlagen hat; selbst eine einzige Neurose.

Auch „Black Swan“ erzählt von der Ambivalenz heutigen Lebens. Vor dem Hintergrund des Schwanensee-Balletts zeigt Darren Aronofskys Genrehybrid die Primaballerina Nina Sayers, die für ihr Streben nach Perfektion einen äußerst hohen Preis zahlt. Aronofsky zeigt immer nur Leid und Erfolg im Miteinander. Glückstränen auf der Toilette und Selbstbefriedigung in Anwesenheit der Mutter. Der Regisseur, dessen Thema schon immer die ewig Getriebenen waren, führt den körperlichen und geistigen Zustand seiner Figur in ein Finale, welches seine größt-mögliche Tragik im größt-möglichen Moment des Triumphs entwickelt. In einem New York das nur noch aus dunklen Gängen, Toiletten und Umkleiden besteht. „Black Swan“ kann als gewaltiges, dramatisches Abbild der sich selbst immer unterordnenden Generation-Praktikum herhalten. Eine Gruppe von Branchenneulingen, die nur noch im Exzess bei sich sein kann, sich gegen eine elterlich auferlegte Selbstkontrolle nur noch mit Kontrollverlust zu wehren weiß. Mit einer nun Oscar gekrönten Natalie Portman als Repräsentantin dieser Generation. Eine Rolle, die die Harvard-Absolventin (Bachelor in Psychologie, Zuckerberg war ebenso in Harvard eingeschrieben) auch außerhalb der Leinwand einnimmt.

Alle diese Filme eint, dass sie den Geist einer neuen Zeit atmen. Ihre Inszenierungen sind verspielt, mutig bis progressiv. Ihre Hauptdarsteller sind mit begeisternder Tiefe gesegnet, ihre Figuren alle um die Dreißig und mit faszinierender Ambivalenz ausgestattet. Die gezeigten Lebenswelten sind komplex, ernstzunehmen, vielschichtig – und kommen ohne Nazis aus. Das alles lässt „The King's Speech“ nur noch achronistischer, noch belangloser erscheinen. Handwerklich solide, aber hoffnungslos uninteressiert an heutigen, gesellschaftlichen Zuständen. Wie eine Hoffnung auf die gute, alte Zeit wirkt das Versprechen, dass sich die Academy mit dieser Wahl selbst zu geben versucht. Das nur alles gut wird, wenn man alles so macht, wie immer. Wenn man die alten Geschichten mit neuen Gesichtern erzählt. So wie sein Moderatoren-Duo, das mit Abstand jüngste, das die Veranstaltung jemals hatte, denen aber auch nichts anderes einfiel als ihren unambitionierten Vorgängern.

Letztes Jahr gewann mit „The Hurt Locker“ der politische Film gegen das große Konserven-Kino, das kleine, tagesaktuelle Stück Zelluloid gegen das 300Millionen-Dollar-3D-Märchen. Es triumphierte erstmals mit Kathryn Bigelow eine Regisseurin und schlug damit, quasi als emanzipatorischen Bonus, ihren Exmann. Das trug viel Fortschritt in sich – und eben keine Nazis. Die Generation dieser Erneuerung, die „Generation 90“, wie sie das „Cahiers du cinéma“ nennt, hat es diesmal nicht geschafft, die Alteingesessen von ihrem Thron zu stoßen. Doch es hat schon bessere, wichtigere Filme über Freundschaft oder Selbstbewusstsein gegeben als „The King's Speech“. Mehr noch; es hat diese Filme schon gegeben!

Es wirkt wie das letzte Zucken einer vergangenen Filmwelt. Es gilt als erwartbar, dass in ein paar Jahren über die Verlierer dieses Abends mehr gesprochen wird, als den Gewinner. Das Kino ist tot. Lang lebe das Kino.


Dienstag, 1. März 2011

Der Krieg und die Schlacht


Ein paar Minuten waren vergangen.
„Ich möchte mit dir schlafen“, sagte er in einer zaghaft Stimmlage, die solch einer Direktheit fast zwangsläufig zugehörig ist. Sie guckte zunächst fragend, dann ablehnend.
„Warum?“
„Weil du schön bist.“
„Das sind viele.“
„Na und?“ war die Lautstärke seiner Stimme wieder auf einem normalen Level.
„Ich bin aber nicht viele!“
„Sagt auch niemand.“
„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich dazu 'ja' sage?“
„Hatte ich gehofft, klar.“ Er zuckte selbstbewusst aber auch irgendwie notgedrungen mit den Schultern. Der Krieg war verloren, aber nicht die Schlacht.
„Wenn du mit einer Frau schlafen möchtest, musst du ihr das nicht sagen, du musst es ihr zeigen“, schaute sie ihn sachlich an.
„Schwachsinn!“ Es schien, als wären beide von dieser Aussage überrascht. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr mochte er diese Verwirrung. Während ihre Augen nach einer Erklärung fragten.
„Frauen schlafen andauernd mit Männern, die reden, aber... “
„Klar tun sie das!“, fiel sie ihm ins Wort: „Was denn auch sonst?“
„Aber...“, setzte er neu an: „... mit Männern die nur reden, scheiße reden. Typen, die soviel berechnende Luftschlösser bauen, dass man gar nicht aus ihnen heraus kommt. Männer, die euch permanent einwickeln. Und nicht umgekehrt. Ihr Frauen habt eine solch übersteuerte, groteske Vorstellung von Romantik, dass ihr andauernd auf die Typen rein fallt, die euch nach Strich und Faden verarschen. Weil sie euch eine Projektionsfläche bieten, aber keinen Halt.“
„Du bist zynisch.“
„Hab ich mir nicht ausgesucht.“
Sie überlegte, schaute abschätzig, dann: „Du willst also sagen, dass Frauen Opfer ihrer Sehnsüchte werden?“
„Nein, aber Frauen bekämpfen ihre Sehnsüchte mit den falschen Medikamenten.“
„...und die Medikamente in dieser Metapher sind.... Männer?“
„Idioten, ja. Idiotische Typen.“
„Also alle Männer, die wissen, wie man Komplimente macht, sind Idioten?“
„Was habe ich dir eben gesagt?“
„Dass du mit mir schlafen willst.“
„Und warum?“
„Weil ich gut aussehen würde, wow!“, polterte sie befreit. Er begann, ihr Spaß zu machen.
„Die Frage impliziert doch schon eine Wertschätzung. Wenn ich jemanden frage, ob er mein Trauzeuge sein will, drückt das doch mehr Wertschätz aus, als jedes 'Du bist so ein guter Freund'.“
„Ja, weil du nicht jeden fragst.“
„Du denkst, ich frage jede?“
„Ja!“
Er senkte den Kopf, kratzte sich an der linken Schläfe und versuchte desillusioniert auszusehen.
„Ok, mag sein, dass du nicht jede fragst. Aber woher soll ich das wissen?“
„Woher weißt, dass irgendein Typ das ernst meint mit den 'schönen Augen'?“
„Weiß ich nicht. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht. Augen sind nun mal persönlicher als jedes andere Körperteil. Sie sind der Schlüssel zu allem, irgendwie. Manchmal sagt jemand das nur so, manchmal hat er es verstanden.“
„Nein, du glaubst es immer! Nicht aus Dummheit, aber aus Naivität. Weil du es glauben willst. Und dann schläfst du mit ihm, zur Belohnung. Aber auch aus dieser Hoffnung heraus, die Hoffnung er könnte er ernst meinen, dich wirklich lieben, ist einfach zu stark.“
„Und was ist daran falsch, zu hoffen geliebt zu werden.“
„Gar nichts. Nur...“
Das wurde ihr zu persönlich: „...Vielleicht schlafe ich auch einfach nur mit jemandem, weil ich ihn attraktiv finde?“ Es war ein guter, neuer Gedanke.
„Und warum muss dann der 'Augen-Satz' überhaupt noch sein?“
„Weil ich lieber mit großem, als mit kleinem Ego aufwache.“
„Und dein Ego ist immer noch groß, wenn du morgens feststellst, dass du nur eine Nummer bist?“
„Wer hat überhaupt gesagt, dass ich dich anziehend finde?“
Die Frage traf ihn. Aber er überspielte es sehr gut, wie er fand, indem er es einfach überhörte. „Ich hab nur meine blöde Ehrlichkeit anzubieten. Ich möchte dich mit nach Hause nehmen. Und natürlich will ich das wegen deiner Augen, wegen deines Stils oder wie du dich gespielt empörst. ´Ich bin aber nicht viele!`“, machte er sie nach. Sie grinste.
„Jetzt spielst du das Spiel ja doch mit!“
„Und das gefällt dir.“
„Geht. … bist du sicher, dass du einfach nicht gut in diesem Spiel bist. Dass du einfach nicht flirten kannst und es deswegen als verlogen kenntzeichnen musst?!“
Er zuckte mit den Schultern: „Kann schon sein. Aber es ist verlogen. Das Spiel belohnt die Falschen. Es gewinnen die Arschlöcher.“
„Glücklich sind immer die Anderen, was?“
„Öfter als einem lieb ist.“
„Einem? Oder dir?“ Wieder war da ein neuer Gedanke. Wieder gefiel es ihr, so die Überhand zu behalten: „Ich glaube, was du nicht verstehst ist, dass dieses Spiel Spaß macht. Es hat kein Ziel. Und wenn, macht es keinen Spaß. Man spielt nicht für das Ergebnis, verstehst du?! Du spielst für das Ergebnis und gegen die Ärschlöcher oder wie du das nennst. Da kannst du nur verlieren.“
„Mh, ok.“, sagte er abwesend.
Sie schaute über seine Schulter: „Ich muss jetzt mal wieder rüber. “
„... nein! Keine dieser Sätze, bitte. Geh deine Wege, ok. Aber.... ach, … mh.... Scheiße! Schade, wirklich schade. Du hast wirklich schöne Augen.“
„Du Märtyrer!“, rief sie und hoffte, dass ihr Blick diese Worte als harmlos entlarvte.
Er blieb ernst: „Wirklich.“
„Ok, mh. Tja, danke.“ Es war der kälteste Moment an diesem Abend. Ihr Blick versuchte nichts mehr zu entlarven. Sie ging. Er blieb stehen, ging dann in eine andere Richtung. Er holte seine Jacke und ging zum Kiosk um die Ecke. Eine Whiskey-Cola-Dose im Arm setzte er sich vor der Eingangstür auf eine Bank. Er wusste selbst nicht wieso.

Eine gute Stunde später trat sie heraus, zusammen mit zwei Freundinnen, die er gar nicht wahr nahm. Sie sah ihn nicht. Er stand auf.
Sie hatte sich noch nicht einmal umgedreht, da rief er, ohne sich die Worte vorher zurecht gelegt zu haben: „Es gab in meinem Leben bisher vier Frauen, die ich das gefragt habe. Die Letzte vor über einem Jahr. Du warst die erste, die nicht sofort weg gerannt ist.“ Die Worte waren so pathetisch, dass es sie ohne Alkohol nicht gegeben hätte. Sie drehte sich um, während sie letzten Knöpfe ihres Mantels zusammen legte. Sie war nicht nur verwirrt darüber, ihn hier zu sehen, sondern auch, dass sie das freute. Auch wenn man ihr dies nicht ansah.
„Vielleicht kann ich nicht flirten“, fuhr er fort, während sie ihre Haare über den Kragen warf: „Kann ich wirklich nicht. Ich trage wenig Leichtigkeit in mir. Ich spiele nicht, stimmt. Aber das Ehrlichkeit, ich meine Komplimente-machende-Ehrlichkeit nicht belohnt wird. Das ist nicht nur fies. Das ist doch auch nicht in deinem Interesse. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn Idioten wie ich mehr Sex hätten. Ich weiß, das klingt bitter, und Bitterkeit wird nie belohnt, aber es ist falsch, dass sie nicht belohnt wird! Es ist einfach nicht richtig.“ Es klang wirklich alles sehr bitter. Viel verbitterter als es ihm lieb war.
Fast gleichgültig, mit hängenden Schultern fuhr er nach kurzer, hoffentlich wirkungsvoller Pause fort: „Flirten? Ich kann das Wort nicht mal leiden. Ich sage doch auch nicht Clique oder...“
„ … ist gut!“ unterbrach sie ihn: „Komm, sei ruhig!“ Sie suchte nach einer Zigarette: „Du bist zurück gekommen. Du hast was zeigt.... das ist besser als alles was du sagst.“ Und da war auch wieder etwas in ihrem Gesicht, dass ihre Worte kommentieren wollte.
Er nahm die Hände aus der Jackentasche und versuchte etwas Konkretes in ihren großen, braunen Augen zu finden. Es wirkte wie ein Abschied und er tat das, was er immer in solchen Momenten der Unwissenheit tat; er wurde ironisch. „Darf ich dir ein Mixtape zusammen stellen?“ lachte er, als wäre es nicht sein eigener Witz gewesen. Sie tat so als würde ihr Lächeln nur ironisch sein.
„Um Gottes willen, nein! So jemand wie du, hört doch eh nur depressive Scheiße! “, sie genoss diesen Moment wie nur ganz wenige in letzter Zeit. Er nickte, immer noch hinter einem grinsenden Gesicht versteckt. „Aber wenn du willst, kannst noch mit zu mir kommen“, entglitt es ihr. Sie war betrunken.
Er erschrak. Als er sich gesammelt hatte: „Es sind wirklich deine Augen.“
„Halt's Maul!“
Er zahlte das Taxi.

Freitag, 25. Februar 2011

La haine

[Im Entstehungsprozess dieses Textes wurde kein Marylin Manson gehört]


Eigentlich wollte ich der Sache rational, überlegt, aufklärerisch begegnen. Polemisch gewiss, aber immer um Nachvollziehbarkeit bemüht. Das Symbol „Guttenberg“ kenntlich machen, zu dem er sich selbst machte, und wieso er es demnach auch verdient, ihn an seinen und nicht unseren Maßstäben zu messen. Ich wollte mutmaßen, dass der Herr alles aushalten werde, was da bereits jetztim Begriff ist abzuebben. Er hat ja, mutig wie er ist, alles zugegeben, was nach und nach ans Licht kam und sich nicht mehr verleugnen ließ. Dass er – der Tradition seiner Partei folgend – alles aussitzen werde auf dem Thron der Macht, von dem er nie wieder hinabsteigen wird. Nicht weil er Ideale verfolgt, die sich von diesem Sitz am besten verwirklichen lassen, sondern weil es dort so bequem ist. Er wird immer der Erlöser bleiben. Er ist einfach zu großartig, zu gottgleich in seiner Arbeit und trotzdem "irgendwie bodenständig". Seine Fehler machen ihn "menschlich". Seine Frau ist zu hübsch. Ich bin nicht fähig dazu, dies zu erklären oder zu entkräften.

Karl Theodor zu Guttenberg – Rächer der Geerbten, das größte Arschloch der deutschen Geschichte seit Andreas Baader wird alles überstehen, wird meinen Kampfgeist brechen. Da haben andere, weitaus weniger listige Wichser noch ganz andere Sachen hinter sich gelassen: Koch, Kohl, Schäuble. Sie konnten machen was sie wollten, ihre Wähler sind ihnen nachgelaufen. Friedman, Seehofer, Diekmann, Sarrazin. Waffengeschäffte, schwarze Kassen, "Ausländer-Raus", Bruch katholisch getrauter Ehen, Lügen, Unterstützung der Zwangsprostitution und Koks: Ihre eigene Hypermoral hat sich nie gegen sie gewandt. Das wird nie passieren! Die Welt ist voll bescheuerter, machtbesessener Männer mit übergroßem Ego und scheiß Frisuren! Und ein paar Frauen, die – trotz besserer Frisuren – jede Weiblichkeit in sich unterdrücken. Man kann ihnen allen nicht mit Logik nachkommen. Man kann sie nur ertragen – in dem Wissen etwas Besseres zu sein. Ihnen mit der gleichen Arroganz entgegen treten, die sie uns vorleben. Sie wählten die Waffen, ich hiermit den Ort. Eine Katharsis der Beleidigungen. Nicht um zu lehren, um zu stimmen oder zu überzeugen. Sondern um zu überleben. Es sind zuviele. Die Dummheit der Welt ist groß, um ihr mit den Mitteln der Polemik und schlechten Wortspielen beizukommen - auch vor sich selbst. Und schon gar nicht mit dem geschriebenen Wort. Es geht hier nicht um euch, es geht um mich! Ich bin nicht souverän. Ich tue das, weil ich ein absolut reines aber auch müdes Gewissen habe. Weil ich nicht bin wie ihr.

Ihr 295.695 (Stand: 25.02.2011) „gegen die Jagd auf Guttenberg“, ihr Schnösel, ihr Nicht-Zweifler, ihr Frauen mit weißen Stiefeln, ihr Bild-Leser, ihr Silbermond-Hörer, ihr vom RCDS, ihr Christiano Ronaldo-Fans, ihr Konservativen, ihr realen Barney Stinsons, ihr BWLer, ihr Katholiken, ihr Disko-Heteros mit Schal, ihr Steuerhinterzieher, ihr Latent-Rassisten, ihr Priester, ihr Neoliberalen, ihr neurotischen Hetzer, ihr Killerspielgegner, ihr Marktschreier, ihr, für die "Künstler ein Schimpfwort ist, ihr Machtmenschen! Ihr miesen, kleinen, frustrierten, gewissenlosen, von einer verblendeten, verkümmerten Syphilishure gezeugten Söldner einer reaktionären, heuchlerischen Idee, die ihren zynischen, fehlgeleiteten Antrieb aus der unkontrollierbaren Angst um die eigene Potenz zieht!

Ihr seid die Bösen, wir sind die Guten! Ihr werdet alle euer Waterloo, euer Stalingrad, euer Vietnam, euren Irak bekommen! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Euer Aufprall wird härter als meiner sein! Wir sehen uns in der Hölle! Wichser!

Dienstag, 22. Februar 2011

Der Facebook-Knigge

Ein paar Überlegungen: Elektromusik ist seit jeher Melting-Pot sämtlicher Sub- und Jugendkulturen, und damit prägnanter Ausdruck einer stilbewussten aber auch ambivalenten bis fragwürdig-gleichgültigen Gruppe Heranwachsender. FDP-Wähler besitzen weiterhin kein Hotel. 83% aller Bildungsbürger denken bei dem Ausdruck „deutscher Film“ an Till Schweiger (inklusive Till Schweiger). Die Besten sind nie die Reichsten. Silbermond-Hörerinnen verlieben sich immer in den dümmsten Idioten, weil sie das was er zu jedem sagt, auf sich beziehen und es für persönlich nehmen. Um dann – nachdem er sich idiotisch verhalten hat – zu merken, was für ein Idiot er ist, um auf dieser Grundlage die Männlichkeit im Allgemeinem zu verunglimpfen (und „Idiot“ zu nennen). Aber natürlich nur bis jemand neues ihnen sagt, wie schön ihre Augen doch wären. Alles bekannt. Das sind nur ein paar wohlbekannte Beispiele für die Unveränderbarkeit der Menschen. Der Mensch bleibt sich treu.

Was sich ändert, sind die Umstände. Die Welten, in denen sich der ewig gleiche Mensch seine zumeinst eher lästige als lässige Menschlichkeit beweist. Was sich verändert, sind die Technologien. Das Internet, die jüngeren dürften es bereits kennen gelernt haben, wartet mit immer wieder neuen Ideen und Möglichkeiten auf. Der Mensch nutzt die Illusion von weltweiter Ereichbarkeit zu dem, was er immer tut; sich ausleben. Dabei gibt es gute wie schlechte Wesenszüge zu beobachten. Neben dem Versprechen einer Weltgemeinschaft, bietet das Internet aber noch eine weitere Fantasie: Ein nur schwer zu erklärendes Gefühl von Sicherheit. Wie in einem Auto, das in seiner isolierten Form Schutz und Geborgenheit suggeriert, läd auch das World Wide Web zur unreflektierten, scheinbar-folgenlosen Handlungen. Im Internet dürfen wir endlich so sein, wie wir sind. Und die Kommentarfunktion entspricht dem senilen Rentner vor einem. Wer wir auch sind, im Internet sind wir es deutlicher.

Es gibt Quergänger und Personen, die steil gehen und quer tragen. Es gibt sympathisch und es gibt Junge Union. Es gibt Lady-Killer und Zuhörer. Es gibt diejenigen, die diese Klischees glauben und welche, die sie leben. Wer sich online trotzdem nicht zum Horst-Kevin-Emanuell machen will, ist hier richtig.

Ein Ratgeber, ein paar Richtlinien für den guten Umgang in der Welt der kabellosen Haushalte und aufmerksamkeitssüchtigen Smartphones. Eine Anleitung zur gelungenen Facebook-Nutzung. Für einen neuen Umgebung zur Befriedigung der ewig gleichen Wesenszüge. Zur erfolgreichen Aufnahme in das Netzwerk, das sich Ansehen schimpft.


1. Der Status

Grundsätzlich gilt: man kann nicht, nicht kommunizieren. Daher ist – nachdem man sich in einem sozialen Netzwerk angemeldet hat – das nicht-updaten seines Status, genauso eine Form von Selbstdarstellung, wie das Darstellen selbst. Dies sei für alle gesagt, die Selbstdarstellung seine Daseinsberechtigung absprechen möchten, weil sie keinen evolutionären Nutzen darin finden. Den gibt es auch nicht. Nur ist es die Stärke des Status', es nicht auf jenen anzulegen. Facebook-Updates sind wie Bonus-Tracks. Keiner braucht sie, aber gerade darin besteht ihr Reiz. Und wer will schon funktional leben?!

Gleichzeitig besteht der Vorteil einer Nicht-Kommunikation in der Wahrung des Unbekannten, ja des Mystischen. Da dies aber eine weibliche Tugend ist, sollte vor allem der männliche Nutzer ab und an auf sich aufmerksam machen. Dabei sind folgende Grundsätze zu beachten:

1. maximal 1-2 Updates pro Tag (Keine Reizüberflutung!)

2. Wenn du Freunde suchst, kauf dir nen Hund (Kein Anbiedern!)

3. Niemand interessiert, was du zum Frühstück hattest (Keine Langeweile!).

4. Leute, die Mitleid oder Anteilnahme im Internet suchen, sind wie katholische Priester im Pornokino. Wer das für echt hält, hat es nicht verstanden (Kein Gesundheitszustand!).

Mit diesen Eingrenzungen kann ihnen die spannende Selbstdarstellung, inklusive Anschlusskommunikation gelingen. Vorausgesetzt, sie sind auch offline interessant.


2. Die Fotos

Grundsätzlich gilt: weniger ist mehr. Der Mensch ist ein Augentier, folglich kann das Darstellen der eigenen Äußerlichkeit durchaus von höherem Wert sein, als die verbale Beschreibung komplexer Innerlichkeiten. Doch – und diesen scheinbaren Widerspruch können viele nicht auflösen – ist auch die Äußerlichkeit vielschichtig. ODer zumindest kann sich als komplexes Mittel genutzt werden. Das bedeutet; um interessant zu sein, muss ihr Portfolio an Hochglanzmomenten ebenso abwechslungsreich sein, wie sie sein wollen, sein können. Idealtypisch gesprochen: Jedes Motiv sollte sich von seinem Albumsnachbarn unterscheiden. 50mal das gleiche Schlafzimmerblick (gerne auch mit einer Note Napoleon!)oder die gleiche Ansammlung verschiedener Helden der Kindheit (Janosch nicht vergessen!) zeugt von einer Monotonie, die mehr abschreckt, als interessiert. Und die Vodka-Flasche muss auch nicht jedes Mal ins Bild. Jedes Foto, zumindest aber jedes Album braucht also ein Alleinstellungsmerkmal. Unter dieser Prämisse ist es dann aber ganz gleich, ob sie kein Foto oder 500 einstellen. Das Mark Zuckerberg – und natürlich Sie selbst – nur Zeuge auf- und nicht abwertender Momente ihrer Person werden möchte, versteht sich von selbst.


3. Die Infos / Der Steckbrief

Grundsätzlich gilt: bleiben sie sich treu. Auch wenn wir uns seit I Heart Huckebees auch permanent fragen: "wie kann ich nicht ich selbst sein?!" Die Frage, die diese beiden Wege vereint, lautet: Wie kann ich das was ich bin, mögen? Sich treu bleiben, heißt eigentlich, sich selbst mögen können. Selbst ihrem Steckbrief merkt man an, ob sie hier etwas darstellen oder nur darstellen wollen. Quantität spielt dabei eine zumeist unterschätzte Rolle. ZU häufig vergleichbare Informationen (Meine Exfreunde haben doofe Freundinnen!) verlieren ihre Wirkung mit jeder Wiederholung. Jede Aussage, jede Info wird mit in ihrer Paraphrasierung zu einem Euphemismus ihrer selbst. Doch wer in seiner Rolle als Schöngeist, Partyhase, Philosoph, Womanizer, Sportler oder Freak glaubwürdig aufgeht, dem wird sie vom Pöbel als Persönlichkeit angeheftet. Wer eine solche Figur schlecht spielt, dem wird die gewählte Identität zum Verhängnis. Die Qualität unserer Darstellung hängt vom Identifikationspotenzial unserer Rolle ab. Lee Strasberg ist überall. Wir spielen alle. Aber mögen sie, was sie spielen. Sogar Focus lesen ist ok. Aber schämen sie sich nicht dafür. Laut Scooter hören ist besser, als heimlich Hoffenheim zujubeln. Mensch bedenke, dass du sterblich bist. Facebook-User bedenke, dass du durchschaubar bist.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Ein optimistisch-verwirrter Text über die Liebe


Manchmal, wenn es mir richtig gut geht, denke ich über den Tod nach. Wie ich mal sterben will. Und Warum. Wer über den Tod nachdenkt, denkt über das Leben nach.

Unfall oder Suizid, sind da Möglichkeiten, denen man sich nähert. Durch die Hintertür, selbstredend. Ein Unfall scheidet früh aus. Flugzeugabstürzen fehlt es an Eleganz und Privatsphäre. Das Ausrutschen im Bad würde den stimmigen Schlusspunkt hinter ein stilloses Leben setzen. Das Einbrechen im zugefrorenen See ist infantil, der Blitzeinschlag willkürlich. Bleibt nur noch der Mord und der Selbstmord. Mord hieße sein Selbstbild als rechtschaffener Mensch zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt aufgeben zu müssen, sich sein Schicksal wenig tugendhaft erarbeitet zu haben. Totschlag liegt irgendwo zwischen Mord und Unfall, und hat dort keinen guten Stand. Somit kommt dem Akt der eigenen Exekution die größte Faszination entgegen. Leider bleibt die Eingrenzung: Suizid wäre ne super Sache, wenn man danach weiterleben könnte.


Was ist denn der Vorteil von Selbstmord? - Aufmerksamkeit. Die 15 Minuten Ruhm, die jedem zu Teil werden, der mit dem Strick um seinen Hals kommuniziert, verdammt bemitleidunswert zu sein. Seht mich an, wie arm ich dran war, seht mich an! Selbstmitleid, sonst kollektiv geächet, wird nun geachtet. Im Tod kehrt sich alles um. Mitleid wird gewöhnlich nur den Glücklichen zu Teil. Also denen, die eine Mitte finden, zwischen Tiefe und Höhe, zwischen Witz und Träne und allgemein. Schließlich mag niemand Menschen, die ausschließlich Trauer in sich tragen. Nicht mal die Trauernden. Würden sie sich in ihrem Trauern schätzen oder mögen, müssten sie nicht mehr trauern.

Doch mit dem letzten Atemzug kehrt sich dieses gesellschaftliche Verhaltensweise um. Wo vorher noch Irritation und Abgrenzung zur gezeigten Melancholie herrschte, entsteht nun Anteilnahme. Nach der Vergewaltigung wird die Hure zur Heiligen. Das größte Arschloch bekommt die schönste Grabrede.

Die Trauer ist groß. Ob man das eigene, kollektive Scheitern, der nicht erfolgreichen Bewahrung eines menschlichen Lebens bedauert oder den Toten selbst. Vielleicht beides. „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“, hat Nietzsche mal gesagt. Das gilt genauso für den Betrauerten wie die Masse, die ihn betrauert.

So grotesk wie das im ersten Moment auch wirken mag: Der Suizid ist eine Bewahrung der eigenen Würde. Nicht weil alle Menschen doof zu einem sind, sondern weil es ein Akt der Macht ist. Man selbst bestimmt Timing, Art und Grund – und niemand anders. 15 Minuten Ruhm und Macht. 15 Minuten seht mich an, beschäftigt euch mit mir. Und nach nichts anderen streben Menschen an erster Stelle. Menschen streben nach Aufmerksamkeit. Die einzigen Momente, in denen dies nicht der Fall ist, nennen sie Liebe. Die Liebe zu Anderen, zum Anderem: Menschen, Gott, Tiere. Zum Wandern, zu Mutternatur, zum Vaterland. Liebe für die fünf großen „F“: Für Frauen, Fußball, Filme, Fressen, Frauen. Wenn jemand sagt, er liebe etwas, meint er, dass ihn das Objekt seiner Zuneigung sich selbst vergessen lässt. Liebe heißt, sich selbst vergessen können.

Der Selbstmord ist ein letzter Akt der Liebe. Denn die Vorstellung von Ruhm und Macht ist so groß, dass sie die eigenen, bitteren Selbstgedanken überdeckt. Jeder der sich umbringt, hat keine Freude am Leben. Aber der Grund für diesen ultimativen Schritt ist nicht nur das bisherige Ausbleiben von Freude, sondern auch die Hoffnung auf Genuss im Akt der Vernichtung selbst. Wie in Waltz With Bashir, diesem großen Stück Kino. In dem der Soldat feucht von seinem eigenen Tod phantasiert und davon, wie seine akut zur Exfreundin gewordene Liebschaft an seinem Grab um ihn weint. Macht! Der Träumer sitzt dabei in Gedanken im Flieger Richtung Front. Macht, bzw. die Vorstellung von Macht als die Möglichkeit der Ausblendung des eigenen Zustands der Jämmerlichkeit. Das einzige Problem bleibt davon ungelöst. Man erlebt dies alles nicht mehr mit. Schade, eigentlich. Aber dadurch wird Suizid auch ein so wirksames Mittel in der Kunst. Der Betrachter lebt ja weiter.

Die im Suizid erworbene Aufmerksamkeit wird nicht erlebt. Sie funktioniert nur fiktional. Vielleicht haben Religionen gerade eine solche Faszination, weil die Vorstellung bei der eigenen Beerdigung dabei sein zu können, dem Wesen Mensch am nächsten kommt? Suizid ist Romantik. Romantik ist das Ebnen eines emotionalen Zustands. Straffen, was vorher noch zerkratzt, fehlerhaft erschien. Daher hat Romantik auch immer mit Entfernung zu tun. Aus der Ferne sieht alles perfekt aus, ist alles eben. In der Liebe nennt sich das rosarote Brille. Das geht vorbei. Aber wie jede Romantik, ist auch der Selbstmord … Trommelwirbel … genauso wenig alltagsfähig. Der Fehler im System ist nicht, dass alles fehlerhaft ist, sondern dass Romantik und Fehler unüberbrückbare Antagonisten sind. Jede Form von Romantik hat etwas Fehlerhaftes in sich – gerade weil den Anspruch auf Perfektion legt, sind ihr Fehler inhärent. Romantik ist somit die Verleugnung des Lebens. Oder optimistischer: Urlaub vom Leben.

Jeder Suizid ist romantisch, indem er die Unmöglichkeit des Fortbestehens leugnet. Jede Romantik hat demnach ihre Illusion. Jede Illusion hat ihren schmerzhafte Realitätsabgleich. Jedes mal sind Romeo und Julia am Ende tot – weil sie die Fehlerhaftigkeit ihrer Umwelt nicht akzeptieren konnten. Es waren Kinder, die das nicht verstanden haben. Das lebendige Publikum hält das für Romantik.

Also lebt man weiter und versucht in der Liebe zu vergessen. Man sucht und lebt eine Liebe, die das Fehlerhafte vergessen lässt.

Aber die gute Liebe will das Gegenteil. Liebe, die das Fehlerhafte akzeptiert. Mehr noch, die es als eigenen Wert schätzt! Liebe funktioniert immer dann, wenn sie nicht wegen, sondern gerade durch Missstände entsteht. Liebenswerte Schwächen braucht der Mensch. Deswegen findet die Liebe häufig auch nur die Selbstbewussten, die fähig sind Schwächen zu zeigen. Aber solange der Mensch das Scheitern nicht schätzt, sucht er weiter nach Perfektion, die er Romantik schimpft. Die Illusion lautet: Ein Leben voller romantischer Liebe führen, wissen wann man stirbt – und sich dann 15 Minuten vorher von der Brücke werfen. Das wäre Erfüllung.

Freitag, 14. Januar 2011

Und das ist auch gut so

Tom Tykwer liebt die Menschen – und den Fortschritt, Berlin, die Freiheit.


Linien. Baumkronen. Wolken. Mann. Frau. Sexgespräch. Weiß. 2 Tänzer. 1 Tänzerin. Tanz. So beginnt „Drei“, der neue Film von Tom Tykwer. Ein furioser Anfang, der bannt, bereits alles erzählt. Was jetzt noch folgt, sind die Farben zwischen den Linien, die Zwischentöne. Denn geradlinig ist hier wenig. Chaos ist in „Drei“ – im Vorspann und danach – Programm.

Vor allem in Berlin, wo Hanna und Simon, zwei Vierzig-Irgendwasler, ein ruhig-routiniertes, bürgerliches Leben führen. Er baut Kunst, ist kein Künstler. Sie moderiert eine Kultursendung, ist keine Künstlerin. Beide mögen sich, lieben sich sogar irgendwie, aber langweilen sich nach 19 Jahren Beziehung auch. Bis Adam, ein Stammzellenforscher, in ihr beider Leben tritt. Allerdings getrennt voneinander. Hanna geht mit ihm ins Fußballstadion und anschließend ins Bett. Simon trifft Adam im Schwimmbad und sein Sperma danach auf Adams Brust. An dieser Stelle beginnt das narrative Durcheinander. Selbst der Tod hatte zuvor nicht diese Wirkung. Nachdem Simon die Beatmungsmaschine seiner Mutter (Angela Winkler) abstellt, geht das Leben weiter. Das Comic-Relief hilft, wo er nur kann. Ab einem gewissen Alter ist der Tod einkalkuliert. Nicht aber mit Vierzig-irgendwas. Erst als Simon mit Hodenkrebs auf dem OP-Tisch liegt und Hanna währenddessen in Adams Armen, wird das Protokoll des Vorhersehbaren verlassen.

Bis dahin hatte Tykwer vor allem einen audio-visuellen Einfall an den nächsten gereiht und somit stilistisch einiges an Zinober veranstaltet. Splitscreens, Engels-Erscheinungen, durch drei teilbare Zahlen. Im ersten Drittel macht Tykwer deutlich: Leben ist Film. Film ist Chaos. Leben ist Chaos. Mit dieser anfänglichen Verspieltheit etabliert Tykwer also vor allem sein Thema, nicht seine Geschichte. Die kommt später. Mit zunehmender Komplexität der Erzählung vereinfacht sich der Gestus. Damit umgeht der Regisseur die Gefahr „Drei“ zu einer reinen Stilübung verkommen zu lassen. Stattdessen bleibt der Film durchgehend eine wortwitzige Vorstellung einer sozialen Idee.

Doch die muss erst ausdiskutiert und erfühlt werden. Hanna und Simon – und mit ihnen das Publikum – ringen mit sich selbst und ihren Wirrungen. Gerade im heterogenen Berlin, das zwischen futuristischen Schwimmbädern und Nazivergangenheit, zwischen Ost und West und zwischen Arm und Reich seine Mitte sucht, fällt das schwer.

Adam hingegen steht derweil über den Dingen, zumindest über den rationalen. Der Mensch müsse sich einfach von seinen Determinierungen lösen, erklärt er Simon, als dieser mit seiner neu entdeckten homosexuellen Seite hadert. Von solchen Problemen ist Adam frei – nicht aber von denen der Einsamkeit oder der fehlenden, sozialen Bindung. Adam ist – der Name verrät es wenig subtil – ein Mensch aus Fleisch und Blut. An seiner Figur wird deutlich, wie Tykwer seinen Film und seine Figuren anlegt. Zwar ist Adam ein moderner Mensch: sexuell offen, gebildet, wohlhabend, frei und selbstbewusst. Aber all das hilft ihm nicht, die grundlegenden, menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit anders oder effektiver zu befriedigen als alle Anderen. „Drei“ versucht sich dabei in einer Beschreibung des Wesens Mensch. Ganz gleich, ob der Mensch über Handy oder Brieftaube kommuniziert, die Themen bleiben die Gleichen. Ganz gleich, ob er seine Bücher vor sich aufschlägt oder im E-Book hinunter scrolled, er liest weiterhin Moby Dick. Ganz gleich, welches Jahrhundert wir haben, Shakespeare wird immer noch gegeben. Oder Hesse. Ganz gleich, ob die eigene Mutter stirbt oder man gemeinsam kocht, es löst früher wie heute das gleiche Trauer- oder Glücksgefühl aus. Was sich über die Jahrhunderte ändert, ist nicht der Mensch - vorerst. Was sich ändert, sind die Umstände.

Tykwer, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat immer ein offenes Ohr für seine Figuren, für ihre Überforderung mit Leben, Stadt und Trieben. Die Einteilungen, die der Mensch vornimmt: Hetero, Homo, Bi. Es sind Fluchten vor dem Chaos, Hilfestellungen. Das schafft Orientierung, schränkt das Leben aber gleichzeitig ein. Als Hanna das in ihrer eigenen Fernsehsendung erklärt bekommt, kann sie nicht zuhören. Sie weiß seit wenigen Momenten, dass sie schwanger ist. Das Leben hat sie übermannt. Da hilft es auch nichts, dass sie von der Menschlichkeit dieses Vorgangs erzählt bekommt. Dafür hat Tykwer Verständnis. Und somit schenkt er Hanna, Simon und Adam die emotionale und kognitive Möglichkeit der Überbrückung der selbst auferlegten Grenzen, der eigens geschaffenen Lebensstrukturen. Aber erst nachdem er dem Publikum eine schlichte aber vielleicht auch die schönste Affären-Aufdeckungsszene der Filmgeschichte geschenkt hat.

Auch sein Ensemble hat diese Hoffnungsmomente verdient. Egal ob Sophie Rois als Hanna, Sebastian Schipper als Simon oder Devid Striesow als Adam, alle geben ihren Figuren genügend Tiefe und Ernsthaftigkeit, um sie in den schönen bis ulkigen Momenten ihres Daseins nichts ins Alberne abdriften zu lassen. Besonders Rois schaut man gerne zu, wie sie da steht und meckert und zischt, dass man am Nachbarstisch doch bitte ruhig sein solle. Damit verdient sie sich ihr Glück, man gönnt es ihr.

Der Schlüssel zum Glück aller Protagonisten ist es, die Verwirrungen des Lebens nicht als Krankheit, sondern als Bereicherung zu betrachten. So wie es „Drei“ konzipiert, wäre sich Simon ohne seine Hodenoperation, nie über seine homosexuellen Neigungen bewusst geworden. Den Heiratsantrag gibt es an der Pommesbude, am Tag von Mutters Beerdigung. Das Leben ist nicht linear, und das ist auch gut so.

Ein solch optimistischer Grundton verwundert etwas. Waren Tykwers vorangegangene Arbeiten „The International“ und sein Betrag zu „Deutschland 09“ (Tykwer war Initiator des Projekts) doch wütende Anklagen eines arroganten Westens, der seine Macht anhand von Statussymbolen der Architektur und Hochkultur vorführt. In “Drei“ scheint diese Bitterkeit einer optimistischen Zukunfts- und Fortschrittsgläubigkeit gewichen zu sein. Nicht nur die Welt, ihre Gebäude und technischen Möglichkeiten, ändern sich. Selbst der Mensch ist fähig, seine inneren Grenzen zu überwinden. Zu erkennen, dass das Leben eben nicht aus den anfänglich klaren, abgrenzenden Linien besteht. Leben ist Chaos, und dieses lässt sich führen – in harmonischer Dreisamkeit.