Montag, 23. Januar 2012

Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor

Vom Fußball und den Frauen und gleich dem ganzen Dasein Mensch

Das Symbol

Das Leben ist nicht mehr als eine Collage von Symbolen. Ein Strauß Blumen, ein Mixtape, ein Ring: Zuneigungsbekundungen. Zuneigung selbst gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt nur einen Code für diese Empfindung. Ein Bündel Handlungen, die für etwas stehen, dass man allgemeinhin als 'Zuneigung' bezeichnet. Das Symbol tritt an die Stelle dessen, was es ausdrückt. In jedem Lebensbereich gibt es diese Codes. Und wenn man meint, sich irgendwo auszukennen, nennt man sich nicht selten „erfahren“. Oder umgekehrt: Erfahrungen machen, ist nichts anderes, als sich Codes eines bestimmten Bereichs anzueignen, sie für sich zu nutzen, sie anzuwenden, zu variieren. Es gibt Bereiche, da fällt dieser Prozess schwerer und demnach dauert er länger, wie zum Beispiel im Paarungsverhalten. Man könnte auch das gesamte Leben als ewigen Aneignungsprozess von Codes und Verhaltensnormen begreifen. Menschen am Ende ihres Schaffens nennt man auch nicht selten "lebenserfahren". Doch manche Bereiche bestechen durch ihre Einfachheit. Es gibt einen Ort, wo man keine Vorkenntnisse braucht.

Der Fußball hat den Vorteil, dass er nie etwas anderes sein wollte als ein Symbol. Fußball ist konzentriertes Symbol, also konzentriertes Leben. Er erzählt von den Dingen, die wir Sieg und Niederlage nennen, gut und schlecht. Das tut das Paarungsverhalten auch, nur distanzierter. Eine 0:5 Heimpleite nennt sich bereits so, während sie oder er einfach nicht zurückruft. Aber warum nur? Wohl nur der Handykosten wegen.

Fußball ist deutlich. Mit dem Abpfiff sind die Dinge klar. Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor ist ein Tor ist ein Tor. Häufig geht es im Leben darum, zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Im Fußball nicht.

Die Fantasie

Zu behaupten, der Mensch lebe in der Realität, in der es solche Kategorien wie richtig und falsch gibt, greift zu kurz. Der Mensch versteht sich in Rollen, funktioniert in der Fantasie, lebt im Vorstellungen und Befürchtungen. Das ist wie Sex. Ein Zustand der völligen Abkopplung eines als Realität empfundenen Zustands. Sex funktioniert ja immer nur dann nicht, wenn er in die Realität zurückkehrt. Wenn irgendwas nicht stimmt, man sich schlagartig daran erinnert, was man hier tut, wenn man sich plötzlich wieder selbst beobachtet, sich selbst bewertet. Wenn man bemerkt, dass man gerade Sex hat, fällt er in sich zusammen. Männliches Versagen wird medial meist mit Stress, also übermäßiger Ablenkung verbunden. Der Mann wird also von der Realität, von den Dingen seines Lebens, immer wieder in dieses zurückgezogen. Er kann der Realität im Sex nicht entfliehen und kann ihn deswegen nicht praktizieren. Eine – sicherlich unterbewusste – Wahl hat der Mensch überall in seinem Leben. Sogar im Sex. Will ich die Dinge glauben, will ich mich in diesem Zustand verlieren. Man hat eine Wahl zu treffen, überall. Im Bett, aber zb. auch im Theater, in der Kunst, im Suff, unter Freuden.

Eine solche Wahl bietet der Fußball nicht. Seine große Stärke! Der Fußball hat keinen höheren Zweck als das eigene Bestehen. In einem Fußballstadion gibt es bestimmte Fragen nicht. Es gibt Tatsachen. Sieg, Unentschieden, Niederlage. Tor, kein Tor. Und deswegen funktioniert dieser Sport so gut. Weil man sich über das Erlebte nicht verständigen muss, kann im Fußball Gemeinschaft entstehen. Die Frage „Wie fandest du es?“, wie wir sie nach dem Theater stellen (manchmal wird diese Frage im Theater auch gerne nach dem Sex gestellt). Die Frage „Wie geht’s dir damit?“, wie wir sie nach zwischenmenschlichen Verwirrspielen stellen. All diese Dinge gibt es im und nach dem Stadion nicht. Die Vorstellung bei der Heimkehr von einem Auswärtssieg gefragt zu werden, wie es war, mutet seltsam bis unglaublich an. Es gibt nur eine zu klärende Info: Wie haben sie gespielt?

Der Rausch

Diese Eindeutigkeit, die Gewissheit, dass es dabei keine zwei Meinung gibt, also die Möglichkeit der Subjektivität des Nebenmanns, ermöglicht eine andere, wunderbare Sache: den Rausch!

In Little Miss Sunshine heißt es: „Happyness only real when shared“. In Up In The Air heißt es: “Remember the best moment of your life. Were you alone?” Der Mensch ist ein Herdentier. Er strebt nach Verbundenheit. Das Gleiche fühlen wie der Andere, im gleichen Moment. Rausch ist Verbundenheit. Zugespitzt: Rausch ist der Gipfel menschlichen Daseins! Und das 1:0 in der 91. Minute ist purer Rausch. Es ist zum Einen ein klares Ja, ein gehobener Daumen, ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch, ein Sie-liebt-mich-auch! Ausrufezeichen! Und kein „Wir sehen uns“, bei dem man nicht weiß, ob die hübsche Dame mit Ausschnitt, dass jetzt sagt oder meint.

Zusätzlich erlebt man solche Momente nie allein. Im Stadion liegt das in der Natur der Sache. Aber auch am heimischen Radio hat man Leute um sich. Den Moderator, den Vater, der anderorts ebenfalls mithört oder man über den Zwischenstand SMS-technisch in Kenntnis setzt. Die Menschen, die man im Stadion jubeln hört, die Spieler selbst oder auch nur die fiktionale Masse an Gleichgesinnten. Die sind nämlich alles andere als abstrakt, sie sind eine Erfahrung. Somit ermöglicht der Fußball eine Fülle an elementaren, ungebrochenen, kollektiven Erfahrungen. Mit dem Vorteil, dass man sie zwar ungebrochen erleben kann, sie sich aber nicht aneignen muss. Um die Schönheit eines, sagen wir, Theaterstücks zu erkennen, muss man hingegen schon eine Menge solcher gesehen haben. Zumindest macht es die Sache meist leicher.

Fußball macht dich glücklich, er macht dich traurig. Er ist schön, er ist häßlich. Er gibt Hoffnung, er gibt Missmut. Aber vor allem Hoffnung. Das ist wie mit den Frauen. Wie heißt es in Nick Hornbys Fußball-Bibel Fever Pitch: "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden“.

Die Angst

Der Fußball inspiriert zum Weitermachen. Das spirituelle dieses Sports liegt in der Tatsache, dass er kein Ende kennt. Es wird im Fußball nicht mitgedacht. Das nächste Spiel kommt immer. Es wird vielleicht kein gutes sein, aber es wird da sein. Wie ein Gottesdienst, ein Gefühl oder ein Atemzug. Man muss bei diesem Sport – um in der auch von mir schon ziemlich abgenutzten Analogie zu den Frauen zu bleiben – nie Kraft darauf verwenden, sich davon zu überzeugen, dass da doch mal jemand kommen wird, der sich für deine armseelige Blenderhaftigkeit interessiert. Unsicherheiten, ob er oder sie die richtige ist oder ob er oder sie das auch so empfindet, hat der Fußball nicht. Nochmal Hornby: „Du suchst dir deinen Verein nicht aus. Er sucht sich dich aus“. Nein, der Fußball ist die ultimative Geliebte. Er lässt dich in Ruhe, wann immer du möchtest und ist immer da, wann immer du Zeit und Verwendung für ihn hast.

Er lehrt dich den souveränen Umgang mit der Niederlage und das ehrenhafte Verhalten im Sieg. Er lehrt dich, dass du damit nie allein bist. Die größte und weltweit einzig erstzunehmende Fußballhymne trägt den Namen „You’ll never walk alone“. Und wenn man, so wie ich, die Einsamkeit als die größte menschliche Angst begreift, ist dies ein wirklich schöner Gedanke. Da kommt man nach Hause und es wartet jemand auf einen. Da geht man aus dem Haus und er ist schon da – und man wird ihn nie leid. Das ist Fußball.

Die Hoffnung

In A Single Man heißt es: „Es gab in meinem Leben wenige Momente eindeutiger Klarheit. In denen man nicht dachte, in denen man gar nicht merkte, dass man fühlte. Von diesen Momenten habe ich gelebt und gezehrt.“ Der Fußball stellt diese Momente bereit. Momente völliger Klarheit, in denen einem wildfremden Menschen um den Hals fallen. Oder Momente, in denen einem der Himmel auf den Kopf fällt und du dich fragst, wie beim schlechten Sex, was man hier eigentlich gerade macht. Wenn es nach 30 Minuten schon wieder 0:3 steht. Dann sagt man sich „da geh ich nie wieder hin!“, schläft eine Nacht drüber und ertappt sich selbst bei der nächsten Gelegenheit wieder in der Hoffnung. So wie man nach einer schlechten Liebe irgendwann doch wieder in der Disko steht und in den Augen der hübschen Dame an der Garderobe seine Zukunft sieht. Es ist die Hoffnung auf den nächsten Rausch, die uns zu Menschen macht. Mit der nächsten Frau wird alles super. Mit dem nächsten Stück kommt die Erleuchtung. Mit dem nächsten Spiel kommt der Auswärtssieg, die Meisterschaft. Immer wieder.

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Selbst und das Mitleid

Auf der Türschwelle.
„Möchtest noch du etwas sagen?“
„Nein.“
„Ich würde mir wünschen, dass du etwas sagst.“
„Warum?“
„Ich weiß nicht, sag irgendwas. Sag, dass ich nerve, dass ich ein weinerliches Opfer bin, dass dich mein Selbstmitleid anödet, dass ich dich in Ruhe lassen soll, dass du dich verliebt hast, dass du von jemanden schwanger bist, dass du schwanger warst, … was weiß ich.“

Wenn es ein Gesicht gibt, das keinen Ausdruck hat, dann war es ihres in diesem Moment.

„Verstehst du denn gar nicht, was das hier ist?“
„Ich glaube nicht, ich bin mir nicht sicher.“
„Ich will doch nur irgendwie das Gefühl haben, dass ich irgendeinen Einfluss auf dein Leben hatte, dass nach mir einfach nicht alles so weitergeht wie vor mir.“
„Warum ist dir das so wichtig?“

Die Frage brachte ihn aus dem Rhythmus. Er verstand sie nicht mal richtig. Aber sie klang eben auch nach leichtem Interesse, was ihm einen winzigen Moment der Wärme schenkte.

„Eitelkeit?“ Er hatte sich den Reflex antrainiert, in Momenten der Schwäche mit entwaffnender Ehrlichkeit zu reagieren. Die, ob seiner hängenden Schultern, mit der er sie meist vortrug, nur selten so wirkte, wie erhofft. Eigentlich funktionierte sie nie.

„Das 'Jetzt' ist doch bei uns völlig egal.“ Sie klang noch mitleidiger als sonst schon. Er hingegen wollte einfach nicht so tun, als ob er stark oder gar der stärkere von ihnen beiden sei. Ein solches Armdrücken verliert man gegen Frauen immer. Da sprach er aus Erfahrung zu sich.

„Ich will das einfach. Ich will etwas sein! Und ich werde nur etwas, wenn ich es in anderen bin. Alleine Lachen ist scheiße! Ich will, ich… scheiße!“ Es wurde kurz ruhig, aber beide sahen, nicht nur an seiner Mimik, die nach neuen Worten drang, dass er gleich weiterreden würde: „… ich hab dir doch Mixtapes nur aus zwei Gründen gebrannt. Entweder sollst du an mich denken, wenn du sie hörst. Oder du sollst sie nicht anhören, weil du sonst an mich denkst. Verstehst du? Ich muss nicht in dein Leben zurück. Ich muss auch nicht hören, dass du wegen mir unglücklich bist. Hör das Tape und mag es, erinnere dich, gut oder schlecht, aber erinnere dich, bitte.“
„Ich höre dein Tape nicht.“
„Aber nicht weil du sie nicht hören willst, sondern weil sie dir nicht in die Sinn kommt.“
„Mag sein.“
„Und das ist scheiße!“

Sie zog, etwas verlegen, die Augenbraun auf. Ein treffende Geste fand sie nicht. Sie war überfordert, für sich einen gelungenen Tonfall zu definieren. Sie wusste nicht viel über die Situation. Sie wusste nur, dass sie – genauso banal wie das klingt – keine Lust mehr auf sie hatte.

„Ich kann nichts für dich tun, befürchte ich.“
„Ja…“ Er überlegte zu gehen, hatte dann aber noch einen Gedanken, der seiner Ansicht nach zu ehrlich klang, um nicht ausgesprochen zu werden: „Ich glaube, wir beide, wir waren zu gut. Wir waren zu sauber. Alles war sauber zwischen uns, bis zum eben gar nicht bitteren Ende. Und das nervt.“
„Was sollte einen daran nerven?“
„Liebe… ok… Beziehungen sind nicht sauber. Nie. Verdammt, sie sind immer tragisch. Wenn Hoffnung erlischt ist das immer tragisch. Und wenn du nichts Tragisches an oder in dir hast, wenn du zu allem souverän bist, verletzt du mich damit mehr, als wenn du mich hassen würdest. Du gibst mir das Gefühl, dass ich ein Nichts bin. Für dich. Du …“ Er wusste nicht, was er noch sagen wollte. Er trat einen Schritt zurück. Hatte er gerade wirklich den Begriff 'Erlöschen' benutzt? Oh, verdammt!


„Es tut mir leid, aber … es tut mir leid, dass ich dich mit meinem Verhalten verletzte.“ Dieser Satz war ihr zu bürokratisch. Aber es war ok. Nochmal: „Es tut mir leid.“
„Nein, tut es eben nicht.“ Er drehte sich um, so schnell er konnte.

Das Geräusch der Tür, die bestimmt ins Schloss fiel, trieb ihm das Leid der Einsamkeit durch die Glieder. Auf dem Bordstein angekommen, begleitete "Damian Rice" mittlerweile die Szenerie. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Markenjeans und den Kopf zwischen seine Schultern. Er merkte, wie er sich selbst in dieser Haltung beobachtete. Da gab es ihn, sein Selbstmitleid und sein Unglück. Und es gab ihn, seine Rechtfertigung, seine Unsicherheit. Die bittere Frage, ob er überhaupt ein Recht zu dieser Haltung habe. Er stand immer noch auf dem Bordstein, das Auftreten kaum verändert und fragte sich also, ob er diese Haltung nun annehme, weil sie ihm entsprach oder ob er sie nur annehme, um sich selbst zu zeigen, dass sie ihm entsprach. Dann sah er vor seinem geistigen Auge, sie das Fenster öffnen und ´zu ihm etwas versöhnliches auf die Straße zu rufen. Es war also beantwortet: Er nahm diese Haltung an, um sich selbst zu zeigen, was er da wieder mache.

„Wie lange habe ich eigentlich nicht mehr geheult?“ fragte er sich plötzlich selbst - laut. „Kein Mensch ist absichtlich traurig“ antwortete es von der Metaebene: „Wirklich, kein Mensch ist absichtlich traurig.“ Es war das Klügste, was er in der letzten Zeit von sich gegeben hatte. Kein Mensch ist absichtlich traurig. Als er begann, einen Fuß vor den anderen zu setzen, sah er vor seinem geistigen Auge die Haltung seiner Schultern.

Montag, 2. Januar 2012

Ist das ein Weltuntergang oder kann das weg?

Das Kinojahr 2011 war eines der großen Gesten. Viele von ihnen gelangen – ein Rückblick.

Auch der Tanz auf der Rasierklinge ist immer noch ein Tanz. Darren Aronovsky bat mit Black Swan gleich zu Beginn des Jahres 2011, zu selbigem. Portman, auf vielleicht 27 Kilo runter, überspannt alle Gesichtszüge, während ihr der schwarz-weiße Federwindzug durch die schier losen Rippen zieht. In seiner physischen Kraft, seiner undurchdringlichen Energie macht Aronovsky nie Gefangene. Die Figuren sind der Dramabühne entliehen, eine urgruselige, freudsche Übermutter thront dabei auf dem Eisberg. Die Andeutungen und Fallstricke sind vielzählig. Überwältigungskino, dass das Kunststück vollbringt, sein Publikum zwar zu hypnotisieren, aber nicht zu betäuben. Ein Rausch.

Überhaupt: es war ein Jahr der großen Gesten, der Aufplusterung, wahlweise der Weltumarmung oder des -untergehens. Allen voran natürlich die Cannes-Klammer Malick/von Trier, das der blauen Kugel ihre vollständige, theatrale Erfassung entgegen hielt. Der Eine, vom Schöpfergeist befallen, schöpft und schöpft aus dem Vollen. Malt eine Welt, von Beginn an, in den hellsten Farben. Der Tree Of Life erwächst. Unter ihm kniet die Mutter im Moos, dem Märchen entstiegen, auf einer Schaukel, im Feengewand. Daneben die Bilder einer Kindheit, einer Erziehung, die es im Kino in einer reineren Form wohl nie gegeben hat. Da erhält der ältere Bruder einmal von der Mutter keine Aufmerksamkeit und will es dem kleinen Bruder dafür heimzahlen, mit der Faust. Und die Mutter weist ihn zurück, mit einer Milde, wie sie nur eine Mutter besitzt. Mit einer Bestimmtheit, wie sie nur eine Mutter besitzt. Dagegen wirken die Dinosaurier noch deplatzierter und banaler, als sie ohnehin schon sind. Doch wieviel Stunden an Material muss Malick für diese drei und alle weiteren Sekunden elementarer Kindheitserfahrung verfilmt haben, in denen der eigentliche Urknall liegt. Man weiß es nicht genau, aber man dankt es. Mit Tränen der Rührung, die nicht immer ganz sicher sind, ob ihre Natur eine süße oder saure ist.

Melancholia hingegen ist nicht zum Heulen. Alles ist kalkuliert: Ergebnis, Machart, und Marketing. Zwei Filme, zwei Antipoden, die die emotionalen Sphären des Kinos im Jahr 2011 begrenzten. Wagner flutet bereits zu Beginn die dekadente Arche Golfplatz – in Slow-Mo. Das sieht - alle interlektuellen Verkrampfungen mal über Bord geworfen- verdammt gut aus! Von Trier hat seinen Hitchcock gefilmt. Durchtriebenes Reisbrettkino, das mit Comic-Relief (Udo Kier!) und präzisem Spiel die Sache sachlich und rhythmisch in ihr Ende führt, von dem jeder weiß, dass es kommt. Und genau deswegen packt. Depressiv-Suspense. Das drückt einen in den Sitz, weil der Bass unentwegt zum Unheil dröhnt.. Weil von Trier Bilder entwickelt, die zeigen, wie es hinter den Mauern des Marienbads aussieht. Weil diesmal wirklich jede Hilfe zu spät kommt. Weil wir es doch gewöhnt sind, dass am Ende der Held um die Ecke kommt: der einzige Unterschied zu Hitchcock. Während der Brite seinem Publikum immer genau das gab, womit er sich am wenigsten konfrontieren lassen wollte, verweigert der Däne dem Zuschauer alles, was ihn vor dergleichen erretten könne – und findet darin sogar noch ein Nano Erlösung. Der Wald, bei Malick noch in der Hoffnung des Entstehens, taugt jetzt auch zu nicht mehr viel, als zur nackten Aufgabe. Was, Dunsts Fitnessprogramm sei dank, noch so ein schöner wie beliebiger Anblick ist. Bei von Trier sind auch 2011 die Helden nicht mehr als gebrochene Frauen. Männer sind dabei sympathisch-konsequent nicht der kleinsten Rede wert.

Nein, es war kein gutes Jahr für Helden. Unbekümmerte Arbeiten, wie das wunderbar rhythmische Wer ist Hanna? waren Sonderfälle. Synders Sucker Punch war die unnötige aber eben auch erwartbare Belanglosigkeit. Und eben auch nur bedingt schön anzusehen. Weil Schönheit doch immer auch mit Sinn gefüllt sein muss, um reizvoll zu sein. Aber hübsche Frauen und hübsch choregrafierte Bilder, sind als Selbstzweck leider verloren, wenn sie dabei vorgeben, einen höheren Zweck zu besitzen. Mehr Abstand zu sich selbst würde Synders Filmen häufig helfen.

Hingegen Duncan Jones hatte man nicht zugetraut, dass er den Donnersmark macht und dem schlichtschönen Moon eine solche Lustlosigkeit wie Source Code hinterher wirft. Auch The Green Hornet war eine eher unerwartbare Enttäuschung. Michel Gondry zeigte sich dafür verantwortlich. Gondry! Der Schlagzeuger des Schönen. Der Franzose, der Unabhängige, der Schutzpatron aller Träumer, verlorenen Bastlerseelen und missverstandenen Ästhetiker. Eine Hoffnungsfigur. Ein paar illustre Kamerafahrten und ein, zwei Einfälle sind zu entdecken. Doch auch denen sieht man immer noch den Produzenten an, der Gondry den Revolverlauf in den Rücken drückt; die Zigarre im übergenährten Mund, die Angst des Macht- und Geldverlusts auf der nassen Stirn, zischt er: schöne, neue Bilder haben noch nie die Massen ins Kino gebracht, nur bekannte Gesichter (Cameron Diaz, uhag!) und pubertätsnahe Geschichten – und 3D. Weswegen der Film auch nachträglich um eine Dimension aufgestockt wurde. Ein Verbrechen! Das ist, wie Fritz Göttler richtig verglich, der nachkolorierten, roten Flagge im Panzerkreuzer Potemkin ähnlich. War nicht so gedacht, und sieht auch so aus.

Doch auch „echte“ 3D-Filme haben ihre eigene Innovation nicht befeuert. Bezeichnend das mit Pina ein nur spärlich narrativer Film, am ehesten sein Ziel fand. Selbst wenn Wenders einen schmerzlich unkritischen Umgang mit der Bausch-Sekte pflegt. AÜber Tote spricht man nicht schlecht – unabhängig in wieviel räumlichen Auswüchsen.

Auch Politik ist kein gutes Thema zu Tisch. Filme wie Margin Call drücken sich um den eigenen Zugang und fliehen vor der eigenen Courage, dem Gefühl der Überforderung, dem Mythos der Komplexität. Das ist die dunkle Seite der Malick-Medaille: In der Abstraktion sind Gesellschafts- und Weltbilder noch zu malen, nicht aber mit den Farben der Tatsachendramatik. Das zeigen auch Positivbeispiele wie Four Lions. Ein kleiner, gemeiner Film, der eben in alle Richtungen schießt, abschließend gar wortwörtlich – und nur deswegen trifft. Stellungbeziehen ist unschick geworden. Dass Positionierung auch außerhalb der Satire und den Grenzen der Phrase gelingen kann, zeigt dabei ein Film wie der klein-große „Nader und Semin“, der den Unterschied zwischen Einfachheit und Schlichtheit elegant aufzeigt. Das Geschichtenerzählen wird immer Basis des Kinos bleiben, ruft es aus diesen Filmen hinaus. Der sensible Blue Valentine kann dafür genauso ins Feld geführt werden. Ein melodisches Requiem für die Liebe, das in seiner ganzen Aufrichtigkeit und seinem tiefen Mitleid für seine zwei Figuren doch eine Lebensbejahung in sich trägt, die man vielerorts nicht findet.

Es war also nicht alles anders, in diesem Jahr. Woody Allen drehte sich weiter durch Europas Förderinstitute, ohne dabei lange in Erinnerung zu bleiben. Paul Giamatti füllt mit Win Win und Barneys Version gleich zwei Filme mit Seele, die mit viel Charme und unaufgeregtem Kalenderspruch-Flair punkten konnten. Den zu sehr im eigenen Original verlorenen Hangover 2 konnte aber selbst Giamatti nicht retten. Aber auch das ist bezeichnend: Die Anzahl der Fortsetzungen war mit 27 Stück noch sie so hoch wie 2011. Ein Schelm, der dergleichen gutheißt.

Und der deutsche Film? Steht weiterhin etwas neben sich, und daher auch hier nur am Ende. Er zelebriert mit Filmen wie Almanya oder Mein Bester Feind seine eigens gewählte Political-Correctness. Eng aufreiht sitzt man auf der Anklagebank. Der Schuldspruch: ergaunerte Bedeutsamkeit durch die einfältige Behandlung als relevant verstandener Themen, zum Leid eines geistigen oder kurzweiligen Schauwerts. Während das Duo Schweighöfer/Schweiger im abbezahlten Zweisitzer vorbeizieht. Dem Deutschen seine Komödien. Dabei fand man im selbstbewussten Hell oder im stilsicheren Die Unsichtbare Vertreter, die ihre Ästhetik eben nicht als lästige Pflichtübung auf dem Weg zur Botschaft (wichtig!) verstanden. Auch wenn sie sich schwer taten, dafür entdeckt zu werden. Schade eigentlich, waren diese Filme doch, wie das gesamte Jahr 2011, ihr Geld und ihre Lebenszeit zumeist wirklich wert.

Montag, 19. Dezember 2011

Eine gute Liebe

„Das ist Sie… . Das ist Er.“

Sie lacht.

„Gerne.“

Er trennt sich von einer anderen.

„Zusammen, bitte…. Stimmt so.“

Türschwelle.

„Zusammen, bitte…. Stimmt so.“

Guter Sex.

Frühstück.

SMS.

Ein Privatwitz.

Ein Mixtape

Sehr guter Sex.

Ein Gespräch.

Sehr viel, sehr guter Sex

Freunde.

Urlaub.

Guter Sex.

Streit / Der beste Sex, den man haben kann.

Eltern.

„Dort haben wir die Mülltonne angezündet“

Sehr guter Sex.

Guter Sex.

Pläne.

Gemeinsames Joggen.

Ein Gespräch.

Streit.

Ein Brief.

Das Ticken der inneren Uhr.

Entschluss.

Ein paar Tage mit Freunden wandern.

Guter Sex.

Schwangerschaft.

Ein Wochenende Paris.

Hochzeit.

Sehr guter Sex.

Beförderung.

Kinder.

Elternabend.

Kommunalpolitik.

Sex.

Urlaub mit der Freundin der Tochter.

Solider Sex.

Eine Beleidigung.

Eine weitere Beleidigung.

Fußballspiel des Sohnes.

Zweifel.

Ein Todesfall in der Familie.

Beruflicher Druck.

Sie hat eine Affäre, die sie verschweigt.

Unnötiger Sex.

Eine Beleidigung.

Ein paar Tage bei den Eltern.

Ein Brief.

Sehr guter Sex.

Streit.

Guter Sex.

Streit.

Ein Kaffee mit der Ex-Freundin, der mit einem Kuss endet. Er erzählt es.

Kälte.

Ein Brief.

Die Tochter bleibt sitzen.

Paartherapie.

Die Tochter macht ihr Abi.

Der Sohn heiratet seine Kindergartenliebe.

Guter Sex.

Jeder joggt für sich.

Neues Auto.

Er geht in den Puff, was er verschweigt.

Sie hat es im Gefühl, spricht aber nichts an.

Neuer Job.

Paartherapie.

Sehr guter Sex.

Der Sohn lässt sich wieder scheiden.

Die Tochter schließt ihr Studium ab.

Ein weiterer Todesfall.

Vermietung eines Zimmers an eine Austauschstudentin.

Eine Fehlgeburt.

Ein Familienstreit auf Opas rundem Geburtstag.

Gartenarbeit.

Sie nimmt eine neue Stelle an.

Kuchen.

Solider Sex.

Die Tochter heiratet ihren langjährigen Freund aus Studientagen.

Enkel.

Babysitten.

Neues Auto.

Kein Sex mehr.

Der Sohn kommt weiterhin häufig. Die Tochter nicht.

Kreuzfahrt.

Er stirbt an Krebs.

Sie verkauft das Haus.

Wöchentlicher Grabbesuch.

Alzheimer.

Die Tochter zieht mit den beiden Söhnen für 2 Wochen ein.

Die Tochter geht in die Paartherapie.

Der Sohn lässt sich nicht blicken.

Krankheit, Genesung.

Monatlicher Grabbesuch.

Altersheim.

Sie stirbt.

"Sie hatten sich wirklich gerne"

Die Kinder pflegen das Familiengrab ohne große Leidenschaft.


Mittwoch, 9. November 2011

Zu den Klängen in Kubricks "Shining" - Eine Assoziation

Beginn der Reihe: Seminarreste, mit denen man zu zufrieden ist, um sie verkommen zu lassen.

Am Anfang die Verheißung – und die verheißt nichts Gutes. Ein großes, auditives Unbehagen überzieht die ersten Minuten „The Shining“ von Stanley Kubrick. Der Zorn Gottes schallt aus den Wolken. Der Hubschrauber nähert sich dem Kleinwagen, die Straßen schlagen Furchen in den Wald und das Orchester lädt zum Abschlussball der Zivilisation. Kubrick kündigt alles an. Er wird alles einlösen. Er wird nichts einlösen.

Die lange Exposition nimmt sich Zeit, reiht Klänge auf die Kette, betont schicksalsgläubig: Ja, der Wahnsinn ist nah, gleich wird er zu sehen sein. Da hinten brandet die Sintflut, in dunkles Rot und tiefen Bass getaucht. Hinter der ersten Ecke klirrt es, dann grollt es von irgendwo her und wabern tut es immerzu. Die Schreibmaschine zittert, tritt schließlich um sich. Der Tennisball stampft auf, das Kettcar steckt das Labyrinth ab. Der Sound ist überlebensgroß. Real ist hier nichts mehr, kein Parkett kratzt so sehr, kein Teppich ist so dumpf, kein Wind so kraftvoll-konstant – und trotzdem bleibt alles verschreckend nah. Warum man dazu nicht auf Abstand gehen kann, bleibt ein Rätsel. Vielleicht weil Kubrick – vor allem im Klang – am Anfang das Chaos ankündigt und es somit, scheinbar, greifbar macht. Man ist willig es zu akzeptieren, zu vereinnahmen, doch diesen Reflex treibt Kubrick einem aus. Mit dem Becken. Mit dem Glockenspiel. Also mit der Peitsche. Du weißt nur, dass du nichts weißt.

Das Hotel, es wird ein Labyrinth bleiben. Wir finden nicht heraus. Die Musik, sie gibt zwar vor, verständlich zu sein, doch was sie uns mit jeder Minute erneut sagt, ist nur: Chaos regiert nicht, es herrscht. Der Mensch kann den Wald verlassen, aber der Wald nicht den Menschen. Kubricks Einführung ist nichts anderes als eine falsche Fährte, ein Spiel mit dem Zuschauer, der den arroganten Glauben besitzt, zu wissen, was da kommt. Er irrt. Und Angst entsteht immer aus Unwissenheit. Das eigentliche Chaos, zu dem das anfängliche Unbehagen heranwächst, es hat keine Logik. Dann wäre es kein Chaos, sondern nur die Abstraktion von Chaos, nicht mehr als eine Filmkonvention, eine Hörgewohnheit. Die Streicher werden nicht das Gleiche spielen. Der Beckenschlag wird bei der zweiten Texttafel nicht zu hören sein. Jedes Motiv hat seinen Platz aber nicht seine Wiederkehr. Nur eins ist gewiss: Alles wird mehr. Da ist der Film ganz klar. Das Klimpern wird zum Klirren. Das Wirren wird zur Wut. Das anfängliche Abklingen weicht einem dauerhaften Rumoren. Einer wechselhaften und damit beständigen Themenverschiebung. Laut, rauh, düster.

Wer die Zwillinge sind, erfährt man nicht. Wie es Jack aus dem Nahrungsraum schafft, bleibt ein Rätsel. Warum sollte der Sound da einer anderen Logik folgen als der eigenen. Ich bin das Chaos. Du hast mich nicht zu verstehen. Darin besteht meine Macht über dich, du winziges, weinerliches Stück Zuschauer!

Montag, 3. Oktober 2011

Meister der Schmerzen

Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft. Der Blick in ihn kann erschaudern und trösten. Und solch eine Sicht kann Dinge erklären, oder zumindest voneinander abgrenzen. Der Versuch einer Bewusstwerdung.

Im Herbst 2003 sitzt Steve Bartman in einem Baseballstadion. Es ist der sechste Spiel der Best-of-7-Serie seiner "Chicago Cubs" gegen die "Florida Marlins". Die "Cubs", sowas wie das "Schalke 04" des amerikanischen Sports, ein gutmütig angehauchter Verein, dem ein Moment der Tragik immerzu anhaftet, nur ohne den pathetischen Überhang des Arbeitermilieus, sind seit 1903 ohne Titel. Die Amerikaner sprechen bei solchen Momenten immer gerne von Flüchen, die nicht zu brechen sind. Gewinnen die "Cubs", stehen sie erstmals seit Ewigkeiten im Finale um den Titel, die man in traditioniell-amerikanischer Bescheidenheit "World Series" nennt. Im achten von neun Innings steht es 3-0 für das Heimteam. Dann fliegt ein Ball ins Aus, in Richtung Bartman – und der alles umgebende Überzug, den man Zivilisation nennt, geht in Flammen auf.

Baseball ist ein langweiliger Sport. Unzählige Pausen zwischen wenig aufregenden Momenten - was ihn dann letztlich vom Football unterscheidet - machen das Spiel auch für seine Anhänger zur Nebensache. Baseballspiele besuchen Amerikaner vor allem wegen der gesellschaftlichen Teilhabe. Man isst im Stadion, liest, unterhält sich, es finden sogar erste Dates auf den Rängen statt. Der Sport besteht letztlich nur aus Statistiken, was es dem US-Bürger leicht macht, in gut und schlecht, gut und böse zu denken. Sowas wie unverdiente Sieger gibt es im Baseball nicht. Wenn im Baseball etwas historisches passiert, hat etwas gewöhnliches Jubiläum. Der 500. Homerum, der 1000. Sieg. Die Geschichten, die der Baseballsport schreibt, sind nichts anderes als Zahlen.

Steve Bartman mag diese Dinge, hat früher selbst Baseball gespielt. Er hat Kopfhörer auf, hört dem begeleitenden Radiokommentar zu, der im Normalfall nichts anderes macht, als die Dinge aufzulisten, die vor ihm auf dem Rasen vonstatten gehen. Ob ein Spieler trifft oder verzieht, wie schnell oder genau ein Pitcher wirft oder ob ein Verteidiger fängt.

In jenem achten Inning also fliegt ein Ball in Bartmans Richtung. Er sitzt in erster Reihe, direkt am Spielfeldrand. Der Verteidiger Alou versucht den Ball noch aus der Luft zu fangen und somit den Schläger ausscheiden zu lassen, wie einen verbrannten beim Brennball. Bartman macht das, was Zuschauer in diesem Moment machen: Er versucht den Ball zu fangen. Sich ein Souvenir zu sichern, vom Einzug ins Finale. Das wäre etwas wert. Bartman streckt sich, wie viele seiner Sitznachbarn auch. Er berührt den Ball und macht es für Alou unmöglich den Ball zu fangen. Alou ist sauer, flucht in Richtung Zuschauer, Bartman. Das Spiel geht weiter. Und es kommt, wie es kommen muss, damit es dramatisch wird. Anstatt auszuscheiden, trifft der Schläger Floridas den nächsten Wurf und seine Kollegen tun es ihm nach. Als das Inning nach den erforderlichen drei Outs beendet ist, führt Florida mit 8-3. Die Cubs verlieren und sie verlieren auch das nächste Spiel und scheiden aus.

Das Stadion der Cubs, das nach einem Kaugummihersteller benannte "Wrigley-Field", gilt als Urstätte der Gemütlichkeit. Der Volksmund nennt es "The Friendly Confines". Aber nicht heute. Fox-Sports erkennt noch in der Live-Übertragung die epische Tragik dieses Moments und füllt fortan jede der Spielunterbrechungen mit Blicken auf Bartmans Gesicht. 40.000 Menschen und nochmals 10.000 vor den Toren sehen unablässig in das versteinerte Gesicht eines Mannes um die 30. Langsam rumort es. Es brodelt. Erste Beschimpfungen fliegen heran, dann immer mehr. Menschen kippen ihr Bier über Bartman, werfen Essen nach ihm. Bis schließlich das ganze Rund einstimmt: „Asshole.... Asshole.... Asshole.“ 40.000 Zeigefinger in Bartmans Richtung. Der sitzt immer noch da, hört immer noch Radio, wo man über ihn redet und guckt immer noch steif in Richtung Spielfeld. Es ist der vielleicht leerste Blick der jemals in Bildern dokumentiert wurde. Nach einem kurzen Moment dreht er sich zu seinem Sitznachbarn und fragt: „Glaubst du, ich habe etwas falsch gemacht?“ Er erhält keine ernstzunehmende Antwort. Dann sitzt er wieder da und wischt sich mit dem Ärmel seines Pullovers, auf dem das Logo der von ihm trainierten Jugendmannschaft zu sehen ist, Bier aus dem Gesicht. Wenig später erreicht eine Gruppe Security-Guards den Block. Sie begleiten Bartman hinaus, er hält sich seine Jacke vors Gesicht, wie ein Strafgefangener. „I kill you!“ rufen einige, ein anderer schreit: „Put a gun into your mouth and pull the trigger!“ Spießrutenlauf, in Urform. (http://www.youtube.com/watch?v=JoumAUfwnI8&feature=related) Die Guards schließen Bartman weg, ziehen ihm andere Sachen an, nehmen ihm die Cubs-Mütze ab und schaffen ihn aus Ermangelung einer Alternative ins Haus einer der Securitys. Dort ruft er seine Eltern an, sagt ihnen, dass es ihm gut geht. Wenig später wird er nach Hausegeschickt und verschwindet. Er wird nie ein Interview geben, noch Jahre später Autogrammwünsche für 25.000 Dollar ablehnen. Ein Verwandter wird im TV einen Entschuldigungsbrief vorlesen. Bartmanns Sitznachbar, dem der Ball letztlich in die Hände gerollt ist, verkauft diesen für 100.000 Dollar an ein Restaurant. An Halloween des gleichen Jahres geht man in ganz Chicago als "Bartman".

Am Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung im Judentum, wird traditionell einem Ziegenbock durch einem Geistlichen die Hand aufgelegt. Anschließend wird er durchs Dorf getrieben, wo das anwesende Volk seine Sünden auf ihn abladen kann, mit denen das Tier anschließend aus dem Dorf oder über die Klippe gejagt wird. Vergleichbare Bräuche sind auch in anderen Religion zu finden.

Die Tradition des Sündenbocks ist ein wesentlicher, stabilisierender Grundpfeiler unserer sozialen Ordnung. Psychologe René Girard sagt, je zerrissener eine Gesellschaft ist, desto mehr braucht sie einen Sündenbock, der laut Elliot Aronson machtlos, unbeliebt und leicht identifizierbar sein muss. Bartman ist all das. Er ist Computer-Fachmann, Angestellter. Er trägt Rollkragen, 90er-Kopfhörer und Kassengestell. Er ist zu schwach, um sich zu wehren. Er ist Opfer.

Und vielleicht kann man den Stand einer Gesellschaft daran ablesen, wie sie mit ihren Opfern umgeht. Wie sehr eine Gesellschaft in Schachklub und Quarterback unterscheidet. Wie viel Mobbing es an Schulen gibt. Wieviel sie von Schicksal und von Fluch redet. Wie Medien Emotionen zeigen oder machen - und wieviel Geld sie damit verdienen. Wie sehr eine Gesellschaft im Stande ist, Optimismus zu leben oder (nur) zu predigen. Wie sie mit Niederlagen umgeht, mit den eigenen, fremden oder kollektiven.

Am 17. Juni 1994, am selben Tag, an dem OJ Simpson über eine von unzähligen Passanten gesäumte Autobahn fährt und dabei von so vielen Fernseh-Helikoptern begleitet wird, dass sich ihre Signale überlagern und es Störungen im heimischen Livebild gibt, steht ein Junge in den Straßen von New York. Konfetti regnete von den Dächern. Die heimischen "Rangers" haben nach langer Zeit die Eishockey-Meisterschaft gewonnen. Der Moderator hatte im Moment des Triumphes gerufen: "The curse is over!". Der Junge steht vor einem Manhattener Mikro und spricht: "Now, I can die happy!". Er sieht nicht älter als 12 Jahre aus.

Am 19. Mai 2001 verliert Schalke 04 in unfassbarer Dramatik die Meisterschaft. Als Anderson in Hamburg trifft, ruft Fritz von Thurn und Taxis, der auf Schalke moderiert: „Hoffentlich tut sich heute niemand etwas an“. Wenige Tage später gewinnt der "FC Bayern München" das Champions-League-Finale, das er 2 Jahren zuvor, in der „Mutter aller Niederlagen“ ("11 Freunde") gegen "Manchester United" verloren hatte. Damals hatte niemand von Schicksal oder Fluch geredet.

"Schalke 04" gewinnt einen Samstag später den DFB-Pokal in Berlin. Auf den Rängen, während des Spiels, hängt ein Transparent im Schalker Block. Und immer wenn ich über die USA und Deutschland rede oder denke, ganz gleich ob es um Psychologie, Vorurteile, Sport, Wirtschaft, Rassismus oder Politik geht. Ich will mich immer daran erinnern, wie Steve Bartman auf seinem Stuhl in Chicago sitzt und die Hölle über ihm aufbricht. Oder wie ein 11jähriger in ein Mikro spricht, und wie "Fox-News" über all das berichtet. Und demgegenüber, mit leicht-patriotischem aber vor allem erleichtertem Bewusstein, was damals auf dem Banner der Schalker Anhänger stand: „Alles wird gut“.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Nihilismus als Chance

Heimat, Vergänglichkeit, Kunst, das gute Leben und ein wenig Filmspinnerei: Ein ganz, ganz, ganz grundsätzlicher Text

"Nichts gegen Masturbation, das ist Sex mit jemanden, den ich liebe." (W. Allen)


Heimat ist allein schon deswegen der schönste Ort der Welt, weil es der einzige Ort ist, an dem sich niemand über deine Heimat lustig macht. Und wenn es jemand tut, dann darf er das. Das ist wie die kleine Schwester, über dessen Kleidungsstil man sich in Gegenwart Gleichaltriger auslässt. Doch wehe, jemand mit dem man nicht die DNA teilt, bezeichnet sie als leichtes Mädchen. Dann Gnade ihm nicht mal mehr Gott. Der, so wird zu beweisen sein, ist eh ein faules Miststück, der nach sechs Tagen Arbeit auf Sonntagsausflug ist - bis heute.

Natürlich hat Heimat mit Familie zu tun. Mit Zugehörigkeit. Mit Sicherheit. Mit dieser unschätzbaren, unüberschätzbaren Fantasie – und in guten Fällen: Erfahrung, dass es einen Ort gibt, an dem du dich nicht beweisen musst. Wo man dich liebt. Nicht für die Dinge, die du tust oder lässt. Sondern einfach liebt. Weil du atmest. Natürlich streben wir danach, dieses Gefühl später zu imitieren. Da ist auch nichts Falsches dran. Wir suchen uns Menschen, die wie unsere Mütter riechen oder wie unsere Väter reden. Wir singen Lieder auf sie, auf diese Gerüche, diese Bräuche und Momente. Wir machen alles wie sie. Weil wir hoffen, dann wird alles gut, so wie früher. Ob und wie es früher so war, ist nicht mehr als ein Fun-Fact kognitiver, menschlicher Überlebensstrategien.

Wir singen Lieder auf die Vergangenheit, in dessen Unveränderbarkeit, dessen Unzerrstörbarkeit alles noch größer wird. Jedes Gefühl von Sicherheit, von Frieden kann in diesem Schutzraum der Selektion noch tiefere Wurzeln schlagen. Wir singen Lieder auf das Gewesene, weil es uns niemand nehmen kann. Unsere Eltern werden sterben, unsere kleinen Schwestern hören auf, niedlich zu sein, unsere Freunde haben besseres zu tun. Selbst unsere Liebe, die Liebe, die wir verschenken, vergeht. Das lernen wir, noch bevor wir die Schule verlassen. Wenn wir, die perfekten Wesen, als die wir uns jeder für sich und heimlich begreifen, schon nicht ewig lieben können, wer soll dies sonst vollbringen? Und ganz nebenbei: wer soll uns schon lieben, so perfekt wie wir meinen zu sein, so sehr halten wir es doch genauso mit Woody Allen: Mit der Liebe ist das wie mit den Clubs. Man möchte nie Einem angehören, der Leute wie einen selbst als Mitglied aufnimmt.

Doch irgendwann, aller Verklärung, aller Sicherheit zum Trotz, geht man. Zur Sparkasse oder nach Spandau, aber weg. Wahrscheinlich weil man sich nur vor einer Sache noch mehr fürchtet, als vor der Einsamkeit: Vor dem Tod. Und den überlistet man vermeintlich, halt nur mit Sex. Weswegen „Antichrist“ ja auch so ein perverser Film ist, weil er den Orgasmus in sein Gegenteil verkehrt. Weil er das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, das Überleben des eigenen Kindes, mit dem größten, was der Mensch gegen seine Ängste tun kann, verbindet. Weil der Versuch, die eigene Sterblichkeit zu hintergehen, in der absoluten Gewissheit endet, sterblich zu sein. Was der Film dann damit macht, und wem er die Schuld an seiner eigens geschaffenen Hölle gibt, ist das Resultat einer depressiven Phase eines Regisseurs, der sich zu oft bewusste gemacht hat, Künstler zu sein.

Wenn selbst das eigene Kind stirbt, vor seinen, den eigenen Augen. Dann tut man es selbst erst Recht. Gewissheit ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Deswegen sind Religionen ja auch so ungewiss. Und jeder, der so etwas erlebt und danach einigermaßen wieder auf die Beine kommt, hat meinen größten Respekt! Doch die Hoffnung, sie stirbt halt immer zuletzt, aber manchmal stirbt sie. Doch wir überwinden die Angst zu scheitern und ziehen in die Welt – und Gründen Familien.

Da fragt man sich manchmal wie das die Homosexuellen aushalten. Wie sie gar keine Möglichkeit zur Weitergabe des eigenen Lebens haben. Adaption, zumindest in meiner Vorstellung, ist da auch nicht mehr als Evolutions-Methadon. Vielleicht zieht es deswegen so viele Schwule zur Kunst. Weil es Menschen innewohnt, zu kreieren. Und wer sich selbst nicht nachbauen kann, der kompensiert das mit übrig gebliebenen Mitteln. Vielleicht zieht es deswegen alle Scheidungskinder in die Großstädte. Weil dort die Kunst ist. Oder vielleicht ist die Kunst auch immer dort, wo die Scheidungskinder sind. Auf jeden Fall sind es die schlechten Kindheiten, die zur Kunst streben. Es wollen die ihre Wurzeln und Ideen und Schmerzen besingen und besiegen, die überhaupt lernen mussten, dass sie Wurzeln, Ideen und Schmerzen haben. Weil sie unfähig sind, zu verklären.

Vielleicht ist es eine der größten Glücksfälle des Menschen, wenn es ihm ungebrochen gelingt, seine Kindheit zu verklären, sie zu diesen Paradies auf Erden zu machen, wo niemand rein darf außer man selbst. Vielleicht müssen diejenigen, die keinen Eintritt in dieses gelobte Land haben, deswegen versuchen, sich anderorts ihre Welt zu bauen. Mit Gitarre, Stift, Pinsel, Kamera oder Stimme. Vielleicht ist Kunst das Methadon der Menschen, die irgendwo zwischen übergriffigen Großeltern, traurigen Eltern, mainstream-neurotischen Mitschülern und ungeteilten Interessen, ihr Urvertrauen verloren haben. Und jetzt kommt die traurige Wahrheit: Das Urvertrauen, es kommt nie wieder. Das Urvertrauen ist wie ein verpasster Zug. Klar, irgendwann kommt der nächste. Aber pünktlich wirst du nie wieder.

Und doch hoffen wir, dass der nächste Zug noch aufholt, einholt, überholt. Weil wir uns selbst trösten wollen, erfinden wir Jing-Jang-Logiken. Die machen aber nicht nur Hoffnung, sie schaffen auch Unmengen Enttäuschungspotenzial und nicht zuletzt: Druck. Wer in der Schule die Steine an den Kopf bekommt, will später mit Rosen beschmissen werden und tröstet sich mit der Lüge, dass jeder Stein die Rose wahrscheinlicher macht. Man tröstet sich mit der Lüge, dass das Leben gerecht ist. Und wenn wir merken, dass unsere eisern durchlebte Kindheit doch für nichts nütze war, weil "der Durchbruch" auf sich warten lässt, wem gibt man dann die Schuld? - Sich selbst. Dann wird aus dem Trost auch nur wieder Versagen. Schließlich hätte man mit dieser Vergangenheit nun wirklich genug Potenzial eine große, bedeutsame Persönlichkeit zu werden, wir Versager!

Es bleibt allen (uns) Opfern nur zu wünschen, dass sie es nicht persönlich nehmen, wenn Rosen und Medaillen ausbleiben. Denn darin liegt das Hauptbeweisstück für die Anklage, Gott neben dem Strafverteidiger, sein Massenmörder-Grinsen aufgesetzt: Das Leben ist ein Arschloch. Nicht weil es Leid gibt, sondern weil sich Leid und Glück nicht ausgleichen. Gott ist nicht tot, das wäre verständlich. Gott ist in Rente, ihm ist schon längst alles egal.

Die einzige Möglichkeit, die man hat, besteht darin, zu akzeptieren. Was nach Nihilismus klingt, führt in Wirklichkeit zu Stärke und Frieden, und den muss man machen. Mit sich. Aller Abgedroschenheit zum Trotz: Alles was du tust, tue für dich. Alles was du brauchst, nimm es dir! Aber erwarte kein Lob dafür, keine höhere, ausgleichende Kraft, keine Gerechtigkeit. Scheidungskinder haben die höchsten Scheidungsraten, weil sie ihr Urvertrauen in die Zuneigung verloren haben. Sie klammern, eifersüchteln, träumen und zweifeln, an Partnern, aber eigentlich nur sich selbst und der Welt. Ihre Tragik liegt nicht im zurückliegenden Unglück, sondern ihr Unglück steht dem Glück weiterhin im Weg, bis in alle Ewigkeit, Amen.

Also bleibt den Heimatlosen nur zu wünschen, dass sie akzeptieren, keine solche zu haben und man nicht automatisch zu einem guten Vater wird, nur weil der eigene scheiße war. Dass Mobbingopfer verstehen, dass sie auch in Zukunft anders sein werden, dies aber leider nicht immer zu Ruhm und Ehren führt. Dass man sich eingesteht zu weinen, aber aufhört zu hoffen, dass die vergossenen Tränen auf fruchtbaren Acker fallen.

Dass man ein Buch schreibt, dass man selbst lesen würde. Einen Film dreht, der die eigenen Bilder im Kopf wahr werden lässt. Ein Bild malt, das nur die eigenen Hände fertig bringen. Einen Menschen lieben, es ihm sagen, ohne das gleiche von ihr oder ihm zu verlangen. Ein Kind zeugen, das nichts mehr von einem verwirklichen muss. Das hat es doch schon! Es atmet. Dinge tun, weil man sie tun will, nicht weil sie etwas bewirken sollen, weil endlich Gerechtigkeit eintreten soll. Aber nochmal: Gott ist ein Arschloch, ein Misantroph, ein Zyniker, ein Hartzer, und alles was du tun kannst, ist ihn zu ignorieren. Er wird dich nicht erlösen. Niemand wird irgendwen erlösen. Du kannst dich erlösen, von der Hoffnung das Recht auf ein gutes Leben zu haben.