Für die Senner Bauern und die Operation Blau-Weiß.
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Elfmeterschießen. Pokalspiel.
Einer unserer Schützen hatte das fabriziert, was wir im Training gerne mal mit dem kollektiven Ausruf „Field Goal!“ abwerteten. Dabei synchron die Arme gen Himmel recken - die dazugehörige Schiedsrichtergeste beim Football. Ein schönes, kleines und auch typisches Ritual.
Wir liegen mit einem Treffer hinten. Beim Landesligisten FC Türksport, welcher 3 Ligen über uns B-Ligisten spielt, hatten alle Schützen getroffen. Nach 90 Minuten hatte es 2:2 (1:0) gestanden, nach 120 Minuten genauso. In der 119. Minute hat unser Trainer nacheinander Daniel und Yannick vom Platz genommen. Nicht weil sie müde waren und nur enfternt aus taktischen Gründen. Sie standen zu diesem Zeitpunkt einfach am weitesten vom Wechselpunkt gegenüber entfernt. Angst fressen Seele auf - selbst in der Kreisliga B.
Ich bin letzter Schütze, muss also treffen. Der Torwart springt in die selbe Ecke, in die ich schieße. Dazu muss erwähnt werden, dass es sich bei ihm nicht um einen Torwart im klassischen Sinne handelt. Er ist einer der Feldspieler. Das einzige was ihn von seinen Mitspielern unterscheidet und damit zum Torwart befähigt ist sein Trikot, welches er vom eigentlichen Schlussmann erhalten hat. Dieser war – natürlich – des Feldes verwiesen worden.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Ein Elfmeter, der alle meine fußballerischen Fähigkeiten mit denen ich mir hier „am Waldbad“ in den letzten 15 Jahren mehr Freunde als Feinde gemacht habe auf einen dramaturgisch zugespitzten Höhepunkt bringt. Wenn man bereit ist ihn als solchen zu erkennen. Ich war in allen Mannschaften die ich hier beim „großen TuS“, wie wir diesen Verein sicher nicht frei von unterbewusster Ironie nannten, durchlaufen habe, einer der konstant technisch schlechtesten Spieler. Gleichzeitig aber immer genauso konstant Stammspieler und nie länger von Trainern in Frage gestellt. Irgendwann fingen wir – neben mir gab es noch ein paar andere Spieler dieses Schlages – uns nur „Holzfuß“ zu nennen. Wir stoppten den Ball weiter als andere schießen können, aber wenn es hoch her ging waren wir immer mittendrin. „Ich wusste, dass du einer der Schützen sein würdest – Mut hattest du immer“, wird mir meine Mutter später auf dem Heimweg berichten und hat damit – was ich hier alles nicht ohne Stolz von mir gebe – wie immer Recht.
Es ist ein grausamer Elfmeter! Halb rechts, nicht stark geschossen, nicht mal richt flach. Der Torwart springt in die richtige Ecke – und landet auf dem Ball. Seine Hüpfte presst den Ball nach Außen weg. Er ist für einen kurzen Moment irritiert, wirrt umher. Er dreht sich um, sieht wie der nun leicht dahin rollende Ball Richtung Pfosten unterwegs ist. Er hechtet dem Ball hinterher. Doch dieser springt an den Innenposten und von dort hinter die Linie, wo ihn der Torwart schließlich aus dem Tor kratzt. Ich blicke zum Schiedsrichter, welcher auf Tor entscheidet. Es ist nicht minder als pervers.
Jubel bricht aus, die Spieler-Mütter lachen, die Spieler-Freundinnen kichern, streichen sich durchs Haar, Spieler-Frauen gibt es nicht, die Mitspieler grölen und ich pose den 200 Menschen, die sich heute hier eingefunden haben in bester „Droga-Cantona-gefühler-Stehkragen-Manier“ entgegen. Yannick schreit mich in einer Mischung aus Begeisterung und Verlachen an. Rodger Ehlers gibt alles direkt per Handy in die Lokalsport-Redaktion durch. Morgen wird mein Name in der Zeitung stehen. Als Spieler der einen der Elfmeter verwandelt hat. Dies wird niemand lesen, der nicht eh schon dabei gewesen ist. Und nur eine weitere handvoll Menschen in Bielefeld werden sich für das Ergebnis interessieren, nicht für meinen Namen. Auch nicht dafür dass ich in beiden Zeitungen auf dem Aufmacherfoto bin. Groß und in Farbe, hehe. Nicht weil ich gut bin, oder spielentscheidend war. Im Gegenteil, mein Gegenspieler, ein ehmaliger aserbeischanischer Nationalspieler, welcher die Ehre hatte einige Champions League-Spiele von auf der Bank von Dynamo Kiew zu verbringen, ist das gesuchte Objekt. Und doch; es fühlt sich gut an.
Es ist mein Moment! Es ist mein letztes Spiel bevor ich wegziehe. Mein letztes Spiel nach 15 Jahren. 15 Jahre, 3 bis 8mal die Woche voller verpasster Aufstiege, überraschender Aufstiege im Folgejahr, Abstiege, Klassenerhalte, Prügeleien auf dem Trainingsplatz, mit Urin gefüllte Trinkflaschen auf Mannschaftsfahrten, Spielabbrüchen, Luftpistolen aus Polen, guter und schlechter Spiele.
Gute Spiele, wie das Nachholspiel in Langenheide, welches nur deswegen stattfand, da der Schiedsrichter nach einen Elfmeter für Langenheide auf Abstoß entschieden hatte. Allerdings nur weil der Ball nicht im Tor war, sondern weil der Schütze seinen Anlauf verzögert hatte. Im Nachholspiel siegten wir durch ein Tor von Michael(!), der sonst so torungefährlich ist, dass dies sogar in einer StudiVZ-Gruppe seinen Ausdruck fand, in der 92. Minute 3:2. Das reguläre Spiel wäre mit 0:0 gewertet worden. Aber Langenheide, zu denen wir eine gesunde Hass-Liebe entwickelt hatten, hatte gegen die Regelkenntnis des Schiedsrichters "erfolgreich" Einspruch eingelegt.
Oder das 4:0 in der D-Jugend gegen den Ortsnachbarn aus Brackwede, in dem ich 2 Treffer vorbereitet und 2 selber erzielte. Eins davon aus 30Metern, Dropkick, in den Winkel. Ich machte die nächsten drei Jahre kein Tor mehr in einem Pflichtspiel. Oder die miesen Spiele, wie das 4:4 in Quelle, wo wir nach 4:0 Führung am Ende nur noch mit 7 Mann und ohne Trainer auf dem Platz standen. Der Rest war des Feldes verwiesen worden. Oder die skurrilen Spiele, wie das verlorene Aufstiegsspiel in der C-Jugend, nach dem wir alle weinend auf den Rasen saßen. Nicht weil wir wirklich traurig waren. Nur weil wir aus dem Fernsehen gelernt hatten, dass man nach großen Niederlagen das so zu tun hätte. Oder das eigentlich schlichte Liga Spiel gegen irgendwen als ich mich – wegen irgendetwas – beim Schiedsrichter beschwerte und mein Gegenspieler mich leicht genervt fragte ob das denn sein müsste und wie alt ich denn sei. Worauf ich nur antwortete: „7 Jahre – aber für deine Mutter reicht's schon.“. Bei der nächsten Ecke flogen die Ellenbogen in meine Richtung und ich fühle mich gut damit. Ein Dialog, sicher die Spitze, aber genauso wenig der einzige Teil dieses Eisbergs.
Ich fühlte mich gut beim „Großen TuS“, welcher mich jede Woche mit diesen Typen zusammen brachte, die einen Anschreien, wenn du den 5Meter-Pass nicht genau genug hin bekommst oder ihrer Meinung nach nicht nah genug am Mann bist. Die selben Typen, die dich in der C-Jugend ekelhaft ernst gemeint für deine Klamotten auslachten und deinen ersten und einzigen Filmriss miterlebten. Irgendwo im Osten hatte ich beschlossen, dass eine Mannschaftsfahrt kurz vor Polen der beste Ort sei um sich absichtlich abzuschießen. Nur um zu sehen, wie das so ist. Und während ich im Bad war und meinen Spielbild erzählte wie hübsch es doch sei, so hieß es jedenfalls noch ein bitteres halbes Jahr später beim Training, wechselten die letzten noch nicht völlig aus dem Leben geschiedenen meine Bettwäsche.
Die selben Typen, die dir unauffällig und anerkennend zu blinzelten wenn du den Assi-Mittelstürmer mit goldenen, neongelben oder -blauen Schuhen und Nike-Stirnband mit einer gut getimeten Grätsche auf die Aschebahn legt hattest. Oder die Typen mit denen du nach dem 2:1 in Peckeloh, nur noch mit Boxershorts am Leib, die Straße entlang zogst. Ein Lied in den inbrünstigen Kehlen: „Da war ein Mädchen – auf dem Fahrrad – und sie schrie: AUSWÄRTSSIEG! AUSWÄRTSSIEG!“. Beim Schlusspfiff standen nur noch 19 Spieler auf dem Platz, 10 Peckeloher, 9 von uns. Der Siegtreffer kam schon in Unterzahl durch einen dreist erschwalbten Elfmeter zustande. Olé!
Die besten Drogen produziert der Körper immer noch selbst. Besonders während du einen Ball den du locker mit der Innenseite ins Aus hättest klären können, voller Kalkül aus 6 Metern per Spannschuss in die Peckeloher Bank drescht. Traditionell voll mit Russen, die mir von diesem Moment an, an die Wäsche wollen. Ich schwadroniere halbstark auf Höhe der Mittellinie, sie sollten doch rüber kommen. Ich „würde mich hier das gesamte restliche Spiel nicht wegbewegen“ und Adrenalin ist besser als Heroin. Wie erwähnt, es gab auf dem Fußballplatz einige Gründe mich zu hassen. Auf dem Platz, und das ist die bittere Wahrheit, wurden wir alle, wurde ich zum „Jarolim“. Oder anders; wer mich noch nicht auf dem Fußballplatz erlebt hat, kennt mich nur halb.
Das Spiel ist beendet. Mein Treffer war nutzlos, da auch der letzte Türksport-Spieler verwandelte. Doch Melancholie kommt nicht auf. Zu gut war unser Spiel, zu hoch der Endorphinspiegel und zu leer mein Geist. Wer sich nach einer Niederlage so fühlt hat nichts zu bezweifeln. Wenige Minuten später sitzen wir barfuß vor der Umkleidekabine, einen Kasten Bier zwischen uns. Die Hälfte der Spieler raucht bereits wieder. Ich werde für meinen Elfer gleichzeitig verhöhnt und bejubelt und irgendwer macht Witze über irgend wen und wer anders macht Witze über irgendwen anders.
Ein britischer Jugendtrainer wurde einmal in einer 11Freunde-Ausgabe mit den Worten zitiert: „Der Fußball lehrte einen eine gesunde Mischung aus Demut und Arroganz.“. Manchmal ist England immer noch das Mutterland des Fußballs.
Ob ich lernte das Kollektiv zu schätzen, dass im Leben (und beim Fußball) immer der gewinnt, der es schafft Lockerheit und Ehrgeiz zu verbinden oder auch einfach dass Benni jeden weiteren Freitagabend bei Frauen auf der Couch pennt und nicht merkt, dass sie ihn nicht ran lassen werden. Vieles was ich lernte, lernte ich beim „Großen TuS“. Und Fußballspielen kann ich bis heute nicht so wirklich. Der „Große TuS“ war für mich das, was andere ihre Jugend nennen. Also dann – und jeglicher Pathos und Schmalz ist hier völlig legitim – Thanks for the memories!
Donnerstag, 12. Februar 2009
Freitag, 23. Januar 2009
Versuch
Eigentlich ist dies hier nichts anderes als der Versuch sich zu öffnen. Es ist der Spagat sich soweit zu öffnen, dass es nicht peinlich wird. Für niemanden. Weder für alle die aufnehmen und damit unerhofft und unvorbereitet vereinnahmt und überfordert werden könnten. Noch für einen Selbst. Im - sicher etwas verkrampft daher kommenden - Versuch weder belang- noch hilflos zu wirken. Kein leichtes Unterfangen.
Allein diese blogg'sche Kommunikationsform hat gespaltene Züge. Der Außemwirkung, welche ein Musiklehrer einmal treffend mit dem Wort "Luftikus" beleidigte, entgegen. Das Ernste, das Tiefe in Augen, Block und Tastatur. Immer auf der Suche nach Hollywood. Nach dem einen Regenschauer, vor Sonnenaufgang. Der große, ehrliche Auftritt - schwere Atmung, prägnante, pathetische Worte und ein Gefühl von "Ich darf das jetzt mal!"
Dies ist der Versuch einen Weg zu finden zwischen Witz und es nicht auf diesen anzulegen. Zwischen dem Moment nach der miesen Pointe, die mit gesenktem Blick feststellt, erneut der Typ von Mensch zu sein, den jeder vergisst wenn er sich nicht aufdrängt. Und dem Moment nach der gelungenen Pointe. In der zwittrigen Erkenntnis, dass Selbstironie auch nichts anderes ist, als die Tapete in deinem Elfenbeinturm ist. Ungeachtet wie farbenfroh und wohl ausgesucht sie auch sein mag.
Dies ist nichts anderes, als der simple Versuch nicht zu reden, nicht den Nebenmann voll zutexten, nicht zu hampeln, nicht zu diskutieren, nichts zu zuspitzen, nicht zu nerven, nicht witzig zu sein und trotzdem da, trotzdem anwesend zu sein.
Ein Blogg, ein Kontrapunkt zu allem Typische. Ein etwas längeres, etwas ehrlicheres "Wie geht es dir?" als sonst. Ein Blogg, so selbstbezogen wie schlechter HipHop, geschrieben zwischen "Please stop missing me", dem dazugehörigen Bandshirt und dem langjährigen Wunsch es leben zu können. Ein Blogg nicht einsam zu sein, mit sich. Es ist - ganz einfach - der Versuch zu überleben.
Allein diese blogg'sche Kommunikationsform hat gespaltene Züge. Der Außemwirkung, welche ein Musiklehrer einmal treffend mit dem Wort "Luftikus" beleidigte, entgegen. Das Ernste, das Tiefe in Augen, Block und Tastatur. Immer auf der Suche nach Hollywood. Nach dem einen Regenschauer, vor Sonnenaufgang. Der große, ehrliche Auftritt - schwere Atmung, prägnante, pathetische Worte und ein Gefühl von "Ich darf das jetzt mal!"
Dies ist der Versuch einen Weg zu finden zwischen Witz und es nicht auf diesen anzulegen. Zwischen dem Moment nach der miesen Pointe, die mit gesenktem Blick feststellt, erneut der Typ von Mensch zu sein, den jeder vergisst wenn er sich nicht aufdrängt. Und dem Moment nach der gelungenen Pointe. In der zwittrigen Erkenntnis, dass Selbstironie auch nichts anderes ist, als die Tapete in deinem Elfenbeinturm ist. Ungeachtet wie farbenfroh und wohl ausgesucht sie auch sein mag.
Dies ist nichts anderes, als der simple Versuch nicht zu reden, nicht den Nebenmann voll zutexten, nicht zu hampeln, nicht zu diskutieren, nichts zu zuspitzen, nicht zu nerven, nicht witzig zu sein und trotzdem da, trotzdem anwesend zu sein.
Ein Blogg, ein Kontrapunkt zu allem Typische. Ein etwas längeres, etwas ehrlicheres "Wie geht es dir?" als sonst. Ein Blogg, so selbstbezogen wie schlechter HipHop, geschrieben zwischen "Please stop missing me", dem dazugehörigen Bandshirt und dem langjährigen Wunsch es leben zu können. Ein Blogg nicht einsam zu sein, mit sich. Es ist - ganz einfach - der Versuch zu überleben.
Donnerstag, 4. Dezember 2008
Schnee, der in Dreckslöcher fällt
Ich würde lügen. Ich würde bösartig, hinterlistig lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir die Welt verändert hätten. Das draußen von nun an die Flocken aufwärts steigen und der Matsch zu purem, reinen und unberührten Schnee werden würde. Die Welt war nach diesem Abend, die Selbe die sie auch schon zuvor gewesen ist. Mit allem was dazu gehört.
Unter anderem die Wohnung, in der wir uns ab etwa 21.30Uhr einrichteten. Eine Festplatte guter Musik, ein mit Aufbackbaguette gefüllter Ofen, IKEA-Tisch und der darauf abgestellte Alkohol. Darum 4 Kommilitonen und die Idee eines Trinkspiels, bei dem jeder den Tequilla leeren muss, der nicht fähig ist zum eben vom Nebenmann genannten Film einen Schauspieler zu nennen. Was beim Scrabble das Wörterbuch, ist hier imdb.com. Nach Mitternacht wird auf Martini umgestellt. Mit diesem nimmt die Konzentration auf das Spielchen ab und die zu den jeweils genannten Filmen geäußerten Stammtischparolen übernehmen die Überhand. Es ist eine Assoziationkommunikation. Ein Wort ergibt das Andere. Jede Meinung findet einen Gegenpart, jede Idee, eine Abneigung. Ein Film ergibt den Nächsten, eine Filmmusik den nächsten Darsteller und dieser einen Regiesseur.
Von Magnolia und darauf über Youtube gesuchten Aimee Man, gelangt die Runde zu Queens Of The Stoneage und über Umwege zu Scorsese, "Hard Candy" und später auch Tarrence Malik und sein von uns allen Seiten selten einig für grandios befundenes Meisterwerk „“The Thin Red Line“.
An diesem Punkt erreicht der Abend einen Wendepunkt. Mit diesem Film und der alteingesessenen Frage nach der Existenz des Anti-Kriegsfilms wird es (etwas) politisch. Wir sitzen nicht bei Anne Will in der Berliner Kuppel, aber den Stammtisch haben wir immer noch nicht ganz verlassen. Das ändert sich, als jeder erstmal ein paar Sätze, die ihm grundsätzlich auf der Seele brannten los geworden ist. Ab diesem Punkt wird die Diskussion gradliniger. Und als gegen 2.30Uhr das Thema geklärt und die Konzentration zurück gekehrt ist fällt Schnee auf Fenster in der Dachschräge.
Die Diskussion wird persönlicher, lauter, aggressiver. Von Afrika, der dortigen, westlichen Verantwortung nach der Kolonialzeit, Globalisierung, Europas Selbstfindung seit dem 30jährigen Krieg, der dabei (nicht) zu findenden Analogie zu Afrika heute, führt uns erneut zum schwarzen Kontinent. Unsere Meinungen darüber sind, wie immer, emotional befleckt, wenn diesmal auch deutlich mehr als sonst. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dies als unsachlich und hinderlich zu bewerten. Vielmehr ist es ehrlich. Ob naiv, zwanghaft optimistisch, melancholisch gleichgültig oder eine ausgewachsene Aggression gegen alles und jeden; alles hier von uns vier vorgetragene Etwas ist grundehrlich. Wir sind ehrlich, wenn wir sagen, dass wir genauso wie alle anderen auch nichts tun, dass dieser Abend, diese Diskussion reiner Selbstzweck ist und dass wir eigentlich diese Welt nicht ändern wollen. Ob wir es nickend, weinend oder mit Schaum vorm Mund sagen, wir sagen es. In den Zeilen oder dazwischen. Der Tequilla in unserer Blutbahn ist dabei schon lange nicht mehr wirksam.
Irgendwann wird es müde. Die Fähigkeit dem Gegenüber zu zuhören geht vor die Hunde, Beleidigungen wechseln den Adressaten und gegen 5.30 hat der Gastgeber den Geistesblitz Tee aufzusetzen. Beide Hände an der großen Tasse, endet dieser Abend wie ein guter Film. Er warbt seinem Ende entgegen. Wie in „The Thin Red Line“ ist das Gemetzel, das ganze Chaos über uns eingebrochen, hat Unmengen an Fragen aufgeworfen, auf die wir keine Antwort haben. Was bleibt ist der schlichte Abspann, weiß auf schwarz und ein trüber Chor sind melanesische Lieder, die zwar schön aber dadurch auch entlarvent sind. Das Licht geht an, die Idioten sind bereits hektisch raus gerannt und du presst dich noch ein letztes Mal kurz in den Sitz.
Um kurz vor 7Uhr steige ich aus dem Bus aus. Die Sonne mit mir. Ich werde heute oder morgen weder auf eine Demonstration gehen, noch Flugblätter verteilen. Ich werde nachdem der Biomarkt bereits geschlossen hat bei Aldi an der Kasse stehen, Hackfleisch in der Hand und diese komische Uni-Wahl völlig vergessen. Aber das wäre auch ohne diesen Abend der Fall gewesen, also lassen wir die Moral endlich mal Beiseite, die hat hier eh nichts zu suchen.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause läuft mir der Matsch über die Schuhe. In Puff und Schwulendisko ist auch schon das Licht aus. Sogar die Batterien meines Mp3-Players haben keinen Saft mehr, wofür es keinen besseren, weil unbedeutenderen Zeitpunkt geben könnte. Denn; es geht mir gut. Hier, in dieser Welt in der – ohne jede hier selbst schützende – Ironie Kinder in Afrika sterben, vielleicht sogar weil ich nicht im Biomarkt kaufe. Hier, in dieser Stadt zwischen Bordell, Dreck und nicht fahrenden Bussen, habe ich etwas gefunden. Habe ich Leute gefunden, mit denen ich gerne die Dienstagnächte verbringe, womit auch immer. Leute mit Plakaten im Treppenhaus, gutem Musik- und Filmgeschmack und einer Menge Lebensbejahender Energie, die nicht in jedem zu finden ist.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass diese Welt sich verändert hätte, gestern.
Aber ich fühle mich doch deutlich wohler und besser in ihr zurecht. Ich fühle mich zu Hause.
Unter anderem die Wohnung, in der wir uns ab etwa 21.30Uhr einrichteten. Eine Festplatte guter Musik, ein mit Aufbackbaguette gefüllter Ofen, IKEA-Tisch und der darauf abgestellte Alkohol. Darum 4 Kommilitonen und die Idee eines Trinkspiels, bei dem jeder den Tequilla leeren muss, der nicht fähig ist zum eben vom Nebenmann genannten Film einen Schauspieler zu nennen. Was beim Scrabble das Wörterbuch, ist hier imdb.com. Nach Mitternacht wird auf Martini umgestellt. Mit diesem nimmt die Konzentration auf das Spielchen ab und die zu den jeweils genannten Filmen geäußerten Stammtischparolen übernehmen die Überhand. Es ist eine Assoziationkommunikation. Ein Wort ergibt das Andere. Jede Meinung findet einen Gegenpart, jede Idee, eine Abneigung. Ein Film ergibt den Nächsten, eine Filmmusik den nächsten Darsteller und dieser einen Regiesseur.
Von Magnolia und darauf über Youtube gesuchten Aimee Man, gelangt die Runde zu Queens Of The Stoneage und über Umwege zu Scorsese, "Hard Candy" und später auch Tarrence Malik und sein von uns allen Seiten selten einig für grandios befundenes Meisterwerk „“The Thin Red Line“.
An diesem Punkt erreicht der Abend einen Wendepunkt. Mit diesem Film und der alteingesessenen Frage nach der Existenz des Anti-Kriegsfilms wird es (etwas) politisch. Wir sitzen nicht bei Anne Will in der Berliner Kuppel, aber den Stammtisch haben wir immer noch nicht ganz verlassen. Das ändert sich, als jeder erstmal ein paar Sätze, die ihm grundsätzlich auf der Seele brannten los geworden ist. Ab diesem Punkt wird die Diskussion gradliniger. Und als gegen 2.30Uhr das Thema geklärt und die Konzentration zurück gekehrt ist fällt Schnee auf Fenster in der Dachschräge.
Die Diskussion wird persönlicher, lauter, aggressiver. Von Afrika, der dortigen, westlichen Verantwortung nach der Kolonialzeit, Globalisierung, Europas Selbstfindung seit dem 30jährigen Krieg, der dabei (nicht) zu findenden Analogie zu Afrika heute, führt uns erneut zum schwarzen Kontinent. Unsere Meinungen darüber sind, wie immer, emotional befleckt, wenn diesmal auch deutlich mehr als sonst. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dies als unsachlich und hinderlich zu bewerten. Vielmehr ist es ehrlich. Ob naiv, zwanghaft optimistisch, melancholisch gleichgültig oder eine ausgewachsene Aggression gegen alles und jeden; alles hier von uns vier vorgetragene Etwas ist grundehrlich. Wir sind ehrlich, wenn wir sagen, dass wir genauso wie alle anderen auch nichts tun, dass dieser Abend, diese Diskussion reiner Selbstzweck ist und dass wir eigentlich diese Welt nicht ändern wollen. Ob wir es nickend, weinend oder mit Schaum vorm Mund sagen, wir sagen es. In den Zeilen oder dazwischen. Der Tequilla in unserer Blutbahn ist dabei schon lange nicht mehr wirksam.
Irgendwann wird es müde. Die Fähigkeit dem Gegenüber zu zuhören geht vor die Hunde, Beleidigungen wechseln den Adressaten und gegen 5.30 hat der Gastgeber den Geistesblitz Tee aufzusetzen. Beide Hände an der großen Tasse, endet dieser Abend wie ein guter Film. Er warbt seinem Ende entgegen. Wie in „The Thin Red Line“ ist das Gemetzel, das ganze Chaos über uns eingebrochen, hat Unmengen an Fragen aufgeworfen, auf die wir keine Antwort haben. Was bleibt ist der schlichte Abspann, weiß auf schwarz und ein trüber Chor sind melanesische Lieder, die zwar schön aber dadurch auch entlarvent sind. Das Licht geht an, die Idioten sind bereits hektisch raus gerannt und du presst dich noch ein letztes Mal kurz in den Sitz.
Um kurz vor 7Uhr steige ich aus dem Bus aus. Die Sonne mit mir. Ich werde heute oder morgen weder auf eine Demonstration gehen, noch Flugblätter verteilen. Ich werde nachdem der Biomarkt bereits geschlossen hat bei Aldi an der Kasse stehen, Hackfleisch in der Hand und diese komische Uni-Wahl völlig vergessen. Aber das wäre auch ohne diesen Abend der Fall gewesen, also lassen wir die Moral endlich mal Beiseite, die hat hier eh nichts zu suchen.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause läuft mir der Matsch über die Schuhe. In Puff und Schwulendisko ist auch schon das Licht aus. Sogar die Batterien meines Mp3-Players haben keinen Saft mehr, wofür es keinen besseren, weil unbedeutenderen Zeitpunkt geben könnte. Denn; es geht mir gut. Hier, in dieser Welt in der – ohne jede hier selbst schützende – Ironie Kinder in Afrika sterben, vielleicht sogar weil ich nicht im Biomarkt kaufe. Hier, in dieser Stadt zwischen Bordell, Dreck und nicht fahrenden Bussen, habe ich etwas gefunden. Habe ich Leute gefunden, mit denen ich gerne die Dienstagnächte verbringe, womit auch immer. Leute mit Plakaten im Treppenhaus, gutem Musik- und Filmgeschmack und einer Menge Lebensbejahender Energie, die nicht in jedem zu finden ist.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass diese Welt sich verändert hätte, gestern.
Aber ich fühle mich doch deutlich wohler und besser in ihr zurecht. Ich fühle mich zu Hause.
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Ein Experiment
1. Machen Sie Musik an die Sie mögen
2. Lesen Sie folgenden Text. Denken Sie nicht.
Eine Milchstrasse. Ein Fahrrad mit Stückrädern. Ein 10Meter-Strungbrett. Eine Sonnenuhr. Eine kurze Antwort auf eine lange Frage. Ein Zopf der sich in sich selbst versteckt. Eine Idee. Eine melancholische Melodie. Ein Mars. Ein Stück unbenutzte Seife. Ein roter Tennisball. Ein Lächeln. Eine vom Schnee gesäumte Strasse. Ein Kinderspielzeug. Eine Drehtür. Ein Rausch. Ein Eiszapfen an der Dachrinne eines Bauernhofs. Eine Palme. Ein Paar abgenutzter Turnschuhe. Ein Witz. Ein Cocktail. Ein frisch gebügeltes Hemd. Eine Jeans mit Grasflecken. Ein Pyjama. Ein tropfen Schweiß. Ein Ausrufezeichen. Eine Schaumkrone. Ein Heuballen. Eine Zugabe. Ein Kuss im Regen. Ein verweinter Leadschatten. Eine Windmühle. Ein Oma der du im Zug Platz machst. Ein Orgasmus. Ein Fragebogen, mit Fragen, die du noch nie gehört hast. Ein Foto. Eine Schafsherde im Regen. Eine Sonnenblume. Ein ungebundenes Buch. Ein weinender Sportler. Eine Wolldecke. Eine Erinnerung. Ein unangeschnittener Würfel Butter. Eine Flanke. Ein Wasserfleck auf dem Spiegel. Ein Wortspiel. Ein Bagger. Ein Nachtisch. Ein volles Kino. Eine leere Autobahn. Eine Mundharmonika. Eine Flamme. Ein Kreis. Ein Freund. Eine Träne. Ein Glas Wein. Ein kleiner Finger über einem Großen. Ein Daumen. Eine Textzeile. Eine Silbe. Ein Schwamm. Ein Fenster. Eine neue StudiVZ-Nachricht. Ein Spiel. Ein Rhythmus. Ein Zeitungsartikel. Ein Blick zum Himmel. Ein Tanz. Ein Leuchtturm. Ein altes Buch. Ein Marktplatz. Ein Gespräch. Ein Schweif. Eine Fee. Ein Ziel. Eine Vision. Ein Anfang.
4. Lächeln Sie.
5. Tun Sie was Sie wollen.
2. Lesen Sie folgenden Text. Denken Sie nicht.
Eine Milchstrasse. Ein Fahrrad mit Stückrädern. Ein 10Meter-Strungbrett. Eine Sonnenuhr. Eine kurze Antwort auf eine lange Frage. Ein Zopf der sich in sich selbst versteckt. Eine Idee. Eine melancholische Melodie. Ein Mars. Ein Stück unbenutzte Seife. Ein roter Tennisball. Ein Lächeln. Eine vom Schnee gesäumte Strasse. Ein Kinderspielzeug. Eine Drehtür. Ein Rausch. Ein Eiszapfen an der Dachrinne eines Bauernhofs. Eine Palme. Ein Paar abgenutzter Turnschuhe. Ein Witz. Ein Cocktail. Ein frisch gebügeltes Hemd. Eine Jeans mit Grasflecken. Ein Pyjama. Ein tropfen Schweiß. Ein Ausrufezeichen. Eine Schaumkrone. Ein Heuballen. Eine Zugabe. Ein Kuss im Regen. Ein verweinter Leadschatten. Eine Windmühle. Ein Oma der du im Zug Platz machst. Ein Orgasmus. Ein Fragebogen, mit Fragen, die du noch nie gehört hast. Ein Foto. Eine Schafsherde im Regen. Eine Sonnenblume. Ein ungebundenes Buch. Ein weinender Sportler. Eine Wolldecke. Eine Erinnerung. Ein unangeschnittener Würfel Butter. Eine Flanke. Ein Wasserfleck auf dem Spiegel. Ein Wortspiel. Ein Bagger. Ein Nachtisch. Ein volles Kino. Eine leere Autobahn. Eine Mundharmonika. Eine Flamme. Ein Kreis. Ein Freund. Eine Träne. Ein Glas Wein. Ein kleiner Finger über einem Großen. Ein Daumen. Eine Textzeile. Eine Silbe. Ein Schwamm. Ein Fenster. Eine neue StudiVZ-Nachricht. Ein Spiel. Ein Rhythmus. Ein Zeitungsartikel. Ein Blick zum Himmel. Ein Tanz. Ein Leuchtturm. Ein altes Buch. Ein Marktplatz. Ein Gespräch. Ein Schweif. Eine Fee. Ein Ziel. Eine Vision. Ein Anfang.
4. Lächeln Sie.
5. Tun Sie was Sie wollen.
Donnerstag, 16. Oktober 2008
Für immer die Menschen
Es gibt wahrlich komische Menschen. Und mit „komisch“ ist nicht dieses liebevolle „ich-kanns-nicht-beschreiben-aber-es-ist-irgendwie-süüüüß“-Ding gemeint, was ungebildete Frauen oft nutzen. Ja,... ich sagte „ungebildet“. Genauso wenig auch kein „komisch“, als Synonym für ein „interessant“ an dieser Stelle. Ein „interessant“ dieser diplomatischen „kleiner-scheiße-Bruder-sogar-im-StudiVZ-verbreitet“-Ding-Kategorie. Es ist schlicht weg komisch, verwirrend, seltsam. Ich könnte jetzt schreiben, komisch, wie das Leben selbst. Aber aus aktuellen Anlass will ich Marcel „Macher“ Reich-Ranicki, wie nur Freunde ihn nenne dürfen, nicht die Möglichkeit geben, dies für Blödsinn zu erklären. Dann hätte er sich die Chance verbaut mich nach meinem Tod, in den Himmel zu loben. Literarisch, als auch theologisch gesprochen. Ich wette er wäre zu beiden im Stande, der Macher. Aber weg von Ranicki, hin zum Leben, hin zum Menschen.
Da ist beispielsweise dieser Typ aus dem Wettbüro, der jeden Tag da zu sein scheint. Das weiße Haupthaar geht ihm bis zur Wange und sein Gesicht hat Risse, die aber noch keine Narben sind. Es sind Linien wie in der Handinnenfläche aber zu deutlich dafür dass es nur Falten sind. Während alle anderen ihre weniger oder noch weniger anspruchsvollen Meinungen zum Spiel in die verqualmte Luft des mit Fachbildschirmen zu gepflasterten Saals rotzen, sitzt er nur da. Sitzt da und sagt alle paar Minuten den Namen des ein und selben Spielers. Wenn Arsenal spielt: „Adebayor, ... Adebayor,... Adebayor“. Oder bei München: „Toni,... Toni,... Luca Toni“. Manchmal, in der Konferenzschaltung wiederholt er den Mann im Fernsehen. Wenn es also „Tor in Kiew“ heißt, sitzt der Herr da und murmelt wie der strebsamste Papagei: „Kiew... Kiew.... Dynamo Kiew“.
Oder da wäre die dürre Ausdauersportlerin im Fitnessstudio, die immer da zu sein scheint. Sie rennt. Sie rennt immer und immer und immer. Sie stellt jeden Tag ihr bisschen Haut und Haar was von ihr noch übrig ist, auf immer das gleiche Laufband vor dem geöffneten Fenster. Und rennt. 12.8KmH bei 0.5% Steigung rennt sie. Immer. Und wenn sie Pause macht, hält sie das Laufband an, rennt in die Umkleide und rennt nach wenigen Sekunden zurück durch die Halle aufs Laufband. Dann bleibt sie für ganz kurz stehen, stellt ihren Mp3-Player ein und rennt weiter. Letztens hab ich sie in der Uni gesehen; keine Farbe im Gesicht, keine Arsch in der Hose, keinen Freund an der Seite und mit einer Zigarette in der Hand. Sie sah traurig aus.
Fast genauso wie die Damen, die im gläsernen Häuschen vor der Mensa sitzt, wo sie Essensmarken im Akkord an den hungrigen Akademiker bringt. Ihr Arbeitstag besteht aus dem drücken von 3 Tasten (Eintopf, Stammessen, Menü) und dem Ansagen von dem dann jeweils fälligen Geldbetrag. Jeder dritte meckert über ihre Unfreundlichkeit, die ohne Zweifel da ist. Jeder zweite merkt ihre neue Frisur – ohne sie darauf anzusprechen. Sie hat kein Geld, kein Aussehen, keinen Grund, warum man über sich reden sollte. Auf der Treppe, in die Mensa hinab ist zu wählende Beilage wichtiger. Und das ist hier keine Sozialkritik. Ihre Zuflucht besteht darin zu Boden zu schauen und sich dem Aufmacher der immer vor ihr liegenden „Neuen Post“ oder was auch immer sie da liest zu wittmen. Dort in ihrem Häuschen, jeden Tag von 11 bis 14Uhr. Jeden Tag. Jeden Tag.
Auch die Dame in der Innenstadt ist immer da. Sie heißt Frau Priel und hat einen polnischen Akzent. Immer an der selben Stelle, dort wo sich der Jahnplatz eröffnet sitzt sie und wünscht jedem der ihr etwas gibt einen schönen Tag. Und jedem der ihr nichts gibt auch. Es ist nicht diese neue „Pennerfreundlichkeit“, die sich einen Fragen lässt was auf einmal los ist in diesem Land. Wenn schon die Penner freundlich grüßen, in Dienstleister-Deutschland. Diese Dame, die da auf ihren Tüchern kniet als würden die Fließen darunter nichts ausmachen, ist so unglaublich lebensbejahend, so stark und groß, dass es einen wundern lässt wozu der Mensch alles fähig ist. Letztens traf ich sie in der Nähe des Friedhofs. Frau Priel erzählte, dass ihr Sohn vor Jahren verstorben ist und auch sonst niemand mehr leben würde aus ihrer Familie. Dann lächelte sie leicht dafür aber ehrlich, segnete mich und ging ihres Weges – aufrecht, mit der Gießkanne in der Hand. Sie ging als Vorbild für den Rest des Tages.
Ich mache mir nichts vor; wären diese Menschen nicht da, ich würde es nicht merken. Sie haben nichts poetisches oder anmutiges. Jedenfalls nie solange man ihre Eigenarten nicht auf Papier oder auf Blog bringt. Man will nichts von ihnen und sie meist auch nichts von dir. So ist das. Aber irgendwie fühlt es sich gut an, ihnen diese Zeilen zu überlassen. Fragt nicht wieso... und wenn „der Macher“ doch fragt, nachdem er mit seinen Cello-Anekdoten fertig ist; ich bin im Wettbüro. Liverpool gegen Barca gucken. Barca,... Barca... Barcelona.
Da ist beispielsweise dieser Typ aus dem Wettbüro, der jeden Tag da zu sein scheint. Das weiße Haupthaar geht ihm bis zur Wange und sein Gesicht hat Risse, die aber noch keine Narben sind. Es sind Linien wie in der Handinnenfläche aber zu deutlich dafür dass es nur Falten sind. Während alle anderen ihre weniger oder noch weniger anspruchsvollen Meinungen zum Spiel in die verqualmte Luft des mit Fachbildschirmen zu gepflasterten Saals rotzen, sitzt er nur da. Sitzt da und sagt alle paar Minuten den Namen des ein und selben Spielers. Wenn Arsenal spielt: „Adebayor, ... Adebayor,... Adebayor“. Oder bei München: „Toni,... Toni,... Luca Toni“. Manchmal, in der Konferenzschaltung wiederholt er den Mann im Fernsehen. Wenn es also „Tor in Kiew“ heißt, sitzt der Herr da und murmelt wie der strebsamste Papagei: „Kiew... Kiew.... Dynamo Kiew“.
Oder da wäre die dürre Ausdauersportlerin im Fitnessstudio, die immer da zu sein scheint. Sie rennt. Sie rennt immer und immer und immer. Sie stellt jeden Tag ihr bisschen Haut und Haar was von ihr noch übrig ist, auf immer das gleiche Laufband vor dem geöffneten Fenster. Und rennt. 12.8KmH bei 0.5% Steigung rennt sie. Immer. Und wenn sie Pause macht, hält sie das Laufband an, rennt in die Umkleide und rennt nach wenigen Sekunden zurück durch die Halle aufs Laufband. Dann bleibt sie für ganz kurz stehen, stellt ihren Mp3-Player ein und rennt weiter. Letztens hab ich sie in der Uni gesehen; keine Farbe im Gesicht, keine Arsch in der Hose, keinen Freund an der Seite und mit einer Zigarette in der Hand. Sie sah traurig aus.
Fast genauso wie die Damen, die im gläsernen Häuschen vor der Mensa sitzt, wo sie Essensmarken im Akkord an den hungrigen Akademiker bringt. Ihr Arbeitstag besteht aus dem drücken von 3 Tasten (Eintopf, Stammessen, Menü) und dem Ansagen von dem dann jeweils fälligen Geldbetrag. Jeder dritte meckert über ihre Unfreundlichkeit, die ohne Zweifel da ist. Jeder zweite merkt ihre neue Frisur – ohne sie darauf anzusprechen. Sie hat kein Geld, kein Aussehen, keinen Grund, warum man über sich reden sollte. Auf der Treppe, in die Mensa hinab ist zu wählende Beilage wichtiger. Und das ist hier keine Sozialkritik. Ihre Zuflucht besteht darin zu Boden zu schauen und sich dem Aufmacher der immer vor ihr liegenden „Neuen Post“ oder was auch immer sie da liest zu wittmen. Dort in ihrem Häuschen, jeden Tag von 11 bis 14Uhr. Jeden Tag. Jeden Tag.
Auch die Dame in der Innenstadt ist immer da. Sie heißt Frau Priel und hat einen polnischen Akzent. Immer an der selben Stelle, dort wo sich der Jahnplatz eröffnet sitzt sie und wünscht jedem der ihr etwas gibt einen schönen Tag. Und jedem der ihr nichts gibt auch. Es ist nicht diese neue „Pennerfreundlichkeit“, die sich einen Fragen lässt was auf einmal los ist in diesem Land. Wenn schon die Penner freundlich grüßen, in Dienstleister-Deutschland. Diese Dame, die da auf ihren Tüchern kniet als würden die Fließen darunter nichts ausmachen, ist so unglaublich lebensbejahend, so stark und groß, dass es einen wundern lässt wozu der Mensch alles fähig ist. Letztens traf ich sie in der Nähe des Friedhofs. Frau Priel erzählte, dass ihr Sohn vor Jahren verstorben ist und auch sonst niemand mehr leben würde aus ihrer Familie. Dann lächelte sie leicht dafür aber ehrlich, segnete mich und ging ihres Weges – aufrecht, mit der Gießkanne in der Hand. Sie ging als Vorbild für den Rest des Tages.
Ich mache mir nichts vor; wären diese Menschen nicht da, ich würde es nicht merken. Sie haben nichts poetisches oder anmutiges. Jedenfalls nie solange man ihre Eigenarten nicht auf Papier oder auf Blog bringt. Man will nichts von ihnen und sie meist auch nichts von dir. So ist das. Aber irgendwie fühlt es sich gut an, ihnen diese Zeilen zu überlassen. Fragt nicht wieso... und wenn „der Macher“ doch fragt, nachdem er mit seinen Cello-Anekdoten fertig ist; ich bin im Wettbüro. Liverpool gegen Barca gucken. Barca,... Barca... Barcelona.
Samstag, 6. September 2008
Der Zukunft zugewandt
Basketball, Viertelfinale, Herren. Ab dem zweiten Spiel, im Ersten hat die USA Australien mit 35 Punkten demontiert, sitzen neben uns Luming und Shuang, zwei Studenten aus Peking, die eben ihre Voluteersschicht beendet haben und nun die leeren Plätze nutzen dürfen. Sie wirken gebildet, höflich und sprechen Englisch auf unserem Niveau - wenn nicht sogar besser, was für chinesische Verhältnisse sehr elitär ist. „Endlich“, denke ich: „endlich eine Möglichkeit mit Chinesen zu kommunizieren.“ Und wie!
Über den Sport und unsere Eindrücke von China, die ich ehrlich aber auch diplomatisch äußere, gelangen wir zu den spannenden Themen. Durch die harmlos anmutende Hintertür, der Eröffnungsfeier frage ich sachlich nach den letzten 100 Jahren, die in der dortigen Zeremonie fehlten. Warum Mao und das entstehen der KP nicht Teil der chinesischen Geschichte seien, jedenfalls nicht in den dargestellten 5000 Jahren chinesischer Geschichte ihren Platz hatten? „Weil das unsere Vergangenheit ist“, erklärt Shuang: „das ist nicht Teil der Weltgeschichte. Wir wollten zeigen was China der Welt gegeben hat, was wir in die Welt getragen haben, nicht was nur uns betrifft. Wir tragen Mao und unseren Schmerz in unseren Herzen.“ Das deckt sich mit unseren Beobachtungen der letzten Tage. Wenn es im öffentlichen Leben der Chinesen etwas nicht gibt, sind das Schmerzen. Kinder weinen nicht, als ob sie gelehrt hätten, dass es nichts bringt und alte Menschen sind in den Straßen gar nicht erst zu sehen. Aussortiert von fehlendem Platz und nicht vorhandenen Fahrstühlen in der Metro. Und wenn ein Sportler für das Vaterland den von ihm erwarteten Sieg erringt, wirken seine Jubelszenen weniger wie ausgelassene Freude, als mehr wie ein erlöster Mensch, dem eine zentner schwere Last abgefallen ist. Nur im großen Misserfolg lassen sich die Emotionen nicht mehr zurückhalten und es bricht heraus. Wie bei der Sportreporterin, die vor laufender Kamera in Tränen ausbrach. Tief erschüttert über das Aus ihres Hürdenläufers und einzige Hoffnung auf eine Goldmedaille in der Leichtathletik. "Deiche brechen Richtig - oder eben nicht", hat Kettcar wie immer Recht.
Als nach weiteren Themen Luming merkt, dass das Gespräch an der Stelle der Minderheiten kritischer wird, ergreift er die Initiative. Er tauscht sogar mit Shuang den Platz, rückt also näher und erzählt, dass China das Land mit den zahlenmäßig meisten Minderheiten sei und diese geachtet und integriert seien. Meinen Einwand, dass dies nur absolut und nicht relativ zur Einwohnerzahl sei, lasse ich lächelt versanden. Anschließend wird der angehende Richter oder Polizeikommissar, was in China der selbe Studiengang ist, allgemeiner. Er redet von der Größe und dem kulturellen Reichtum Chinas, dem angestrebten Weltfrieden und davon, wie sehr er hofft, dass China sich weiter so schnell entwickelt. Seine Worte klingen auswendig gelehrt, wie vieles was die Chinesen äußern und doch glänzen Lumings Augen. Er glaubt seine Vokabeln. Er ist Patriot, keine Frage. Aber ob er sein Land überhaupt kennt, weiß ich nicht. Auf ein Fußballspiel von China gegen Japan im letzten Jahr angesprochen, wo es heftige Schlägereien zwischen den Fangruppen gab, wissen beide nichts. Sie wissen beide nichts von den Ausschreitungen. Woher her auch? Die Zeitungen hier bestehen nur aus Sätzen wie „Es ist eine Ehre für China zu spielen“ und schlecht gefälschten Leserbriefen pseudo-ausländischer Gäste. Diese sind dann mit so typisch deutschen Namen wie „Hr. Bonn“ oder „Hr. Frankman“ unterschrieben. Im Fernsehen bestehen die Talkshows aus einer alten, bärtigen Person, die Texte abliest und das Motto der Spiele ist nicht minder politisch „One World – One Dream“. Mehr als nur der eine Traum, die eine Idee wäre destruktiv im Reich der Mitte.
Stattdessen fragt Luming naiv nach dem Ergebnis des Spiels und betont präventiv auswendig gelehrt, dass sich das Verhältnis die Japan stetig bessert. „Wir sind alle Opfer und Produkt unserer Bildung“, denke ich nur. Die beiden Studenten haben gelehrnt was in bestimmten Situationen zu sagen ist. Welche kleinen, blumigen Monologe die sie perfekt beherrschten über den Frieden und die Ziele, die man sich setzt, besonders gut ankommen. Und doch sind beide, besonders die etwas zurückhaltendere Shuang offen und interessiert. Sie wissen sehr viel über Deutschland. Zwar glauben sie, dass Gerhard Schröder in Warschau gekniet hätte, aber als wir sie verbessern, sagt auch Willy Brandt ihnen etwas. Unzählige Philosophen können sie aufzählen. Schopenhauer, Hegler und natürlich Marx und Engels. Aus einem beliebigen Land, dass 11 Flugstunden weit weg ist. Ich kenne kaum chinesische Philosophen, schon gar nicht was sie so gesagt haben. Ich weiß nicht mal, wie der aktuelle KP-Chef heißt, oder gar ein ehemaliger. Einer von euch?
Überhaupt, die beiden saugen alles auf was wir sagen. Sie sind neugierig und freuen sich über unsere Erzählungen und verdeutlichen dies durch eine warmherzige und zugeneigte Art, die mir bis dahin fremd war in dieser Stadt. Die beiden, besonders die Mathematikstudentin Shuang, wollen andere Dinge sehen, wollen andere Menschen treffen. Nicht mehr abhängig von nur einem Bildungsapparat seinen, was sie meines Erachtens zweifelsohne sind.
Nach dem Spiel, welches wir nicht mitbekommen, verlassen wir vier als allerletzes die Halle. Wir tauschen Mail- und Heimadressen aus und auf dem Weg zur Metro ich erzähle von der Schwierigkeit in China eine Postkarte zu schreiben. Postkarten schreiben die Chinesen nicht. Dann umarmen wir uns und bleiben in der losen Hoffnung zurück, dass dies nicht der letzte Kontakt war. In der sonst sehr stillen Metro tanzen und singen die in der letzten Sekunde siegreichen Argentiniern mit den Chinesen lautstark. Das chinesische Team war morgens chancenlos ausgeschieden.
Die letzten Tage ziehen etwas weniger befremdlich ins Land und man bekommt besonders im Vogelnest das Gefühl, dass sich die Last der Chinesen sich der Welt gut zu präsentieren etwas löst und die Anspannung der ersten Tage zum Ende der Spiele aufbricht. Sieger werden gefeiert und nicht mehr höflich beklatscht und auch die Welle macht erstnmalig ihre Runde im 91-tausend-Mann großen National Stadium. Eine westliche Ausgelassenheit erreicht dies freilich nie und die Zeit stellt auch korrekt fest, dass Chinesen alles könnten außer cool sein. Aber 'Fortschritt' ist ja das Wort, mit dem sich China selbst beschreibt.
Im Flieger zurück lese ich in einem bemerkenswert gutem FAZ-Interview mit Michael Groß den Satz: „Das chinesische Volk hat diese Spiele verdient – das chinesische Regime nicht.“
Eine Woche nach der Rückkehr liegt eine Postkarte im Briefkasten. Shuang, mit dieser Kommunikationsform nicht vertraut, weiß nicht weiß nicht was sie schreiben soll: „Lieber Wilhelmi“, beginnt sie im Denken, dass wäre mein Vorname: „Ich hoffe euch haben die Olympischen Spiele gefallen. Wir bleiben in Verbindung. Liebe Grüße, Li Schuang.“. Darunter hier Name in chinesischer Schrift. Er bedeutet: „der Zukunft zugewandt“.
Es lebe die deutsche Medienlandschaft.
Über den Sport und unsere Eindrücke von China, die ich ehrlich aber auch diplomatisch äußere, gelangen wir zu den spannenden Themen. Durch die harmlos anmutende Hintertür, der Eröffnungsfeier frage ich sachlich nach den letzten 100 Jahren, die in der dortigen Zeremonie fehlten. Warum Mao und das entstehen der KP nicht Teil der chinesischen Geschichte seien, jedenfalls nicht in den dargestellten 5000 Jahren chinesischer Geschichte ihren Platz hatten? „Weil das unsere Vergangenheit ist“, erklärt Shuang: „das ist nicht Teil der Weltgeschichte. Wir wollten zeigen was China der Welt gegeben hat, was wir in die Welt getragen haben, nicht was nur uns betrifft. Wir tragen Mao und unseren Schmerz in unseren Herzen.“ Das deckt sich mit unseren Beobachtungen der letzten Tage. Wenn es im öffentlichen Leben der Chinesen etwas nicht gibt, sind das Schmerzen. Kinder weinen nicht, als ob sie gelehrt hätten, dass es nichts bringt und alte Menschen sind in den Straßen gar nicht erst zu sehen. Aussortiert von fehlendem Platz und nicht vorhandenen Fahrstühlen in der Metro. Und wenn ein Sportler für das Vaterland den von ihm erwarteten Sieg erringt, wirken seine Jubelszenen weniger wie ausgelassene Freude, als mehr wie ein erlöster Mensch, dem eine zentner schwere Last abgefallen ist. Nur im großen Misserfolg lassen sich die Emotionen nicht mehr zurückhalten und es bricht heraus. Wie bei der Sportreporterin, die vor laufender Kamera in Tränen ausbrach. Tief erschüttert über das Aus ihres Hürdenläufers und einzige Hoffnung auf eine Goldmedaille in der Leichtathletik. "Deiche brechen Richtig - oder eben nicht", hat Kettcar wie immer Recht.
Als nach weiteren Themen Luming merkt, dass das Gespräch an der Stelle der Minderheiten kritischer wird, ergreift er die Initiative. Er tauscht sogar mit Shuang den Platz, rückt also näher und erzählt, dass China das Land mit den zahlenmäßig meisten Minderheiten sei und diese geachtet und integriert seien. Meinen Einwand, dass dies nur absolut und nicht relativ zur Einwohnerzahl sei, lasse ich lächelt versanden. Anschließend wird der angehende Richter oder Polizeikommissar, was in China der selbe Studiengang ist, allgemeiner. Er redet von der Größe und dem kulturellen Reichtum Chinas, dem angestrebten Weltfrieden und davon, wie sehr er hofft, dass China sich weiter so schnell entwickelt. Seine Worte klingen auswendig gelehrt, wie vieles was die Chinesen äußern und doch glänzen Lumings Augen. Er glaubt seine Vokabeln. Er ist Patriot, keine Frage. Aber ob er sein Land überhaupt kennt, weiß ich nicht. Auf ein Fußballspiel von China gegen Japan im letzten Jahr angesprochen, wo es heftige Schlägereien zwischen den Fangruppen gab, wissen beide nichts. Sie wissen beide nichts von den Ausschreitungen. Woher her auch? Die Zeitungen hier bestehen nur aus Sätzen wie „Es ist eine Ehre für China zu spielen“ und schlecht gefälschten Leserbriefen pseudo-ausländischer Gäste. Diese sind dann mit so typisch deutschen Namen wie „Hr. Bonn“ oder „Hr. Frankman“ unterschrieben. Im Fernsehen bestehen die Talkshows aus einer alten, bärtigen Person, die Texte abliest und das Motto der Spiele ist nicht minder politisch „One World – One Dream“. Mehr als nur der eine Traum, die eine Idee wäre destruktiv im Reich der Mitte.
Stattdessen fragt Luming naiv nach dem Ergebnis des Spiels und betont präventiv auswendig gelehrt, dass sich das Verhältnis die Japan stetig bessert. „Wir sind alle Opfer und Produkt unserer Bildung“, denke ich nur. Die beiden Studenten haben gelehrnt was in bestimmten Situationen zu sagen ist. Welche kleinen, blumigen Monologe die sie perfekt beherrschten über den Frieden und die Ziele, die man sich setzt, besonders gut ankommen. Und doch sind beide, besonders die etwas zurückhaltendere Shuang offen und interessiert. Sie wissen sehr viel über Deutschland. Zwar glauben sie, dass Gerhard Schröder in Warschau gekniet hätte, aber als wir sie verbessern, sagt auch Willy Brandt ihnen etwas. Unzählige Philosophen können sie aufzählen. Schopenhauer, Hegler und natürlich Marx und Engels. Aus einem beliebigen Land, dass 11 Flugstunden weit weg ist. Ich kenne kaum chinesische Philosophen, schon gar nicht was sie so gesagt haben. Ich weiß nicht mal, wie der aktuelle KP-Chef heißt, oder gar ein ehemaliger. Einer von euch?
Überhaupt, die beiden saugen alles auf was wir sagen. Sie sind neugierig und freuen sich über unsere Erzählungen und verdeutlichen dies durch eine warmherzige und zugeneigte Art, die mir bis dahin fremd war in dieser Stadt. Die beiden, besonders die Mathematikstudentin Shuang, wollen andere Dinge sehen, wollen andere Menschen treffen. Nicht mehr abhängig von nur einem Bildungsapparat seinen, was sie meines Erachtens zweifelsohne sind.
Nach dem Spiel, welches wir nicht mitbekommen, verlassen wir vier als allerletzes die Halle. Wir tauschen Mail- und Heimadressen aus und auf dem Weg zur Metro ich erzähle von der Schwierigkeit in China eine Postkarte zu schreiben. Postkarten schreiben die Chinesen nicht. Dann umarmen wir uns und bleiben in der losen Hoffnung zurück, dass dies nicht der letzte Kontakt war. In der sonst sehr stillen Metro tanzen und singen die in der letzten Sekunde siegreichen Argentiniern mit den Chinesen lautstark. Das chinesische Team war morgens chancenlos ausgeschieden.
Die letzten Tage ziehen etwas weniger befremdlich ins Land und man bekommt besonders im Vogelnest das Gefühl, dass sich die Last der Chinesen sich der Welt gut zu präsentieren etwas löst und die Anspannung der ersten Tage zum Ende der Spiele aufbricht. Sieger werden gefeiert und nicht mehr höflich beklatscht und auch die Welle macht erstnmalig ihre Runde im 91-tausend-Mann großen National Stadium. Eine westliche Ausgelassenheit erreicht dies freilich nie und die Zeit stellt auch korrekt fest, dass Chinesen alles könnten außer cool sein. Aber 'Fortschritt' ist ja das Wort, mit dem sich China selbst beschreibt.
Im Flieger zurück lese ich in einem bemerkenswert gutem FAZ-Interview mit Michael Groß den Satz: „Das chinesische Volk hat diese Spiele verdient – das chinesische Regime nicht.“
Eine Woche nach der Rückkehr liegt eine Postkarte im Briefkasten. Shuang, mit dieser Kommunikationsform nicht vertraut, weiß nicht weiß nicht was sie schreiben soll: „Lieber Wilhelmi“, beginnt sie im Denken, dass wäre mein Vorname: „Ich hoffe euch haben die Olympischen Spiele gefallen. Wir bleiben in Verbindung. Liebe Grüße, Li Schuang.“. Darunter hier Name in chinesischer Schrift. Er bedeutet: „der Zukunft zugewandt“.
Es lebe die deutsche Medienlandschaft.
Samstag, 5. Juli 2008
Unterbrechung!
...leider müssen wir hier die Neunteilige Serie des Tagebuch eines Typ im Bandshirt mit Selbstdarstellungsdrang leider wegen fehlender Mittel und gestiegener Rohölpreise einstellen. Sie lesen stattdessen zwei alte Wiederholungen in unserem Themenabend "die Erben der 70er Jahre" .
Eine Zeit in der der Mensch, wie auch unser Autor hin und her gerissen war. Ost und West. Fedex und Pontifex. Und vorallem Optimismus und Pessimismus, was unsere polaren Quellen versuchen zu illustrien.
Die weiteren Zeitzeugen sind alle zu Guido K. übergelaufen und wenn's nicht gefällt, können sie ja zu Arten gehen.
Eine Zeit in der der Mensch, wie auch unser Autor hin und her gerissen war. Ost und West. Fedex und Pontifex. Und vorallem Optimismus und Pessimismus, was unsere polaren Quellen versuchen zu illustrien.
Die weiteren Zeitzeugen sind alle zu Guido K. übergelaufen und wenn's nicht gefällt, können sie ja zu Arten gehen.
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