Freitag, 14. Juni 2013

Jahrgang 2002

Wie der Schmerz im Magen, das schwere Atmen nach dem Schlag, damals, an der Bushaltestelle. Was hab ich ihm die Fresse poliert. Was hab ich Stefan die Nase versenkt, diesem Minderwertigkeitsmagneten. Ohne Kontrolle, ohne Maß, ohne jede Regung außer meiner Gliedmaßen war ich ihm ins Selbstbewusstsein gestiegen. Während er überheblich in die Messer meiner Verzweiflung gelaufen war. Ich schleppte mich nach Hause, frei und fertig. Und dann, im Bett, dieser Tagtraum, diese Vorstellung, in meinem adrenalinüberschwemmten Bewusstsein: In Gedanken ging ich zu ihr, hielt ihr dramatisch die Stirn hin, die ich zuvor noch geboten hatte. „Du solltest den anderen sehen", klang ich so beiläufig wie möglich und sie, Ricarda, ließ mich herein. Sie machte mir Tee. Sie hörte mir zu und irgendwann haben wir darüber gelacht, was für ein Idiot ich bin.
Blut tropfte behäbig von meinem Knie ins Bettlacken. Das Salz meiner Euphorie. Einmal nicht Opfer gewesen. Einmal das weinerliche „bitte beachtet mich“ in meinem Kopf gegen das „Seht mich an!“ eines Feldherren getauscht. Gutes Gefühl, gute Vorstellung. Gute 8 Stunden, gutes Aufwachen. Ehe Janine vom Nachbartisch plötzlich, irgendwann in Mathe, herüber spuckte, wie unfair ich doch gekämpft hätte. Zum Beweis lagen ein paar von Stefans Haaren auf dem Tisch. Er schaute nicht hinüber. Ich war, wie so oft, zwar der Sieger, aber nicht der Gewinner. Das Urteil über mich war mit ihm zusammen in den Dreck gefallen.

Ich parke meinen Seat an der zum Eingang am weitesten entfernten Stelle. Es muss niemand sehen, was für ein Auto ich fahre und zusätzlich will ich noch etwas Ruhe in der Bewegung finden, ehe ich ankomme. Ich kontrolliere noch einmal meine Erscheinung in der Reflexion der Autotür, streiche ein paar Haare über meine Geheimratsecken und drehe mich mit Seriosität und sauber geknicktem Kragen zur Vorhalle. Es ist nasskalt. Mein Atem läuft mir die Wangen hinunter. Der Schnee der letzten Tage hat sich in Wasser zurückverwandelt oder hängt sich als tropfender Matsch an meine Fersen. Ein paar Lichter ziehen mit mir über den Asphalt, als ob sie nichts besseres zu tun haben.
Die Offenbarung ist nah. Ich habe alles dabei, mein Aussehen, mein Selbstbewusstsein – meine ehrfürchtige Aura, die mir die Großstadt in ihren anonymen Stunden der Einsamkeit angelegt hat. Ich bin nicht eitel, ich fordere nur meinen Anteil ein. Die letzten Jahre, die Umzüge und Kompromisse, die Hast nach dem Ideal und die Opfer auf dem Weg zum Olymp, mit dem heutigen Tag werden sie entlohnt sein.

Vor dem Gebäude stehen zwei und frieren. Ich habe vergessen, wie sie heißen, erkenne aber ihre Gesichter und grüße mit einem Nicken. Einer war in meinem Bio-Kurs und hatte immer T-Shirts an, die ich nicht verstand. Der Andere war, egal.
Mit dem Öffnen der Schiebetür löse ich den Knopf an meinem Mantel und ziehe den Schal in geübtem Tempo aus seiner eigenen Schlaufe. Doch es fehlt das Publikum. Einzig Esther sieht mich, die Tochter unserer damaligen Schulsekretärin. Immer noch auf der Suche nach Bestätigung im Erstellen von Anwesenheitslisten. Sie hat die Arme hinter dem Bund ihres Rocks verschränkt, bis sie mir diese bei meinem Anblick einem Lasso ähnlich entgegen wirft: „Richard!“ ruft sie mir zu, als ob sie damit angeben will, dass sie meinen Namen kennt. Nochmal: „Richard Quackernack. Schön, dass du da bist.“ Ich höre, dass sie diesen Satz noch übt. Er sitzt noch nicht. Esther wurde mit 5 Jahren eingeschult und hat die 3. Klasse übersprungen. Das merkt man bis heute.

Ja, schön, dass das heute stattfindet“, sage ich mit dem Grinsen eines Hotelportiers und gönne mir einen ersten Blick in die Halle. Seit dem Abi-Ball hat sich wenig geändert. Ein Dutzend rautenförmiger Säulen strukturiert immer noch den Raum, der sich im hinteren Drittel etwas öffnet und an seinen Flanken eine Bar und ein kleines Podium zulässt. „Wo kann ich denn meine Sachen abgeben, hier?“, frage ich und hoffe auf eine Verneinung.
Du kannst dich gleich hier ausziehen“, grinst Esther und legt die Hände auf ihre Hüften. Sie sieht etwas besser aus als früher. Nur ihr Gesicht ist weiterhin so makellos wie langweilig. „Ok“, sage ich und versuche hinter der Garderobe bekannte Gesichter zu erspähen. Doch es ist noch spärlich gefüllt und die wenigen Anwesenden kenne ich nicht oder aber sie interessieren mich nicht. Sie stehen in kleinen Gruppen zusammen und sehen aus, wie, ja wie Hiergebliebene. Wie Zerrspiegel meines Argwohns. Wie jene, die sich jede Woche sehen, beim Bäcker, beim Fitness und demnächst beim Musikvorspiel der Kleinen. Nur diesmal tragen sie andere Schuhe dazu und beglückwünschen sich zu ihrem Erscheinungsbild. Dann reden sie über den neuen Italiener am Bahnhof oder das Fernsehprogramm am Donnerstagabend. Sie sehen aus wie jene, die jetzt bald ihr Referendariat beendet haben und überlegen, ob es mal etwas 'neues' sein soll, im Nachbarviertel. Ich verachte ihren Lebensstil. Ihren Lebenslauf, von der Schule, über Mallorca, in die Schule. Sie haben keine Fragen. Sie lachen über alles, was ihnen keine Angst macht. Sie haben noch nie ihren Atem bemerkt. Vor ihnen bin ich geflüchtet. Vor ihrer dauerhaften Ironie, die sich vor Leidenschaft und Bekenntnis fürchtet. Vor ihrer Ödnis, die sie selbst Ruhe nennen. Vor ihrer Seligkeit, die ihnen den Zugang zu etwas höherem versperrt, die ihnen ihren Verstand verkleistert. Nur raus aus dieser Stadt. Zwar groß genug, um dem Edeka-Parkplatz zu entgehen, aber eben auch ohne Untertitel im Kino. Mittelmaß in seiner primitivsten Erscheinung. Die ersten zwanzig Jahre, sie waren der Apparativ des Lebens, gegessen wird zu Hause. Und Home is where your art is. Ich bin auserwählt, ja verdammt, ich bin. Meine Leiden werden sich umkehren, werden zu Treib-, nein Kraftstoff werden. Dieser Schmerz in meinem Magen, er wird ein Bauchgefühl werden. Ein Instinkt. Die Zeit der Opfer ist vorbei. Ich werde siegen. Ich trage etwas in mir. Ich kann. Ich will. Ich muss! Und ich bin heute hier, um zu zeigen, dass ich Recht habe. Das letzte Lachen, es ist laut, es dreckig – es gehört mir.

An der Bar gibt es Bier. Ich nenne es bei der Bestellung versehentlich „Helles“ und bekomme dafür ein Pils und einen schiefen Blick. Das Glas läuft spitz zu, trägt einen Papierring am Fuß und hält sich schlecht. So ungewohnt. Es lacht mich aus. Es sagt, dass ich nicht von hier bin. Ich bin geflohen, aus dem nun beschmutzten Nest. Alle, das Glas, die Hinterbliebenen, sie schauen mir auf den Rücken, mustern mich und flüstern: Er hält sich für was besseres. Dazugehören ist immer noch genauso wichtig wie unergründlich. Die Worte sind zuweilen neu, sagen aber das gleiche wie immer. Die Ansichten sind etwas aufgebrochen, die Witze klingen feiner, sind es aber nicht. Die Frauen sind selbstbewusster. Manche Jedenfalls. Und alles was ich gegen diese Spirale machen kann, ist diese Rolle anzunehmen. Dieses Anderssein mit Erfolg zu füllen. Ich halte mich nicht für etwas besseres, das wäre arrogant. Ich bin etwas besseres, das ist selbstbewusst. Ich bin kreativ, ich denke, ich fühle, ich stehe auf Bühnen. Ich mache etwas aus meinem Leben. Mein Name steht in Zeitungen. Ricarda fehlt.
Hey“, tippt es mir zärtlich auf die Schulter. Ich drehe mich um, erleichtert, dass mich jemand aus meinen Gedanken reißt. „Selber Hey“, erblicke ich Laura: „Du? Hier?“, frage ich und nestle verlegen ich an meinem Gürtel. Weitere Schwachsinnigkeiten kann ich mir verkneifen.
Wie geht’s dir?“, fragt sie.
Joa...,“ sage ich und hebe mit Unterstatement und einem leichten Augenrollen meine
Schultern: „Und selbst?“
Ich glaube, wenn es mir nicht gut gehen würde, wäre ich nicht hier.“, sagt Laura. Ich gucke fragend. Sie:„Naja, mein Haus, mein Auto, mein Boot... du weißt schon.“
Mhm.“, erhebe ich mein Kinn: „Aber warum kauft man sonst sein Boot?“ Ich weiß nicht, mit wie viel Ernst ich diese Frage stelle.
Warum kauft man überhaupt Boote?“ Lauras Lächeln ist warm, ohne dabei ihren Satz auszuhöhlen. Sie trägt Ausschnitt, das hat sie früher nie getan. Überhaupt, ihre Haare sind kürzer und stufig geschnitten. Außerdem hat sie zugenommen und den Körper eines Mädchens gegen den einer Frau eingetauscht. Nur die lila Strähne, die an ihrer linken Wange entlang fällt, ist noch da. Beständigkeit als Reifeprozess. „Du siehst toll aus“, sage ich und bemühe mich, ihr dabei nicht auf die Brüste zu schauen.
Danke“, antwortet sie und fixiert mich. Ich glaube, man hat ihr wehgetan, sehr. Sie glaubt es nicht. Sie glaubt überhaupt nicht mehr viel. Ich möchte sie in den Arm nehmen und merke, dass ich sogar in meiner Fantasie dafür der Falsche bin. Ich will mich entschuldigen. Aber es ist vorbei, bevor es eine Chance hatte zu beginnen. Ich habe diese Chance immer abgelehnt.

Ein Pils später lacht Laura einen Lehrer an, der etwas von einer Kursfahrt erzählt. Ricarda fehlt. Jana, die dumme Handballerin mit viel zu großen Oberarmen sehe ich. Caroline, die natürlich von allen nur Caro oder Line gerufen wird, sehe ich. Steht da Carpe Diem in ihrem Nacken? Langsam wird es voller und die Musik wechselt. Ein 17jähriger hinter einem Apple, der in seinem Flanellhemd so aussieht, wie man sich außerhalb von Berlin Berlin vorstellt, wechselt in den Elektro. Ich nehme mein Bier und trage es wie eine Urne vor mir durch den Raum, auf der Suche nach einem Anschluss, einem Eindruck, einer Idee von diesem Abend.

Vor der Toilette, die ich vor allem besuche, um in Bewegung zu bleiben, finde ich Tim und Mirko. Sie haben keine Ahnung von Fußball, reden aber trotzdem drüber. Ich steige ein, verliere mich und taumle mit verschränkten Armen und steilen Thesen in die Zeit.
Bis ich plötzlich Stefan im Zentrum einer lauthals prustenden Gruppe sehe. Bauarbeitergelächter. An seinem Arm hängt eine Frau. Blond, winzige Nase, viel jünger als er, nicht unser Jahrgang. Ohne eine Vertröstung an Tim und Mirko zieht es mich in seine Richtung. Die linke Hand in der Hose, das Sakko elegant über das Gelenk gelegt, das mittlerweile wieder einmal leere Bier in der rechten. Jetzt gilt's. Nur wir zwei und alles was uns hierher geführt hat.
Tach“, sage ich und reiche gönnerhaft jedem einzelnen der Runde die Hand. Stefan grüßt zurück: „Was machst du denn hier? Wohnst du jetzt nicht irgendwo im Süden?“ Seine Krawatte ist bordeauxrot, sein Hemd schwarz. Er trägt eine Uhr, die entweder verdammt teuer ist oder nur danach aussieht. Ich kenne den Unterschied nicht. Aber ich weiß, wie man Menschen im Unklaren lässt, wie man sich ihre Wertschätzung erschleicht, die auf der Kraft des Mysteriösen fußt. Derlei bringt einem die Szene bei und ich lege einen trägen Blick an, der sowohl Jubel wie Ekel bedeuten könnte.
Ja, dafür sind solche Abende doch da, nicht?“, sage ich: „Ich war eh beruflich in der Nähe.“ Der zweiten Teil ist erfunden.
Ja, schön.“, sagt Stefan: „Was machst du denn jetzt?“
Ich installiere. Also, ich, ja, ich bin Künstler.“ Ich will einen Schluck nehmen, aber das Glas ist immer noch leer. Ich führe es trotzdem zum Mund, die Handfläche als Sichtschutz um den Boden des Gefäßes gelegt. Ich hasse das Wort 'Künstler'.
Ah, cool“, bringt Stefan ohne jede Tiefe in seinen Worten hervor. Er windet sich: „Und was verdient man da so?“ Es ist die Frage, die ich nur von Leuten gestellt bekomme, die damit nichts zu tun haben, wie meine Oma oder mein nicht vorhandener Steuerberater: „Genug. Also, die Zahlungen schwanken, aber ich brauche keine anderen Jobs aufzunehmen“, sage ich mit einem antrainierten Lächeln und die Gruppe ringt sich ein ebensolches ab. „Wohnt ihr,... wohnst du noch hier?“, mein Blick fällt auf die Fußgelenke von Stefans Begleitung, die sich vor Langeweile ineinander verlieren. „Ja, noch.“, sagt Stefan ohne Zukunft in der Stimme. Sein 'noch' ist eine Verhöhnung, eine Parodie. Schlagartig wird es leer in mir: „Naja, Stefan, war schön dich mal wieder zu sehen.“ und noch während ich dies sage, durchfließen mich die Abschiedsworte der Runde wie einen Ausguss. Im Gehen fällt mir auf, dass ich ihn ja gar nicht nach seinem Beruf gefragt habe. Ricarda fehlt.
Langsam spüre ich den Alkohol. Ich trete in die Mitte des Saales und suche Menschen, die ich vermissen könnte, morgen auf der Autobahn. Laura tippt gedankenverloren in ihr Backsteinhandy, eine Sanftmut umspielt ihr Hacken in die unnachgiebigen Tasten. Ich will sie nicht stören. Tim spricht mit Janine und versucht so beiläufig wie möglich seine Hand von ihrer Schulter abwärts wandern zu lassen. Sie merkt es, und lässt es mit sich geschehen. Es läuft mittlerweile Drum&Bass und der DJ rudert mit geschlossener Faust um sein Ohr herum.
Auf dem Weg nach Draußen stellt sich mir Esther in den Weg. „Na, Hübscher“, lallt sie leicht und verzieht das Gesicht.
Na?“ antworte ich.
Na?“, macht sie einfach weiter und lacht.
Ich wollte gerade zu Herrn Brügge und ihm für diese scheiß LK-Klausur damals danken“, lüge ich so charmant wie es mir möglich ist. Ich weiß, da wird sie nicht mitkommen. Nicht nachdem Herr Brügge sie damals eine dumme Pute genannt hatte und dafür fast seinen Job verloren hätte. Sie seufzt. Ich durchquere den Raum und als sie nicht guckt, biege ich ab und stehe draußen vor der Mehrzweckhalle. Es vergehen einige Momente, die sich zu einem großen zusammen drücken. Mir ist kalt, aber die Stille durchflutet mich. Ich zelebriere die Leere.

Du rauchst?“, fragt Laura über meine Schulter, als sie hinaus tritt. Sie trägt Mantel und Tasche.
Du gehst?“
Ja, nicht mein Abend. Nicht hier.“
Wo geht’s noch hin?“
Laura sagt nichts. Sie erhebt den Blick, schnieft leicht mit der Nase und ist für einen ganz kurzem Moment nicht auf dieser Welt. Bis sie in ihrer Handtasche kramt und ebenfalls eine Zigarette herauszieht. Ich gebe ihr Feuer und komme ihren Wangen dabei näher als ich gedacht hätte. „Danke“, sagt sie und deutet auf meine rechte Faust: „Seit wann?“
Hm, noch nicht lang. Heute brauche ich auch nur einen Grund vor die Tür zu gehen.“
Du warst früher so militant dagegen“, stellt Laura fest, ohne auf meine Anspielung einzugehen.
Ja, das Militante verliert sich mit den Jahren.“
Stimmt.“, sagt sie zufrieden und wir schweigen.
Du siehst wirklich super aus“, sage ich in die Stille. Ich halte mich damit für mutig.
Weißt du...“, Laura dreht sich zu mir: „Ich will das von dir nicht hören. Nicht mehr. Ich wollte das vielleicht mal von dir hören. Aber jetzt nicht mehr. Das ist lange her. Verstehst du?“
Aber ich meine es.“ Dabei ist mir gerade gar nicht nach Verteidigung.
Ok, meinetwegen. Aber damals hast du es auch gemeint, also, du es nicht vergessen, dir ist es nicht irgendwie entwischt, so hups, einfach so. Ich glaube, du sagst es nur, weil du es damals nicht gesagt hast. Warum bist du überhaupt hier?“
Warum bist du denn hier?“, verschaffe ich mir Zeit. Die Frage trifft mich. Nicht als solches, aber sie kommt von Laura.
Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund wie alle, wie du wohl auch: Um etwas zu erfahren, was ich eh schon wusste.“
Ja. Tatsächlich“, sage ich nur und spüre eine tiefe Dankbarkeit für diese Feststellung.
Ein Kombi fährt vor. Am Steuer sitzt ein junger Mann im Anzug und winkt uns zu. Laura drückt ihre Zigarette aus, die noch nicht mal halb abgebrannt ist: „Da gehöre ich hin“, sagt sie und umarmt mich, ohne mir nah zu kommen. Ich rieche ihr Shampoo. Es riecht nach wilder, unberührter Freiheit und allem, was man sonst noch verklären kann, wenn man keine Ahnung hat.
Sorry“, flüstere ich ihr zu, als sie beginnt, sich von mir zu lösen.
Dinge passieren.“, sagt sie und geht.


100 Kilometer später auf einer Raststätte. Der Motor ist aus, das Hemd aufgeknöpft. Meine Schuhe liegen im Fußraum des Beifahrersitzes. Das Flackern der Laterne surrt und ich zupfe meditativ an der Bügelfalte meiner Hose. Seitlich lasse ich meine Beine aus der offenen Wagentür auf den Boden fallen und rauche der Radioantenne entgegen. Der Grund unter mir ist fast trocken, nur eine letzte feuchte Schicht zieht langsam in meine Socken. Es ist ein schönes Gefühl, wie sich meine Zehen in die Rillen des Asphalts graben, eins mit ihm werden. Und zum ersten Mal seit langem bin ich weder ein Sieger noch ein Verlierer, nicht mal ein Gewinner.      

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Das Kinojahr 2012 - Von oben nach unten


Oslo, August 31st
Moonrise Kingdom
We Need To Talk About Kevin
Martha Mary May Marlene
Drive
The Color Wheel
Oh Boy
Shame
50/50
You Instead
Moneyball
Michael
Skyfall
Fraktus
Cosmopolis
Take Shelter
Wuthering Heights
Guilty of Romance
Holy Motors
Hotel Transylvania
Die Unsichtbare
Der Diktator
Jeff, der noch zu Hause lebt
Der Hobbit
The Artist
Your Sister’s Sister
Prometheus
Beasts oft he Southern Wild
Was bleibt
Barbara
Friends with Kids
Seven Psychopaths
The Bourne Legacy
Game Change
Safety Not Guaranteed
Liebe
The Avengers
Der Preis
La guerre est declaree
Cloud Atlas
2 Days in New York
Clip
The Descendants
It Looks Pretty from a Distance
My week with Marilyn
The Deep Blue Sea
Ziemlich beste Freunde
Argo
Robot and Frank
Restless City
Young Adult
Anna Karenia
Best Exotic Marigold Hotel
Töte mich
Katy Perry: Part of Me
Fast Verheiratet
The Hunger Games
Twixt
J. Edgar
Killing Them Softly
The Dark Knight Rises
Ted
Die Eiserne Lady
Rampart
Killer Joe
Unconditional
On the Road
Iron Sky
Familientreffen mit Hindernissen
Wir wollten aufs Meer
Dating Lancelot
The Devil Inside




Dienstag, 21. August 2012

Momente ohne Meta

Vom großartigsten Monat aller Zeiten.

Ein Anfang.
„Am Ende hat man nur drei wirkliche Freunde im Leben!“ Der Typ von Frittenbude ist stämmiger als erwartet. Er trägt Camouflage und wirft immer wieder solch melancholische Sentenzen in die Menge. Kein Hänfling mit Notizbuch, kein Tocotronic mit Mac unter den dünnen Ärmchen. Gut so.
Nach dem ekstatischen Abschluss „Das ist Kunst“ steht der Staub über der Blue-Stage, wie eine nächtliche Korona der Seligkeit, von den Neonstrahlern der Masse um die sandigen Frisuren gelegt. „Ein gutes Leben noch“, ruft es abschließend von der Bühne. Wiebke freut sich darüber, mit gespitzten Lippen, wie sie es häufig tut. Kathleen lächelt mit wachen Augen. Stefan nickt ostwestfälisch. So geht es zur Nachbarbühne, die Beatsteaks haben dort bereits mit ihrer Ausrast-Routine begonnen. Den Endorphinen, den Stimmbändern, dem Schweiß ist derlei Wiederholung routiniert egal.

Also, warum dieser Anfang? Warum nicht London, Hockeyfinale, Olympia-Atmosphäre oder die Beachvolleyball-Regenschlacht? Zwischen Köln, London, Köln, Bielefeld, Leipzig, Highfield und Leipzig gab es viel, die letzten Wochen. Warum nicht der Inder, der mich für einen Italiener hielt; der Engländer, mit dem ich mich beim Volleyball über die Hässlichkeit von Duisburg und die Schmerzlichkeit eines mit Vollspeed geschlagenen Hockeyballs unterhielt; oder nicht der walisische Volunteer, der mich mit glühendem Interesse nach der Eröffnungsfeier fragte und dessen Nationalismus, wie bei vielen seiner Landsleute, ganz knapp davor war, unsympathisch zu werden? Warum nicht?
Die Antwort liegt in dem Allgemeinplätzchen, dass Schreiben nichts anderes als Selektion und gesetzter Präferenzen ist und meiner konkreten Anwendung dieser Annahme.
Warum dieser Anfang? Weil er der gefühlte Kern ist. Das Wesen, das Wesen der letzten Wochen, das alle losen Enden dieses Augusts zusammenhält und -fügt. Dieses Ding, das man manchmal glaubt in den Händen zu halten. Bis es einem in Gedanken an den dazugehörigen Facebook-Post oder in der Vorformulierung dieses Blogeintrag wieder durch die Hände rinnt. In einem sanften, friedlichen Rieseln, wenn die Suche nach Reinheit neustartet. Ja, es sind die kurzen Momente, die das Leben ausmachen. Lachen, Sex, Livemusik. Olympiasiege, Auswärtssiege, Derbysiege. Man bestreitet das Leben rückwärts, den Blick immer dem Gewesenen zugewandt. Nur manchmal, schaut man sich selbst über die Schulter und sieht, was ist. Während ein Blogeintrag nichts anderes ist, als der Versuch, diesen kurzen Blick festzuhalten, ihn ein Wenig in die Länge zu ziehen. Auch jetzt, beim Lesen und Schreiben, nochmal da zu sein. Bei dem 2:1 fünf Minuten vor Schluss gegen Holland, der anschließenden Siegerehrung und ihrer leisen, stolzen Nationalhymne und wie Anna vergnügt und belustigt bemerkte, wie sie nach dem Ausklingen auf der Anzeigetafel immer noch um „Applaus“ bitten. Als ob dies nötig wäre; oder beim 2. Zehnkampftag, als es der Deutsche irgendwie schaffte, seine persönliche Stabhochsprung-Bestmarke mit dem Rücken zur Latte zu verbessern; oder später – die Session war da schon über sieben Stunden alt – ein Chilene und ein Japaner ihm diese Leistung gleichtaten. Gleichzeitig, auf den beiden nebeneinander liegenden Sprunganlagen, innerhalb von zwei Sekunden. Die Journalisten waren da schon längst beim Mittag; oder als mich die hübsche, bisher zurückhaltende Engländerin nach einen grandiosen Volleyball-Ballwechsel abklatschte. Oder auf dem Weg zum Highfield, als Hanna und ich das Abteil unterhielten, in dem wir auf dem Ipod des anderen, die jeweils größte Jugendsünde suchten (und fanden!); oder als wir mit Philip müde im Gras lagen, abseits der Massen, die Augen geschlossen, das dumpfe Geschrammel von Placebo über unseren Köpfen; oder als wir wenige Stunden später wieder bei Kräften waren und Philip im Shuttlebus nach Leipzig die (weiße!) Gitarre raus holte und der ganze Bus sich heiser durch die Hits schmiss, von „Lemon Tree“ bis „Wonderwall“; oder die Wasserschlachten, Buddy Ogün, stundenlang Simpsons-Zitate oder oder oder. 

Es ist einfach zu viel passiert, in diesem Monat, um den Glauben aufrecht zu erhalten, man werde dieser Reizüberflutung in einem Text Herr werden. Also, ein Überthema. Drei Freunde, behaupten Frittenbude. Mehr nicht. Zuvor spielten auf derselben Bühne die Wohlstandsopfer von Kettcar. Ich sehe sie zum vierten Mal, zum ersten Mal gut gelaunt. Nach ihrem „Danke der Academy“ läuft wieder diese Tonspur aus Fight Club. Von den portionierten Freunden, die man in Flugzeugen oder an Hotelbars trifft, ist in dem Film die Rede. So wie stolze Volunteers beim Beachvolleyball und gutgelaunte Bikini-Mädchen am Eingang zum Badesee des Highfields. Es ist die Sichtweise auf diesen Zustand, der entscheidet. Und die Umstände. Denn, um mal in dem Rollfeld-Bild von Fight-Club zu bleiben, portionierte Freunde sind bereichernd, solange da noch jemand hinter der Gepäckausgabe auf einen wartet, der es wert ist. One-Night-Stands sind super, solange sie nicht für Nähe gehalten werden. Spaß mit vorbei gelaufenen Animateuren ist großartig, solange man es nicht als Betrug erlebt, wie die Launemacher, die gleichen Gags im Rucksack, zum nächsten Zelt aufbrechen. Olympia, London, Festivals sind besonders, Außnahmen. Aber wirkliche Größe erhält die Besonderheit doch immer erst im Trott, in der Gewissheit, dass man sie teilt, teilen kann. Oder schlicht in dem Bewusstesein ihrer Seltenheit. 
Natürlich ist der Facebook-Post nicht das Glück und es besteht auch eine Gefahr, ihn dafür zu halten. Aber erst im Ausdruck von Glück kommt man ihm näher. Olympia ist nur alle vier Jahre. Und es wird auch wieder Monate geben, in denen es in den falschen Momenten regnet, eine Bewerbung nicht erfolgreich ist oder Arminia mal wieder ein Spiel verliert (unvorstellbar, ich weiß...), aber dann ist es gut, dass da Leute sind, mit denen ich diesen August 2012 oder sonst etwas zurückholen kann. Indem man sich von diesen Momenten erzählt, in denen man an nichts dachte, nicht mal kurz, nicht mal an die Möglichkeit, anderen von diesem Moment zu erzählen.
Letzte Woche schrieb mir Marko, er habe nun Prometheus gesehen. Er machte einen feinen Insider darüber und lud zum Gedankenaustausch. Auf Zwischenstation in Köln schob ich den Film noch schnell dazwischen, nachmittags, vor einem Feierabendbier mit Michaela. Die Aussicht auf eine baldige Diskussion als Antrieb. Am selben Tage rief mich Mittags Patrick an und fragte, ob ich mit auf eine WG-Party wolle. Man denkt aneinander. 

Jetzt sitze ich im ICE nach München und freue mich auf mein eigens Bett und einen Briefkasten voller Orga-Scheiß. Und eben auf das nächste Bier im GAP. Arminia spielt bald in Unterhaching. Ende des selben Monats trifft sich die Gang aus Geburtstagsgründen wiedermal in Bielefeld. Und im November in Leipzig. Immer auf der Suche nach der gesunden Mischung aus ungebrochenen Momenten der Euphorie und dem freudigen, naiven Versuch, ihrem Naturgesetz der Vergänglichkeit seine Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit entgegen zuwerfen.             



Mittwoch, 11. Juli 2012

Filmfest München – eine Hierarchie

The Color Wheel – Stell dir den besten Woody Allen vor, den du je gesehen hast – nur mit dem Unterschied, dass der Regisseur diesmal seine Figuren ernst nimmt. Dazu die Co-Autorin und Hauptdarstellerin Carlen Altman, in dessen Augen sich das Meer auftut. Dialoge, die zwischen ultrafies und ultrakomisch alles sind, was sie sein möchten und Alex Ross Perry, der das Selbstbewusstsein hat, sich selbst zu spielen und dabei all seine schlechten Seiten souverän in den Ring wirft. Stil ist immer auch ein Bekenntnis zur Schwäche. Eine Festival-Perle. 
  
Oh Boy – Berlin, Sample einer Großstadt. Oder: Die Suche nach einem Kaffee, schwarz. Die Orientierungslosigkeit, die die grenzenlose Freiheit der Urbanität mit sich bringt, wird in momenthaften Bildern hofiert. Um ihre Dramtik abzuschwächen und sich einzuverleiben, als Ausdruck von Ruhe und Verständnis. Von Jan Ole Gerster als umsichtiger Bilder- und Personenreigen zu beiläufigem Jazz inszeniert. Du kriegst mich nicht klein, Welt! Das bin ich bereits. Da ist der großartige Humor fast beiläufig zu nennen, wenn zum Beispiel der Schmieren-Darsteller in Nazi-Chic und mit Banane aus dem Trailer steigt. Und, bevor es vergessen wird: Ulrich Noethen!  

Your Sisters Sister – Rosemarie DeWitt, I would kill for you! Mark Duplass, auf ein Bier! Oder zwei! Oder drei! Ein Film, wie eine Wolldecke. Ein Film, der immer weiß wann er vor die Tür muss, um sich abzukühlen. American-Indie, auf dich kann man noch jedes Jahr zählen.

Wuthering Heights – Vor und nach der Aufführung ist Andrea Arnold pure Energie. Ihr Film pure Elegie. 137 Minuten gespenstisches Wabern durch Matsch und Kälte, und nie langweilig. Dafür sind die Gesten zu fein, die wenigen Worte zu schwer, der Nebel zu dicht, die Tiere zu wild, zu existenziell. Manche Filme will man gleich danach nochmal sehen und nochmal. Diesen schließt man in sich ein, er soll dort ein paar Jahre anwachsen. Bis dahin schauen wir mal – zum Beispiel "Fish Tank" oder "Red Road". 

Holy Motors – Die erste halbe Stunde ist vielleicht das größenwahnsinnigste seit Being John Malkovich. Dann wird es etwas zu trüb, vielleicht auch etwas zu rational. Aber allein die Grundidee entschädigt für alles! Ein Film zum durchdringen, nicht zum analysieren. Wer allerdings nach reiner Erkenntnis strebt, der gehört ins Theater, wo man sich vor der Vorstellung keine „Gute Unterhaltung“ sondern eine „anregende Vorstellung" wünscht.

Friends With Kids – Authentizität ist so eine Sache. Schöne Menschen, schöne Bilder, schöne Dialoge, schönes New York, schön viel Geld. Winzige Probleme und seltsame Lebenslogiken. Dating und Beziehungsmuster, die Barney Stinson nicht als Parodie verstehen. Amis, halt. Aber warum zur Hölle, sollte man einem Film dies vorwerfen, wenn er doch in diesem Bewusstsein daher kommt. In dem Wissen um seinen gesegneten Ausschnitt New-Yorker-Upper-Class an Überzeugung gewinnt, indem er sich um nichts als sich selbst kümmert. Will ich, dass eine der Figuren ihren Job verliert? Oder beginnt, Frösche über die Straße zu tragen, um damit ihr Gewissen zu beruhigen, weil sie sich die Nespresso-Maschine nun mal leisten kann. Nein, im Taxi weinen ist legitim. Da kann man die letzten fünf, ziemlich dämlich geratenen Minuten verschmerzen. Schließlich gabs zuvor so tolle, ja authentische Sätze wie: „Manhatten is the new Manhatten!“ 

Beasts Of Southern Wild – Heimat, Kindchenschema und Rucksäcke voll Pathos. Manchmal vielleicht etwas zu ritterhaft, aber das soll dem Farben- und Formenspiel keinen Abbruch tun, das in den schönsten Soundtrack der Woche gehüllt wird.   

Safety Not Guaranteed – Manchmal sind die Sidekicks etwas zu formal, die Gags zu sauber und die Trennlinien zwischen Komit und Tragik zu klar. Spaß macht das ganze deswegen nicht weniger. Und nochmal: Mark Duplass, auf ein Bier. 

Clip – Eine wunderbare Themenverschiebung: Nicht Sex ist Ausdruck von verhinderter Liebe, (so wie im prüden Deutschland: Little Thirteen) sondern Sex, gerne auch derbe, bringt den Damen und Herren ihrer gengenseitigen Zuneigung näher. Sex ist gut. Und Punkt. Die (serbische) Generation YouPorn hat Probleme, aber die liegen nicht im Orgasmus. Selbst wenn familiären Nebenschauplätze dabei beliebig geraten. 

2 Days New York – Klischees  funktionieren – als Gagfläche. Vincent Gallos Gastauftritt ist dabei eine kleine, feine Überrschung. 

Side By Side – Martin Scorsese ist wohl der weiseste Mensch der Welt! Mindestens. Und auch für den Rest gilt: Es macht Spaß, gesegneten Menschen dabei zuzuhören, wie sie einem die Welt erklären. Dabei aber eigentlich mit jedem Statement sagen: Danke, es geht mir gut.

Pusher II – Mads Mikkelsen kann sehr traurig gucken. Wann immer aber bei Refn Musik läuft, zieht er durch und alles mit. Der Däne macht Filme wie Kraftwerke. Völlig entladen tut es sich nie. Gut so. 

It Looks Pretty From A Distance – Die Bilder sind sich ihrer Bedeutsamkeit (zu) sehr bewusst. Die Tiefen, die in ihnen liegen sollen, sind deswegen immer etwas im Nachteil. Gemessen an meinen (über-)hohen Erwartungen, eine leise Enttäuschung. Der Trailer war zu überwältigend. 

Pusher – Witzig. Sehr Witzig zu Beginn. Dann prügeln sich die Archetypen. Refns nächster Film zeigt Ryan Gosling übrigens beim Straßen-Boxen in Thailand. Pack das Zelt und die Kühlbock ein, es geht ins Kino!

The Deep Blue Sea – Inhaltsangabe: Frau weint, Frau raucht, Frau hört es singen, Frau raucht, Frau weint, Frau steht am Fenster. Die Pflicht zur atmosphärischen Dichte oder zur betonten Langsamkeit unterdrückt zuweilen ihre Figuren. Das sind dann keine Dialoge mehr, sondern eher so etwas wie "Reden-Pause-Gucken-Antworten-Pause-...". Aber auch Melodrame brauchen Timing. Wobei, irgendwie schaut man nie auf die Uhr, und auch die Sitznachbarn stellen irgendwann ihr Reden ein, sie schauen wirklich zu. Vor allem in einer wirklich schönen Szene, wo die britische Bevölkerung auf den U-Bahn Gleisen liegt und die deutschen Bomben mit einem Volkslied übertönt. 

Twixt – Coppola hat Humor. Erst in seinen Anfangsbildern, dann wird’s trashig und schließlich glaubt man, dass ist alles Absicht. Finanziert von einem der teuersten Weine Amerikas.  

Robot And Frank – Susan Sarandon hat Charme, Liv Tyler nicht. 

Restless City – Bin eingeschlafen. Lag aber nicht nur am Film, der etwas zu angestrengt versucht, sich mit seiner Schulterzuck-Coolness zu profilieren. Trotzdem: Mea Culpa.  

360 – Was passiert, wenn man die Welt sehen will und dann die Shampoo-Pröbchen in den Hotelzimmern für das Weltkulturerbe hält?! Richtig, ein Film, der mit flachen Figuren um Bedeutsamkeit fleht und es als Erkenntnis verkauft, dass Sex und Liebe universelle Themen sind. 

Killer Joe – Dumme Figuren, wahnsinnig dumme Figuren. Sind die alle scheiße, wow! Und dann diese seltsame Gewaltversessenheit, die weder schön noch originell noch einprägsam noch durchtrieben ist. Es bleibt nichts von diesem Film. Ok, ja, der Hühnchenblowjob... auch schön langgezogen. Aber, ach, ich sag wie's ist: Matthew McConaughey nervt! 

Rampart – Wer den großartigen „The Massenger“ gesehen hat, wird fluchen und weinen wie meine Wenigkeit. Was ein Absturz, in einer beliebige Ansammlung narrativer Konventionen. Was sind die auch alle wieder gemein zueinander. Da hilft es auch nicht, dass jeder dämliche, übergroße Dialog möglichst kreativ aus allerlei Winkeln abgelichtet wird. 

Unconditional – Ein Film für Menschen, die zeigen möchten, wie tolerant sie sind. Wie Oscars für Nazi-Filme, nur halt mit Schwulen. Mies gespielt und dann seltsam einfältig. 

Wir wollten aufs Meer – Aufsatzthema: Wenn deutsches Kino versucht, Hollywood zu sein und dabei auf die Nase fällt. Weil wieder alles was es (eigentlich gar nicht) braucht, in einen Topf braver Ästhetik geworfen wird: Ost-West, Freundschaft, Verrat, Rollstühle (=böse Stasi!), Schnurrbärte (=ganz böse Stasi!), dreckige Gesichter (=ehrlich!), das Meer (=Sehnsucht!), die Familie (=Hoffnung!) und Hans Zimmer für einfallslose Produzenten. Und mal unter uns Gutmenschen: Spielt Ronald Zehrfeld eigentlich auch mal jemanden mit Fehlern?!

On The Road – Oh, wir haben keine 6 Stunden Zeit, wollen aber nichts aus dem Buch raus nehmen. Dann einfach in jeder Szene vorne und hinten was abschneiden und raus kommt eine Ansammlung an Städten (immer schön in der Bauchbinde zu lesen), anteilslosem Schauspiel, verschenkter Gastauftritte (Steve Buscemi lässt sich kurz in den Arsch ficken und wird dann an der nächsten Raststätte angebunden) und kaum zu ertragender Carpe-Diem-Albernheiten. „Auf das Leben“ rufen sie alle 20 Sekunden und klauen einem damit über zwei Stunden Lebenszeit. Immerhin, Kristen Stewart: nackt. 

Le Skylap – Wer hat den Franzosen eigentlich erlaubt, sich selbst zu feiern?! Wo sie doch weder Stil noch Tragik haben, die es wert wären, damit 2 Stunden voller Zeit-Bilder (Deleuze, geht immer!) zu füllen. Immerhin konnte ich mir in all dieser nervigen Scheiße erschließen, warum es "Apocalypse Now" in den Film schafft. Wie auch schon in "2 Days New York" - Frau Delphie hat wohl nicht viele Filme gesehen, so dass sie immer auf den gleichen anspielen muss. Eine Einsicht: „The Horror! The Horror! The Horror!“

Sonntag, 20. Mai 2012

Sterblich verliebt


 19.Mai 2012 - Gedanken zum Verlieren

Das Westend ist still. Ein Trott Rot-Weiß schleicht vor sich hin, den Kopf zum Boden, die Füße gen Zentrum gerichtet. Reden tun nur jene, die sich an ihrem Handy festhalten müssen. Ein paar streichen über ihr Smartphone, in der Hoffnung Wärme durch Elektrizität ersetzen zu können. An der Dönerbude studiert einer einen Aushang, wieder und wieder. Ein anderer sitzt an der Tramhaltestelle und blickt in seine Handinnenflächen. Einer weint. Ein Trauermarsch, Wut fehlt.

Es gibt ein Muster in meinem Leben. Nicht die geteilten Freuden sind es wert, es sind die geteilten Leiden, die man sich gegenseitig abnimmt und in diesem Akt einen Moment der Erhabenheit gewinnt. Einen Eigenwert. Dass ist wohl auch dem Mangel an Alternativen geschuldet, wenn man, sagen wir, von Arminia Bielefeld alles Wesentliche des Leben beigebracht bekommen hat. Doch ganz gleich wie sensibel man für Derartiges ist: Es liegt Schönheit in der Niederlage.

Natürlich ist München keine Stadt, die solchen Emotionen ihre Aufwartung macht. Sie ist das Gegenteil. Münchner sind das, was man, ohne Abstriche, wohlbehütet nennt. Sie leben den Luxus des Geldes und der Unwissenheit. Sie wissen um die Vollkommenheit ihrer Heimat. Ein Wissen, das selbstredend nur aufrecht gehalten werden kann, wenn man seine Stadt nie verlässt. Münchnern geht es gut und sie erlangen ihren Charme und ihre Anziehungskraft daraus, dass man sich gerne in ihrer Beseeltheit sonnt, möge doch etwas davon auf einen selbst abstrahlen. Nur wenn der Münchner sein Glück als Tugend oder eigene Leistung herausstellt und gar behauptet, ohne Abstriche, vom Schmerz der Anderen, der Zugezogenen, der Fremden zu wissen, ist er arrogant und ungenießbar. Philipp Köster hat den feuchten Traum eines Bayern-Fans mal darin gefunden, dass er nichts mehr will, als einmal abzusteigen. Damit er auch mal leiden kann, wie die anderen. Damit man nicht mehr belächelt wird, wenn man von Barcelona '99 erzählt. Ganz gleich wie zum Beispiel Markus Kavka dies vermag, wenn er berichtet; er und seine Mannen wären damals die ganze Nacht heulend und apathisch durch die katalanische Hauptstadt gezogen. Sie hatten vergessen, wo ihr Hotel lag und waren zu kraftlos danach zu fragen.

Tausend voran gegangene Momente des Glücks mildern den Moment des Unglücks nicht. Schmerz ist immer akut – und nie relativ. Dabei hatte der Abend alles. Das Blondchen vor dem Mikro der Theresienwiese hatte so wunderbare Dinge gerufen wie: „Manuel Neuer – der Mann, der alle Tore hält“. Hätte er mal alle Bälle gehalten. Ich hatte Mittags mehrfach getönt Müller wurde das Spiel entscheiden und getippt hatte ich – schwarz auf weiß – 1:0. Morgens las ich den Sportteil komplett, lief mit der Spezi unterm Arm durch die Isarvorstadt, hörte Fleet Foxes dazu und erklärte ein paar zutraulichen Londonern am Sendlinger Tor den Weg zum Hauptbahnhof. „Good Game“, rief ich ihnen nach, sie lächelten.
Dass dann – natürlich! – Drogba die Sache aus ihrer einfachen Schönheit, ihrer schönen Einfachheit riss und sie mit dem Kopf in eine Badewanne voll Tragödie drückte, ist unvermeidlich, wenn man von der Ungerechtigkeit erzählen will.

Auf dem Weg zur U-Bahn ist es immer noch still. Ich lasse The Notwist sprechen: „Fail with consequence / Lose with eloquence and a smile. Das Lächeln bleibt aus. Ich schreibe eine SMS und finde meine Worte bei Matthäus, 5, 45: „damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“
Antwort: „Sport ist wie das Leben. Unfair und beschissen.“
„Am Ende des Tages versuchen wir auch nichts anderes, als die Illusion aufrecht zu halten, dass dem nicht so ist“.
„Ach, weißt du, Sport ist eigentlich viel beschissener als das Leben.“
„Sport ist konzentriertes Leben: Die Höhen sind höher, die Tiefen tiefer.“
„Ich fand deine Sportanalogien schon immer scheiße!“
Dann will ich nochmals antworten, aber mein Sitznachbar schläft auf meiner Schulter ein. Ich will ihn nicht wecken. Auf dem Weg von der Haltestelle nach Hause, erblicke ich einen älteren Herrn auf einer Parkbank. Er guckt wie alle: leer. Aber es ist eine Münchner Leere, meine ich zu erkennen. Kein Blick geht zum Himmel, kein Bedauern über diesen Moment hinaus. Die SZ wird noch in der Nacht die Parallelen zu Barcelona ziehen. Journalistischer Rationalitätszwang. Schmerz ist akut. Er verortet sich nicht historisch. Aber er wirft sich gerne, in, sagen wir Bielefeld, in die Allgemeingültigkeit. Nicht schon wieder, sagt man dann, und fragt nach Flüchen und begangenen Sünden.

Nicht so in München. Da sitzt man da, ist traurig und nichts als traurig. Das Spiel war gut zu dieser Stadt. Sie muss sich nicht von ihm verfolgt fühlen. Und wenn der Münchner mal wieder ungenießbar wird, helfen einem diese Momente, ihn wieder als Menschen wahrzunehmen. Dann fliegt das Neid und die Distanz des Außenstehenden, des Zugezogenen aus der Kurve. Das Rot-Weiß dieser Stadt wird noch ein paar Tage brauchen, auch die EM steht jetzt leider unter keinem guten Stern mehr. Aber sie wird darüber hinweg kommen, wie man so sagt. Vielleicht ist es auch nur mein Muster, meine Neurose, meine Lebenshilfe im Leid Schönheit sehen zu wollen. Aber Gestern war der Tag, an dem zwei Welten zusammen kamen: die des Leids und die der Heimat. Gestern, habe ich Zugezogener - der ich immer bleiben werde, und womit ich mittlerweile auch meinen Frieden habe - tief in die Augen dieser schönen Stadt geblickt. Gestern habe ich mich in München verliebt.  

Montag, 23. Januar 2012

Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor

Vom Fußball und den Frauen und gleich dem ganzen Dasein Mensch

Das Symbol

Das Leben ist nicht mehr als eine Collage von Symbolen. Ein Strauß Blumen, ein Mixtape, ein Ring: Zuneigungsbekundungen. Zuneigung selbst gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt nur einen Code für diese Empfindung. Ein Bündel Handlungen, die für etwas stehen, dass man allgemeinhin als 'Zuneigung' bezeichnet. Das Symbol tritt an die Stelle dessen, was es ausdrückt. In jedem Lebensbereich gibt es diese Codes. Und wenn man meint, sich irgendwo auszukennen, nennt man sich nicht selten „erfahren“. Oder umgekehrt: Erfahrungen machen, ist nichts anderes, als sich Codes eines bestimmten Bereichs anzueignen, sie für sich zu nutzen, sie anzuwenden, zu variieren. Es gibt Bereiche, da fällt dieser Prozess schwerer und demnach dauert er länger, wie zum Beispiel im Paarungsverhalten. Man könnte auch das gesamte Leben als ewigen Aneignungsprozess von Codes und Verhaltensnormen begreifen. Menschen am Ende ihres Schaffens nennt man auch nicht selten "lebenserfahren". Doch manche Bereiche bestechen durch ihre Einfachheit. Es gibt einen Ort, wo man keine Vorkenntnisse braucht.

Der Fußball hat den Vorteil, dass er nie etwas anderes sein wollte als ein Symbol. Fußball ist konzentriertes Symbol, also konzentriertes Leben. Er erzählt von den Dingen, die wir Sieg und Niederlage nennen, gut und schlecht. Das tut das Paarungsverhalten auch, nur distanzierter. Eine 0:5 Heimpleite nennt sich bereits so, während sie oder er einfach nicht zurückruft. Aber warum nur? Wohl nur der Handykosten wegen.

Fußball ist deutlich. Mit dem Abpfiff sind die Dinge klar. Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor ist ein Tor ist ein Tor. Häufig geht es im Leben darum, zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Im Fußball nicht.

Die Fantasie

Zu behaupten, der Mensch lebe in der Realität, in der es solche Kategorien wie richtig und falsch gibt, greift zu kurz. Der Mensch versteht sich in Rollen, funktioniert in der Fantasie, lebt im Vorstellungen und Befürchtungen. Das ist wie Sex. Ein Zustand der völligen Abkopplung eines als Realität empfundenen Zustands. Sex funktioniert ja immer nur dann nicht, wenn er in die Realität zurückkehrt. Wenn irgendwas nicht stimmt, man sich schlagartig daran erinnert, was man hier tut, wenn man sich plötzlich wieder selbst beobachtet, sich selbst bewertet. Wenn man bemerkt, dass man gerade Sex hat, fällt er in sich zusammen. Männliches Versagen wird medial meist mit Stress, also übermäßiger Ablenkung verbunden. Der Mann wird also von der Realität, von den Dingen seines Lebens, immer wieder in dieses zurückgezogen. Er kann der Realität im Sex nicht entfliehen und kann ihn deswegen nicht praktizieren. Eine – sicherlich unterbewusste – Wahl hat der Mensch überall in seinem Leben. Sogar im Sex. Will ich die Dinge glauben, will ich mich in diesem Zustand verlieren. Man hat eine Wahl zu treffen, überall. Im Bett, aber zb. auch im Theater, in der Kunst, im Suff, unter Freuden.

Eine solche Wahl bietet der Fußball nicht. Seine große Stärke! Der Fußball hat keinen höheren Zweck als das eigene Bestehen. In einem Fußballstadion gibt es bestimmte Fragen nicht. Es gibt Tatsachen. Sieg, Unentschieden, Niederlage. Tor, kein Tor. Und deswegen funktioniert dieser Sport so gut. Weil man sich über das Erlebte nicht verständigen muss, kann im Fußball Gemeinschaft entstehen. Die Frage „Wie fandest du es?“, wie wir sie nach dem Theater stellen (manchmal wird diese Frage im Theater auch gerne nach dem Sex gestellt). Die Frage „Wie geht’s dir damit?“, wie wir sie nach zwischenmenschlichen Verwirrspielen stellen. All diese Dinge gibt es im und nach dem Stadion nicht. Die Vorstellung bei der Heimkehr von einem Auswärtssieg gefragt zu werden, wie es war, mutet seltsam bis unglaublich an. Es gibt nur eine zu klärende Info: Wie haben sie gespielt?

Der Rausch

Diese Eindeutigkeit, die Gewissheit, dass es dabei keine zwei Meinung gibt, also die Möglichkeit der Subjektivität des Nebenmanns, ermöglicht eine andere, wunderbare Sache: den Rausch!

In Little Miss Sunshine heißt es: „Happyness only real when shared“. In Up In The Air heißt es: “Remember the best moment of your life. Were you alone?” Der Mensch ist ein Herdentier. Er strebt nach Verbundenheit. Das Gleiche fühlen wie der Andere, im gleichen Moment. Rausch ist Verbundenheit. Zugespitzt: Rausch ist der Gipfel menschlichen Daseins! Und das 1:0 in der 91. Minute ist purer Rausch. Es ist zum Einen ein klares Ja, ein gehobener Daumen, ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch, ein Sie-liebt-mich-auch! Ausrufezeichen! Und kein „Wir sehen uns“, bei dem man nicht weiß, ob die hübsche Dame mit Ausschnitt, dass jetzt sagt oder meint.

Zusätzlich erlebt man solche Momente nie allein. Im Stadion liegt das in der Natur der Sache. Aber auch am heimischen Radio hat man Leute um sich. Den Moderator, den Vater, der anderorts ebenfalls mithört oder man über den Zwischenstand SMS-technisch in Kenntnis setzt. Die Menschen, die man im Stadion jubeln hört, die Spieler selbst oder auch nur die fiktionale Masse an Gleichgesinnten. Die sind nämlich alles andere als abstrakt, sie sind eine Erfahrung. Somit ermöglicht der Fußball eine Fülle an elementaren, ungebrochenen, kollektiven Erfahrungen. Mit dem Vorteil, dass man sie zwar ungebrochen erleben kann, sie sich aber nicht aneignen muss. Um die Schönheit eines, sagen wir, Theaterstücks zu erkennen, muss man hingegen schon eine Menge solcher gesehen haben. Zumindest macht es die Sache meist leicher.

Fußball macht dich glücklich, er macht dich traurig. Er ist schön, er ist häßlich. Er gibt Hoffnung, er gibt Missmut. Aber vor allem Hoffnung. Das ist wie mit den Frauen. Wie heißt es in Nick Hornbys Fußball-Bibel Fever Pitch: "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden“.

Die Angst

Der Fußball inspiriert zum Weitermachen. Das spirituelle dieses Sports liegt in der Tatsache, dass er kein Ende kennt. Es wird im Fußball nicht mitgedacht. Das nächste Spiel kommt immer. Es wird vielleicht kein gutes sein, aber es wird da sein. Wie ein Gottesdienst, ein Gefühl oder ein Atemzug. Man muss bei diesem Sport – um in der auch von mir schon ziemlich abgenutzten Analogie zu den Frauen zu bleiben – nie Kraft darauf verwenden, sich davon zu überzeugen, dass da doch mal jemand kommen wird, der sich für deine armseelige Blenderhaftigkeit interessiert. Unsicherheiten, ob er oder sie die richtige ist oder ob er oder sie das auch so empfindet, hat der Fußball nicht. Nochmal Hornby: „Du suchst dir deinen Verein nicht aus. Er sucht sich dich aus“. Nein, der Fußball ist die ultimative Geliebte. Er lässt dich in Ruhe, wann immer du möchtest und ist immer da, wann immer du Zeit und Verwendung für ihn hast.

Er lehrt dich den souveränen Umgang mit der Niederlage und das ehrenhafte Verhalten im Sieg. Er lehrt dich, dass du damit nie allein bist. Die größte und weltweit einzig erstzunehmende Fußballhymne trägt den Namen „You’ll never walk alone“. Und wenn man, so wie ich, die Einsamkeit als die größte menschliche Angst begreift, ist dies ein wirklich schöner Gedanke. Da kommt man nach Hause und es wartet jemand auf einen. Da geht man aus dem Haus und er ist schon da – und man wird ihn nie leid. Das ist Fußball.

Die Hoffnung

In A Single Man heißt es: „Es gab in meinem Leben wenige Momente eindeutiger Klarheit. In denen man nicht dachte, in denen man gar nicht merkte, dass man fühlte. Von diesen Momenten habe ich gelebt und gezehrt.“ Der Fußball stellt diese Momente bereit. Momente völliger Klarheit, in denen einem wildfremden Menschen um den Hals fallen. Oder Momente, in denen einem der Himmel auf den Kopf fällt und du dich fragst, wie beim schlechten Sex, was man hier eigentlich gerade macht. Wenn es nach 30 Minuten schon wieder 0:3 steht. Dann sagt man sich „da geh ich nie wieder hin!“, schläft eine Nacht drüber und ertappt sich selbst bei der nächsten Gelegenheit wieder in der Hoffnung. So wie man nach einer schlechten Liebe irgendwann doch wieder in der Disko steht und in den Augen der hübschen Dame an der Garderobe seine Zukunft sieht. Es ist die Hoffnung auf den nächsten Rausch, die uns zu Menschen macht. Mit der nächsten Frau wird alles super. Mit dem nächsten Stück kommt die Erleuchtung. Mit dem nächsten Spiel kommt der Auswärtssieg, die Meisterschaft. Immer wieder.

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Selbst und das Mitleid

Auf der Türschwelle.
„Möchtest noch du etwas sagen?“
„Nein.“
„Ich würde mir wünschen, dass du etwas sagst.“
„Warum?“
„Ich weiß nicht, sag irgendwas. Sag, dass ich nerve, dass ich ein weinerliches Opfer bin, dass dich mein Selbstmitleid anödet, dass ich dich in Ruhe lassen soll, dass du dich verliebt hast, dass du von jemanden schwanger bist, dass du schwanger warst, … was weiß ich.“

Wenn es ein Gesicht gibt, das keinen Ausdruck hat, dann war es ihres in diesem Moment.

„Verstehst du denn gar nicht, was das hier ist?“
„Ich glaube nicht, ich bin mir nicht sicher.“
„Ich will doch nur irgendwie das Gefühl haben, dass ich irgendeinen Einfluss auf dein Leben hatte, dass nach mir einfach nicht alles so weitergeht wie vor mir.“
„Warum ist dir das so wichtig?“

Die Frage brachte ihn aus dem Rhythmus. Er verstand sie nicht mal richtig. Aber sie klang eben auch nach leichtem Interesse, was ihm einen winzigen Moment der Wärme schenkte.

„Eitelkeit?“ Er hatte sich den Reflex antrainiert, in Momenten der Schwäche mit entwaffnender Ehrlichkeit zu reagieren. Die, ob seiner hängenden Schultern, mit der er sie meist vortrug, nur selten so wirkte, wie erhofft. Eigentlich funktionierte sie nie.

„Das 'Jetzt' ist doch bei uns völlig egal.“ Sie klang noch mitleidiger als sonst schon. Er hingegen wollte einfach nicht so tun, als ob er stark oder gar der stärkere von ihnen beiden sei. Ein solches Armdrücken verliert man gegen Frauen immer. Da sprach er aus Erfahrung zu sich.

„Ich will das einfach. Ich will etwas sein! Und ich werde nur etwas, wenn ich es in anderen bin. Alleine Lachen ist scheiße! Ich will, ich… scheiße!“ Es wurde kurz ruhig, aber beide sahen, nicht nur an seiner Mimik, die nach neuen Worten drang, dass er gleich weiterreden würde: „… ich hab dir doch Mixtapes nur aus zwei Gründen gebrannt. Entweder sollst du an mich denken, wenn du sie hörst. Oder du sollst sie nicht anhören, weil du sonst an mich denkst. Verstehst du? Ich muss nicht in dein Leben zurück. Ich muss auch nicht hören, dass du wegen mir unglücklich bist. Hör das Tape und mag es, erinnere dich, gut oder schlecht, aber erinnere dich, bitte.“
„Ich höre dein Tape nicht.“
„Aber nicht weil du sie nicht hören willst, sondern weil sie dir nicht in die Sinn kommt.“
„Mag sein.“
„Und das ist scheiße!“

Sie zog, etwas verlegen, die Augenbraun auf. Ein treffende Geste fand sie nicht. Sie war überfordert, für sich einen gelungenen Tonfall zu definieren. Sie wusste nicht viel über die Situation. Sie wusste nur, dass sie – genauso banal wie das klingt – keine Lust mehr auf sie hatte.

„Ich kann nichts für dich tun, befürchte ich.“
„Ja…“ Er überlegte zu gehen, hatte dann aber noch einen Gedanken, der seiner Ansicht nach zu ehrlich klang, um nicht ausgesprochen zu werden: „Ich glaube, wir beide, wir waren zu gut. Wir waren zu sauber. Alles war sauber zwischen uns, bis zum eben gar nicht bitteren Ende. Und das nervt.“
„Was sollte einen daran nerven?“
„Liebe… ok… Beziehungen sind nicht sauber. Nie. Verdammt, sie sind immer tragisch. Wenn Hoffnung erlischt ist das immer tragisch. Und wenn du nichts Tragisches an oder in dir hast, wenn du zu allem souverän bist, verletzt du mich damit mehr, als wenn du mich hassen würdest. Du gibst mir das Gefühl, dass ich ein Nichts bin. Für dich. Du …“ Er wusste nicht, was er noch sagen wollte. Er trat einen Schritt zurück. Hatte er gerade wirklich den Begriff 'Erlöschen' benutzt? Oh, verdammt!


„Es tut mir leid, aber … es tut mir leid, dass ich dich mit meinem Verhalten verletzte.“ Dieser Satz war ihr zu bürokratisch. Aber es war ok. Nochmal: „Es tut mir leid.“
„Nein, tut es eben nicht.“ Er drehte sich um, so schnell er konnte.

Das Geräusch der Tür, die bestimmt ins Schloss fiel, trieb ihm das Leid der Einsamkeit durch die Glieder. Auf dem Bordstein angekommen, begleitete "Damian Rice" mittlerweile die Szenerie. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Markenjeans und den Kopf zwischen seine Schultern. Er merkte, wie er sich selbst in dieser Haltung beobachtete. Da gab es ihn, sein Selbstmitleid und sein Unglück. Und es gab ihn, seine Rechtfertigung, seine Unsicherheit. Die bittere Frage, ob er überhaupt ein Recht zu dieser Haltung habe. Er stand immer noch auf dem Bordstein, das Auftreten kaum verändert und fragte sich also, ob er diese Haltung nun annehme, weil sie ihm entsprach oder ob er sie nur annehme, um sich selbst zu zeigen, dass sie ihm entsprach. Dann sah er vor seinem geistigen Auge, sie das Fenster öffnen und ´zu ihm etwas versöhnliches auf die Straße zu rufen. Es war also beantwortet: Er nahm diese Haltung an, um sich selbst zu zeigen, was er da wieder mache.

„Wie lange habe ich eigentlich nicht mehr geheult?“ fragte er sich plötzlich selbst - laut. „Kein Mensch ist absichtlich traurig“ antwortete es von der Metaebene: „Wirklich, kein Mensch ist absichtlich traurig.“ Es war das Klügste, was er in der letzten Zeit von sich gegeben hatte. Kein Mensch ist absichtlich traurig. Als er begann, einen Fuß vor den anderen zu setzen, sah er vor seinem geistigen Auge die Haltung seiner Schultern.