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Donnerstag, 24. Dezember 2015

Milch und Honig

Eine Weihnachtsgeschichte

Diesen Augenaufschlag hat sie nicht von mir, denkt Petra Kleinmeister als sie ihre Tochter beobachtet. Gerade erst hat Linda sich ihrer olivgrünen Jacke mit dem dichten Kunst-Pelz-Kragen entledigt und einen Alibiblick über die Karte geworfen. Jetzt trägt sie dem Kellner einen Latte Macciato auf und ihr Blick durchstößt seinen, wie ein Pürierstab das Gemüse. Vielleicht zittrig nach außen, aber genau wissend, wo es hin gehen muss. Linda ist zu einem Mädchen geworden – Petra Kleinmeister scheut sich, ihre Tochter bereits eine Frau zu nennen –, die in einer Welt lebt, in der es unzählige Möglichkeiten gibt, aber keine Phasen. Ziele, aber keine Überzeugungen. Linda lebt in einer Welt voller Richtigkeiten. In ihrem Abiturzeugnis wird sie bald eine klare Eins vor dem Komma haben, weil sie, wie sie selbst mal in ihrer ganzen Eloquenz gesagt hat „Fleiß nicht als etwas Niederes empfindet“. Und von da an wird sie ihren Lebenslauf, wie bisher schon, ohne Lücken und mit ansteigender Tendenz fortführen. Es ist ein Leichtes für Petra Kleinmeister der Bekanntschaft im Supermarkt mit Stolz von ihrer Tochter zu erzählen. Ein Stolz, den sie nicht erfinden muss, den sie empfindet, der aber seine Konsistenz verändert, sobald sie wieder allein vor der Tiefkühltruhe steht. Zunächst, ein klar umrissener Körper, ein Gegenstand, den man dem Smalltalkpartner in Daten oder im Bestehen vom ewigen Markus entgegen gestreckt hat. Wie der Angelausflug einzig über die Größe des Fangs beschrieben wird. Doch wieder allein, verwandelt sich Petra Kleinmeisters Stolz – und auch ihre Erleichterung! – darüber wie sich Linda entwickelt hat, in eine Dunstwolke, die ihr durch die Reihen folgt. Die Liebe zu meiner Tochter erfüllt mich, denkt Petra Kleinmeister, aber was da in mir umher schlägt wie Milch in der Kanne ist vieles, aber weder warm noch mit Honig. Manchmal erschreckt Petra Kleinmeister bei dieser Frage an sich selbst: Diese Liebe zu Linda, die unbestreitbar und so groß ist, wie die Liebe einer Mutter zu ihrer immer gewollten – wenn auch nicht geplanten – Tochter nur sein kann, macht diese Liebe ihr Leben eigentlich besser?
Als sie vor 6 Jahren das erste Mal hier waren, die Plastiktüten voll mit Last-Minute-Kram, war auch die Deko schon die gleiche. Der Kartenständer trug vergleichbare Flyer und das Licht dimmte vor sich hin. Das Fest der Liebe, stand auf einer der Karten und Petra Kleinmeister weiß noch lebhaft, wie sich damals fragte, wo diese Liebe sich dabei auf den Gastgeber oder den Gast bezog. Die Wangen rot von Kälte und Hast hatten Sie sich auf ihre Heißgetränke und Kuchenstücke gestürzt, die silbernen Tannenbaum-Karikaturen auf jedem Tisch bemerkt und sie in etwas zu großer Geste gemeinsam verspottet. Das Adrenalin einer vollendeten Besorgung. Die kurze, reine Freiheit zwischen zwei To-Do-Listen des Lebens, und das Privileg dieses mit dem eigenen, gesunden Nachwuchs zu teilen. Meine Tochter ist ein ungemein waches Mädchen, dachte Petra Kleinmeister damals und als sie heute an das Bild denkt, welches sie damals zeichnete, erschreckt sie. Auch damals war Linda schon das, was sie bei aller Härte des kalten Beobachters heute ist: eine Ja-Sagerin. Ein kluges, hübsches, herrje: blondes Mädchen, mit dem Instinkt gesegnet, in jeder Lebenslage das Richtige zu sagen oder zu tun. Kraftvoll zu nicken, wenn der Chef es so will, zu lachen, wenn es zielführend ist und zu intervenieren, wenn es galt, ein geistreiches, charakterstarkes, ja sogar feministisches Bild abzugeben – ganz gleich, wie sehr sie wirklich hinter all dem stand, was sie tat und von sich gab.
Vor 6 Jahren – dass war gleichzeitig, das erste Jahr ohne Konrad gewesen, der im Sommer ausgezogen war und das erste mit dem ewigen Markus, den Linda wenige Wochen zuvor erstmalig an geschleppt hatte. Petra Kleinmeister hatte diesen braven Jungen mit schiefen Haarschnitt und Hochwasserjeans damals nicht für voll genommen, als er da ihrem Familientisch saß und im Auflauf wühlte. Wer hätte denn ahnen können, dass dieser Junge mit guten Physiknoten, jedoch ohne größeres Interesse an Sport oder Action (seine Worte!), heute schon länger mit ihrer Tochter in einer Beziehung ist, als sie jemals mit irgendeinem Mann? Selbst für Franz, den Petra Kleinmeister in ihrer Lebensgeschichte vor sich selbst, den Einen nannte, … that got away, gilt dies. Auch Michael, Lindas Vater, hatte Petra Kleinmeister 2 Jahre nach der Entbindung vor die Tür gesetzt. Eine Formulierung, die sie mittlerweile gelten ließ, so wie sich Lindas Vater nicht nur im ehelichen einer 14 Jahre Jüngeren in ein Klischee verwandelt hatte. Mit dieser Entscheidung ist Petra Kleinmeister im Reinen, sofern dies möglich ist. Selbst wenn die paar Elternsprechtagstermine und Lindas betont lebendig vorgetragene Urlaubsanekdoten ein allenfalls gebrechliches Urteil zulassen, dass selbst zur Abgrenzung nur bedingt taugen.
Und doch: Auch nach 6 Jahren nennt der ewige Markus, der mittlerweile, ganz gradlinig, das Physikstudium aufgenommen hat, sie immer noch Frau Kleinmeister und ihr gefällt dies immerzu. Einen gewissen Machtvorsprung hat Petra Kleinmeister in jedem Umgang mit dem anderen Geschlecht gern auf ihrer Seite. Schon in der Pubertät im fromm-gestrengen Elternhaus, deren Hindernisparcours, den ihre Eltern Erziehung nannten, Petra Kleinmeister nur so an die Uni gespült hatte. Schon lange vor Linda war Petra Kleinmeister nicht mehr heimgefahren. Hatte an den Feiertagen als einzige das Studentenheim nicht verlassen. Lieber im Bett gesessen, mit Lacan und Lebkuchen, stolz dem Vater in der eigenen Abwesenheit alles zu kommunizieren, was es zu sagen gab. Befeuert von der Beobachtung, dass jedes Gefühl von Einsamkeit ausblieb. Selbst als die Glocken schlugen. Selbst als vor ihrem Fenster die Musterfamilien vorbei zogen. Selbst im Schnee. Ihrem Vater hat Petra Kleinmeister immer nur so viel zugetragen, wie dieser fähig war zu verstehen. Petra Kleinmeister hatte nie ein Problem damit, den Männern in ihrem Leben zu vertrauen. Sie empfand sie einfach nur nicht als klug genug, sie mehr einzubinden als nötig.
Linda bekommt ihren Latte Macciato und bedankte sich mit einem Nicken über die Schulter. Sie dreht den Henkel auf rechts und nimmt den Keks von der Untertasse und legte ihn wortlos auf die ihrer Mutter. Eine Vertrautheit, die Petra Kleinmeister wärmt wie ein etwas zu heiß aufgebrühter Tee. Man muss ihn etwas in Ruhe lassen, um sich an ihm nicht die Zunge zu verbrennen.
Das ging ja in diesem Jahr super reibungslos?!“
Findest du?“ klingt Lindas Antwort etwas rauer als von Petra Kleinmeister erwartet.
Was soll ich sagen? Ja. Wir kennen uns einfach mittlerweile...“
Oder wir haben aufgehört, uns was Neues auszudenken.“
Petra Kleinmeister wundert, dass Lindas Worte in ihren Ohren so gar nicht feindselig klingen. Im Gegenteil, Linda schickt ihnen ein friedliches Lächeln hinterher. Was gibt es an ihrer Tochter schon auszusetzen, was ist schon falsch an guten Noten, Klarheit und der Fähigkeit, die solide Seite an Männern zu würdigen, vielleicht sogar eine Schwäche für diese zu entwickeln? Ist dieser Mensch nicht alles, was sie diesem Menschen immer gewünscht hatte? Sicher nicht diese phantastische Mischung aus Juliette Binoche und Susan Sontag, die sie sich damals ausgemalt hatte, als sie durch den Schnee stieg und sich selbst mit dem Blick nach vorne und in fremde Wohnzimmer wärmte. Doch, hat ihre Tochter nicht genau den Weg gefunden, ihre guten Eigenschaften zu übernehmen, ohne sich dabei auch ihre Lebenslügen aufbinden zu lassen? Oder vielleicht präziser: Sich ihre eigenen zu suchen.
Was bekommt denn Markus dieses Jahr?“
Einen Rasierer. Der soll seine Macho-Experimente gleich mal wieder lassen.“ Linda dreht ihre Zunge heraus und Petra Kleinmeister sieht sich selbst, kurz vor dem Kinderwunsch. Sieht sich, die Männer als Knete zu betrachten, nicht als Eisen. Als Rohmaterial, dass nur ein bisschen Druck braucht, um sie in die richtige Form zu bringen. Dann aber enttäuscht (und wütend!), wenn doch die Feuererhitzung von Nöten ist.
Petra Kleinmeister lächelt mit. Ihre Tochter war immer eine gute Tochter. Sie hat nie Geburtstage vergessen und regelmäßig den Abwasch erledigt. In einem ihrer wenigen Streits hat sie mal gebrüllt „Ich könnte auch cracksüchtig sein“. Linda weiß genau, was ihre Trümpfe sind, aber warum sollte man ihr daraus einen Strick drehen. Sie verbringt die Weihnachten im Wechsel bei ihr und Michael. Die Jahre bei ihr sind ein Liebesdienst. Ein Dienst. Dieses Jahr eben ein fettes Jahr bei Michael, dessen Volkswagen-Charme bei ihrer gemeinsamen Tochter eine weitaus längere Halbwertszeit zu besitzen scheint, als bei Petra Kleinmeister. Aber die lässt ihr jährliches Last-Minute-Happening mit ihrer Tochter nicht ziehen, selbst wenn der Zauber von damals einer Routine von Nostalgie gewichen ist.
Hier!“, sagt Linda und schiebt einen schlicht verpackten Quader über den Tisch. Petra Kleinmeister hat sich noch nie theatralisch viel Zeit beim Geschenke auspacken gelassen.
Eine Uhr?“, muss Petra Kleinmeister es aussprechen, um es zu glauben. Eine teure, die genauso aussieht, dass man es mitbekommt, aber erst wenn man genau hinschaut. „Was soll ich sagen?“
Wie kannst du das...“
Nein!“, hebt Linda den Zeigefinger. „Nein! Aus! Ist von Oma, Opa und mir... sag einfach, ob sie dir gefällt.“
Das tut sie“. Petra Kleinmeister betrachtet ihre neue Uhr, die es irgendwie an ihr Handgelenk geschafft hat und im Angesicht der eigelben Rotorblätter mit graumelierter Umrandung wird es ihr ganz klar. Dieses Geschenk, dieses Übermaß an Sinn, Schönheit und Großzügigkeit symbolisiert alles was ihre Tochter zu diesem wunderbaren Wesen macht, das sie ist. Eine 1-Schülerin, eine nachsichtige, sensible 18-jährige mit Geschmack und Humor. Sie, ihre Mutter, hat ihr ganzes Leben versucht, jeden Sturz, jede Sorge von ihrer Tochter zu nehmen und jetzt wirft sie ihrer Tochter vor, noch keine Narben in Gesicht und Seele zu haben. Das ist nicht nur unfair, es ist selbstgerecht. Nur, was sich Petra Kleinmeister eigentlich wünscht, ob nun in Geschenkpapier oder nicht, sind billige Insider mit Anzüglichkeiten, Konzertkarten, eine gemeinsame Erinnerung, eine sensible Beobachtung, ein Kommentar, ein gutes Buch, verdammt! Irgendetwas, dass etwas über sie als Frau erzählt oder erzählen wird. Etwas, dass zwischen ihr und ihrer Tochter stehen kann, wie eine Slackline, die zwischen zwei kräftigen Bäumen gespannt ist. Immer für ein Abenteuer als auch einen Absturz zu haben. Petra Kleinmeister wird klar, sie hat die beste Tochter der Welt – und alles was sie sich wünscht, ist eine Freundin.

Zuhause macht sich Petra Kleinmeister Musik an und öffnet den Wein. Vielleicht bekommst du heute Nachwuchs, grüßt sie im hinübergehen den Teppichfleck vom letzten Mal. Auch in diesem Jahr lernt Petra Kleinmeister an Weihnachten allein zu sein. Sie lernt es jedes Jahr aufs Neue. Die Uhr sagt, dass es noch zu früh ist zum Schlafen. Petra Kleinmeister geht nie früh ins Bett, ist ein Nachtmensch, immer in Sorge, etwas zu verpassen. Sie öffnet die Balkontür und tritt heraus. Das Nichts der Weihnachtsnacht, die Leere des Idylls der Anderen. Das Ausbleiben von allem befruchtet die Erinnerung. Im Gartenstuhl, unter der Wolldecke aus dem Fuerteventura-Urlaub, führt sie in diesen zurück. Last-Minute, mieses Hotel, mehr war damals für sie beide nicht drin. Wie die vierjährige Linda nackt am Strand tobte, den Babypo tief im Sand vergraben und Petra Kleinmeister, ihr Buch seit Stunden auf dem Buch, sich am liebsten auch die Klamotten vom Leib gerissen hätte und ihre Sandburg daneben gebaut hätte. Heute wäre das mit ihrer Tochter nicht möglich, denkt Petra Kleinmeister: „Alte Keuschheitstrulla“ und ein Grinsen begleitet das öffnen der zweiten Flasche.
Ich muss meine Erwartungen ändern, denkt Petra Kleinmeister, als sie sich schließlich ausmalt, wie ihre Tochter und ihr Vater gemeinsam mit der viel zu jungen Mutter des Hauses und dem ewigen Markus an einem Tisch sitzen, essen und anregende, wenn auch erwartbare Gespräche führen. Ich brauche Umgang, sagt sich Petra Kleinmeister, ich kann Linda das nicht aufladen. Wer weiß, wie lang das schon so geht. Dann bin ich halt Mutter. Ein Job, den ich scheinbar sehr gut kann, denkt Petra Kleinmeister und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Fest der Liebe, denkt Petra Kleinmeister. Dass sich ihre Träume eines selbstbestimmten Lebens nicht erfüllen würden, dass war immer ihre größte Angst gewesen. Nun aber hatten sich diese Kräfte verschoben. Petra Kleinmeisters Leben war schmerzhaft selbstbestimmt. Es war bestimmt von einer Arbeit, die sie abspulte, der Isolation fehlender Hobbys und Freundeskreisen und einer Tochter, die ihre Hilfe nicht brauchte. Und Petra Kleinmeister hatte Angst, dass niemand, sie selbst eingeschlossen, würdigen würde, wie gut sie mittlerweile damit zurecht kam. Wer wusste schon, ob ihr so unterschiedliche Umgang mit dieser Sache namens Leben, sie vielleicht mehr als nur irritierte, vielleicht sogar neidisch mache auf ihre Tochter. Ganz tief hinten im Kopf, wo selbst die eigens gewählte Alleinständigkeit manchmal Risse bekommt. Weihnachten, das Fest der Liebe, denkt Petra Kleinmeister und es klingelt.
Du hast doch 'nen Schlüssel“, sagt sie, als sie ihre Tochter im Treppenhaus sieht und merkt gleich, dass sie etwas anderes, etwas überraschtes hätte sagen sollen. Doch Linda scheint das nicht zu stören.
So isses aber dramatischer.“ Linda huscht hinein.
Hast du getrunken?“
Es ist Weihnachten. Was denkst du wohl?“
Das meine ich nicht.“, sagte Petra Kleinmeister und deutete auf den Autoschlüssel in Lindas Hand.
Nochmal: Es ist Weihnachten. Die Straßen sind vollkommen leer.“
Alles ok?“, fragt Petra Kleinmeister und obwohl sie ihren Ton als viel zu mütterlich empfindet, geht sie Lindas Gesicht und Haltung nach Heulspuren ab. Aber da sind keine, keine Verstimmung, nur die gleichgültige, erwartungsvolle Betrunkenheit einer 18-jährigen 1-Schülerin.
Schlafen alle. Langweiler! Alle!“, sagt Linda und geht mit klarer Mission ins Bad. Petra Kleinmeister verkneift sich jeden Witz oder Frage zum ewigen Markus und stolziert stattdessen ins Wohnzimmer. Sie dreht die Musik etwas lauter. Fest der Liebe, denkt Petra Kleinmeister. Freundschaft wird unterschätzt, denkt Petra Kleinmeister.
Hast du Lust auf Whiskey? Mit Honig. Ich hab Lust auf Whiskey.“ ruft Petra Kleinmeister durch die Tür, und ohne eine Antwort abzuwarten, geht sie zurück in die Küche.

Whiskey? Das trinken doch nur Männer“, ruft Linda aus dem Bad heraus und selbst wenn Petra Kleinmeister, den Kopf im mittleren Fach vergraben, die Ironie nicht mal hört, sagt sie nur: „Ich hab dich nicht dazu erzogen, zu fragen was Männer und was Frauen tun, Missy“. Und als die Eiswürfel ins Glas rasseln, bemerkt Petra Kleinmeister, dass es durchaus möglich ist neckisch und mütterlich gleichzeitig zu sein. Vielleicht sogar über die Feiertage hinaus. 

Dienstag, 23. Dezember 2014

Heimspiel

Eine Weihnachtsgeschichte

Pastor Pranke juckte es. Auf gleich zweierlei Arten. Zunächst war da das offensichtliche. Sein Stand auf der Kanzel war gerade, beide Handinnenflächen gleichmäßig um das Mikro gelegt, der Rumpf stabil. Eine Haltung, die seinen Worten eine beabsichtigte Ernsthaftigkeit wie Würde verlieh, nicht aber dazu vermacht war, sich beiläufig und fröhlich-egal am Steißbein entlang zu fahren. Das zweite Jucken kam von Außen. Das Balg der Steinhöfers hatte Hunger oder war verschüchtert oder müde oder was auch immer. Pastor Pranke hatte keine Ahnung von Kindern, kein Interesse. Deswegen war er hier gelandet. Ganz anders als viele seiner Kollegen. Jene, die das Worte Liebe viel zu oft nutzten und schon im Priester-Seminar sich nicht zu schade waren, beruhigende Begriffshülsen wie Herde, Schaf und Weinberge aufzuschütten. Etwas, wie Pastor Pranke nicht ohne stolz feststellte, nie in den Sinn kam. Er stand gerne hier oben, die Schultern allem überlegen, und redete von Gott.
Die Gemeinde hasste ihn, das war ein offenes Geheimnis. Seinen Kollegen, Pastor Göhlert, jubelten sie zu. Göhlert war jung und motiviert und schwul und biederte sich an. Das ganze Klischee. Er nahm selbst am Krippenspiel teil, schwang einen Besen dabei, grunzte aufmerksamkeitshaschend am Strohberg vorbei und johlte verständnisvoll wann immer einer der angehenden zu-Firmenden-Pubertäts-Vollpfosten zu faul oder zu dumm oder beides war, um sich 3 Zeilen Text zu merken. Als er in der Gemeinde ankam, sah man sein leeres Ohrloch und ein paar blonde Strähnen, war ebenfalls noch nicht ganz herausgewachsen. Seine Predigten waren ein einziges Staccato an Glücksformeln und Sinnphrasen. Alles Sinn bei ihm machte Sinn und immerzu schlossen sich in seinen Ansprachen Türen und gingen wieder auf. Tür auf, Tür zu, Tür auf. Am Ende waren sie immer offen. Göhlert war, wie Pranke fand, nicht ganz dicht.
Als das Spiel zu Ende war und das Klatschen des Saales genauso höflich verstummt war wie es angefangen hatte, rang sich Pastor Pranke ein „Danke für die Darbietung“ ab. Die Lokalpresse hatte ihn, wie die Jahre zuvor auch, kürzlich gefragt, ob er es nicht schade finden würde, dass die Kirche nur an Weihnachten so voll sei. Sicherlich, hatte er im geübten Ton geantwortet, sei es schade, dass „viele den Weg zu uns nur an den Feiertagen finden“, aber er freue sich über jeden Menschen, zu jedem Anlass. In solchen Momenten musste Pranke immer an Philipp Lahm denken. Der sagte auch immer das gleiche und richtige. Ein adretter, tüchtiger Mann, der nichts dafür konnte, jede Woche nach dem gleichen Ereignis, die gleichen Fragen gestellt zu bekommen. Und sie dann jede Woche aufs neue aber nicht neu zu beantworten. Pranke mochte diesen eigens entworfenen Vergleich von ihm. Weihnachten war sein Heimspiel. Göhlert hatte ihn mal mit ins Stadion geschleppt. Sie waren viel zu früh da gewesen und die ersten auf ihren Plätzen. Das Flutlicht war von unendlicher, fast erdrückender Klarheit gewesen und ein paar Spieler waren in Trainingsanzügen und mit dicken Kopfhörern über den Platz geschlichen. Jeder für sich. Wie sie scheinbar an nichts anderes dachten, als daran den einen vor den anderen Fuß zu setzen. So warteten sie, die Müdigkeit von Zoo-Löwen in den Gliedern, auf die Massen, die ihnen etwas zurufen und dumme Fragen stellen würden. Da musste Pranke automatisch an seine Kirche denken. Wie sie morgens um 6:30 Uhr roch, als er sie aufschloss, ein paar Kerzen anzündete, ein stummes Gebet vollzog und sich in einem verstohlenen Moment etwas zu viel Weihwasser ins Gesicht und auch hinter die Ohren träufelte. Wenn er nicht Pastor geworden wäre, dann wohl Architekt, dachte Pranke gerne und hoffte Göhlert würde noch etwas länger am Würstchenstand brauchen.
Doch heute geht es nicht nur um Geschenke“, sagte Pranke ohne Haltung oder Stimmlage zu verändern. Ohne Ironie, ohne irgendeinen Versuch seine eigenen Worte selbstgefällig zu entkräften. Er lugte über seiner Lesebrille hervor, um seine Zuhörer doppelt ins Visier zu nehmen. Er suchte den Anblick von Frau Schauert. Sie wollte immer, dass er sie Hedwig nannte, was er aus Anstand auch tat. Aber Frau Schauert war ihm lieber. Sie hatte ihn vor diesem und anderen Sätzen in seiner Ansprache gewarnt. Vor fast allen, aber vor diesem mit dem meisten Nachdruck. Frau Schauert war verwitwet, hatte eine Tochter irgendwo im Ausland und zusammen saßen sie ein paar Mal die Woche in Prankes Büro, aßen ihre trockenen Kekse und lasen still nebeneinander die Zeitung. Sonntags fragte er sie, ob er die kurze oder die lange Stelle aus dem Evangelium lesen sollte. Frau Schauert wollte immer die kurze und er tat ihr den Gefallen. Aber die Geschenke-Sache war ihm zu wichtig. „Ihr werdet gleich alle nach Hause gehen und euch über eure neue Playstation freuen oder euer neues Fahrrad, aber haltet kurz inne“, sagte Pranke, keinen Gedanken daran verschwendend wie viel Angriffsfläche er damit wieder bot und sein Blick ging die Reihen ab. Der Älteste der Mahrhoffs blickte ihn an, dann wieder auf seine Hüfte wo sein Handy lag, dann wieder zu ihm und zurück. Als würde er autofahrend SMS-schreiben und Pastor Pranke war die Leitplanke. Den Steinhöfers war ihr Balg peinlich. Zurecht, natürlich! Aber sie waren nicht souverän genug einfach den kurzen wie schmerzlosen, für alle beteiligten sinnvollen Gang durchs Mittelschiff nach draußen zu gehen. Stattdessen saßen sie drei da, Papa, immer noch in seinem verhassten Feiertags-Mantel steckend, tat so als würde er zuhören und Mama, für sich immer einredete religiös zu sein, wiegte das Schreiteil in den nicht kommenden Schlaf, mit Bewegungen die weniger ein Wiegen als mehr ein aggressives Zucken waren. Daneben die Blaukopfs – verdammte Hippies. Göhlerts Gruppies. Immer kurz vorm Weinen und immer am Nicken, wenn ein Satz des Kollegen die Welt in Zuckerfarben malte und wieder mal nach Habt-euch-alle-lieb-Opiaten gierte. Die Frau trug ausschließlich pastell und er war impotent. Weswegen sie in bester Postkartenmanier beschlossen hatten, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. In den nächsten Jahren, wenn ihnen Jesus nicht mehr reicht, dann wird es wohl ein Nordafrikaner werden, oder die Scheidung.
Frau Schauert fixierte Pranke. Ein minimales Lächeln vor der trockenen Gesichtshaut. Jetzt ertrag es, bade es aus, schien sie ihm zu zurufen. Nichts lieber als das, dachte er und sog das hörbare Augenrollen des Mobs in sich auf. Langweilt euch! Mir mir. Schindet euch, überwindet etwas, einmal. All das dachte Pranke und kam zum Ende. Er sagte Fröhlichkeit, wo Göhlert wahrscheinlich Glück gesagt hätte und schritt ohne auf eine Reaktion zu warten von der Kanzel herab. Auf den unteren Stufen konnte er die klammheimliche Erleichterung hören, wie das Geräusch einer müden Schulklasse, die aufschreckt, wenn der Lehrer den Fernseher hereinrollt.

Göhltert sprang auf, sein vom blinden Genuss aufgeblähter Bauch vor ihm, und dankte den Zu-Firmenden, übergab ihnen kleine Geschenke und junggebliebene Grußkarten mit handschriftlich verfassten Sinnbotschaften auf dem Rücken. Eine der Alsbachs flüsterte hörbar „Das ist ja so lieb“ durch den Raum und wechselte ihren 50-Euro-Schein für die Kollekte in einen Hunderter. Dann forderte Göhltert die Gemeinde zum Aufstehen auf, ließ das Licht dimmen und der Organist stimmte „Oh, du Fröhliche“ an. Nach kurzer Zeit verschwanden auch die LED-Lichter im Raum und man sang. Pranke hatte die Arme auf dem Rücken und flüsterte den Text. Gleich würde er allen die Hand schütteln, während sie durch ihn durchsahen. Und wenn alle dann endlich bei ihren Mp3-Playern und freundlichen Worten waren, würde er mit einer Flasche Wein und einem Käsebrötchen in seinem Büro sitzen, vielleicht Bach dazu hören oder ein Buch lesen. Er würde auf Schnee warten und auf Frau Schauert, und irgendwann würde er, die Hände immer noch auf dem Rücken, durch seine verlassene Kirche schlurfen. Er würde eine Kerze anzünden und denken, dass er sich Gott immer näher fühlte als Jesus (ganz gleich wie sehr man ihm im Pristerseminar diesen Gedanken um die Ohren hauen würde). Er würde die Gebetsbücher ordnen und denken: Ihr seit mein Kreuz, ich bin eures. Und am Ende legen wir es ab und es geht uns besser. Pranke bemerkte sein eigens, seliges Lächeln im Gesicht, was er sich sofort verbot. Das Lied kam zum Ende und für einen fast nur zu erahnenden Moment gab sogar das Steinhöfer-Balg Ruhe.   

Dienstag, 17. Dezember 2013

Call Of Duty

Eine Weihnachtsgeschichte

Der Streit bricht dieses Jahr bereits vor dem Mittagessen aus. Manuela zerschlägt eine Kugel des Christbaumschmucks, was Mutter seufzend kommentiert. Dass sie diese Arbeit ja gar nicht machen müsse, verteidigt sich Manuela, und wo eigentlich Anja sei, die doch helfen wolle. Worauf Mutter sich beklagt, dass alle diese „Familientradition“, als Arbeit empfinden würden. Was Manuela ein wenig zum Weinen bringt. Sie ruft „Druck“ und „Nachteil“ und hadert mit ihrer Rolle als der Ältesten, was im Ausruf „Ich bin nicht alle“ seinen Höhepunkt findet. Nachdem Mutter ihre Entbehrungen für diese Familie aufgezählt hat, knallt eine Tür und ich kann mir dem Eindruck nicht verwehren, dass es auch bei diesem Streit unterschwellig darum geht, dass meine Eltern sie tatsächlich Manuela genannt haben.
Komm mal mit“, sagt meiner Vater und schleift mich mit rudernden Bewegungen hinter sich her.
Och nö“, sage ich und folge ihm.
Doch. Ich will dir was zeigen“, sagt er und macht das Kellerlicht an.
Sag nicht, du hast jetzt 'ne Modelleisenbahn.“
Vater rudert weiter und schlurft die Treppen hinunter. Noch bevor ich durch die Tür seines Arbeitszimmers bin, höre ich das Zischen einer geöffneten Getränkedose. „Da!“, sagt Vater und wartet auf Lob.
Ok. Äh... Ok.“, sage ich und die Pupillen meines Vaters weichen zurück. Ein Bier in der Hand sehe ich mich um. Ein Stapel Sport Bild liegt neben einem Sessel mit dunkelblauem Baumwollüberzug. Die Lehnen sind ausgefranst und zwei aufgerissene Nähte bringen gelben Kunststoff zum Vorschein. Davor steht eine Apparatur aus Mini-Flatscreen, Mini-Boxen und Mini-Bar, davor eine Spielekonsole und Plastikhüllen mit Gewehrläufen, Gasmasken und Nachtsichtgeräten darauf.
Prost!“, ruft Vater, nickt zufrieden und wischt sich die Feuchtigkeit aus dem Mundwinkel.
Prost“, sage ich und kann nicht an mich halten: „Kannst du dir keinen Porsche kaufen, wie die anderen Kinder auch?“
Ach quatsch“, ist Vater trotzig wie so oft in den letzten Jahren: „Ist doch total cool, hier“ und in seiner Betonung des Wortes Cool steckt die ganze Verzweiflung seiner Lebensphase.
Und wenn Mutter dir das Taschengeld kürzt, verziehst du dich hier runter?!“
Oder wenn der FC spielt“, antwortet er, deutet auf dem Pay-TV-Receiver und wir trinken beide: „Hättest du doch bestimmt auch gerne.“
Ich hab nicht mal einen Fernseher, Papa.“
Ja, stimmt“, wird Vater nachdenklich: „Na ja“, sagt er, trinkt noch einen Schluck, stellt die halbvolle Dose in zurück und geht nach oben. Es hatte geklingelt.

Frida stürzt herein. „Bruderherz“, fällt sie mir um den Hals und küsst mich ab. „Ist das ein Knutschfleck?“, fragt sie und tippt auf meiner Brandnarbe am Hals herum, als wäre sie ein Reset-Knopf. Sie macht diesen Witz jedes Mal und ich finde ihn immer noch nicht gut. Sie ist noch dünner als letztes Jahr. Anja rennt über den Flur und fällt Frida um den Hals. Unvermittelt will sie ihre Meinung nach einer bestimmten Website wissen. Vom ganzen Krach angelockt, kommt Manuela die Treppe hinunter. Sie grüßt, während sie das Geländer fest im Griff hat. Frida macht keine Anstalten, den dicken Wintermantel auszuziehen. „Hallo“, ruft nun Mutter mit Anstrengung auf der Zunge und steckt die Hände in die Hüfte. „Und, freut ihr euch schon?“, ist das erste, was sie fragt. Wir nicken höflich.

Nach der Messe haben wir alle unser bestes Elternsprechtag-Grinsen auf und schütteln Hände. „Guck mal, die Junge von den Gilberts ist wieder schwanger.“, flüstert Frida.
Ja, der Vater ist, glaub' ich, in Afghanistan.“, nicke ich.
Anja, pack dein Handy weg. Es ist heiliger Abend“, fordert Mama. Ihr Wisch durch ihre Strähnen verrät ihre Sorge, dass man uns zuhört.
Was hat das damit zu tun? Sind Handys an Weihnachten verboten?“, fragt Anja, wie ich finde, nicht zu unrecht.
Heute ist Familie, morgen kannst du wieder mit deinen Freunden schreiben“, springt Manuela ein. Ihre Kette hat einmal Oma gehört.
Komm, lass uns gehen“, sagt Frida und hackt sich bei mir ein. Wir schlittern nach Hause und treiben Anja vor uns her. Manchmal lacht sie übertrieben laut über etwas in ihrem Display. Aber als wir sie auch beim dritten Versuch nicht fragen, was denn so lustig sei, lässt sie enttäuscht davon ab.
Wie geht’s denn Björn?“, fragt mich Frida.
Weiß ich nicht.“
Wie, du weißt es nicht?“
Ich weiß es nicht.“
Frida überlegt: „Ach komm, nicht wirklich. Schon wieder?“
Schon wieder... “, sage ich und bin mir meiner Schuld bewusst. Der Schnee knarzt unter meinen Schuhen, als würden wir über einen Speicher gehen, der lange nicht mehr betreten wurde.
Wie lange ging es diesmal? 3 Monate? Du musst dein Leben in den Griff kriegen, Mann!“, sagt Frida und boxt mir in die Seite: „Erzählst du Mama und Papa davon?“
Die wissen alles, was sie wissen müssen.“
Willst du sie nicht teilhaben lassen?“
Nein. Ich will nicht nochmal von Papa so angeschaut werden. Ich bin nicht hier, um mich … mitzuteilen.“
Warum sollte wir denn sonst nach Hause kommen?“, fragt Frida. Sie klingt nicht wie jemand, der von seinen eigenen Worten überzeugt ist.
Weiß nicht. Weil es …“
Frida kratzt sich die Nase: „Vielleicht...“
Weil es noch falscher wäre nicht zu kommen“, werfe ich hinterher.
Wärst du denn heute gerne woanders?“
Nein. Aber deswegen muss es mir noch lange nicht gefallen.“ Frida grinst. Ich fahre fort: „Ich muss mich nicht öffnen. Ich bin von hier weg, um mich nicht mehr öffnen zu müssen. “
Du hast ihn nur erschreckt. Welcher Vater nimmt so was einfach auf. Meinst du nicht, es würde sie freuen, für dich da zu sein?“
Sagt meine kleine Schwester, die sich seit Jahren zu Hause nicht traut, ihre Stulpen vom Handgelenk zu nehmen.“
Arsch“ zischt Frida, zieht ihren Arm aus meinem und boxt mich erneut in die Seite. Diesmal tut es weh.

Zur Bescherung läuft Schuberts Ave Maria – weil das schon immer so war. Die Freude über die Geschenke ist von jener Begeisterung dominiert, genau das zu bekommen, was man dem anderen aufgetragen hat, zu besorgen. Niemand weint, es ist ein gutes Jahr.

Zur Suppe gibt es, wie immer, Weißwein, zur Ente, wie immer, Rotwein und zum Eis Obstler, wie immer. Es läuft immer noch Schubert aber er wird mit jedem Glas weniger nervig. Etwa zwischen dem ersten und zweiten Stück Ente ist es Zeit für die Bestandsaufnahme. Manuela berichtet von ihrem Kollegen, der vielleicht etwas wäre. Sie ist befördert worden, ihre Katze war beim Arzt und ihre neue Wohnung sei auch sehr gemütlich mit dem neuen Teppich. Ich wünsche ihr, dass sie irgendwann akzeptiert, dass die Rolle der Ältesten genau richtig für sie ist. Anja erzählt von ihrer verbesserten Deutschnote und von Mirko, der offensichtlich ein Arschloch ist.
Soll ich ihn verprügeln?“ frage ich. Anja nickt.
Frida kratzt sich am Ohr und stottert Worte wie „Relaunch“ und „Projektkoordination“, und das mit diesem Lächeln, das ihr schon so viele Türen geöffnet und so viele Probleme gemacht hat.
Ich freue mich, dass es meinen Kindern so gut geht“, ruft Mutter, und stemmt die Hände in die Hüfte.
Unseren Kindern“, sagt Vater und grinst.
Unseren Kindern, jaja.“. Sie stoßen an und mir wird bewusst, wie lange ich nicht mehr hier war.
Mein Blick fällt auf Fridas Handgelenk, das sie sich kratzt. Ich mache mit und kratzte mich spiegelverkehrt. Frida sieht das und kann zu meinen Glück darüber lachen. Anja fällt die Gabel auf den Boden, wofür sie von Manuela einen bösen Blick erhält. Ich knöpfe mein Hemd auf.

Weit nach Mitternacht, die Damen sind längst im Bett, sitzen Vater und ich im Keller und spielen Krieg. Er sagt „zocken“ dazu und selbst das ist mir zu dieser Uhrzeit egal. Als der Ladebalken eines neuen Levels blinkt, frage ich: „Wie geht’s denn dir?“, und merke, dass ich diese Frage beim letzten Mal hier unten hätte stellen sollen.
Vater knurrt und bricht auf der Flanke mit seinem Panzer durch. „Du musst auf den Radar gucken, wenn du unter Beschuss genommen wirst“. Ich falle und lasse den Controller in meinen Schoss sinken. Vater beendet das Level. Ich schaue ihm dabei zu.
Uns geht’s gut“, sagt er unvermittelt, ohne vom Bildschirm aufzublicken: „Es war ein ruhiges Jahr.“
Das mag wohl sein“, sage ich.
Doch. Ich finde uns geht’s gut.“
Ok.“, nimmt meine Stimme eine Abwehrhaltung ein: „Findest du nicht, dass wir uns zu wenig kennen?“ Ich bin überrascht, wie intuitiv ich die Frage stelle.
Geht“, sagt er und schnieft: „Versteh mich nicht falsch, mich interessiert was ihr treibt. Aber ich finde das zu viel verlangt. Familien müssen sich nicht verstehen oder kennen. Familie muss nur da sein. Keine Ahnung, es ist Weihnachten, alle sind ganz zufrieden, alle sind gesund. Findest du nicht?“
Was finde ich nicht?“,
Gehts uns nicht gut? Die Ente heute, die war doch gut.“
Ich denke an Manuela und ihre Halskette, an Frida und ihre Stulpen, an Mama und ihre Schürze.
Vielleicht“, sage ich und folge Vater in ein Sumpfgebiet.