Donnerstag, 4. Dezember 2008

Schnee, der in Dreckslöcher fällt

Ich würde lügen. Ich würde bösartig, hinterlistig lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir die Welt verändert hätten. Das draußen von nun an die Flocken aufwärts steigen und der Matsch zu purem, reinen und unberührten Schnee werden würde. Die Welt war nach diesem Abend, die Selbe die sie auch schon zuvor gewesen ist. Mit allem was dazu gehört.
Unter anderem die Wohnung, in der wir uns ab etwa 21.30Uhr einrichteten. Eine Festplatte guter Musik, ein mit Aufbackbaguette gefüllter Ofen, IKEA-Tisch und der darauf abgestellte Alkohol. Darum 4 Kommilitonen und die Idee eines Trinkspiels, bei dem jeder den Tequilla leeren muss, der nicht fähig ist zum eben vom Nebenmann genannten Film einen Schauspieler zu nennen. Was beim Scrabble das Wörterbuch, ist hier imdb.com. Nach Mitternacht wird auf Martini umgestellt. Mit diesem nimmt die Konzentration auf das Spielchen ab und die zu den jeweils genannten Filmen geäußerten Stammtischparolen übernehmen die Überhand. Es ist eine Assoziationkommunikation. Ein Wort ergibt das Andere. Jede Meinung findet einen Gegenpart, jede Idee, eine Abneigung. Ein Film ergibt den Nächsten, eine Filmmusik den nächsten Darsteller und dieser einen Regiesseur.
Von Magnolia und darauf über Youtube gesuchten Aimee Man, gelangt die Runde zu Queens Of The Stoneage und über Umwege zu Scorsese, "Hard Candy" und später auch Tarrence Malik und sein von uns allen Seiten selten einig für grandios befundenes Meisterwerk „“The Thin Red Line“.
An diesem Punkt erreicht der Abend einen Wendepunkt. Mit diesem Film und der alteingesessenen Frage nach der Existenz des Anti-Kriegsfilms wird es (etwas) politisch. Wir sitzen nicht bei Anne Will in der Berliner Kuppel, aber den Stammtisch haben wir immer noch nicht ganz verlassen. Das ändert sich, als jeder erstmal ein paar Sätze, die ihm grundsätzlich auf der Seele brannten los geworden ist. Ab diesem Punkt wird die Diskussion gradliniger. Und als gegen 2.30Uhr das Thema geklärt und die Konzentration zurück gekehrt ist fällt Schnee auf Fenster in der Dachschräge.
Die Diskussion wird persönlicher, lauter, aggressiver. Von Afrika, der dortigen, westlichen Verantwortung nach der Kolonialzeit, Globalisierung, Europas Selbstfindung seit dem 30jährigen Krieg, der dabei (nicht) zu findenden Analogie zu Afrika heute, führt uns erneut zum schwarzen Kontinent. Unsere Meinungen darüber sind, wie immer, emotional befleckt, wenn diesmal auch deutlich mehr als sonst. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dies als unsachlich und hinderlich zu bewerten. Vielmehr ist es ehrlich. Ob naiv, zwanghaft optimistisch, melancholisch gleichgültig oder eine ausgewachsene Aggression gegen alles und jeden; alles hier von uns vier vorgetragene Etwas ist grundehrlich. Wir sind ehrlich, wenn wir sagen, dass wir genauso wie alle anderen auch nichts tun, dass dieser Abend, diese Diskussion reiner Selbstzweck ist und dass wir eigentlich diese Welt nicht ändern wollen. Ob wir es nickend, weinend oder mit Schaum vorm Mund sagen, wir sagen es. In den Zeilen oder dazwischen. Der Tequilla in unserer Blutbahn ist dabei schon lange nicht mehr wirksam.
Irgendwann wird es müde. Die Fähigkeit dem Gegenüber zu zuhören geht vor die Hunde, Beleidigungen wechseln den Adressaten und gegen 5.30 hat der Gastgeber den Geistesblitz Tee aufzusetzen. Beide Hände an der großen Tasse, endet dieser Abend wie ein guter Film. Er warbt seinem Ende entgegen. Wie in „The Thin Red Line“ ist das Gemetzel, das ganze Chaos über uns eingebrochen, hat Unmengen an Fragen aufgeworfen, auf die wir keine Antwort haben. Was bleibt ist der schlichte Abspann, weiß auf schwarz und ein trüber Chor sind melanesische Lieder, die zwar schön aber dadurch auch entlarvent sind. Das Licht geht an, die Idioten sind bereits hektisch raus gerannt und du presst dich noch ein letztes Mal kurz in den Sitz.
Um kurz vor 7Uhr steige ich aus dem Bus aus. Die Sonne mit mir. Ich werde heute oder morgen weder auf eine Demonstration gehen, noch Flugblätter verteilen. Ich werde nachdem der Biomarkt bereits geschlossen hat bei Aldi an der Kasse stehen, Hackfleisch in der Hand und diese komische Uni-Wahl völlig vergessen. Aber das wäre auch ohne diesen Abend der Fall gewesen, also lassen wir die Moral endlich mal Beiseite, die hat hier eh nichts zu suchen.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause läuft mir der Matsch über die Schuhe. In Puff und Schwulendisko ist auch schon das Licht aus. Sogar die Batterien meines Mp3-Players haben keinen Saft mehr, wofür es keinen besseren, weil unbedeutenderen Zeitpunkt geben könnte. Denn; es geht mir gut. Hier, in dieser Welt in der – ohne jede hier selbst schützende – Ironie Kinder in Afrika sterben, vielleicht sogar weil ich nicht im Biomarkt kaufe. Hier, in dieser Stadt zwischen Bordell, Dreck und nicht fahrenden Bussen, habe ich etwas gefunden. Habe ich Leute gefunden, mit denen ich gerne die Dienstagnächte verbringe, womit auch immer. Leute mit Plakaten im Treppenhaus, gutem Musik- und Filmgeschmack und einer Menge Lebensbejahender Energie, die nicht in jedem zu finden ist.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass diese Welt sich verändert hätte, gestern.
Aber ich fühle mich doch deutlich wohler und besser in ihr zurecht. Ich fühle mich zu Hause.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Ein Experiment

1. Machen Sie Musik an die Sie mögen
2. Lesen Sie folgenden Text. Denken Sie nicht.

Eine Milchstrasse. Ein Fahrrad mit Stückrädern. Ein 10Meter-Strungbrett. Eine Sonnenuhr. Eine kurze Antwort auf eine lange Frage. Ein Zopf der sich in sich selbst versteckt. Eine Idee. Eine melancholische Melodie. Ein Mars. Ein Stück unbenutzte Seife. Ein roter Tennisball. Ein Lächeln. Eine vom Schnee gesäumte Strasse. Ein Kinderspielzeug. Eine Drehtür. Ein Rausch. Ein Eiszapfen an der Dachrinne eines Bauernhofs. Eine Palme. Ein Paar abgenutzter Turnschuhe. Ein Witz. Ein Cocktail. Ein frisch gebügeltes Hemd. Eine Jeans mit Grasflecken. Ein Pyjama. Ein tropfen Schweiß. Ein Ausrufezeichen. Eine Schaumkrone. Ein Heuballen. Eine Zugabe. Ein Kuss im Regen. Ein verweinter Leadschatten. Eine Windmühle. Ein Oma der du im Zug Platz machst. Ein Orgasmus. Ein Fragebogen, mit Fragen, die du noch nie gehört hast. Ein Foto. Eine Schafsherde im Regen. Eine Sonnenblume. Ein ungebundenes Buch. Ein weinender Sportler. Eine Wolldecke. Eine Erinnerung. Ein unangeschnittener Würfel Butter. Eine Flanke. Ein Wasserfleck auf dem Spiegel. Ein Wortspiel. Ein Bagger. Ein Nachtisch. Ein volles Kino. Eine leere Autobahn. Eine Mundharmonika. Eine Flamme. Ein Kreis. Ein Freund. Eine Träne. Ein Glas Wein. Ein kleiner Finger über einem Großen. Ein Daumen. Eine Textzeile. Eine Silbe. Ein Schwamm. Ein Fenster. Eine neue StudiVZ-Nachricht. Ein Spiel. Ein Rhythmus. Ein Zeitungsartikel. Ein Blick zum Himmel. Ein Tanz. Ein Leuchtturm. Ein altes Buch. Ein Marktplatz. Ein Gespräch. Ein Schweif. Eine Fee. Ein Ziel. Eine Vision. Ein Anfang.

4. Lächeln Sie.

5. Tun Sie was Sie wollen.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Für immer die Menschen

Es gibt wahrlich komische Menschen. Und mit „komisch“ ist nicht dieses liebevolle „ich-kanns-nicht-beschreiben-aber-es-ist-irgendwie-süüüüß“-Ding gemeint, was ungebildete Frauen oft nutzen. Ja,... ich sagte „ungebildet“. Genauso wenig auch kein „komisch“, als Synonym für ein „interessant“ an dieser Stelle. Ein „interessant“ dieser diplomatischen „kleiner-scheiße-Bruder-sogar-im-StudiVZ-verbreitet“-Ding-Kategorie. Es ist schlicht weg komisch, verwirrend, seltsam. Ich könnte jetzt schreiben, komisch, wie das Leben selbst. Aber aus aktuellen Anlass will ich Marcel „Macher“ Reich-Ranicki, wie nur Freunde ihn nenne dürfen, nicht die Möglichkeit geben, dies für Blödsinn zu erklären. Dann hätte er sich die Chance verbaut mich nach meinem Tod, in den Himmel zu loben. Literarisch, als auch theologisch gesprochen. Ich wette er wäre zu beiden im Stande, der Macher. Aber weg von Ranicki, hin zum Leben, hin zum Menschen.
Da ist beispielsweise dieser Typ aus dem Wettbüro, der jeden Tag da zu sein scheint. Das weiße Haupthaar geht ihm bis zur Wange und sein Gesicht hat Risse, die aber noch keine Narben sind. Es sind Linien wie in der Handinnenfläche aber zu deutlich dafür dass es nur Falten sind. Während alle anderen ihre weniger oder noch weniger anspruchsvollen Meinungen zum Spiel in die verqualmte Luft des mit Fachbildschirmen zu gepflasterten Saals rotzen, sitzt er nur da. Sitzt da und sagt alle paar Minuten den Namen des ein und selben Spielers. Wenn Arsenal spielt: „Adebayor, ... Adebayor,... Adebayor“. Oder bei München: „Toni,... Toni,... Luca Toni“. Manchmal, in der Konferenzschaltung wiederholt er den Mann im Fernsehen. Wenn es also „Tor in Kiew“ heißt, sitzt der Herr da und murmelt wie der strebsamste Papagei: „Kiew... Kiew.... Dynamo Kiew“.
Oder da wäre die dürre Ausdauersportlerin im Fitnessstudio, die immer da zu sein scheint. Sie rennt. Sie rennt immer und immer und immer. Sie stellt jeden Tag ihr bisschen Haut und Haar was von ihr noch übrig ist, auf immer das gleiche Laufband vor dem geöffneten Fenster. Und rennt. 12.8KmH bei 0.5% Steigung rennt sie. Immer. Und wenn sie Pause macht, hält sie das Laufband an, rennt in die Umkleide und rennt nach wenigen Sekunden zurück durch die Halle aufs Laufband. Dann bleibt sie für ganz kurz stehen, stellt ihren Mp3-Player ein und rennt weiter. Letztens hab ich sie in der Uni gesehen; keine Farbe im Gesicht, keine Arsch in der Hose, keinen Freund an der Seite und mit einer Zigarette in der Hand. Sie sah traurig aus.
Fast genauso wie die Damen, die im gläsernen Häuschen vor der Mensa sitzt, wo sie Essensmarken im Akkord an den hungrigen Akademiker bringt. Ihr Arbeitstag besteht aus dem drücken von 3 Tasten (Eintopf, Stammessen, Menü) und dem Ansagen von dem dann jeweils fälligen Geldbetrag. Jeder dritte meckert über ihre Unfreundlichkeit, die ohne Zweifel da ist. Jeder zweite merkt ihre neue Frisur – ohne sie darauf anzusprechen. Sie hat kein Geld, kein Aussehen, keinen Grund, warum man über sich reden sollte. Auf der Treppe, in die Mensa hinab ist zu wählende Beilage wichtiger. Und das ist hier keine Sozialkritik. Ihre Zuflucht besteht darin zu Boden zu schauen und sich dem Aufmacher der immer vor ihr liegenden „Neuen Post“ oder was auch immer sie da liest zu wittmen. Dort in ihrem Häuschen, jeden Tag von 11 bis 14Uhr. Jeden Tag. Jeden Tag.
Auch die Dame in der Innenstadt ist immer da. Sie heißt Frau Priel und hat einen polnischen Akzent. Immer an der selben Stelle, dort wo sich der Jahnplatz eröffnet sitzt sie und wünscht jedem der ihr etwas gibt einen schönen Tag. Und jedem der ihr nichts gibt auch. Es ist nicht diese neue „Pennerfreundlichkeit“, die sich einen Fragen lässt was auf einmal los ist in diesem Land. Wenn schon die Penner freundlich grüßen, in Dienstleister-Deutschland. Diese Dame, die da auf ihren Tüchern kniet als würden die Fließen darunter nichts ausmachen, ist so unglaublich lebensbejahend, so stark und groß, dass es einen wundern lässt wozu der Mensch alles fähig ist. Letztens traf ich sie in der Nähe des Friedhofs. Frau Priel erzählte, dass ihr Sohn vor Jahren verstorben ist und auch sonst niemand mehr leben würde aus ihrer Familie. Dann lächelte sie leicht dafür aber ehrlich, segnete mich und ging ihres Weges – aufrecht, mit der Gießkanne in der Hand. Sie ging als Vorbild für den Rest des Tages.
Ich mache mir nichts vor; wären diese Menschen nicht da, ich würde es nicht merken. Sie haben nichts poetisches oder anmutiges. Jedenfalls nie solange man ihre Eigenarten nicht auf Papier oder auf Blog bringt. Man will nichts von ihnen und sie meist auch nichts von dir. So ist das. Aber irgendwie fühlt es sich gut an, ihnen diese Zeilen zu überlassen. Fragt nicht wieso... und wenn „der Macher“ doch fragt, nachdem er mit seinen Cello-Anekdoten fertig ist; ich bin im Wettbüro. Liverpool gegen Barca gucken. Barca,... Barca... Barcelona.

Samstag, 6. September 2008

Der Zukunft zugewandt

Basketball, Viertelfinale, Herren. Ab dem zweiten Spiel, im Ersten hat die USA Australien mit 35 Punkten demontiert, sitzen neben uns Luming und Shuang, zwei Studenten aus Peking, die eben ihre Voluteersschicht beendet haben und nun die leeren Plätze nutzen dürfen. Sie wirken gebildet, höflich und sprechen Englisch auf unserem Niveau - wenn nicht sogar besser, was für chinesische Verhältnisse sehr elitär ist. „Endlich“, denke ich: „endlich eine Möglichkeit mit Chinesen zu kommunizieren.“ Und wie!
Über den Sport und unsere Eindrücke von China, die ich ehrlich aber auch diplomatisch äußere, gelangen wir zu den spannenden Themen. Durch die harmlos anmutende Hintertür, der Eröffnungsfeier frage ich sachlich nach den letzten 100 Jahren, die in der dortigen Zeremonie fehlten. Warum Mao und das entstehen der KP nicht Teil der chinesischen Geschichte seien, jedenfalls nicht in den dargestellten 5000 Jahren chinesischer Geschichte ihren Platz hatten? „Weil das unsere Vergangenheit ist“, erklärt Shuang: „das ist nicht Teil der Weltgeschichte. Wir wollten zeigen was China der Welt gegeben hat, was wir in die Welt getragen haben, nicht was nur uns betrifft. Wir tragen Mao und unseren Schmerz in unseren Herzen.“ Das deckt sich mit unseren Beobachtungen der letzten Tage. Wenn es im öffentlichen Leben der Chinesen etwas nicht gibt, sind das Schmerzen. Kinder weinen nicht, als ob sie gelehrt hätten, dass es nichts bringt und alte Menschen sind in den Straßen gar nicht erst zu sehen. Aussortiert von fehlendem Platz und nicht vorhandenen Fahrstühlen in der Metro. Und wenn ein Sportler für das Vaterland den von ihm erwarteten Sieg erringt, wirken seine Jubelszenen weniger wie ausgelassene Freude, als mehr wie ein erlöster Mensch, dem eine zentner schwere Last abgefallen ist. Nur im großen Misserfolg lassen sich die Emotionen nicht mehr zurückhalten und es bricht heraus. Wie bei der Sportreporterin, die vor laufender Kamera in Tränen ausbrach. Tief erschüttert über das Aus ihres Hürdenläufers und einzige Hoffnung auf eine Goldmedaille in der Leichtathletik. "Deiche brechen Richtig - oder eben nicht", hat Kettcar wie immer Recht.
Als nach weiteren Themen Luming merkt, dass das Gespräch an der Stelle der Minderheiten kritischer wird, ergreift er die Initiative. Er tauscht sogar mit Shuang den Platz, rückt also näher und erzählt, dass China das Land mit den zahlenmäßig meisten Minderheiten sei und diese geachtet und integriert seien. Meinen Einwand, dass dies nur absolut und nicht relativ zur Einwohnerzahl sei, lasse ich lächelt versanden. Anschließend wird der angehende Richter oder Polizeikommissar, was in China der selbe Studiengang ist, allgemeiner. Er redet von der Größe und dem kulturellen Reichtum Chinas, dem angestrebten Weltfrieden und davon, wie sehr er hofft, dass China sich weiter so schnell entwickelt. Seine Worte klingen auswendig gelehrt, wie vieles was die Chinesen äußern und doch glänzen Lumings Augen. Er glaubt seine Vokabeln. Er ist Patriot, keine Frage. Aber ob er sein Land überhaupt kennt, weiß ich nicht. Auf ein Fußballspiel von China gegen Japan im letzten Jahr angesprochen, wo es heftige Schlägereien zwischen den Fangruppen gab, wissen beide nichts. Sie wissen beide nichts von den Ausschreitungen. Woher her auch? Die Zeitungen hier bestehen nur aus Sätzen wie „Es ist eine Ehre für China zu spielen“ und schlecht gefälschten Leserbriefen pseudo-ausländischer Gäste. Diese sind dann mit so typisch deutschen Namen wie „Hr. Bonn“ oder „Hr. Frankman“ unterschrieben. Im Fernsehen bestehen die Talkshows aus einer alten, bärtigen Person, die Texte abliest und das Motto der Spiele ist nicht minder politisch „One World – One Dream“. Mehr als nur der eine Traum, die eine Idee wäre destruktiv im Reich der Mitte.
Stattdessen fragt Luming naiv nach dem Ergebnis des Spiels und betont präventiv auswendig gelehrt, dass sich das Verhältnis die Japan stetig bessert. „Wir sind alle Opfer und Produkt unserer Bildung“, denke ich nur. Die beiden Studenten haben gelehrnt was in bestimmten Situationen zu sagen ist. Welche kleinen, blumigen Monologe die sie perfekt beherrschten über den Frieden und die Ziele, die man sich setzt, besonders gut ankommen. Und doch sind beide, besonders die etwas zurückhaltendere Shuang offen und interessiert. Sie wissen sehr viel über Deutschland. Zwar glauben sie, dass Gerhard Schröder in Warschau gekniet hätte, aber als wir sie verbessern, sagt auch Willy Brandt ihnen etwas. Unzählige Philosophen können sie aufzählen. Schopenhauer, Hegler und natürlich Marx und Engels. Aus einem beliebigen Land, dass 11 Flugstunden weit weg ist. Ich kenne kaum chinesische Philosophen, schon gar nicht was sie so gesagt haben. Ich weiß nicht mal, wie der aktuelle KP-Chef heißt, oder gar ein ehemaliger. Einer von euch?
Überhaupt, die beiden saugen alles auf was wir sagen. Sie sind neugierig und freuen sich über unsere Erzählungen und verdeutlichen dies durch eine warmherzige und zugeneigte Art, die mir bis dahin fremd war in dieser Stadt. Die beiden, besonders die Mathematikstudentin Shuang, wollen andere Dinge sehen, wollen andere Menschen treffen. Nicht mehr abhängig von nur einem Bildungsapparat seinen, was sie meines Erachtens zweifelsohne sind.
Nach dem Spiel, welches wir nicht mitbekommen, verlassen wir vier als allerletzes die Halle. Wir tauschen Mail- und Heimadressen aus und auf dem Weg zur Metro ich erzähle von der Schwierigkeit in China eine Postkarte zu schreiben. Postkarten schreiben die Chinesen nicht. Dann umarmen wir uns und bleiben in der losen Hoffnung zurück, dass dies nicht der letzte Kontakt war. In der sonst sehr stillen Metro tanzen und singen die in der letzten Sekunde siegreichen Argentiniern mit den Chinesen lautstark. Das chinesische Team war morgens chancenlos ausgeschieden.
Die letzten Tage ziehen etwas weniger befremdlich ins Land und man bekommt besonders im Vogelnest das Gefühl, dass sich die Last der Chinesen sich der Welt gut zu präsentieren etwas löst und die Anspannung der ersten Tage zum Ende der Spiele aufbricht. Sieger werden gefeiert und nicht mehr höflich beklatscht und auch die Welle macht erstnmalig ihre Runde im 91-tausend-Mann großen National Stadium. Eine westliche Ausgelassenheit erreicht dies freilich nie und die Zeit stellt auch korrekt fest, dass Chinesen alles könnten außer cool sein. Aber 'Fortschritt' ist ja das Wort, mit dem sich China selbst beschreibt.
Im Flieger zurück lese ich in einem bemerkenswert gutem FAZ-Interview mit Michael Groß den Satz: „Das chinesische Volk hat diese Spiele verdient – das chinesische Regime nicht.“
Eine Woche nach der Rückkehr liegt eine Postkarte im Briefkasten. Shuang, mit dieser Kommunikationsform nicht vertraut, weiß nicht weiß nicht was sie schreiben soll: „Lieber Wilhelmi“, beginnt sie im Denken, dass wäre mein Vorname: „Ich hoffe euch haben die Olympischen Spiele gefallen. Wir bleiben in Verbindung. Liebe Grüße, Li Schuang.“. Darunter hier Name in chinesischer Schrift. Er bedeutet: „der Zukunft zugewandt“.
Es lebe die deutsche Medienlandschaft.

Samstag, 5. Juli 2008

Unterbrechung!

...leider müssen wir hier die Neunteilige Serie des Tagebuch eines Typ im Bandshirt mit Selbstdarstellungsdrang leider wegen fehlender Mittel und gestiegener Rohölpreise einstellen. Sie lesen stattdessen zwei alte Wiederholungen in unserem Themenabend "die Erben der 70er Jahre" .
Eine Zeit in der der Mensch, wie auch unser Autor hin und her gerissen war. Ost und West. Fedex und Pontifex. Und vorallem Optimismus und Pessimismus, was unsere polaren Quellen versuchen zu illustrien.

Die weiteren Zeitzeugen sind alle zu Guido K. übergelaufen und wenn's nicht gefällt, können sie ja zu Arten gehen.

Pamphlet eines Fachidioten

Es hat mal jemand gesagt: „Wenn man jung ist, versucht man sein Feindbild zu bekämpfen. Und in diesem Kampf wird man vor lauter Narben seinem vernarbten Feindbild immer ähnlicher. Wenn man alt ist, merkt man, dass man sein eigener Feind ist – oder auch früher“.
Das hat nicht wirklich jemand gesagt, sondern ich habe das eben gedacht, aber es klingt einfach erhabener, größer, pathetischer als es einfach nur so aufgeschrieben.
Es gibt ja diesen Churchill-Spruch, kein Herz, kein Hirn und so..., der meint das selbe. Nur wertet er die Sache anders.
Und während ich so dahin fasele bin ich der seligste Beweis für meine eigene Theorien, wie praktisch. Ich wollte nie einer dieser Typen werden, die 7/24 die ganze Welt immer durch ihre Fachspezifische Brille betrachten. Jeder Mensch wird auf die Frage, wie er die Welt retten könne anders antworten. Der Mediziner wird sagen: „mit Medikamenten und Versorgung für alle“. Der Journalist sagt: „Pressefreiheit und das ganze ideologische Zeug“. Der Prister: „Glaube“. Der Philosoph: „Denken“ Mh... . Der Politiker: „Freiheit“. Der Neoliberale: „Steuern runter“. Und ich? Ich würde wohl erstmal sagen, dass ich gegen Monokausalitäten bin. Wenn ich mich aber auf eine Sache beschränken müsste, so würde ich sicherlich irgend wen aus Kultur und Medien zitieren. Ich weiß nicht. Goethe? Stanley Kubrick? Monthy Python? Brecht? Bärbel Höhn? Kettcar? Dr. Cox? Homer Simpson? Eher als Kant... soviel ist sicher. Aber doch, würde ich als angehender Medien-irgendwas-Fuzi eben wie ein Medienwissenschaftler, wie ein Akademiker antworten. Ich bin Teil eines Systems, dass uns beibringt, dass Denken das Zusammenführen von Gedanken anderer ist (man nennt das Fußnoten), bis man dies in genug Büchern getan hat um dann verbittert vom ganzen korrekt zitieren und dem ganzen verdammt trockenen Stoff durchwälzen endlich selbst (jetzt verbitterte) sich Gedanken zu machen.
Ich bin Teil eines Mediensystems, welches nach Regeln arbeitet, die jeder akzeptiert aber keiner weiß woher sie kommen. Einem System, welches Michael Moore mehr kritisiert als Henry Kissinger. Welches mehr über über KFZ-Steuern redet als über die anhaltenden Kriege in Zentralafrika. Welches Christiansen durch Will „ersetzt“. Welches Wikipedia nicht als Quelle akzeptiert, den Focus aber schon. Welches mich dafür kritisieren würde, dass ich unreflektiert bin – hätte ich Telepräsenz.
Und doch, in zehn Jahren stehe ich auf einer Tagung und werde darüber reden wie viel Filme erreichen können (im Gegensatz zum Steinewerfen, zum Beispiel), wie wichtig es ist – wenn nötig auch mit Waffengewalt – das ökonomische Gleichgewicht in Mittelasien aufrecht zu erhalten und warum es gesamtgesellschaftlich sinnvoll und gut für alle ist den Spitzensteuersatz zu senken (plakativ?).
Ich mache mich auf die Reise all dies zu werden. Ich werde Bücher schreiben, die voll sind mit Zitaten, weniger von Homer Simpson oder Michael Moore. Mehr Zitate von Platon, Nölle-Neumann, Nietzsche und dem Typen der das Wort „Leistungsprinzip“ erfunden hat. Ich werde verbittert über die heutige, ungebildete Jugend reden, ohne zu merken, dass ich es war, der ihre Bildungssituation mit geschaffen hat. Ich werde einen Zaun um mein großes, von Bertelsmann bezahltes Haus bauen, damit meine Kinder gut schlafen. Ich werde privat versichert sein.
Und wenn ich dann von meinen Kindern gefragt werde, wie ich früher war, werde ich mit glühenden Augen berichten. Ich war ein Kämpfer. Im Untergrund. Ein investigativer Journalist, der seinen Dozenten und dem System trotzte. Als Beweis werde ich dabei auf diesem Blog verweisen und meine DVD-Sammlung mit Fight Club, Wag the Dog und den zwanzig Michael Moore-Filmen aus dem Keller holen. Oder meine Pearl Jam oder Die Ärzte Platten, die voll links sind, echt.
Fällt ihnen was auf? Ich bin wieder in meiner Welt. Der Medienwissenschaftler, der Kulturtyp, der die Welt rettet, mit nur einem Satz. Also, einmal, weil es so schön klingt. Den hab ich mir verdient. Weil es sich so gut an fühlt, ein Zitat für den Weltfrieden. Nur eins: „Auf den Alkohol – die Lösung und Ursache sämtlicher Probleme“ (Homer Simpson). Ein Witz, ein reines Gewissen, ein neuer Blogeintrag. „Gott ist Tod“ (Nietzsche).

Gegen die Gitter

„Selbstmord ist der letzte Akt der Rebellion“, hat Ulrike Meinhof in die Wand ihrer stammheimer Gefängniszelle geritzt. Das war 1976. Gut dreißig Jahre später gibt es nicht mehr viel zu rebellieren.
Gegen was denn? Die Eltern, die selbst alles versuchen um es einem recht zu machen, damit das Kind sich ja auch wohl, interessant, respektiert und geliebt fühlt. – Was dann auch unter dem relativen Opfer der Scheidung meist gelingen mag.
Gegen die Freunde, die nichts dafür können, dass sie das geringste Übel unter all den gleichsam grinsenden und ungleich denkenden Generationskollegen sind. Die einzigen unter Hunderten die kein Ché Guevara- oder Palästinenser – Shirt tragen, kein Alkoholproblem haben, Musik "hören", keine Stagnation in der oralen/phallischen Phase aufweisen und vielleicht sogar wissen was das bedeutet.
Oder gegen die Politik, die einen nicht interessiert, nichts angeht. Deutschland wird schon lange in sämtlichen Theorien und in der Praxis am Hindukusch verteidigt und nicht in der Grundschule. Weit weg, hinter den Meeren und Empfindungen sterben Menschenmaßen oder gehen anderweitig zu Grunde aus Gründen, die wir erfolgreich nicht als die unseren betrachten. Und was nicht unser Problem ist, ist auch nicht unser Fehler oder gar unser Versagen. Das war schon auf dem Schulhof so. Du warst froh, dass es nicht dein Pausenbrot war, welches dort eben hinter der Ecke gewaltsam den Besitzer gewechselt hat. Vielleicht hast du den Jungen und seine Freunde sogar angefeuert um nicht das nächste Opfer zu werden. Deutschland wird nur am Hindukusch verteidigt, nicht in der Grundschule!
War es wenigstens noch vorstellbar, dass wir bald alle „Die Internationale“ vor der ersten Stunde Sozialkunde singen, so wirkt die Vorstellung eines deutsch-islamistschen Gottesstaates doch immer wieder so befremdlich, dass es sich nicht zu lohnen schneit dagegen vor zu gehen. An welchen Fronten auch immer… .
Was soll ich da rebellieren? Ich würde eh nicht gehört werden. Wo kein Rauch ist auch kein Feuer – oder zu viel Nebel. Der jeweils akuten Betrachtungsweise angepasst.
„Selbstmord ist die letzte Rebellion“. Aber gegen was? – Gegen sich selbst. Selbstmord ist die letzte Rebellion gegen sich selbst. Als Statement gegen den martialischen, zermürbenden und erniedrigen Kosmos, den der Volksmund „Leben“ nennt. Als Statement gegen sich selbst und seine Schwächen und schwachen Stärken. Die unfähig zu sein scheinen dem entgegen zu treten. Selbstmord ist ein Eingeständnis der Schwäche. Denn am Ende hast du nur noch dich. Und du kannst nur gegen etwas rebellieren was - geistig - in deinem Besitz ist. Aber, dann hätten sie gewonnen. Die Guevara-Tücher, der RCDS, die Kissingers, Kaiser und Kiesbauers, die „Anderen“. Nein, du musst weiter. Leben, an die Gitterstäbe treten, sie biegen oder brechen. Lärm machen. Es krachen, klirren und donnern lassen. Denn Leben! ist die wahrste, die ehrlichste, produktivste und einzige Rebellion. Gegen die Gefängniszelle, die oft auf groteske Weise den selben Namen trägt, wie der Akt der Rebellion an sich.