Montag, 9. Februar 2015

Hans im Glück

Weil Samstagmorgen ist, fragt sie dich, ob du noch Tee möchtest. Was natürlich eigentlich meint, wie es dir geht, also: Wie es euch geht? Jede Beziehung stellt sich diese drei Fragen, glaubst du: Wer bist du? Wer seid ihr? Und irgendwann, ob eure neue Küche dies auch ausdrückt? Natürlich möchtest du Tee. So wie du Woody Allen zu mögen oder Handgeschriebenes liebevoll zu finden hast. Die rot-weiß-karierte Tischdecke, du findest sie spießig. Du hast den Witz nicht verstanden, sagt man dir. Ihr müsst anfangen, die Dinge leichter zu sehen, sagt ihr euch und betont ein Lächeln. Alle reden immer von Anfangen. Anfangen, sich gesund zu ernähren, anfangen die Nachbarn zu grüßen, selbst die Fiesen, anfangen richtig Zeitung zu lesen, den Politikteil, nicht bloß den Lokalsport. Anfangen, seine Zubettgehzeiten zu regulieren, den Biorhythmus zu nutzen. Anfangen, Rechnungen sofort zu bezahlen. Anfangen, loszulassen, anfangen zu joggen, anfangen Komplimente auch zu hören, anfangen, es leicht zu nehmen, anfangen, über sich selbst zu lachen. Anfangen, es leicht zu nehmen. Anfangen, es leicht zu nehmen. Anfangen, es leicht zu nehmen!
Also sitzt ihr gestern in einem dieser Läden, wo sie Bäume rein gestellt haben und ... unterhaltet euch darüber, dass die da Bäume rein gestellt haben. Da sitzt ihr und zahlt drauf, weil die Burger komische Namen haben und ihr euch zwischen Sauerteig oder Vollkornbrot entscheiden dürft. Ihr seid zu denen geworden, die wegen Bäumen und Brotauswahl irgendwo hingehen. Oder aber ihr seid müde, euch dies zu verheimlichen. Die Kellnerin mag dich nicht. Sie guckt dumm. Du verabscheust diesen Laden, diesen Look, der sich, zunächst einmal, tatsächlich so nennt, und du merkst, dass du das nicht aussprichst.
Spaßbremse, nennt man dich. Man begegnet dir hier mit dem gleichen Selbstverständnis, mit dem dir die Pärchen später in der Tram gegenüber sitzen werden, play hard und so, auf dem Weg zurück zu ihren Liebe-Ist...-Comic-Kissen und Bitte-im-Sitzen-Pinkel-Schildern. In der Küche hängt dieses ausgebleichte IKEA-Poster der Bauarbeiter in New York, beim Lunch, hoch oben, ohne Netz, gleich neben der Persil-Werbeplakette aus den 50ern. Jetzt hat er die Augen auf Notversorgung gestellt, sabbert auf ihre Schulter. An der Haltestelle zieht sie ihn hinaus, wirft dir einen Blick zu, der sich weigert, peinlich berührt zu sein. Ich mache das, weil er der richtige ist, erklärt sich dir ihr Handgriff, gleichsam grob wie routiniert. Sie machen Platz für die nächsten zwei Abschnittsgefährten, die gestern noch ein Schloss an eine Brücke gehängt haben, um die Einzigartigkeit ihrer Liebe zu feiern und ja, du willst noch Ketchup. Dein Blick nach draußen ist frei, der Blick auf euch genauso.
Während es schwer fällt, sich zu unterhalten. Die Bäume sind im Weg. Hinter dem Stamm sagt eine Freundin einer Freundin deiner Freundin zu dir, dass sie Tinder hasst. Zu oberflächlich, sagt sie und nippt an ihrem Cocktail, alkoholfrei. Nur Äußerlichkeiten, sagt sie, fährt, fast naturverbunden, an einem Holzknorpel auf der Tischplatte entlang und wartet auf deine Zustimmung. Du nickst. Es sind ihre Freunde, nicht deine. Du bist ein guter Freund.
So seid ihr dann heim, habt euch ausgezogen und du bist eingedrungen. Sie hat gezuckt, weil Orgasmen so gehen und du hast es dir anschließend mit der Hand gemacht. Immer noch besser als die Frage nach Attraktivität aufkommen zu lassen. Um diesem Gedanken auszuweichen, nehmen Frauen alles auf sich. Nicht zuletzt Sperma im Gesicht.
Das ist jetzt keine 8 Stunden her und ja, du möchtest noch Tee. Bald, wenn es einmal zu viel war, wirst du sagen, dass es an dir liegt und nicht an ihr. Du wirst sagen, dass du weißt, dass das jeder sagt, aber bei dir stimmt es. Ihr werdet weinen, oder es zumindest versuchen. Du wirst versuchen, dich an der Feststellung aufzurichten, dass du wenigstens ehrlich warst und dein Blick wird aus dem Fenster fallen. Früher, als ihr es noch gemütlich hattet und es euch nicht permanent gemütlich machen musstet, da hat sie dir noch Dinge verheimlicht. Sie hat dich noch beeindrucken wollen, mit ihrer Unbekümmertheit, ihrer selbstvergessenen Adaption sämtlicher Das-mögen-die-Jungs-Klischees. Sie hat dir pausenlos Fragen gestellt und dir ist nicht aufgefallen, dass du das nicht tust. Du wurdest ermutigt ihr von deinem Vater zu erzählen, wie er vom Zigarettenholen und so weiter. Du hast dabei nur leicht übertrieben, nicht so wie bei den meisten Mädchen vor ihr. Zum Dank hat sie dir noch auf der Toilette einen runtergeholt. Das mochtest du.

Sie sagt dir, dass sie den Song mag, aber nicht warum. Du nickst und hoffst, dass sie bald eine Affäre beginnt. Du weißt wie es ausgeht und willst auf keinen Fall das Arschloch sein. Sie beißt in ihr Käsebrötchen, das sie eben noch mit sensiblem Zeigefinger, eine langjährig geübte Geste der Entspannung, mit Salz bestäubt hat. Ihr Schlafanzug hängt an ihr herab, aber ihre Brüste sind groß genug, um sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Sie fragt, ob du satt bist. Du willst duschen. Du nimmst sie von hinten und ihr seit beide dankbar dafür, dass die Kabine euch keine andere Möglichkeit lässt.
Sie weint, als du abgetrocknet aus dem Bad kommst. Du setzt dich auf ihre Zehen und legst dein Kinn auf ihre angewinkelten Knie. So geht bei dir Interesse. Sie sagt die Worte Routine und gewöhnlich. Du streichelst ihre Wange, behälst deine Überlegenheit für dich und sagst Lauf der Dinge. Dann erzählst du ihr nochmal, wie du sie kennen gelernt hast. Wie sie glaubte, ihr Referat vermasselt zu haben, so wie es jene Mädchen glauben, die es dir immer schon leicht gemacht haben. Und du sagst, dass (ihr!) Weinen schön sei und du hoffst, dass sie nicht bemerkt, dass das hier nichts zur Sache tut.

Wollen wir spazieren gehen, fragst du. Frische Luft, sagst du, mal raus hier. Ihr umarmt euch, das könnt ihr ganz gut. Sie will sich vorher noch umziehen. Das Radio läuft immer noch. Der Tee zieht weiter. Langeweile ist kein Grund, ermahnst du dich und fragst nach einem neuen Anfang. Dass du einfach nur nicht alleine sein willst lässt du nicht gelten und hast Angst vor der Abendplanung. Es ist immer noch Wochenende. 

Mittwoch, 21. Januar 2015

Eine sicherlich unvollständige Chronologie als bedeutsam erachteter Augenblicke, bei der sich einige Banausen fragen werden, welche davon wohl autobiografisch sind und der abschließende, stümperhafte Versuch einer Pointe, die versucht, die Kunstwertigkeit des Ganzen zu erwirken

Vor mir hat meine Mutter 2 Fehlgeburten.
Wegen des Zwischenfalls in Tschernobyl ist sie während der Schwangerschaft mit mir nur selten draußen.
Meine Mutter führt ein Schwangerschaftstagebuch. Mein Vater hat einen Gasteintrag. Er beginnt mit den Worten „Ich muss ja schon sagen, ich bin ziemlich neidisch, wie viel Aufmerksamkeit zu bekommst.“ Ich komme 2 Wochen zu früh als Sohn zweier Lehrer zur Welt, die sich in der politischen Arbeit kennengelernt haben und verbringe die ersten Tage meines Lebens in einem Brutkasten.
Man sagt mir, ich sei ein entspanntes Kind mit viel Freude an Essen und Bewegung.
Meine Eltern bringen mir bei, sie beim Vornamen zu nennen. Sie wollen mir damit auf Augenhöhe begegnen. 
Als ich um die 4 Jahre alt bin, sitze ich in meinem Zimmer und höre wie meine Eltern über etwas streiten. Sie streiten viel und auch die Lautstärke ihrer Auseinandersetzungen ist dabei meist sehr hoch. Diesmal jedoch, nehme ich den großen Blumentopf von meiner Fensterbank, stürme damit in den Flur und stelle ihn zwischen meinen Eltern auf einer Holzbank ab, die mein Vater selbst angefertigt hat. Das Geschrei meiner Eltern verstummt und ich erhalte von meiner Mutter ein verlegenes Lächeln, das aber nur von kurzer Dauer ist. Meine Eltern setzen ihren Streit fort. Ich gehe zurück in mein Zimmer.
Kurze Zeit später kommt mein Bruder Patrick zu uns. Er ist ein halbes Jahr alt, als meine Eltern ihn adoptieren. Seine Mutter ist Alkoholikerin und er hatte die ersten Monate seines Lebens vor allem damit verbracht, im Krankenhausbett Mozart zu hören.
Ich habe meine erste Kommunion und lege meine erste und bislang einzige Beichte ab, in der ich, wie auch in meinen Gebeten, viel über meinen Bruder rede und gelobe, ihn gut zu behandeln.
In der Grundschule gehöre ich zu den klügsten, ehrgeizigsten Kindern und immer wenn ich verliere, ob im Diktat oder beim Völkerball, fange ich an zu weinen.
Es ist die gleiche Zeit, in der meine Eltern auf unterschiedlichen Etagen leben. Morgens muss ich mich entscheiden, ob ich mit meinem Vater im Erdgeschoss oder meiner Mutter im ersten Stock frühstücke. Ich entscheide mich fast ausnahmslos für meine Mutter.
Lange Zeit sitzt meine Mutter in ihrem abgedunkelten Arbeitszimmer, hört Musik ihrer Jugend und weint. Mein Vater schickt mich oft noch oben, um sie zum Essen zu rufen. Sie erscheint nur sehr selten.
Im Sommer vor der 4. Klasse machen wir Urlaub in Spanien. Im Fernsehen laufen die olympischen Spiele in Atlanta. Nach einem Ruderlauf gehe ich hinunter zum Pool, wo mein Vater ein Nickerchen macht. Ich finde meinen Bruder kopfüber im Wasser treiben. Stumm renne ich hinunter, setze mich an den Beckenrand und versuche Patrick mit meinen Füßen aus dem Wasser zu fischen. Erst als dies misslingt rufe ich nach meinen Eltern. Ich weiß nicht wie viel Zeit vergeht, zwischen meinem Versuch einer Rettung und dem Sprung meines Vaters ins Becken. Nach einem kurzen Versuch der Wiederbelebung rasen wir hinunter ins Dorf. Ich bemerke, dass meine Eltern nicht angeschnallt sind, sage aber nichts. In einer kleinen Arztpraxis wird mein Bruder wenig später für tot erklärt. Ich liege währenddessen bei Freunden auf einer Couch und umklammere ein fremdes Kuscheltier.
Ich bin kein Messdiener mehr und betrete fortan Kirchen nur noch aus Gefälligkeit für andere. Wann immer seitdem Menschen von der Liebe Gottes reden, kann ich sie nicht mehr ernst nehmen.
An Weihnachten des gleichen Jahres ist meine Mutter erneut schwanger, hat aber eine weitere Fehlgeburt, wegen derer sie die Feiertage im Krankenhaus verbringt. Mein Vater bleibt mit mir allein zuhause.
Ich darf nach einer Vorauswahl selbst entscheiden auf welche Schule ich gehe und entscheide mich für eine Gesamtschule, auf die auch meine Grundschulliebe gehen wird. Vor meinen Eltern begründe ich die Wahl mit der hervorragenden Ausstattung des Werkraums.
Als ich 11 Jahre und in der 5. Klasse bin, zieht meine Mutter mit mir aus.
Bereits zuvor hatte mein Vater mit einer Frau aus der Nachbarschaft zu Abend gegessen, die mir kurze Zeit später als seine neue Freundin vorgestellt wird. Ich verbringe in der Folgezeit jedes 2. Wochenende entweder in meinem Elternhaus mit beiden oder in ihrer Wohnung. Sie hat eine Tochter in meinem Alter. Sie knallt viele Türen und wir haben uns wenig zu sagen.
Meine Mutter deutet einige Fehltritte meines Vaters an, sagt aber sie hätte ihm versprochen, dass er mir diese Dinge erzählt. Ich vermute, er hat sie geschlagen.
Mein Verhältnis zu meiner Stiefmutter ist von Anfang an schwierig. Ich erlebe sie als kontrollsüchtig, unreflektiert und ohne jeden Humor, noch aber denke ich, dass sich unser Verhältnis daraus erklärt, dass ich ödipal meine Mutter verteidige. Ich bin ungern bei der neuen Familie meines Vaters, aber ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht mehr kommen würde.
Meine Schwester wird geboren, als ich 12 bin. Wir haben den gleichen Vater und das gleiche Kinn. Sie bekommt mein Zimmer. Ich soll anfangs auf der Couch schlafen, aber meine Mutter erstreitet mir, wie ich Jahre später erfahre, ein eigens Zimmer im Keller.
In der Schule habe ich großes Interesse, den Lehrern zu gefallen. Ich weiß viel über den Kosovokrieg und sonne mich in ihrem Erstaunen darüber. Auf Partys bin ich ein Nachzügler, ich werde immer nur dann eingeladen, wenn jemand anderes absagt.
Meine Schwester nennt ihre Eltern Mama und Papa. 
Meine Mutter verbietet mir, dass ich meine Sportklamotten übers Wochenende mit zu meinem Vater mitnehme. Mein Vater hingegen will nicht alles doppelt besitzen. Als eine Art Kompromiss fahre ich jeden 2. Freitag mit Fußballschuhen und Sporthosen aber ohne Schienbeinschoner und T-Shirts in die Schule und von dort zu meinem Vater. Einmal bin ich Samstags zum Schwimmen verabredet, habe aber meine Badehose vergessen. Bei einer hektischen Übergabe auf dem Seitenstreifen, in der wenige, fiese Worte fallen, bleibe ich im Wagen.
Im Fußballverein machen sich meine Mitspieler über meine Klamotten lustig, und darüber dass ich immer über Taktik reden will. Ein paar Mal merken sie nicht, dass ich hinter ihnen stehe und ich nehme möglichst ungesehen Abstand von der Gruppe, um zu weinen.
In der Mittelstufe habe ich 3 Beziehungen. Sie bestehen allesamt aus Händchenhalten und dauern, 2 Wochen, 2,5 Wochen sowie 3 Stunden. Ich bin neidisch auf die anderen Jungs, die 6 Monate eine Freundin haben und fühle mich einsam.
Mein Vater und meine Stiefmutter stehen mit mir vor der Schule meiner Stiefschwester, um sie abzuholen. Meiner Stiefmutter fällt auf, dass die Jugendlichen heute alle schwarz tragen. Ich bin nicht Teil der Unterhaltung. An Weihnachten bekomme ich ein schwarzes T-Shirt.
Beim 4-0 gegen den SV Brackwede erziele ich 2 Treffer selbst und bereite die weiteren 2 vor. Mein erster Treffer ist ein 22-Meter-Dropkick in den Winkel von der Strafraumecke. Selbst mein Jubel ist lässig.
Das Mobbing in der Schule und im Fußballverein wird mehr und intensiver. Ich werde dafür ausgelacht, dass ich zu lange Fingernägel und zu kurze Hosen habe. Auch meine Art zu Reden ist Ziel der Angriffe. Als ich an der Bushaltestelle ein weiteres Mal Schwuchtel genannt werde, beginne ich eine Prügelei, von der ich das Gefühl habe, sie zu gewinnen. Ein Mitarbeiter des Schnell-Imbisses trennt uns. Ich renne nach Hause und erzähle es weinend meiner Mutter, die mich sofort ins Auto lädt und zu der Familie des anderen Kindes fährt. Am Esstisch sind alle sehr einsichtig und nicken viel.
Mehrere von meiner Mutter erbetenen Schüler-Lehrer-Gespräche laufen ähnlich ab. Meine Mitschüler drehen den Spieß um und prangern meine Arroganz ihnen gegenüber an. Meine Lehrer verstehen das. Meine Mutter sagt, nicht zum ersten Mal, dass ich nur mich selbst ändern kann, nicht die anderen.
In den Osterferien sind mein Vater und ich in München. Wir bekommen Schwarzmarktkarten für Bayern gegen Real Madrid. Ich sehe Zidane.
Während der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea habe ich eine Telefonat mit einer Mitschülerin. Sie sagt mir, dass die Klasse nicht mag, wie ich rede und dass sie genauso wenig mag, wenn ich mich zum Lesen oder Musik hören wegsetze. Ihr finaler Vorschlag: Setz' dich zu uns und sag nichts. Als ich meiner Mutter davon berichte, erlaubt sie mir zum einzigen Mal in meinem Leben zuhause zu bleiben. Kroatien schlägt Italien mit Hilfe eines gekauften Schiedsrichters, es gibt Nudeln und Cola und die Wohnung ist warm.
Nach einem 4-1 im entscheidenden Spiel steigen wir in die Bezirksliga auf. Ich spiele durch und werde später über dieses Spiel eine Kurzgeschichte schreiben.
Am Ende der 9. Klasse willigt mein Mutter schließlich ein und ich wechsle auf ein konservatives Gymnasium. In meiner zweiten Schulwoche geht es auf Klassenfahrt. Ich bin nicht mehr der Klügste und ein paar Mädchen haben Interesse. Nach unserer Rückkehr geht es vom Bahnhof sofort weiter. Mein Vater und meine Stiefmutter haben am Morgen geheiratet und die Feier ist im vollen Gange. Ich betrinke mich mit Ramazzotti und kotze zuhause.
Auf dem Heimweg vom Fußballtraining schreibe ich mein erstes Gedicht. Ich tippe und speichere es in mein Handy. Es reimt sich und handelt vom Tod meines Bruders.
Ich habe meine erste richtige Freundin, meinen ersten Kuss, meinen ersten Sex, meinen ersten Streit. Ich sage ihr, dass ich alles machen will, um nicht so zu streiten wie meine Eltern und fühle mich erwachsen.
Ich schreibe meine erste Kurzgeschichte. Sie handelt davon, jemanden auf dem Friedhof zu besuchen, als wäre er ein alter Bekannter.
Die 10. Klasse endet und von meinen 9 neuen Freunden wechseln 7 auf liberale Gymnasien und 2 gehen ins Ausland. Ich habe es nach meinem spontanen Schulwechsel nicht geschafft mir einen solchen zu organisieren.
Meine Freundin und ich trennen uns, kommen wieder zusammen, trennen uns und kommen wieder zusammen. Sie manipuliert mich und nutzt häufig den Vorwurf der Arroganz gegen mich. Kurz nachdem endgültig Schluss ist, knutscht sie in einer Disko vor meinen Augen mit jemanden, den sie nicht kennt. Ich gehe, setze mich auf eine Parkbank und weine.
Auf einer familiären Weihnachtsfeier zerstreiten sich mein Vater und seine 2 Brüder. In der lauten Auseinandersetzung, in die auch die Ehefrauen, meine Mutter, mein Großvater und ich mehr oder weniger verwickelt sind, holt meine Stiefmutter meine bereits schlafende Schwester Rieke an den Tisch und benutzt sie als Schutzschild. Ich identifiziere mich mit ihr. Als mein Vater mit Frau und Kind abreist, ist mein Laptop noch in seinem Wagen.
Ich habe eine neue Freundin, die sehr hübsch ist, die ich sehr mag und die mir intellektuell überlegen ist. Sie nennt mich „Kommunenkind“, ich sie „FDP-Wählerin“. Sie ist der erste Mensch,der mir ein Mixtape brennt. Ich rede mir ein, sie nur um mich zu haben, um nicht allein zu sein. Einmal sagt sie mir: „Du wirst dich nie umbringen. Du bist viel zu sozial dafür“. Sie meint das tröstend. Heute schätze ich sie deutlich mehr als damals, aber es ist zu spät. Sie ist etwas langweiliger und etwas glücklicher aus früher, was ich ihr neide, wie so vieles.
Ein Diskoabend mit 10 Leute, die Hälfte davon noch Minderjährig. Der Türsteher will nur meinen Ausweis sehen, die Gruppe merkt das, geht aber auch ohne mich hinein. Ich gehe ins Kino nebenan und schaue alleine Kill Bill 2 - der Film ist ab 18.  
Im Abi muss ich in Deutsch in die Nachprüfung. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, dass mein Deutschlehrer mich verschaukelt hat.
Ich übernehme während meines Zivis, der völlig in die Hose geht, eine C-Jugend. Ich stehe jeden Tag auf dem Fußballplatz. In der Rückrunde schneiden wir gegen jede Mannschaft besser ab als in der Vorrunde. Mit allem was ich seitdem tue, versuche ich dieses Jahr zu wiederholen.
Mein Großvater zieht nach langem hin und her zwischen meinem Vater und seinen Brüdern um das Thema Geld, in mein Elternhaus. Wenige Monate nach seinem Einzug stirbt er. Zuvor liegt er kurz im Koma. Ich mache mich von meinem Studienort auf in die Heimat. „Opa ist gerade gestorben“, steht in der SMS meines Vaters. Zuhause heißt es später, er habe sich von allen verabschiedet.
Das Studium hat weit weniger Sex zu bieten als erhofft und ich verbringe die meisten Wochen mit schlechtem Essen vor dem Fernseher. An guten Tagen gehe ich vor einer spätnächtlichen Sportübertragung ins Fitnessstudio.
Ich verkrache mich mit einem Mitbewohner. 2 gemeinsame Freunde, darunter meine engste Vertraute im Bachelor, entscheiden sich für ihn und gegen mich. Auf einer WG-Party in meiner eigenen Wohnung schließe ich mich in meinem Zimmer ein und weine.
Im 5. Semester spiele ich Theater und habe so viel Sex wie nie. Jeden Donnerstag treffe ich eine Sexfreundin und wir gucken Heidi Klum. Sie mag es nicht, wenn und wie ich die Show analysiere, schläft anschließend aber trotzdem mit mir. Sie ist nicht mein Typ und wir haben uns wenig zu sagen. Als ich sie einmal mit einem Billigfliegerangebot in Spanien besuche, haben wir keinen Sex, weil ihr die Wände der WG zu dünn sind.
Ich schließe meinen Bachelor genauso unmotiviert-mittelmäßig wie mein Abitur ab. Zur Zeugnisvergabe bin ich schon längst nicht in der Stadt.
Das Aufnahmeverfahren zum Master dauert 3 Tage. Als ich mit Champagner mitgeteilt bekomme, aufgenommen zu sein, habe ich zum ersten und bislang einzigen Mal das Gefühl, mehr zu sein als Mittelmaß.
In der großen Stadt und im Master fühle ich mich privilegiert. Das Studium führt mich mit spannenden Menschen zusammen, bringt mich auf Festivals und ich bin so kreativ wie noch nie. Mein Blog wird immer mehr gelesen.
Ich fahre kaum noch heim.
Ich schreibe den 4-seitigen Aufmacher unserer Studentenzeitung und bin sehr stolz auf ihn.
Ich habe meinen ersten klassischen One-Night-Stand. In der Billardkneipe steht sie eigentlich auf meinen guten Freund Patrick, der aber frisch verliebt ist. Auf dem Weg zur U-Bahn sage ich ihr: „Du könntest aber mit zu mir kommen“. Am nächsten Morgen geht sie ohne Frühstück oder dass wir uns unsere Namen gesagt haben.
Mein SZ-Praktikum geht völlig in die Hose, weil ich mich in den mit äußerst viel Ellenbogen geführten Redaktionskonferenzen nicht traue zu reden, in meinem Einzelbüro isoliert bin und kein Redakteur Zeit oder Interesse an mir hat. Weil während des Praktikums Harald Schmidt zu Sky geht, sowie Markus Lanz als Gottschalk-Nachfolger gehandelt wird, fallen 4 (!) meiner Texte eine Stunde vor Redaktionsschluss durchs Sieb. Nach den 3 Monaten habe ich keine einzige Veröffentlichung. Der Gedanke, schlicht nicht für die Arbeitswelt gemacht zu sein, keimt.
Ich schleppe mich durch meine mündliche Abschlussprüfung. Das Lernen fiel dem Münchner Filmfest zum Opfer. Bei der Zeugnisvergabe gibt es Sekt und Erdbeeren.
Nach dem Studium finde ich nach oberflächlicher Suche keinen Job. Ein Praktikum in der Werbeagentur geht völlig in die Hose. Ich bin fremd und allein. Mein Chef ist ein Arschloch und meine Kollegen Huren. Auf einer Postkarte steht „Wer lacht, hat noch Reserven.“ Meine Psychotherapeutin – meinen Kollegen sage ich, ich besuche in der Mittagspause die Physiotherapie – verschreibt mir zunächst ein pflanzliches und später ein chemisches Antidepressivum. Ich kündige, gehe mit den ersten 75 Seiten meines Romans und komme für Wochen nicht aus dem Bett. In mein Notizbuch schreibe ich „Selbstmord hat wenig mit Hilflosigkeit zu tun. Es ist die letzte Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten.“
Ich habe meine erste Freundin seit 6 Jahren. Unsere Kennenlerngeschichte ist grandios, reicht aber nur für ein Jahr. Sie handelt davon, dass ich bis in mein Hotelzimmer bekomme, sie dort küssen will, sie mich aber nicht. Dann bringe ich sie Heim und das findet sie schließlich gut. Ein halbes Jahr später laufen wir bis 6 Uhr morgens durch Parks und sitzen rauchend auf Mülltonnen. Sie ist sehr gut zu mir und das halte ich letztlich nicht aus.
Ich übernehme ein paar freiberufliche, mies bezahlte Arbeiten verschiedener Art. Mein Vater stellt die Zahlungen an mich ein, meine Mutter nicht. Wenn ich gefragt werde, was ich berufliche mache, mache ich mit „hast du ein Flipchart dabei“ den immer gleichen Witz. Manchmal variiere ich ihn zu „hast du 30 Minuten“.
Mit Standardschreiben lehnen Literaturagenturen mein Manuskript ab und mich verlässt schnell der Mut und der Optimismus, dass ich meinen Roman einmal beenden werde. Das ist mir unangenehmer als die Ablehnungen selbst. Wodurch sich alle anderen Arbeiten mieser anfühlen, denn ich weiß nicht mehr wofür ich sie mache.
Meine Schwester wird immer trauriger und hört auf zu essen. Ich schreibe ihr einen Brief und beschließe Weihnachten nicht mehr zuhause zu feiern.
Und ich werde das Gefühl nicht los, will ich endlich einmal etwas von Bedeutung machen oder schreiben, muss ich erst einmal das alles hier zu den Akten legen.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Heimspiel

Eine Weihnachtsgeschichte

Pastor Pranke juckte es. Auf gleich zweierlei Arten. Zunächst war da das offensichtliche. Sein Stand auf der Kanzel war gerade, beide Handinnenflächen gleichmäßig um das Mikro gelegt, der Rumpf stabil. Eine Haltung, die seinen Worten eine beabsichtigte Ernsthaftigkeit wie Würde verlieh, nicht aber dazu vermacht war, sich beiläufig und fröhlich-egal am Steißbein entlang zu fahren. Das zweite Jucken kam von Außen. Das Balg der Steinhöfers hatte Hunger oder war verschüchtert oder müde oder was auch immer. Pastor Pranke hatte keine Ahnung von Kindern, kein Interesse. Deswegen war er hier gelandet. Ganz anders als viele seiner Kollegen. Jene, die das Worte Liebe viel zu oft nutzten und schon im Priester-Seminar sich nicht zu schade waren, beruhigende Begriffshülsen wie Herde, Schaf und Weinberge aufzuschütten. Etwas, wie Pastor Pranke nicht ohne stolz feststellte, nie in den Sinn kam. Er stand gerne hier oben, die Schultern allem überlegen, und redete von Gott.
Die Gemeinde hasste ihn, das war ein offenes Geheimnis. Seinen Kollegen, Pastor Göhlert, jubelten sie zu. Göhlert war jung und motiviert und schwul und biederte sich an. Das ganze Klischee. Er nahm selbst am Krippenspiel teil, schwang einen Besen dabei, grunzte aufmerksamkeitshaschend am Strohberg vorbei und johlte verständnisvoll wann immer einer der angehenden zu-Firmenden-Pubertäts-Vollpfosten zu faul oder zu dumm oder beides war, um sich 3 Zeilen Text zu merken. Als er in der Gemeinde ankam, sah man sein leeres Ohrloch und ein paar blonde Strähnen, war ebenfalls noch nicht ganz herausgewachsen. Seine Predigten waren ein einziges Staccato an Glücksformeln und Sinnphrasen. Alles Sinn bei ihm machte Sinn und immerzu schlossen sich in seinen Ansprachen Türen und gingen wieder auf. Tür auf, Tür zu, Tür auf. Am Ende waren sie immer offen. Göhlert war, wie Pranke fand, nicht ganz dicht.
Als das Spiel zu Ende war und das Klatschen des Saales genauso höflich verstummt war wie es angefangen hatte, rang sich Pastor Pranke ein „Danke für die Darbietung“ ab. Die Lokalpresse hatte ihn, wie die Jahre zuvor auch, kürzlich gefragt, ob er es nicht schade finden würde, dass die Kirche nur an Weihnachten so voll sei. Sicherlich, hatte er im geübten Ton geantwortet, sei es schade, dass „viele den Weg zu uns nur an den Feiertagen finden“, aber er freue sich über jeden Menschen, zu jedem Anlass. In solchen Momenten musste Pranke immer an Philipp Lahm denken. Der sagte auch immer das gleiche und richtige. Ein adretter, tüchtiger Mann, der nichts dafür konnte, jede Woche nach dem gleichen Ereignis, die gleichen Fragen gestellt zu bekommen. Und sie dann jede Woche aufs neue aber nicht neu zu beantworten. Pranke mochte diesen eigens entworfenen Vergleich von ihm. Weihnachten war sein Heimspiel. Göhlert hatte ihn mal mit ins Stadion geschleppt. Sie waren viel zu früh da gewesen und die ersten auf ihren Plätzen. Das Flutlicht war von unendlicher, fast erdrückender Klarheit gewesen und ein paar Spieler waren in Trainingsanzügen und mit dicken Kopfhörern über den Platz geschlichen. Jeder für sich. Wie sie scheinbar an nichts anderes dachten, als daran den einen vor den anderen Fuß zu setzen. So warteten sie, die Müdigkeit von Zoo-Löwen in den Gliedern, auf die Massen, die ihnen etwas zurufen und dumme Fragen stellen würden. Da musste Pranke automatisch an seine Kirche denken. Wie sie morgens um 6:30 Uhr roch, als er sie aufschloss, ein paar Kerzen anzündete, ein stummes Gebet vollzog und sich in einem verstohlenen Moment etwas zu viel Weihwasser ins Gesicht und auch hinter die Ohren träufelte. Wenn er nicht Pastor geworden wäre, dann wohl Architekt, dachte Pranke gerne und hoffte Göhlert würde noch etwas länger am Würstchenstand brauchen.
Doch heute geht es nicht nur um Geschenke“, sagte Pranke ohne Haltung oder Stimmlage zu verändern. Ohne Ironie, ohne irgendeinen Versuch seine eigenen Worte selbstgefällig zu entkräften. Er lugte über seiner Lesebrille hervor, um seine Zuhörer doppelt ins Visier zu nehmen. Er suchte den Anblick von Frau Schauert. Sie wollte immer, dass er sie Hedwig nannte, was er aus Anstand auch tat. Aber Frau Schauert war ihm lieber. Sie hatte ihn vor diesem und anderen Sätzen in seiner Ansprache gewarnt. Vor fast allen, aber vor diesem mit dem meisten Nachdruck. Frau Schauert war verwitwet, hatte eine Tochter irgendwo im Ausland und zusammen saßen sie ein paar Mal die Woche in Prankes Büro, aßen ihre trockenen Kekse und lasen still nebeneinander die Zeitung. Sonntags fragte er sie, ob er die kurze oder die lange Stelle aus dem Evangelium lesen sollte. Frau Schauert wollte immer die kurze und er tat ihr den Gefallen. Aber die Geschenke-Sache war ihm zu wichtig. „Ihr werdet gleich alle nach Hause gehen und euch über eure neue Playstation freuen oder euer neues Fahrrad, aber haltet kurz inne“, sagte Pranke, keinen Gedanken daran verschwendend wie viel Angriffsfläche er damit wieder bot und sein Blick ging die Reihen ab. Der Älteste der Mahrhoffs blickte ihn an, dann wieder auf seine Hüfte wo sein Handy lag, dann wieder zu ihm und zurück. Als würde er autofahrend SMS-schreiben und Pastor Pranke war die Leitplanke. Den Steinhöfers war ihr Balg peinlich. Zurecht, natürlich! Aber sie waren nicht souverän genug einfach den kurzen wie schmerzlosen, für alle beteiligten sinnvollen Gang durchs Mittelschiff nach draußen zu gehen. Stattdessen saßen sie drei da, Papa, immer noch in seinem verhassten Feiertags-Mantel steckend, tat so als würde er zuhören und Mama, für sich immer einredete religiös zu sein, wiegte das Schreiteil in den nicht kommenden Schlaf, mit Bewegungen die weniger ein Wiegen als mehr ein aggressives Zucken waren. Daneben die Blaukopfs – verdammte Hippies. Göhlerts Gruppies. Immer kurz vorm Weinen und immer am Nicken, wenn ein Satz des Kollegen die Welt in Zuckerfarben malte und wieder mal nach Habt-euch-alle-lieb-Opiaten gierte. Die Frau trug ausschließlich pastell und er war impotent. Weswegen sie in bester Postkartenmanier beschlossen hatten, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. In den nächsten Jahren, wenn ihnen Jesus nicht mehr reicht, dann wird es wohl ein Nordafrikaner werden, oder die Scheidung.
Frau Schauert fixierte Pranke. Ein minimales Lächeln vor der trockenen Gesichtshaut. Jetzt ertrag es, bade es aus, schien sie ihm zu zurufen. Nichts lieber als das, dachte er und sog das hörbare Augenrollen des Mobs in sich auf. Langweilt euch! Mir mir. Schindet euch, überwindet etwas, einmal. All das dachte Pranke und kam zum Ende. Er sagte Fröhlichkeit, wo Göhlert wahrscheinlich Glück gesagt hätte und schritt ohne auf eine Reaktion zu warten von der Kanzel herab. Auf den unteren Stufen konnte er die klammheimliche Erleichterung hören, wie das Geräusch einer müden Schulklasse, die aufschreckt, wenn der Lehrer den Fernseher hereinrollt.

Göhltert sprang auf, sein vom blinden Genuss aufgeblähter Bauch vor ihm, und dankte den Zu-Firmenden, übergab ihnen kleine Geschenke und junggebliebene Grußkarten mit handschriftlich verfassten Sinnbotschaften auf dem Rücken. Eine der Alsbachs flüsterte hörbar „Das ist ja so lieb“ durch den Raum und wechselte ihren 50-Euro-Schein für die Kollekte in einen Hunderter. Dann forderte Göhltert die Gemeinde zum Aufstehen auf, ließ das Licht dimmen und der Organist stimmte „Oh, du Fröhliche“ an. Nach kurzer Zeit verschwanden auch die LED-Lichter im Raum und man sang. Pranke hatte die Arme auf dem Rücken und flüsterte den Text. Gleich würde er allen die Hand schütteln, während sie durch ihn durchsahen. Und wenn alle dann endlich bei ihren Mp3-Playern und freundlichen Worten waren, würde er mit einer Flasche Wein und einem Käsebrötchen in seinem Büro sitzen, vielleicht Bach dazu hören oder ein Buch lesen. Er würde auf Schnee warten und auf Frau Schauert, und irgendwann würde er, die Hände immer noch auf dem Rücken, durch seine verlassene Kirche schlurfen. Er würde eine Kerze anzünden und denken, dass er sich Gott immer näher fühlte als Jesus (ganz gleich wie sehr man ihm im Pristerseminar diesen Gedanken um die Ohren hauen würde). Er würde die Gebetsbücher ordnen und denken: Ihr seit mein Kreuz, ich bin eures. Und am Ende legen wir es ab und es geht uns besser. Pranke bemerkte sein eigens, seliges Lächeln im Gesicht, was er sich sofort verbot. Das Lied kam zum Ende und für einen fast nur zu erahnenden Moment gab sogar das Steinhöfer-Balg Ruhe.   

Donnerstag, 11. Dezember 2014

This is the end (my good old friend)

Final thoughts on Breaking Bad 

[Spoiler Alert] 

Ok, it needed to much free time, a pubertal need of belonging and a few friends with a trustworthy taste to get me into this show. Season 1 was, in one word, annoying. Gangster-stereotypes and idiots screaming nonsense at each other everywhere. But alright, somewhere in the middle of season 2 I got into it. The show was on the rails and I followed it. I assume I'm a feuilleton-snooty-nosed-minority here, but I hated Walter pretty soon. At the latest, when he killed Jane. (He killed her! No discussion, please.) I wanted him to suffer and I began to like Breaking Bad. The show began for me with the promise of everybody dying. Because I wanted everybody to die. For different reasons: Walter desvered it! So, if he is still your hero, just look at his bodycount... as simple as that. Flynn was the most annoying character on TV ever! I know, you don't kill disabled people, but you should. He had one (one!) good moment in the 5 seasons: When he yells "Don't treat me like a baby" and sounds like a baby. That was funny. Unintended, but funny. And Jesse, well, it would've been a happy-end for him. His suffering would've been over. Near completion Jesse is called a rabid dog - and that's what he is. A lost soul. A helpless case. A clean shoot to the head would've been his climax. 
This show was, of course, about everybody dying and therefore about America. The subtle leads to american culture, the empthiness - of the landscapes, the values (family, just to state the obvious) and this law-of-nature-esque force of making money. Not spending it. Just earning it. Arised out of a big, universal feeling of injusticem, where the show has its key to global success. Welcome to 21th-century-capitalism. No healthcare, no party. No luxury, no life-quality. Money as a mountain, a figure, an abandoned sign. Therefore I fucking loved Gus! The immigrant  as the over-embodiment of the American Nightmare. And the former public servant Mike as his loyal servant. They are everything Walter becomes, but they are authentic about it. So, for me, the show ends with Gus' death. One villein replaces another one. The dream lives on. All reasonable women stay unheard. All the money stays in the closet. The perfect storm everybody called for. And than... they create a coordination-system that is called: Neo-Nazis. Not a new one, the first one! You can kill woman, children and whatever ... but if you realize it 30 minutes before showdown and kill some tattooed sociopaths, they will love you. And the music under the (weak) final shot sings you a song 
(for the record: baby blue - blue meth, pretty crafty stuff, I would say...):

"Guess I got what I deserved 
Kept you waiting there too long, my love. 
All that time without a word. 
Didn't know you'd think that I'd forget or I'd regret
The special love I had for you, my baby blue. 
All the days became so long
Did you really think, I'd do you wrong?"

And that poor Jesse has to keep on living with this hell he calls his life. And Flynn is still sooo sad. And Hank is buried. And all the woman were right and are still finished! Or dead, like Andrea and Jane. But we remain with a feeling of relief. The Nazis (and the witch!) are dead. We killed them (with MacGyver-skills, they never fail...). So we can't be that bad. We're just trapped in this society that gives us a hard time.
To kill all the people, destroy all the (family-)values and not replacing them, not giving us a target but ourselfs, that would've been an heroic deed, that would've made Breaking Bad a classic. Instant and timeless. But maybe, the show mirrors that weakness as well, is self-aware of its. Maybe, we are all not strong enough to undergo the purification of hitting rock-bottom. Maybe, that is why we can't resist Walter. Maybe we are in this place, this 21th-century-everyone-for-themselves-mess, because we only blame Fox-News and not ourselves. Because we identify with someone that only cares for himself but finds ways to give it different names. To call his revenge justice. To find (creative!) solutions for his damaged ego. We care for ourselves, and maybe that's why we care for people that only care for themselves. And we do everything not to admit its that simple (at least us males). Or to finish it with same last words of the show:

"Just one thing before I go. 
Take good care, baby, let me know, let it grow. 
The special love you have for me, my Dixie, dear."


Mittwoch, 25. Juni 2014

Yolo für Gymnasiasten

Ironie, die
  1. feiner, verdeckter Spott, mit dem jemand etwas dadurch zu treffen sucht, dass er es unter dem augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich macht
  2. paradoxe Konstellation, die einem als Spiel einer höheren Macht erscheint

Da sitzen sie und warten. Im Halbkreis. Manche haben Decken dabei, andere Getränke. Vor ihnen liegt eine Batterie Steckdosen, in denen sie ihre Handys aufladen. Das mobile Internet braucht Strom, jede Menge Energie und wer überall gleichzeitig sein möchte, ebenso. Neben der Gruppe wedelt ein Dönerstand sein Fett in die Nacht, in den runter gerockten Staub eines Juni-Tages.
Ein Mädchen mit einem Abi-2009-Shirt verlässt die Runde. Sie schultert ihren Campingstuhl und wandert über den Zeltplatz. Ihr Nicken zum Abschied wirkt vertraut. Ein paar Grills glühen aus, ein paar letzte Flunkyballgruppen brauchen immer noch einen, nun ja, spielerischen Rahmen zum Saufen und aus den mobilen Boxen dröhnt es alles paar Zelte. Scooter ist zu hören, 90ies-Trash ist zu hören, und Helene Fischer ist zu hören. Es sind diese zwei Bilder, die eine Brücke schlagen und unter der ich meine, das Zerrbild meiner, einer Generation zu sehen: das Smartphone und die Ironie.

Klar, ein Hurricane-Publikum ist nicht alle. Wer Rockmusik, Dosenbier und Zelten mag, sowie schlechtes Essen, Hygienenotstand und Schlafmangel akzeptieren kann, ist hier. Es fehlt hingegen der Aperol-Spritz, die BWLer, die Nur-House-Hörer, die Immernoch-Baggyhosen, die Abstinenzler, die Fanmeilen-Fanatiker und die wohl nie zu unterschätzende, schweigende Mehrheit an Lebens-uninteressierten. Und doch: Bei Passenger fliegen Kuscheltiere und zu Moonbootica wütet das Edelvodka-Volk. Bei Bonaparte zappelt sich der Hipster kurz aber erfolgreich aus der selbstauferlegten Coolness, während Lily Allen oder Jennifer Rostock schreckliche Bilder einer Emanzipation entwerfen, die zeigen möchte, dass die Lauteste immer Recht hat. Thees Uhlmann und Tocotronic sprechen komplizierte Satzbauten ins Mikro, während ihre Instrumente versuchen, es nach Musik klingen zu lassen. Und The Subways oder Fünf Sterne Deluxe sind verstörenderweise nach all den Jahren immer noch dabei mit ihrem schrecklichen Durchschnittsdingelingeling. Es ist viel vertreten an diesem Wochenende und alles findet seinen Abnehmer.
Sicher, es ist alles neurotisch links, was bei Egotronic oder – besonders schauerlich – Feine Sahne Fischfilet seinen Höhepunkt findet, indem jede Ansage predigt, dass Nazis auf die Fresse gehört. Jaja, dochdoch, ehrlich! Das ist alles so ausgewogen, intellektuell und vorhersehbar wie ein nordkoreanischer Parteitag. Und dennoch, ein 75.000-Seelen-Musikfestival taugt zum Querschnitt. Und es findet seine stärksten Bilder in der Schnittmenge, also: Weiter im Text.

Das kleine, kurze Glück, es wird gesucht und gefunden. Die sichere Pointe, der Post, das Selfie – dafür setzt man sich um die Steckdose wie ums Lagerfeuer. Damit auch morgen wieder der Saft da ist, das sagenhaft schlechte Macklemore-Konzert mitzuschneiden oder der Hood zu erzählen, wo man ist. Bei Lykke Li zum Beispiel, die den Fehler macht I Follow Rivers nicht als letztes zu spielen und nach getaner Chartsarbeit strömen die Massen heraus. Das kleine Glück? Es muss erwartbar sein. Und wenn man es hatte, kann man gehen. Ich meine zu wissen, jene Deserteure sind die gleichen Massen, die Tags zuvor bei Casper waren. Es müssen sehr viele gewesen sein. Denn bei Arcade Fire war viel Platz um mich herum.
Dazu möchte ich etwas anmerken: Ich bin kein sonderlicher großer Fan der kanadischen Band. Ich mag sie, aber ihr Sound versetzt mich nicht in Jubelstürme. Mein Verhältnis zu dieser Band ist mehr ein schätzendes Lächeln, ein genussvolles Nicken. Feuilletonschnösel-Gruß. Und trotzdem: Im stillen Stolz auf das eigene Schaffen, mit Pathos, mit einem herzlichen Hang zum Theatralischen, das handwerklich so besondere Stühlerücken an den Instrumenten und Positionen, wie es glitzert und blinkt, wie die Songs ineinander gewebt sind, wie Klang und Licht verschmilzen. Eine Sinnesorgie. Überwältigend und doch ganz nah, bei mir, in mir. Intelligenz und Gefühl sind kein Widerspruch! 




Und dabei alles – außer künstlich. Es fehlt jede Ironie, jede Geste der Relativierung. Es wirkt fast befremdlich im Poser-Dickicht dieses Festivals. Während die Mehrheit bei Casper die schnelle Medizin für die Krankheit Selbstfindung inhaliert.
Auch zu Casper ein schnelles Wort: Ich bin kein Casper-Hasser. Emo ist nicht mal ein Schimpfwort für mich. (Herrje, ich trage immer noch den alten Jimmy-Eat-World-Pullover aus der 10.). Casper hat den gleichen Lieblingsverein wie ich und seine T-Shirts zu weit und seine Mützen zu groß. Aber ansonsten, ja mei. Ein bissl viel Wenn-du-umfällst-steh-wieder-auf, ein bissl Yolo für Gymnasiasten und das genauso protzig wie potent produziert. Gibt schlimmeres.
Doch, die Dosis macht das Gift. Und diese ist nicht die Musik, sondern die Anhängerschaft, ähnlich dem Alles-was-wir-machen-ist-nur-dann-was-wert-wenn-wir-es-in-40-Jahren-erzählen-Engelmann-Video vor ein paar Web2.0.-Monaten. Klar ist ne Fertigpizza ok, aber wenn es da aufhört mit dem Genuss und den Erfahrungen, haben wir ein Problem. Das macht diesen Umgang mit allen, auf was ich hier hinaus will so schwierig: Nichts ist für sich genommen schlimm. Aber das Ausbleiben eines Anderen, die Permanenz mit welcher all diese kurzen Wahrheiten von Deutschland-wird-Weltmeister, Poste-jeden-Satz-als-wäre-es-der-Letzte bis zu Du-musst-nur-an-dich-glauben sich im Dauershuffle wiederholen ist, in einem Wort: beängstigend. Dr. Oetker wird hier zum Fünfsterne-Koch erklärt.
Natürlich ist Kreativität besser als die Maklerausbildung, natürlich sind echte Freunde besser als falsche, natürlich gehört Nazis auf die Fresse. Aber wenn an dieser Stelle das Denken und Fühlen endet, hat es gar nicht erst begonnen.
Die große Geste, die Slogans haben ihre eigenen Inhalte, für sie einmal standen, abgelöst. Und mit ihnen hat eine weitere Kommunikationsstrategie die Macht übernommen: die Ironie.

Exkurs, Ironie: Ein Subgenre des Humors. Ein bisweilen tolles Mittel. Es macht Spaß, sorgt für Stimmung. Mein Gott, der Humor und sein guter Kollege die Satire haben schon so oft die Welt besser gemacht. Im kleinen, im großen, in allem. Stephan Colbert vs George Bush, anyone?


Oder auch: Tina Fey allein hat Sarah Palin gestürzt, verdammt.



Der große Denker Christopher Hitchenens, Nitzsche hab ihn selig, hat mal erklärt, warum Frauen nicht lustig sind. (Übrigens teile ich diese Wahrnehmung, bin mir aber dennoch bewusst, dass ich diesen direkt unter einem Tina-Fey-Clip schreibe. Macht euch nur lustig.) Weil sie es nicht müssen. Weil sie schön sind. Und weil es im Sex nun mal um Aussehen geht. Der Mann aber, das wohl unterdrückte Wesen, muss Humor entwickeln, um sich hervor zutun. Allgemein gesprochen: Humor ist Persönlichkeit, Ironie ist ein Mittel gegen Unterdrückung. 

Doch: Die Ironie auf dem Hurricane ist eine andere. Sie ist keine Satire. Sie hat keinen Gegner und keinen Bezug. Helene Fischer ist kein Ausdruck von Unterdrückung. Sie ist Teil des Systems Leere. Diese Ironie, die bisweilen auch nur so tut, als wäre sie ironisch, steht weder für noch gegen etwas. Das Atemlos-Gegröle ist kein Ausdruck einer antiautoritären Haltung gegenüber eines postmodernen und Post-Napster-Vakuums an Geschmack und emotionaler Teilhabe in der Musikbranche. Sie dröhnt auf dem Hurricane aus jedem zweiten Pavillon. Sie ist der sichere Gag, die ach so spontane Zusammenführung im gemeinsamen Feindbild. Vergleichbar mit der reflexhaften Häme, wenn Italien, England oder Spanien zu früh aus Brasilien abreisen (Schadenfreude ist ein deutsches Wort), so einigt man sich darauf, Helene Fischer des Schlagers zu überführen und dies schlagerhaft zu inszenieren. Aber irgendwie ist der Beat doch ganz gut und das Liebestattoo-Zitat geht seltsam gut über die Lippen. Es ist die schnelle Emotion, die schnelle Wahrheit, die uns zusammenbringt. So vorhersehbar und zwanghaft wie ein Autokorso.
Und nochmal: Natürlich ist Ironie ok. Und billige Witze mach ich in jedem mir möglichen Moment. Jedoch ist die Ironie ein Dauerzustand geworden, der es verhindert, dass anderes entsteht. Wir sind eine Generation, die auf Bad-Taste-Partys rennt aber nie Good-Taste-Partys veranstaltet. Wir rennen eben zu Casper und nicht zu Arcade Fire. Wir hören immer noch die Ärzte, weil die Songs gegen Angeber machen – und gegen Nazis.

Aber, welche schöne Schlusspointe, da war Hoffnung auf dem Hurricane: Kraftklub. Eine Band, die sich in der Metaebene suhlt, aber auch genau dies zu thematisieren weiß. Wir sind zu jung für Rock'n'Roll, ist ihr zentraler, erster Satz. Massentauglicher Stadionrock, aber noch nicht ganz Bürgertum, noch nicht komplett Pop. Osten, nicht Westen. Chemnitz, nicht Bielefeld. Mit Gespür für Losertum, Zitat und Direktheit. Keine Angst vor der fetten Album-Promo und trotzdem ohne Scheu vor ernst gemeinten, autonomen Zeichen. Sturmmasken, Pyro und Lieder über Aufstandskultur und, eben!, ihr Scheitern. Im Zentrum der Kunst stehen keine Lösungen, sondern das Erkennen von Problemen. Und der Weg dorthin, darf auch gerne ironisch sein. Nur bitte, bitte, egal auf welche Art, mit viel viel kritischer Distanz und für wie witzig ihr das haltet: Keine Helene Fischer mehr!   

Donnerstag, 15. Mai 2014

Und Sammy Kuffour weinte

Oder: Ein Lehrer und ein Analytiker kommen in eine Bar

Zwischen dem dritten und fünften Bier, also da wo die Weisheit in die Welt fällt, bemerkte Ben, dass es zwar die Frauen waren, die er verfolgte, sobald sie durch die Tür traten. Doch dass es die Herren waren, von denen er etwas mit auf den Weg bekam. Ben bemerkte, dass jemandem gefallen zu wollen und sich mit jemandem auseinanderzusetzen, unüberbrückbare Gegensätze darstellten. Ben stand auf und ging auf die Toilette. Jemand hatte ihm einmal erzählt, dass Händewaschen ohne Seife unhygienischer sei als der komplette Verzicht auf eine Reinigung. Ben mache seine Hose zu und schob gleichzeitig die Tür, seinen Ellenbogen und sich selbst in einer fließenden Bewegung zurück in die Hitze. Karl versuchte sich an ein paar Ausführungen über Freud. Sie sprachen zuletzt viel über ihre Mütter, was wohl sowohl biografische Gründe hatte, als auch aus reinem Kalkül geschah. Der Todestrieb, sagte Karl, wird vollkommen missverstanden. Wir wollen nicht sterben. Wir suchen etwas, wofür es sich zu sterben lohnt. Karl war schon immer der eloquentere von ihnen beiden gewesen. Auch wenn Ben in der Lage war, in den richtigen Momenten zu nicken oder die Arme zu verschränken. Was es ihm mit den Frauen leichter machte. Manchmal gelang Ben sogar ein unauffälliger Griff an die Schläfe, der es schaffte, seine Aufgesetztheit zu verbergen. Karl hingegen, der weiter ausholte, war für einen Mann seines Alters mit seiner van-Houten-Brille und seinen am Saum fein säuberlich umgeschlagenen Jeans, überraschend wenig daran interessiert, Frauen mit seinem Selbstbild in Verbindung zu bringen. Es gab Tage, da gab er den Romantiker, trank etwas genüsslicher und redete vom Nachhausekommen. Von dem Moment unter der Sofa-Decke, wenn der Film aus ist und ein Strich über das Kinn des anderen jede Anfrage auf eine Interpretation des Gesehenen obsolet werden lässt. Und es gab Tage, da befahl sich Karl die Großstadt und markierte seinen Kiez anhand von Eroberung und Postmodernität. Wir müssen uns den FC Bayern-Fan als unglücklichen Menschen vorstellen, sagte Karl. Ben trank. Er darf nicht verlieren, er trägt die Peinigung des Triumphs in sich, sagte Karl. Eine Rothaarige zog vorbei und griff - ob absichtlich oder nicht war nur zu erahnen - im Vorbeigehen Ben an die Hüfte. Fitnessstudio, dachte Ben. Karl war wach. Die Schönheit kommt im Angesicht es Todes zur Welt, sie kämpft, sie krepiert, Karl vergaß die Hitze um sie herum. Sie ist sich ihrer Vergänglichkeit und daher sich ihrer selbst bewusst. Ben fühlte seine Hüfte und meinte tatsächlich, sie wäre noch warm. Und Barcelona '99, fragte er. Schönheit, trieb sich Karl in die Lakonie. Liebe, Sammy Kuffour weint, fleht, kniet, weint. Der Herr hat ihn verlassen. Das ist Liebe. Wir wollen nicht sterben. Wir wollen nur eine Grund für unsere Opfer. Wir wollen Opfer! Die Rothaarige lag in der Ecke, eine Zunge in ihrem Hals. Ben wollte rauchen. Du willst dem Tod nah sein, in der Kälte, in der Kehle, sagte Karl und versuchte seine Pathos mit einer Grimasse der Läuterung zu entlarven. Ja, sagte Ben und gefiel sich erneut in der Rolle des Analytikers, der sich immer darauf berufen konnte, immer nur Dinge zurück zu werfen, nie aber aggressiv zu wirken. Der Analytiker war die präziseste Rolle für Ben, um an Sex zu kommen. Sie schwächte seine Gegenüber, ohne dass es ihn zum Arschloch machte. Sein Vater hatte ihm mal geraten, Frauen immer mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Aber um Väter geht es hier ja nicht. Draußen winkte ihnen ein Taxifahrer zu. Sie winkten zurück. Sie begannen über Ex-Freudinnen zu reden, auch um das Protokoll abzuschließen. Es geht, sagte Ben. Fick sie, sagte Karl, im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Freud machte ihn fast immer zu Großstädter. Ciao, zischte es in ihrem Rücken. Die Rothaarige zog zwinkernd ein Wasserballerkreuz hinter sich her. Ihr Abschied war einstudiert, und eben deswegen nicht zu ignorieren. Ich glaube, die Frage ist eine andere, sagte Ben. Camus, sagte Ben. Ist es lebenswert Bayern-Fan zu sein oder nicht, das ist die ultimative und letztlich die einzige Frage. Karl aschte. Du musst das in dir klären, nicht in den Anderen. Mach ich doch, sagte Karl. Und, fragte Ben. Nein, sagte Karl, ich bin kein Bayern-Fan, weil. Nein, sagte Ben. Du bist keiner. Das ist deine Antwort. Der Rest ist Intellektualität, das bist nicht du. Du bist die Brust deiner Mutter und die Schokolade deiner Oma. Das letzte Wort brachte sie nach Schlesien. Dort war es kalt. Na Jungs, sagte die Rothaarige während sie sich ein paar Spermakrümel aus dem Haar drückte. Na, sagte Ben. Na, sagte Karl. Und welches Verhältnis hast du zu seiner Mutter, fragte Ben und sie drehten sich um und schritten zurück in die Hitze.  

Freitag, 11. April 2014

Die Familienfanatiker

Es war einmal, da traf sich die Welt in „Seinfelds“ Küche und redete über, ja worüber? Alles, also nichts. Egal, aber schön! Ein halbes Jahrzehnt später setzte sich das Publikum in tief gepolstertes Interieur und trank Kaffee. Bei „Friends“ sollten sich am Ende noch alle irgendwie kriegen. Nun ist aus dieser latenten Hinführung, der sich „Seinfeld“ noch konsequent verweigerte und die „Friends“ behutsam abtrug, ein ganzer Dauer-dramaturgischer Strang geknüpft worden, der nun seine titelgebende Entwirrung erreicht hat: „How I Met Your Mother“ hat sein Ende.
Mittlerweile im neunten Jahr sitzt die Gruppe bei Bier und Whiskey. Es ist Abend in New York und die Stimmung seit jeher aufgeladen. Ein paar Staffeln zu lang, ein paar dramatische Schleifen zu viel, aber gut. Sämtliche Möglichkeiten, warum es mit Mann und Frau anfängt oder aufhört, wollten durchexerziert werden. Das Latente ist aus der Welt, der Kaffee kalt, es gilt „Die Eine“ zu finden. Und das ganze Pathos, das in dieser Mission steckt, es erfasst mittlerweile – zum Leidwesen von Kurzweil und Qualität – alle Charaktere. Familienangehörige mussten sterben, Umwege wurden gegangen. Selbst die Karrieristin Robin und Womenizer Barney haben sich finden – müssen. Weil Glück bei „How I Met Your Mother“ dann eben doch nur den einen Weg kennt, den amerikanischen: die Heirat. Wer die Mutter ist – inzwischen nichts weiter als Chronisten-Pflicht. Da war anfangs viel Potenzial, kluge Beobachtungen, die in ihrer Genauigkeit ein Fundament fanden, das in der anschließenden Überspitzung seine telegenen Helden erschuf: Lily und Marschall, das, ja gut, perfekte Paar; die wert-maskuline und doch voll-neurotisch weibliche Robin; der hoffnungslos romantische und dabei wunderbar trotzige Ted, selbstbewusste Prototypen des 21. Jahrhunderts. Und natürlich Barney. Von Autoren und dem schwulen Neil Patrick Harris zur globalen Popfigur gemacht. Und damit, zwischen Oscar-Tanznummern und Bravo-Covern, ganz nebenbei, ganz unaufgeregt, Kämpfer der gleichgeschlechtlichen Liebe. Vorzeige-Metrosexueller, der Frauen nach Themenabenden und Bingokarten aufreißt, zum Leben erweckt von einem, der mit Lebenspartner und ihren gemeinsamen Leihmutter-Zwilligen in jedem Klatschheft lauert. Und niemanden stört es.

Barney dabei zu belassen, ihn Hefner-haft, ohne die große Wandlung, glücklich unliiert altern zu lassen, dafür fehlte der Serie der Mut. Wo geläutert wird, da fallen Authentizitäten. Doch diese Ernsthaftigkeit, die irgendwo ab der vierten Staffel heranwuchs, untergrub auf groteske Weise die Identität der Serie. War diese doch anfangs frei von Zwängen, noch nicht umschlungen von dieser Vorstellung, ja Ideologie, nur Kind und Treueschwur würden dem Leben einen Sinn geben. Und unseres hat dabei nicht mal einen Titel, der verrät wie es ausgeht.