Sonntag, 26. Januar 2014

Geh doch nach Hause!

My home was my castle. Wir haben die Burg der eigenen vier Wände aufgegeben und diesen einstigen Schutzraum den Versprechungen der Arbeitswelt geopfert. Perfektionismus wurde zur Tugend, Leistungsdenken ein Dauerzustand. Warum man sich Burn-Out und verwandte Krankheiten eigentlich zu Hause holt. – Ein Essay.

Der Mensch ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Denn Ernesto ist zu Gast und gibt die volle Punktzahl.
Das Perfekte Dinner macht seinem Namen alle Ehre. Kandidat Ernesto trägt eine beige-weiß-karierte Mütze. Dazu ein Sommerhemd, in deren Ausschnitt ein zierliches Goldkettchen verschwindet. Davor das Nummernschild. Dem Kandidat mundete die Bewirtung. 10 Punkte.
Ein Format, harmlos gewiss, und in keinster Weise der Untergang des alteuropäischen Abendlandes. Jedoch Ausdruck eines Phänomens, einer Entwicklung, die über das Symbol und über die kurzfristige Mode bedeutsam ist. Das Private, nicht zu verwechseln oder gleichzusetzen mit dem Begriff der Privatsphäre, unterwirft sich zunehmend den Regeln der Arbeitswelt, den Leistungsprinzipien der Konkurrenz, dem Denken des Kapitalismus. Kochen um jeden x-beliebigen Preis. Der Gewinner hat gewonnen. Und wer gewinnt, hat gewonnen. Geselligkeit als Ergebnissport, Punktesystem inklusive.
Auch für die Teilzeitprominenz gibt es die Variante am Sonntagabend. Man ist nicht zum Kochen in der Sendung, sondern um sich seinen Berühmtheitsstatus zurück zu holen. Wessen Castingband kein neues Album mehr aufnehmen darf, wessen Sportkarriere keine Fortsetzung im Trainerlehrgang findet, wer nichts mehr zu verlieren hat, der kocht.
Auf Vox schauen wir also der Halbberühmtheit beim kulinarischen Anbiedern zu und fühlen uns ihr überlegen. Unter der Woche kochen wir auf gleichem Sender selbst.

Wir haben nicht verlernt zu kochen. Wir brauchen einfach jemanden, der uns sagt, dass alles gut ist. Jamie Oliver, Wohlfühl-Schnibbler vom Dienst, zeigt mit Charme und ewiger Jugend, dass man sich auch für die einfachen Dinge nicht zu schämen braucht. Sein medizinisches Pendant heißt Dr. Eckardt von Hirschhausen. Bei großen Lebensfragen bietet Richard David Precht Orientierung. In Mars-und-Venus-Dingen hilft Mario Barth. Und wer gerade denkt, der einzige zu sein, der nicht weiß wohin mit sich, dem tätschelt die Julia Engelmann der Saison die Stirn. Wo Antworten sind, wurden Fragen gestellt. Wo Fragen sind, herrscht Ratlosigkeit. Von der Küche über den Medizinschrank bis ins Wohn- und Schlafzimmer: Es scheint derzeit viel banalen Klärungsbedarf zu gehen.

Einender Eskapismus im Wohnzimmer

Das eigene Heim verliert zunehmend seinen Schutzraum-Status und bekommt eine gesellschaftlich fortschrittliche Rolle zugewiesen. Nicht erst durch Google-Street-View. Ein Rundgang durch seine einzelnen Räumlichkeiten macht Sinn. Beginnen wir im Wohnzimmer, in dessen Mitte der Fernseher thront, Spielekonsolen zu seinen Füßen. Für diese, ehemals ein reiner Hort des Hedonismus, werden nun Programme entwickelt, die Fitness-Übungen zum Abnehmen oder zur Bewegungssteigerung bereithalten. Die Wii kann sogar Yoga. Gameboy-Spiele definieren ihren Reiz in der IQ-Steigerung. Ein Begriff wie Gehirnjogging kann nur in einer Zeit materiell ausgereizter Ressourcen entstehen. Wir haben unser Heim zu einem physischen wie psychischen Fitnessstudio umgebaut. Die Playstation ist ein Hometrainer geworden.

Ist die Konsole ausgeschaltet, findet der Fernseher seine Funktion als Flucht- und Fixpunkt. Aber auch als Erzieher dient die Gerätschaft. Das Model und der Freak zeigt Erfolgschancen bei Frauen auf, indem es seine opportunistischen Kandidaten irgendwo runter springen lässt, während ihm die Laufstegpomeranze rät, häufiger zu duschen. Die Castingshows lehren derweil, wie wir zu singen haben und vor allem, wie wir nicht zu singen haben. Außerdem erzählt man uns, wenn man etwas genauer hinsieht, dass zu viel Persönlichkeit auch nichts bringt. Was zählt, ist nur ein Satz: „Ich werde alles geben“. Ob als versuchtes Model, Sänger oder Gastgeber: „Ich werde alles geben“, wie auswendig gelernt. Nein, es ist auswendig gelernt. Wenn Sportkommentatoren lobende Worte für jemanden finden, heißt es meist: „Er hat alles richtig gemacht“.
Unsere Sprache hat sich verändert. Wir haben Begriffe wie Life-Coach oder Performance-Angst einfach und unkommentiert in unseren Wortschatz gelassen. Im Fernsehen haben wir sie zum ersten Mal gehört.
Nur Doku-Soaps spenden ambivalenten Trost. Bei allem Versagen, so peinlich wie die Familie am RTL-Nachmittag ist man dann doch nicht. Das Privatfernsehen ist geprägt von Eskapismus und Unsicherheit. Eine Sendung wie Das Supertalent beruht einzig auf dem Prinzip der Präventiv-Wertung. Schon in der obligatorischen Ankündigung eines Kandidaten erfährt der Zuschauer, ob er gleich zu jubeln, zu staunen oder zu buhen hat. Das voran gestellte Video erzählt dafür, ob der folgende Vortänzer einen tragischen Familienfall zu pflegen hat, sich trotz seiner ärmlichen Verhältnisse Lebensfreude und Optimismus bewahrt hat oder leidenschaftlicher Sammler gebrauchter Unterwäsche ist. Die Prophezeiung hat sich selbst erfüllt, bevor auch nur ein Schritt getanzt oder ein Ton gesungen ist. Das Glückmoment der Gruppenzugehörigkeit im gemeinsamen Fühlen und Handeln, wie plump und manipulativ dieses auch entstehen mag, ist elementar für den Erfolg solcher Sendungen. Eine unsichere Gesellschaft zeichnet sich durch äußere Homogenität aus, nach der sie strebt und die ihre eigene Ausbreitung vorantreibt. Selbst die Quoten-Schwarze und die Quoten-Blonde, die Dieter Bohlen flankieren, versichern sich in Körpersprache und Mimik regelmäßig beim Mann in ihrer Mitte. Ob sie das Dargebotene nun gut oder schlecht zu finden haben, ob er den Daumen hebt oder senkt. Dabei steht dies immer schon vorher fest.
Der Fernseher ist eine letzte Flucht vor der Welt geworden. Er nimmt einem das Denken und sogar das Fühlen ab, und betreibt gleichzeitig kulturästhetische Erziehung. Eine letzte passive Insel der Nicht-Überforderung in Zeiten der mentalen Überschwemmung und der Aktivitätspflicht. Das Medium, welches mal das Fenster zur Welt sein wollte, ist die letzte Ablenkung vor ihr.

Diplom-Küchentischpsychologen

Neben dem Fernseher liegt ein Stapel Illustrierte. Meist ist es gleich ein ganzer Haufen, gerne auch auf dem Klo platziert. Auch wenn jedes Heft identisch gestaltet ist, scheint der Markt eingängiger Frauenzeitschriften nie gedeckt. Fast jedes Exemplar bietet Tipps für die unterschiedlichsten Lebenslagen. Viele davon betreffen den öffentlichen Raum, das Schminken, die Mode, das Verhalten gegenüber dem Chef, den Kollegen. Doch auch die engste Umwelt besitzt Optimierungsmöglichkeiten. Wie man mit Freundinnen umzugehen hat, mit Geschwistern und, naturgemäß häufig: dem Partner. Das Leben ist zu einer ewigen Fortbildung geworden. Freundinnen machen Persönlichkeitstests, Beziehungen beginnen gleich in der publizistischen Paartherapie. Alles kann verbessert werden: Die Körpersprache beim ersten Date. Die Art, mit der man sich vor dem Sex auszieht. Die richtige Wortwahl bei der zweisamen Generalkritik. Man analysiert sich in die Depression. Gibt man bei Amazon die Worte „Ratgeber“ und „Liebe“ ein, erhält man gut 6600 Treffer. Bei „Ratgeber“ und „Geld“ ist es weniger als die Hälfte. Wer so viel zu verbessern hat, so unperfekt ist, kann gar nicht geliebt werden. Die eigene Unsicherheit wird auf die Zöglinge übertragen. Absolute Spitzenreiter bleiben demnach die Erziehungsratgeber, mit fast 30.000 Vorschlägen. Selbst die eigene Emotion steht auf dem Prüfstand. Und lieben tut man – so viel haben wir von Bridget Jones noch behalten – leidenschaftlich, kompromisslos, ewig. Ohne jeden Zweifel. Und wenn eine Kleinigkeit am Partner nicht stimmt– so viel haben wir von Carrie Bradshaw noch behalten – hat man Reißaus zu nehmen. Auf der Flucht vor sich selbst. Wenn wir nicht lieben oder nicht geliebt werden, gibt es dafür nur einen Grund: die eigene Fehlerhaftigkeit. Um es mit Heidi Klum zu sagen: Man hat nicht alles gegeben.
Das Grundniveau an psychologischem Halbwissen und Selbstreflektion ist so hoch wie nie. Wir wissen, dass wir eigentlich nur Angst vor Nähe haben oder dass wir eigentlich nur Menschen suchen, die wie unsere Eltern riechen. Die Ausschlachtung der Ratio hat uns alle zu großartigen Küchentischpsychologen ausgebildet. Nur führt eine wissende Ratio nicht zu einer höheren, emotionalen Reife. Reflektion ist lediglich das ewige Lamentieren über sich selbst, das immer nur neue Bereiche der emotionalen Schwäche benennt, aber nicht bekämpft.

Die Treppe hinauf gelangt man ins Schlafzimmer. Im Bett hat man selbstredend genauso zu funktionieren. Selbst im Intimsten hat das Prinzip der Leistungserbringung Einzug erhalten. Der ehemalige Schutzraum Sexualität bricht auf, wird durch Phänomene wie YouPorn gleich geschaltet, die wie das Fernsehen ästhetische Erziehung betreiben. Der richtige Sex: Es gibt ihn. Er ist unbehaart, ausdauernd, abwechslungsreich, spontan und sowieso. Der Aufstieg des Pornos aus dunklen Kellern in die beiläufige Häuslichkeit des Internets hat ihm den verruchten Charakter, die spannende Aura der Andersartigkeit genommen. Früher waren der Porno und seine Darsteller etwas aus einer anderen Welt. Heute drehen wir alle unseren eigenen. Zu sehen in der Kategorie Amateur. Der Sexfilm gilt nicht mehr als exotisches Etwas, das man sich verklemmt bis verstört, innerlich distanziert bis heimlich-fasziniert ansieht. Er ist zum Standard geworden, den wir täglich versuchen zu erreichen. Und wenn man etwas erreichen kann, kann man dabei scheitern. Wenn wir glücklich sein können, sind wir es nicht. Auch schon vor dem Sex, also im Bad gibt es einheitliche Auswüchse. Früher war es für die Frau unmöglich, den Kampf gegen die eigene, freiheitsheuchelnde Behaarung anzutreten. Heute dagegen muss jede Dame – und der Fairness halber sei gesagt, dass auch Männer zunehmend häufiger solchen Pflegeauflagen unterliegen – sich von sämtlichen Auswüchsen unterhalb der Schultern entledigen. So oder so: es bleibt ein Hygiene- und Schönheits-Diktat. Die Frage der Intimrasur ist keine Frage. Man hat keine Wahl.

Ich teile mich mit, also bin ich

Beim Thema Sex ist man heutzutage wie konditioniert am Computer. Der Laptop wird ja auch – so zeigt es uns beispielsweise die (kinderfreundliche) Werbung – direkt mit ins Bett genommen. Dass aus der dauerhaften Möglichkeit der Internetnutzung und Erreichbarkeit über W-Lan und Smartphones unmittelbar der Zwang der Erreichbarkeit wird, verrät die Telekom-Werbung nicht. Natürlich kann Oma jederzeit Mails checken. Aber der Chef kann auch jederzeit solche senden – und verlangen, dass diese umgehend gelesen werden.
Das Internet im Allgemeinen und Facebook im Speziellen sind natürlich zu nennen, wenn es um die Vermischung einstmals getrennter Welten geht. Wenn Intimes und Öffentliches eine undurchsichtige Mischform bilden. Der Like-Button ist vielleicht das deutlichste Bild für die Unterordnung intimer Dinge unter einem Prinzip der Leistung. Etwas gut finden lassen, heißt immer auch, es der eventuellen Missbilligung anderer zu unterwerfen. Doch trägt man in Netzwerken sein Privates nicht nur in den öffentlichen Raum und gibt ihn damit zur Bewertung frei. Das Internet ist zu einem Echtzeitmedium geworden. Die Bewertung findet simultan zum Erlebten statt. Das Foto aus der ersten Reihe, das Video der neuen Single wird noch auf dem Konzert hochgeladen und damit auch noch während selbigem bewertbar. Gerne wird auch die gerade zubereitete Mahlzeit fotografiert und gepostet. Wo wir wieder beim perfekten Diner wären. Etwas zur Bewertung freigeben heißt, sich abzusichern. Mache ich auch alles richtig, ist die Frage, die hinter der Pasta im Profil steht. Ist alles gut bei mir? Jetzt? Während die Angst vor dem Alleinsein alles umschließt. Und Mobilfunkanbieter zeigen währenddessen Hipster, die während des Bungee-Sprungs ihren Freunden erzählen, wo sie gerade sind. Ein Glücksversprechen: Ohne die Teilhabe anderer ist das Eigene, das Innere nichts wert. Es existiert gar nicht. Ich teile mich mit, also bin ich. Es gibt nichts Privates mehr, weil sich das Private neuerdings erst durch seine Präsenz im öffentlichen Raum definiert.

Nachdem man also zwischen Lokalsportteil und Aufwach-Zigarette seine Mails gecheckt hat, fährt man zur Arbeit. Im Radio redet ein Wirtschaftsweiser. Aber man hört nicht hin. In Gedanken legt man sich bereits seine Worte zurecht. Die letzte Nachricht hat das Thema des ersten Meetings preisgegeben. Was schrieb Gordon Gekko uns noch gleich ins Notizbuch: „Lunch is for pussys!“

Der Rhythmus, bei dem man mit muss

Das Wesen des Kapitalismus ist der Fortschritt. Das Wesen des Fortschritts ist die Verbesserung, gerne auch Optimierung genannt. Und da ist der Optimismus gleich mit drin, also die Werbung.
Werbung ist auf eine Aussage zu reduzieren: Es ist möglich, glücklich zu sein. Womit, wodurch oder wie erklärt jeder Reklamekontakt für sich. Wenn wir glücklich sein können, bekommen wir damit aber eigentlich gesagt, dass wir es im Moment nicht sind. Optimierung, Perfektion ist ein Loop, eine Endlosschleife, ein Hamsterrad.
Genauso wie die Werbung ihr Bestehen aus dem dauerhaften Vorhandensein eines Verbesserungspotenzials konstruiert, ist im Kapitalismus der Fortschritt ein immer währendes Moment. Der Weg, der Anstieg ist das Ziel. Rentenalter werden herauf gesetzt. Schüler früher eingeschult und vor allem: früher durchs Abitur geprügelt. Den protokollartigen Auslandsaufenthalt zwängt man sich trotzdem noch irgendwie in den Lebenslauf. Englischunterricht gibt es ab der ersten Klasse, Geografieaufgaben werden bereits im Kindergarten gestellt. Auch Noten fürs Betragen schaffen es immer wieder aufs Zeugnis. Druck allerorten. Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, verliert. Der Lebensweg entscheidet sich am Ende der Grundschule. Da ist sie wieder, die Undurchlässigkeit, die Bewahrung der Homogenität, nach der unsichere Gesellschaften immerzu streben.
Auch wenn in der Workload-Überforderung das unzureichende Klischee der bösen, fiesen Arbeitswelt steckt. Mit dem Wegbrechen einer ideologischen Alternative, und wenn sie noch so sozialistisch-fragwürdig war, ist auch die Frage nach der Veränderung gewichen. Nützt ja doch nichts, wird auf eingebrachte Zweifel entgegnet und weiter gemacht. Der Körper kennt darauf immer nur die Antwort des unkontrollierten Ausbruchs, des Hilfeschreis. Ausgebrannt ist man dann, verenglischt: Burn-Out. Doch der seelische Zwilling der Depression kämpft weiter um den Titel des Leidens mit dem schlechtesten gesellschaftlichen Stand. Ein Bein kann sich jeder brechen. Krebs bekommen, ist Schicksal. Aber traurig sind nur die Schwachen. Dies sei nur eine Mode, ist da der häufig gebrachte Einwand. Alle wären sie jetzt erschöpft, das geht vorbei. Doch offen geht weiterhin niemand damit um. Mag die Anzahl der Krankschreibungen auch seltsam rapide gestiegen sein – was vielleicht sogar nur der Tatsache geschuldet ist, dass diese Krankheit endlich einen Namen hat –, zugeben tun die wenigsten, deswegen in Behandlung zu sein. Allein die bloße Existenz der Frage, ob es sich bei diesem Leiden nicht einfach um eine fragwürdige und faule Generalentschuldigung der Arbeitenden handelt, zeigt die Rechtfertigungsnot, in der sich Erschöpfte und Ausgelaugte sehen. Da wählt man lieber die Taktik der körperlichen Verdrängung. Symptome wie Müdigkeit und Nervosität werden unterdrückt und bekämpft. Ritalin ist bei Schülern und Studenten der neue Traubenzucker. Der Energiedrink Red Bull verkaufte sich im Jahr 2010 4,2 Milliarden Mal. Für dieses Jahr wird der Rekordabsatz von 4,6 Milliarden erwartet. Dreimal so viel wie noch 2005.
Mit der zunehmenden Angst im Perfektionierungsdauerlauf auf der Strecke zu bleiben, also im Wettrennen gegen eine fiktive Masse, die scheinbar immer besser, länger und gewissenhafter arbeitet als man selbst, entscheiden sich immer mehr Angestellte für die Arbeit und gegen die Freizeit. Womit diese Entscheider zur eigentlichen, weiterhin unfassbaren, fiktiven Masse werden, an der sich andere wiederum orientieren. Es ist eine nur schwer zu durchbrechende Abwärtsspirale. Doch die Entscheidung für oder gegen die Freizeit ist letztlich eine genauso autonome wie jede andere. Konkurrenzdruck ist immer eine Größe, der man sich genauso entziehen kann, wie man sich freiwillig auf sie einlässt.
Doch die Schwierigkeit ist nicht zu leugnen: Karriere gegen Spaß. Der berufliche Erfolg ist neuerdings nur noch zum Nachteil des Privatlebens zu erreichen, nicht mehr im Einklang mit ihm.

Vom Privaten zum Politischen

Die Aufgabe Freizeit und Arbeit in Einklang zu bringen, ist nicht neu. Die Wirtschaftswunderer grenzten das Private vom Beruflichen ab, in dem sie es mit dem Geschlecht verbanden. Ohne Frauen war der Arbeitsmarkt nur noch halb so voll, weshalb jedes nostalgische, glorifizierende Sehnen nach jenen Tagen immer auch etwas arg Verdrängendes hat. Und dennoch: „Samstags gehört Vati mir“ war zwar Verstärkung patriarchalischer Strukturen, aber genauso die quantitative Zusicherung von Freizeit. Das Waschen des Autos, zugegebenermaßen ein miefiges Hobby, war immer noch ein Hobby.
In der 68er-Bewegung dann entwickelte man die Idee einer von der Arbeitsobrigkeit befreiten Lebenssituation, in dem man das Private, die Selbstverwirklichung nicht zum wichtigsten, sondern zur alternativlosen Allheiligkeit erklärte. Die einstmalige Grenze, die man mit dem Schließen der Haustür zog, verwischte. 1970 wurde in der Frankfurter Eppsteiner Straße 47 das erste Mal ein Haus besetzt. Das Private wurde politisch. Die Häuserwand zur Kampfzone. Die Zeit war voller Dogmen. Eine sich schminkende Frau war Antifeministin. Das Ideal der freien Sexualität war letztlich das Diktat der sexuellen Freigiebigkeit. Frei hieß groteskerweise nur, was dem Ideal entsprach – oftmals schlicht die plumpe Umschichtung des Vorangegangenen. Frei wäre gewesen, sie hätten gerufen: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört zwar zum Establishment, aber hey, jedem das Seine, ihr Spießer. Klingt fast genauso catchy. Womit wir nochmals zur Werbungssprache zurückkehren.
Bis in die 60er Jahre fristete das Wort Mehr in der deutschen Werbesprache eine untergeordnete Rolle. Inhaltliche Begriffe wie Frisch oder Schmeckt waren ihm einige Nennungen voraus. Erst in den 70ern wurde Mehr häufiger genutzt, stieg aus unteren Top 20-Platzierung bis auf Platz drei. Dort steht der Begriff bis heute. Im Geschäftsjahr 2010/2011 wurden nur die Wörter Wir und Leben öfter in Werbeslogans verwendet.
Das Mehr ist gleichermaßen Dogma wie Zugpferd einer vereinheitlichenden Entwicklung geworden, die bis heute anhält. Der konservative Backroll heutiger Mittdreißiger, die Sehnsucht nach Stabilität, die Konzentration auf das kleine, private Glück, fernab großspuriger Ideale, die über die Kernfamilie hinaus gehen, ist nicht wie oft behauptet, eine Rückbesinnung auf Nachkriegswerte. Es ist eine erneute Steigerung, ein erneutes Mehr. Waren die monogamen 50er auf den materiellen Aufstieg fokussiert, koste es was es wolle, probten die Hippies den Ausstieg, der letztlich nur ein Einstieg in eine neue Welt voller Wertvorgaben war.
Ganz im Wesen des Kapitalismus, der sich nach dem Ausreizen eines Wirkungsfeldes einem neuen zuwendet, ist die Logik der Leistungserbringung nun vom rein beruflichen ins private Leben übergegangen. Es gibt keinen Lebensbereich mehr, in dem man nicht funktionieren muss.
Demnach sind die Burn-Out-Fälle, die Ritalin-Junkies, die überforderten Grundschüler und ihre Eltern nicht einfach die Resultate eines Kapitalismus, der sich unersättlich im Ausloten seiner Grenzen zeigt, und dem man sich klagend ergibt. Letztlich sind sie das Ergebnis einer fehlgeschlagenen Verteidigung des Schutz- und Rückzugraums Privat. Überarbeitung als qualitatives Problem.
Wir lassen uns das Rauchen verbieten, unsere Butter ist cholesterinfrei, wir leben in dem Bewusstsein, dass Sex mehr Kalorien verbrennt als Joggen. Der Fortschritt, er hört nie auf. Wir öffnen ihm die Tür. Wir ließen das Drehteam hinein, uns beim Kochen zu begleiten. Wir geben uns im Internet und sonst wo zur Bewertung frei. Wir lesen die Zeitschriften und Ratgeber, die wir lesen. Wir gucken die Sendungen, die wir gucken.
Für sein Privatleben – soweit liegt es dann doch noch in der Natur der Sache – ist am Ende eines langen Arbeitstages immer noch jeder selbst verantwortlich. Worin aber ein Hoffnung spendender Lösungsansatz steckt.
Beim nächsten Konzert die Kamera auslassen. Freunde zum Essen einladen, ohne Sorge um den Hauptgang. Solange genügend Wein im Haus ist, ist die Würze des Hauptgangs nicht entscheidend. Mal wieder den Tetris–Highscore knacken und nicht durch den Vorderlappen joggen. YouPorn als das annehmen, was es ist: gute Comedy. Dass die Karriere ihren Platz herrischer einfordert als früher, ist unumstritten. Umso wichtiger ist es für jeden Einzelnen, sich seine stress- und leistungsfrei-Zone zu erhalten.
Wir sind nicht mehr Herr im eigenen Haus. Wir sind, liebe Werbung, ganz und gar nicht glücklich. Aber wir könnten es wieder werden.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

2013 - Ein Kinojahr in Bildern

Max Frisch, dieser alte Rumtreiber, hatte wohl Recht, dass wir unser Leben früher oder später als Geschichte hinter uns her schleifen - und sie dementsprechend in Bildern erzählen. Womit der Film dem Leben einen Schritt voraus (oder hinterher) ist: Seine Bilder erwachsen vielleicht der Verklärung, sie sind aber, einmal in die Linse geworfen, vor dieser gefeit. Die Aura der Wiederholung (Sorry, Walter), sie hat ihr emotionales Zentrum nicht im Film und nicht im Akt. Der Kern des Großen Ganzen ist die Szene. In ihr erhebt sich alles sowie es zum erliegen kommt. Oder um es mit Howard Hawks zu sagen: "Ein guter Film ist drei gute Szenen und keine schlechte".

10) This is the End - Michael Cera auf Kokain
Ist dies der beste Cameo-Auftritt aller Zeiten, wie meine Freunde von indiewire.com behaupten. Äh.... ja! Oder in anderen Worten: sehr, sehr... sehr lustig.



9) The World's End - Twins
Billy Wilder hätte es geliebt. Ok, das Ende will vielleicht etwas viel. Aber hey, es ist Edgar Wright. Der darf seit Scott Pilgrim eh alles. Es ist Rosemund Pike, die darf seit Barneys Version alles. Und ansonsten ist es schlicht gute Comedy. Mit dem kleinen Nerdgrinsen, weil sie über Zwillinge reden und selbst welche im Spiegel sind. Weil das Timing stimmt, weil die Seitenhiebe auf Moralverlust, Ipod-Generation im Gesamtverlauf gleichsam charmant wie korrekt sind. Und, tja, weils 2 Stunden schön smooth zwischen die Ohren geht, an denen ein fettes Lächeln aufgehängt ist.


8) The Pervert's Guide To Ideology  - Rammstein
Ich hätte auch andere Szenen, Gedanken, Momente heraus nehmen können. Es ist natürlich wieder einmal nicht das reine Dozieren, sondern der Akzent, der Look, der Körper, der Gestus, der Schnitt, die Überlagerung von Komplexität und Banalität. Es macht einen heiden (Wortspiel, juhu!) Spaß und bringt unbelesene Vollpfosten wie meine Wenigkeit doch voran.


7) World War Z - Showdown
Es ist offiziell: Brad Pitt ist Jesus. Ach quatsch: Jesus ist Brad Pitt! Das Meer wie Moses teilen, die Cola locker im Anschlag, dem (ziemlich vital geratenen) Zombie tief in die Augen blicken, als wäre es das erste Mal. Lang, lang lebe das Mainstreamkino und seine Idee von Coolness (im Indie-flick nebenan geklaut), die es uns immer wieder in die Köpfe planzt. Dass der Film dabei mit grandiosem Soundtrack und toller Montage so manchen Moment in die Klischees legt, der gar spannende anthrophologische oder politische Fragen aufwirft (Israel-Palästina, anyone?), egal. Hauptsache Brad Pitt hats im Griff und Moritz Bleibtreu kommt den Mund irgendwann wieder zu.


6) Paradies: Hoffnung - 2 Mädchen im Bett 
Wer nur einen Seidl kennt, weiß was er (sich an)tut. Und doch, seine Paradies-Trilogie war einen Wimpernschlag anders als es, sagen wir, Hundstage war. Ein Film, den ich hasste wie keinen zweiten vor oder nach ihm (Wofür ich ihn natürlich geliebt habe und immer mehr liebe!). Und doch, Paradies war weich, warm, sein Blick unabwendbar. Und die Zentralperspektive plötzlich nicht mehr kalt und richtend, sondern unvoreingenommen und wach. Dass dieser dem Objekt dienende Ansatz des Zeigens im Kosmos Kino so fremdartig wirkt, zeigt doch vielleicht, wie was wir verlernt haben. Seidl zeigt uns - bei aller Verletzlichkeit, die das mit sich bringt - was wir vermissen. 


5) Only God Forgives - Time To Meet The Mother / Devil
Was habe ich mich über die Kritiken aufgeregt, die den Polizeichef, den lokalen Antagonisten zum Untitelgebenden Höllenfürsten ausriefen. Nein, die Mutter ist, was wir fürchten. Wir? Der Westen. Amerika. Wir? Das 3-Akt-Erzählen. Das Wertesystem einer Aufsteiger-Kultur. Die, bei denen das Gute triumphiert. Aber wir sind nicht das Gute! Der Däne Refn und das kanadische Sexsymbol Gosling demontieren sich selbst. Vielleicht gibt es in diesem (in meinem Kopf) immer besser werdenden Film Szenen, die das besser beschreiben, wie der Endkampf, der keiner ist, der eben nicht hollywood'schen Logik des Fallens und Wiederaufstehens folgt (http://www.youtube.com/watch?v=V42UhZsei6k). Aber nichts ist so verrückt, so intensiv, so böse wie dieses Schwiegermutter-Interview. Wir sind die Bösen. Sie hat es uns in die Wiege gelegt. Wir haben es mit der Muttermilch aufgesogen und sind nichts weiter als hilflose Sozialattrappen auf diesem gottverlassenen Planeten. Und für Drehbuchfreunde wie mich: Sie sagt auch beim zweitem Mal "May", dieses grandiose Miststück.




4) Gravity - Die Einsamkeit
Wann immer die klugen Filmemacher dieser Welt ins All gehen, drehen sie ihre Kamera und blicken auf die Erde. Aus großer Entfernung entsteht immer auch große Nähe. Frage: War (dabei) ein Film schon mal existenzieller? War ein Symbol schon mal grundlegender? Haben wir sowas schon mal gesehen? Letzteres kann ich beantworten: Nein, haben wir nicht. Und in den nächsten 10 Jahren werden sich Leute an Filmschulen von Peking bis Buenos Aires an diesem Film abarbeiten. Allein deshalb sollten man ihn (mehrfach) gesehen haben.   



3) Frances Ha - Paris
Was war ich stolz, als der große Noah Baumbach und die große Greta Gerwig sich eine Sequenz ausgedacht haben, die im Kern exakt einer Szene glich, die ich zur Zeit des Kinostarts in München und Internet zum Besten gab (Centre Pompidou). Paris - als Fata Morgana in der Wüste Selbstfindung. Was haben wir in der Großstadt nicht alles verlernt? Und mit was hat sie uns nicht beschenkt? Mit Leidenschaft, mit Wille und Hoffnung. Doch alles was zu helfen scheint, ist diese Pseudo-Erleuchtung namens Eiffelturm. Stürzen wir uns hinunter in die Seine - dann ist der Blick darauf, wo wir hingehören wieder klar. 




2) Spring Break - Britneys "Everytime"
Diese Szene - zeigt alles was Kino kann und was Kino will. Sie lebt, atmet und trieft nach den Grenzüberschreitungen der Kunst. Dieser Film dreht alles durch den großen Joint Popkultur. Anti-subversiv, natürlich im Affekt und so lässig in all seiner Brutalität. Diese Szene ist Rausch - wie sie nur alle paar Jahre einem vor die Augen tritt. Ein Freund von mir benannte mal die Stärke von Harmony Korines Filmen damit, dass "sie vollkommen wertfrei sind". Diese Minuten sind Korines Everest. Tut damit was ihr wollt, ich serviere. Hat das mit uns, unserer Generation, unserem Leben zu tun? Aber Hallo! Schaut in euch und was seht ihr? Britney, Guns & a "fucking sensitive side". It's Spring Break, bitches!
Ich kann es nicht auf der Seite einbetten, also so:  http://www.youtube.com/watch?v=kD8hbg67u5c


1) La Vie D'Adele - Party
Das Aufgehen, wie es die deutsche Sprache so schön benennt, also der Kratzer, den der Moment in uns treibt und dieser süßsaure Prozess des Wiederzusammenwachsens. Diese Frau, zwischen Menschen, ganz bei sich. Die junge Frau und das Meer. Der Pop. Die Bewegung. Das Hier. Das Jetzt. Dieser 3-Stundenfilm ist eine Goldgräber-Stadt, auf Suche nach dem Riss in sich: Beim Essen, Reden, Ficken, Weinen - Tanzen! Eine Essenz meiner Welt zwischen Auswärtsspielen, Alkohol und Menschen mit dicken Brillengläsern. Es war ein gutes Jahr.  



Lobende Erwähnung sollten außerdem erhalten: Die Katze in der New Yorker U-Bahn in Inside Llewyn Davis; die Eröffnungparty in La Grande Ballezza; die Hochzeit in About Time, der abschließende Zusammenbruch Tom Hanks in Captain Philips, die Foxconn-Sequenz in A Touch of Sin; der Hitler-Mickey-Mouse vergleich als auch Sandra Hüllers Österreichweisheiten in Finsterworld; die Eröffnung von Feuchtgebiete; die (1.) Predigt Javier Bardems in To The Wonder; die betrunkene Allison Janney in The Way Way Back; die Eröffnung von Pacific Rim; das letzte Rennen in Rush; der finale Twist in Side Effects, der Mandarin-Kniff in Iron Man 3; das Mutter/Schwiegertochter-Gespräch in Mutter und Sohn; der letzte Besuch beim Pfarrer in Mea Culpa Maxima; der Ritt auf der Rasierklinge in The Place Beyond The Pines; das Backstreet-Finale in This Is The End; Rob Loewes Schönheitstipps in Behind The Candelabra; die Promo-Tour in The Hunger Games II; die anfängliche Einsamkeit Jack Gyllenhaals in Prisoners; die China-Zukunftsversion in Cloud Atlas; Nicole Kidmans Welthass in Stoker; der verseuchte Tümpel in The East; die Gerichtsverhandlung in The Bling Ring; Steve Carell und der Groupie in The Incredible Burt Wonderstone; die Pfannkuchenschlacht in 00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse; das Wiedersehen in The Great Gatsby.    

U.a. (noch) nicht gesehen: The Counselor, Ain't Them Bodies Saints, Oldboy, The Fifth Estate, Zwei Leben, The Act Of Killing, The Lone Ranger, Enough Said, Jung und Schön, The Butler, Touchy Feely, Der Schaum der Tage, usw.  

Und nun nach 2014: Wo Scorsese bereits den den besten Trailer aller Zeiten hinterlegt hat und Jennifer Lawrence schon wieder alles raushaut... Here we go!

Dienstag, 17. Dezember 2013

Call Of Duty

Eine Weihnachtsgeschichte

Der Streit bricht dieses Jahr bereits vor dem Mittagessen aus. Manuela zerschlägt eine Kugel des Christbaumschmucks, was Mutter seufzend kommentiert. Dass sie diese Arbeit ja gar nicht machen müsse, verteidigt sich Manuela, und wo eigentlich Anja sei, die doch helfen wolle. Worauf Mutter sich beklagt, dass alle diese „Familientradition“, als Arbeit empfinden würden. Was Manuela ein wenig zum Weinen bringt. Sie ruft „Druck“ und „Nachteil“ und hadert mit ihrer Rolle als der Ältesten, was im Ausruf „Ich bin nicht alle“ seinen Höhepunkt findet. Nachdem Mutter ihre Entbehrungen für diese Familie aufgezählt hat, knallt eine Tür und ich kann mir dem Eindruck nicht verwehren, dass es auch bei diesem Streit unterschwellig darum geht, dass meine Eltern sie tatsächlich Manuela genannt haben.
Komm mal mit“, sagt meiner Vater und schleift mich mit rudernden Bewegungen hinter sich her.
Och nö“, sage ich und folge ihm.
Doch. Ich will dir was zeigen“, sagt er und macht das Kellerlicht an.
Sag nicht, du hast jetzt 'ne Modelleisenbahn.“
Vater rudert weiter und schlurft die Treppen hinunter. Noch bevor ich durch die Tür seines Arbeitszimmers bin, höre ich das Zischen einer geöffneten Getränkedose. „Da!“, sagt Vater und wartet auf Lob.
Ok. Äh... Ok.“, sage ich und die Pupillen meines Vaters weichen zurück. Ein Bier in der Hand sehe ich mich um. Ein Stapel Sport Bild liegt neben einem Sessel mit dunkelblauem Baumwollüberzug. Die Lehnen sind ausgefranst und zwei aufgerissene Nähte bringen gelben Kunststoff zum Vorschein. Davor steht eine Apparatur aus Mini-Flatscreen, Mini-Boxen und Mini-Bar, davor eine Spielekonsole und Plastikhüllen mit Gewehrläufen, Gasmasken und Nachtsichtgeräten darauf.
Prost!“, ruft Vater, nickt zufrieden und wischt sich die Feuchtigkeit aus dem Mundwinkel.
Prost“, sage ich und kann nicht an mich halten: „Kannst du dir keinen Porsche kaufen, wie die anderen Kinder auch?“
Ach quatsch“, ist Vater trotzig wie so oft in den letzten Jahren: „Ist doch total cool, hier“ und in seiner Betonung des Wortes Cool steckt die ganze Verzweiflung seiner Lebensphase.
Und wenn Mutter dir das Taschengeld kürzt, verziehst du dich hier runter?!“
Oder wenn der FC spielt“, antwortet er, deutet auf dem Pay-TV-Receiver und wir trinken beide: „Hättest du doch bestimmt auch gerne.“
Ich hab nicht mal einen Fernseher, Papa.“
Ja, stimmt“, wird Vater nachdenklich: „Na ja“, sagt er, trinkt noch einen Schluck, stellt die halbvolle Dose in zurück und geht nach oben. Es hatte geklingelt.

Frida stürzt herein. „Bruderherz“, fällt sie mir um den Hals und küsst mich ab. „Ist das ein Knutschfleck?“, fragt sie und tippt auf meiner Brandnarbe am Hals herum, als wäre sie ein Reset-Knopf. Sie macht diesen Witz jedes Mal und ich finde ihn immer noch nicht gut. Sie ist noch dünner als letztes Jahr. Anja rennt über den Flur und fällt Frida um den Hals. Unvermittelt will sie ihre Meinung nach einer bestimmten Website wissen. Vom ganzen Krach angelockt, kommt Manuela die Treppe hinunter. Sie grüßt, während sie das Geländer fest im Griff hat. Frida macht keine Anstalten, den dicken Wintermantel auszuziehen. „Hallo“, ruft nun Mutter mit Anstrengung auf der Zunge und steckt die Hände in die Hüfte. „Und, freut ihr euch schon?“, ist das erste, was sie fragt. Wir nicken höflich.

Nach der Messe haben wir alle unser bestes Elternsprechtag-Grinsen auf und schütteln Hände. „Guck mal, die Junge von den Gilberts ist wieder schwanger.“, flüstert Frida.
Ja, der Vater ist, glaub' ich, in Afghanistan.“, nicke ich.
Anja, pack dein Handy weg. Es ist heiliger Abend“, fordert Mama. Ihr Wisch durch ihre Strähnen verrät ihre Sorge, dass man uns zuhört.
Was hat das damit zu tun? Sind Handys an Weihnachten verboten?“, fragt Anja, wie ich finde, nicht zu unrecht.
Heute ist Familie, morgen kannst du wieder mit deinen Freunden schreiben“, springt Manuela ein. Ihre Kette hat einmal Oma gehört.
Komm, lass uns gehen“, sagt Frida und hackt sich bei mir ein. Wir schlittern nach Hause und treiben Anja vor uns her. Manchmal lacht sie übertrieben laut über etwas in ihrem Display. Aber als wir sie auch beim dritten Versuch nicht fragen, was denn so lustig sei, lässt sie enttäuscht davon ab.
Wie geht’s denn Björn?“, fragt mich Frida.
Weiß ich nicht.“
Wie, du weißt es nicht?“
Ich weiß es nicht.“
Frida überlegt: „Ach komm, nicht wirklich. Schon wieder?“
Schon wieder... “, sage ich und bin mir meiner Schuld bewusst. Der Schnee knarzt unter meinen Schuhen, als würden wir über einen Speicher gehen, der lange nicht mehr betreten wurde.
Wie lange ging es diesmal? 3 Monate? Du musst dein Leben in den Griff kriegen, Mann!“, sagt Frida und boxt mir in die Seite: „Erzählst du Mama und Papa davon?“
Die wissen alles, was sie wissen müssen.“
Willst du sie nicht teilhaben lassen?“
Nein. Ich will nicht nochmal von Papa so angeschaut werden. Ich bin nicht hier, um mich … mitzuteilen.“
Warum sollte wir denn sonst nach Hause kommen?“, fragt Frida. Sie klingt nicht wie jemand, der von seinen eigenen Worten überzeugt ist.
Weiß nicht. Weil es …“
Frida kratzt sich die Nase: „Vielleicht...“
Weil es noch falscher wäre nicht zu kommen“, werfe ich hinterher.
Wärst du denn heute gerne woanders?“
Nein. Aber deswegen muss es mir noch lange nicht gefallen.“ Frida grinst. Ich fahre fort: „Ich muss mich nicht öffnen. Ich bin von hier weg, um mich nicht mehr öffnen zu müssen. “
Du hast ihn nur erschreckt. Welcher Vater nimmt so was einfach auf. Meinst du nicht, es würde sie freuen, für dich da zu sein?“
Sagt meine kleine Schwester, die sich seit Jahren zu Hause nicht traut, ihre Stulpen vom Handgelenk zu nehmen.“
Arsch“ zischt Frida, zieht ihren Arm aus meinem und boxt mich erneut in die Seite. Diesmal tut es weh.

Zur Bescherung läuft Schuberts Ave Maria – weil das schon immer so war. Die Freude über die Geschenke ist von jener Begeisterung dominiert, genau das zu bekommen, was man dem anderen aufgetragen hat, zu besorgen. Niemand weint, es ist ein gutes Jahr.

Zur Suppe gibt es, wie immer, Weißwein, zur Ente, wie immer, Rotwein und zum Eis Obstler, wie immer. Es läuft immer noch Schubert aber er wird mit jedem Glas weniger nervig. Etwa zwischen dem ersten und zweiten Stück Ente ist es Zeit für die Bestandsaufnahme. Manuela berichtet von ihrem Kollegen, der vielleicht etwas wäre. Sie ist befördert worden, ihre Katze war beim Arzt und ihre neue Wohnung sei auch sehr gemütlich mit dem neuen Teppich. Ich wünsche ihr, dass sie irgendwann akzeptiert, dass die Rolle der Ältesten genau richtig für sie ist. Anja erzählt von ihrer verbesserten Deutschnote und von Mirko, der offensichtlich ein Arschloch ist.
Soll ich ihn verprügeln?“ frage ich. Anja nickt.
Frida kratzt sich am Ohr und stottert Worte wie „Relaunch“ und „Projektkoordination“, und das mit diesem Lächeln, das ihr schon so viele Türen geöffnet und so viele Probleme gemacht hat.
Ich freue mich, dass es meinen Kindern so gut geht“, ruft Mutter, und stemmt die Hände in die Hüfte.
Unseren Kindern“, sagt Vater und grinst.
Unseren Kindern, jaja.“. Sie stoßen an und mir wird bewusst, wie lange ich nicht mehr hier war.
Mein Blick fällt auf Fridas Handgelenk, das sie sich kratzt. Ich mache mit und kratzte mich spiegelverkehrt. Frida sieht das und kann zu meinen Glück darüber lachen. Anja fällt die Gabel auf den Boden, wofür sie von Manuela einen bösen Blick erhält. Ich knöpfe mein Hemd auf.

Weit nach Mitternacht, die Damen sind längst im Bett, sitzen Vater und ich im Keller und spielen Krieg. Er sagt „zocken“ dazu und selbst das ist mir zu dieser Uhrzeit egal. Als der Ladebalken eines neuen Levels blinkt, frage ich: „Wie geht’s denn dir?“, und merke, dass ich diese Frage beim letzten Mal hier unten hätte stellen sollen.
Vater knurrt und bricht auf der Flanke mit seinem Panzer durch. „Du musst auf den Radar gucken, wenn du unter Beschuss genommen wirst“. Ich falle und lasse den Controller in meinen Schoss sinken. Vater beendet das Level. Ich schaue ihm dabei zu.
Uns geht’s gut“, sagt er unvermittelt, ohne vom Bildschirm aufzublicken: „Es war ein ruhiges Jahr.“
Das mag wohl sein“, sage ich.
Doch. Ich finde uns geht’s gut.“
Ok.“, nimmt meine Stimme eine Abwehrhaltung ein: „Findest du nicht, dass wir uns zu wenig kennen?“ Ich bin überrascht, wie intuitiv ich die Frage stelle.
Geht“, sagt er und schnieft: „Versteh mich nicht falsch, mich interessiert was ihr treibt. Aber ich finde das zu viel verlangt. Familien müssen sich nicht verstehen oder kennen. Familie muss nur da sein. Keine Ahnung, es ist Weihnachten, alle sind ganz zufrieden, alle sind gesund. Findest du nicht?“
Was finde ich nicht?“,
Gehts uns nicht gut? Die Ente heute, die war doch gut.“
Ich denke an Manuela und ihre Halskette, an Frida und ihre Stulpen, an Mama und ihre Schürze.
Vielleicht“, sage ich und folge Vater in ein Sumpfgebiet.      

Montag, 28. Oktober 2013

Centre Pompidou

Meine Hüfte vibriert. Aber heute bin ich raus.
Nein. Nur zwei. Es gibt genau zwei Arten, auf die ein Witz gelingen kann. Wenn er überhaupt gelingt“, sagt Helene und kratzt sich an der nackten Wade, die sie mitsamt ihren Füßen aufs Armaturenbrett gelegt hat: „Beim ersten Mal und beim hundertsten Mal.“ Ihr Rock ist etwas in den Sitz gekrochen und der Blick auf ihr Muttermal freigegeben. Es scheint sie nicht zu stören. Manchmal möchte ich sie darauf ansprechen, wie sie mit ihrem Körper umgeht oder erzählen, dass er mir fast Angst macht. Aber wir sind nicht so weit, so intim. Ich kann meiner Assoziation eines überfürsorglichen Opas oder Onkels nicht nachgehen. Ich kann sie nicht fragen.

Und beim hundertundersten Mal?“, frage ich und bin froh, dass ich dabei den Blinker setzen muss. Es verleiht meiner Frage eine gewisse Lässigkeit.
Wer erzählt schon Witze 101 Mal?“, fragt Helene, und weil wir beide dazu nur nicken und gespielt nachdenklich in die Ferne schweifen, schaffen wir einen fast witzigen Moment.
Helene dreht über die Wählscheibe meines Ipods, welcher ans Radio angeschlossen ist. Das dazugehörige Rattern knistert durch die Boxen und füllt den Wagen mit einer Art digitalen Meditation. Die Mittagssonne spiegelt sich im Display des Players. „Ah, Studentenpogo“, sagt sie und eine Gitarre beginnt zu hüpfen. We're the people / the happy with the broken hearts / the ones who draw a picture and proclaim that it's art. Ich lasse das Fenster noch etwas weiter herunter. Die Kurbel ist mir das Liebste in meinem Auto. Wie ein Überbleibsel aus meiner Kindheit; ich neben meiner Mutter, die mich zum Einkaufen mitnimmt. Ich darf Kekse aussuchen und auf dem Rückweg fragt sie mich, warum ich diesen oder jenen Popstar so mag. Zum Kurbeln habe ich beide Hände gebraucht, das Machen war noch schwer, das Denken einfach.

Hast du dein kleines Schwarzes dabei?“, frage ich und deute auf das vor uns liegende Straßenschild, das uns den Weg nach Baden-Baden weisen will.
Jaaa“, sagt Helene und es liegt ein Triumph in ihrer Stimme, den ich weder entschlüsseln noch erklären kann. Das wird mir zu heiß. Plötzlich ist alles nicht mehr aufregend sondern gefährlich und ich lasse mein eigens installiertes Thema schnell wieder versanden. Casinos sind ja doch nur was für Pauschaltouristen und Telekomaktionäre, durchzuckt es mich. Das Navi spricht von noch etwa 500 Kilometern.
Du meinst das Kleid, dass ich letzten Sommer am Gärtnerplatz getragen hab'?“, fragt Helene vorsichtig aber hörbar geschmeichelt. Ihre Hand fährt flüchtig über meine Schulter.
Möglich“, sage ich.
Was für ein Abend!“, sagt Helene: „Du warst so süß, meine Fresse. Und ich mochte dein Hemd. Du sahst so gut aus. Understatementaufreißer, ich sags dir.“
Mein Blick fällt in den Rückspiegel. Ein Mercedes will vorbei, ich mache Platz. Dem Das-wurde-aber-auch-Zeit-Blick des Fahrers setze ich ein Grinsen und Winken entgegen, das provokant sein soll. Der CLK zieht davon.
Schon komisch“, sagt Helene.
Was?“
Na ja, der Abend.“
Wieso?“
Ach, weiß auch nicht.“

Helene war letzten Sommer noch mit Michael aus ihrer Band zusammen, der diese kurze Zeit später verließ. Nachdem Helene ihn verlassen hatte. Am Gärtnerplatz trug sie eine Fußkette zu ihren Ballarinas und als ich fragte, möglichst verträumt klingend, was ihr Tattoo über ihrem Knöchel bedeute, sagte sie nur: „Liebe“, und hat gelacht. Später hat sie mich aufgeklärt. Das Tattoo sei eine „Urlaubseuphorieschwachsinnigkeit“ sowie ihr chinesisches Sternzeichen. „Im Zeichen der Ratte Geborene sind kreativ“, hat sie dann ihr Smartphone zitiert: „spontan und offen für alles Neue. Ihr Enthusiasmus lässt sie viele Dinge in Gang setzen, doch ihr mangelndes Durchhaltevermögen fördert nicht unbedingt das Beenden des Begonnenen.“ Außerdem erinnere es sie an ihre Jugend. Es wäre eine „Ode an die Fehlbarkeit“. Sie müsse nicht damit leben, sie „dürfe es“. Dann hat sie wieder gelacht und wir unterhielten uns über Musik, ein bisschen über Filme und noch mehr Musik. Sie nannte ein paar betrunkene Teenager neben uns ein „Untervögeltgeschwader“ und immer wieder hat sie mir dabei ihre Hand auf meine Brust gelegt, wie eine Krankenschwester, der man vertraut, weil man bereits länger ihr Patient ist. Und als sie Zigaretten drehte, hat sie mir die erste angeboten, ohne zu wissen, ob ich rauche. Ich griff dankend zu, sie drehte die nächste.

Die Sonne steht immer noch hoch. Helene hat eins meiner T-Shirts von der Rückbank genommen und es sich zwischen Fensterscheibe und Wange gelegt. Ihre Sonnenbrille rutscht zur Schläfe hinauf und ich sehe, wie es unter ihren Lidern hervor zuckt. Ich suche einen geeigneten Song für diesen Anblick, für all das hier. Nach ein paar Klicks nehme ich den Daumen von der Taste. I strain my eyes / To tell the difference between shooting stars and satellites / From the passenger seat as you are driving me home.

Wir sind auf der Höhe von Verdun als Helene unvermittelt beginnt mitzuflüstern: „Do they collide? / I ask and you smile. / With my feet on the dash / The world doesn't matter“ und keiner von uns macht den Fehler, irgendetwas auszusprechen. Ich habe meinen Ellenbogen auf die Seitentür gestützt. Meine Hand ist in meiner Frisur vergraben und ich traue mich nicht, hinüber zu schauen. Aus Angst etwas zu zerstören. Ich wünsche mir ein schwarzes Loch, das uns mitnimmt – und nie wieder ziehen lässt. Ich hoffe auf einen Mammutbaum auf dem Mittelstreifen. Bis in alle Ewigkeit, jetzt! Das einzige was ich noch mehr will – dass Helene sich dasselbe wünscht.

Fast unbemerkt legt sich die Stadt vor unsere Füße. Noch während ich abfahre, fällt mein Blick durchs Lenkrad: 19:16 Uhr. Links folgt uns die Seine in ihrer ganzen warmen Kälte, wie ein Interpol-Song. Dann nach rechts, auf den Boulevard de la Bastille. Auf dem Parkplatz kehrt Helene ins Auto zurück. Sie streckt sich, grinst burschikos in meine Richtung und nimmt ihre Füße vom Armaturenbrett. „Danke“ sagte sie: „Wirklich. Danke dir, Cowboy.“ Was immer sie damit meint.
Gerne“, sage ich und mache den Motor aus: „Und jetzt?“
Jetzt steigen wir aus“, sagt sie. Ihre Stimme hat jene sonore Gequältheit, kurz nach dem Aufwachen. Und noch bevor irgendetwas anderes passieren kann, fällt die Tür zurück in die Karosserie. Ich ziehe hastig meine Schuhe an, stopfe den Ipod ins Handschuhfach und laufe ihr hinterher. Fast vergesse ich abzuschließen.
Auf der Piazza Beaubourg angekommen, falle ich auf den Fuß einer Staue: zwei mir unbekannte Gestalten in der Diagonalen. Einer stößt die Glatze in den Torso des anderen, der davon zu Boden geht. Was ist das? Mit dem Kopf durch die Brust? Sich die homosexuellen Hörner abstoßen? Ich bin müde. Die Fahrt steckt mir in den Gliedern – oder aber die Ankunft. „Warst du schon mal hier?“, fragt Helene, hüpft leicht auf und ab und fährt sich mit der Zunge über die Zähne. Ich schüttle den Kopf.
Ich auch nicht“, sagt sie und schaut umher. Es vergehen ein paar Minuten, in denen sie beginnt, sichtlich inspiriert von alldem hier, von einem Film zu erzählen. Ich kenne ihn nicht, es geht um einen Alkoholiker und eine Blinde und über Liebe und diese Stadt und Sehnsucht und es gibt Feuerwerk und er sei sehr schön. „Und David Bowie hat den Soundtra ... da!“, unterbricht Helene sich selbst und dreht ihre Schultern zur Mitte des Platzes: „Marco!“, kreischt sie und läuft los.
Er hat sich seinen Helm auf den Arm gespießt, kann ihn aber dank seiner Körpergröße trotzdem noch entschlossen in ihren Nacken legen. Ich blicke auf die zwei Wesen über mir und wieder zurück, sehe wie er sie zielsicher an der Hüfte packt und ihr etwas ins Ohr sabbert. Helene biegt sich an ihm entlang. Meine Schnürsenkel sind immer noch offen. Zurück am Auto nehme ich meine Kopfhörer von der Rückbank und gehe. Den Abend nutzen.

Hoch oben über der Stadt ist mein Blick genauso distanziert von allem wie übersichtlich. Niemand erzählt Witze. Niemand lacht.  

Montag, 7. Oktober 2013

Das ironische Leben im Richtigen

Eine Literdose Faxe! Für jeden! Philip hatte vorgesorgt. Dazu alles was die Freundschaft braucht: Einen VW Lupo, gesammelte Frauengeschichten des abgelaufenen Semesters und Simpsons-Zitate. Unterlegt von einem Kassettendeck, das die Schönheit der Erwartung beschwört. Ein Konzertbesuch.
Heute füllen Royal Republic die großen Hallen, damals, vor ein paar Jahren – und dies findet hier nicht ohne Stolz seine Erwähnung – nicht. 126 Mann sind da, aufgerundet. Das tut den Songs keinen Abbruch und, wie es sich für schwedische Poserbands mit Holzfäller-Bartwuchs gehört, der Darbietung ebenso wenig. I can see your Underwear, from down here, röhrt es. Niveau ist, was man draus macht. Die Geschichte des Rock'n'Roll handelt nicht von Selbstkontrolle. Also auf den Zug aufgesprungen, dessen lebensbejahendes Vorbeirauschen Mädchen mit weißen Stiefeln gerne mit heraufgezogenen Augenbraun quittieren.

Es ist Zeit für schlechte Witze: „Play Summer Of 69!“ ist meine lautstarke Ansage in die Ansage des Gitarristen hinein. Weil ich in der dritten von drei Reihen stehe, kommt die Botschaft an. Ein müdes Lächeln, nächster Song. Das Spiel wiederholen wir zwei noch ein paar mal, bis es schließlich heißt: Ok, this goes out to the annoying guy over there! So you can shut up! Dann akkordunterlegt: I got my first real six-string / Bought it at the five-and-dime / Played it 'till my fingers bled / Was the summer of 69. In einem Wort: Wooooowooooo! Ironie war nie ehrlicher. Und fand die hübsche Brünette mit Piratenohrringen das nicht gerade witzig?! Nein, fand sie nicht. Aber Philip lacht. Und wir beide merken – die guten Abende sind jene, an denen die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum in einem Liter Faxe verwischt.

Mittwoch, 14. August 2013

Heimat!


You can't fuck with me, I'm from Bielefeld“. Die damit gezierte Wand beschließt ein verwahrlostes Bahnhofsgebäude. Direkt gegenüber meiner Grundschule am südlichen Rand dieser, meiner Geburtsstadt. Diese Semiurbanität, aus der ich mehr geflohen als gezogen bin, wo man Hochdeutsch kann, aber nicht damit prahlt, wo man zum Lachen in den Keller geht, außer man lacht über sich selbst.
Der HSV ist Gast auf der Alm. Die Sonne scheint zurückhaltend, genügsam an diesem Samstagnachmittag Ende August. Die Spielzeit 2008/09 ist noch jung. Nach zwei Unentschieden weiß man noch nicht, wo man steht. Obwohl man das als Bielefelder eigentlich immer weiß: unten.
Doch nach einer guten halben Stunde führen die Heimfarben mit 2:0. Kein Grund zur Beunruhigung. Verlieren tut wir noch früh genug. Kurz vor und kurz nach der Pause erzielt der Ex-Armine Reinhardt den Ausgleich, später trifft Olic und abschließend – als ob es nicht schon demütigend genug wäre – vollendet auch noch Fußball-Mephisto David Jarolim persönlich zum 2:4 Endstand. Es ist ein Treppenwitz in dieser Stadt, dass gegen Arminia immer die X-beinigen und Gesichtselfmeter treffen. Es ist eines dieser Spiele, nach denen man sich immer auf der Alm zueinander umdreht und in souveräner Melancholie nickt: „Hab ich doch gesagt!“ Aber es ist ein gutes Spiel. Ein paar eigene Großchancen und Aluminium-Treffer später hallt es die Ränge hinunter: „Niemand erobert den Teutoburger Wald!“ Das Rund steht. „Es gibt nur eine Arminia!“ Stolz aus 20.000 Kehlen. Man beklatscht einander. „Niemand! Erobert! Den Teutoburger Wald!“, in der kollektiven Fähigkeit zwischen Ergebnis und Leistung zu unterscheiden. Frei von Ironie, frei von Scham. In Köln oder auf Schalke wären sie nach so einem Spiel sofort ihrer missmutigen Wege gegangen. In Stuttgart, Frankfurt oder Berlin hätten sie den Mannschaftsbus blockiert. In München hätten sie ein solches Spiel erst gar nicht verloren. Aber nicht hier, in diesem von den Römern nie kultivierten Stück schönster Belanglosigkeit. Hier verliert man, aber mit Anstand, mit Rückgrat, mit Würde.
Dostojewski hat mal gesagt: „Ohne Heimat sein heißt Leiden“. Diese Niederlage, dieser tiefe, ehrliche Stolz, dieses Gefühl von Zugehörigkeit, diese Ehre, diese Gänsehaut, diese kollektive Größe, diese fünf Minuten nach Abpfiff, dieser Moment Heimat, ich möchte ihn nicht missen, für keinen Sieg der Welt.



Dienstag, 30. Juli 2013

Du nennst es Pathos, ich nenn' es Goethe

Leipzig 2013: 
Die Frage nach Bedeutsamkeit ist immer schon vom Absender beantwortet, sobald er sie stellt.  


Kyle ist auf den Kopf gefallen. Weil aber seine Eltern einen Atlantik weit weg sind, sitze ich mit ihm in der Notaufname. Die Nacht-Schwester ist mit der Versicherungssituation überfordert und lässt es an uns aus. Weil Kyle aber aus gutem Hause kommt – und wohl immer noch etwas benebelt ist – und ich finde, dass man manche Menschen mit Freundlichkeit strafen muss, nicken wir nur und ich deute gewissenhaft und wiederholt auf die Rechnungsadresse auf dem Wisch zwischen uns. Dann geht die Frau in weiß und wir verschränken die Arme und lehnen unsere Hinterköpfe an die Wand. Die Ruhe des Linoleum-besetzen Flurs kriecht in unsere Stimmlagen.
Kyle ist begeistert von deutschen Krankenhäusern, fast so sehr wie von der hiesigen Mülltrennung, den Shuttlebussen am Flughafen, dem Fehlen dicker Menschen und, ja, auch deutscher Musik. Ich verziehe das Gesicht: „Rammstein?“ „Nein, die Atzen... Discopogo“. Ich lache verlegen, weil mir das ganze genauso peinlich ist wie ich diese Antwort mag. Nachhaltiges Abspacken – eine schöne Kombination, ein schönes Deutschlandbild. Mehr aus einem Reflex heraus, empfehle ich Deichkind und Spider Murphy Gang und frage Kyle nach seiner heimischen Musik. Er erzählt von Country und dessen Huldigung des Nichtstuns und daran anschließend berichtet er von seinem Sommerjob auf der Farm seines Onkels in Virginia. Irgendwann kommt die Schwester zurück, nimmt ihn und seinen Verdacht auf eine Gehirnerschütterung mit und ich fahre zurück in die Sportschule.

Klischees sind kein realer Zustand, sie sind allenfalls eine Wertung. In dem Moment, wo aus der Wertung ein Zustand werden könnte, implodiert dieser und hinterlässt nichts als Erleichterung. Weswegen man selbst ja auch nie Stereotyp sondern immer die Ausnahme ist.
Ein Deutscher und ein Amerikaner sitzen also nachts um 1 Uhr auf Plastikschalen, reden über Mülltrennung, Musik und ihre Sportvereine. Das ist kein Klischee. Wenn, dann ist das romantisch und schön, fein und übergroß, Smalltalk und doch Verständigung. Die alte Geschichte von den Tönen und der Musik, die sie machen. Welcome to Goethe – where the global village is just around the corner!

Es braucht etwas Verklärung und Naivität – auch ein paar Alt-68er-Eltern zu haben, schadet sicher nicht, um dem Ganzen in edler Geste seine Medaille der Bedeutsamkeit um den Hals zu legen. Dann erhebt sich Erlebnis, wo eigentlich auch nur Fakten stehen könnten: 52 Teenager mit reichen Eltern aus 20+ Ländern, für drei Wochen in Deutschland um, offiziell, deutsch zu lernen und, inoffiziell, sich heimlich mit der Sommerliebe eine Flasche Barcadi Breezer zu teilen und/oder auf dem Fußballplatz heimatliche Beleidigungen und anschließend Mailadressen auszutauschen. In einem Wort: Urlaub. Ich selbst, dazwischen, eine Hybridfigur aus Animateur, Möchtegern-Autorität und Beobachter. Letzte Rolle ist mein Privatvergnügen. Und was ich sehe, es sind Klischees.
Die Spanier bekommen alle erst um 23 Uhr Hunger, die Griechen sind gemütlich, die Amerikaner offenbaren wenig Selbstzweifel, die Briten haben Etikette (und können keine Elfmeter schießen), die Russen brauchen die erste Woche, um ihr Lächeln zu finden und der Italiener kann sie, irgendwie, alle haben. Wenn Edouard (von allen nur „la parisienne“ gerufen) ausrutscht oder vor eine Tür rennt, ruft er „Vive La France!“ und stolziert weiter. Otto Sakaguchi füllt seinen Namen mit noch mehr Originalität, indem er anfangs im Deutschland-Trikot über die Flure rennt und „Jaaapaaan!“ ruft. Später bekommt er Heimweh, doch seine Höflichkeit verbietet es ihm, dergleichen zu kommunizieren. Nur nach dem gewonnenen Finalspiel glänzen seine Augen.
Jetzt zu sagen, dass Fußball diese universelle Weltsprache über all dem hier ist, liegt nah. Aber, letztlich trifft es das nicht ganz. Sprache sorgt für Verständigung, für Verständnis. Sprache führt zusammen. Doch der Fußball ist einen Schritt weiter. Er nutzt die Zusammenführung. Ein in sich geschlossener Raum, in dem eigene Regeln gelten, und der genau aus diesem Grund ein Versuchslabor, ja eine Spielwiese für all die Dinge da draußen ist. So wie Goethe insgesamt. Und wenn dann der Norweger den Ukrainer anmault, er möge doch schneller spielen, oder der Kasache dem Mexikaner auflegt, ist sich für einen kurzen Moment niemand darüber bewusst. Und weil eben niemanden derlei auffällt, weil es eben niemand interessiert, kann ich in alldem Bedeutsamkeit finden. (Nur um sie dann wieder aufs Rationale runterzubrechen, in der hämpfligen Hoffnung, sie dadurch nicht auszuhöhlen). Du nennst es Pathos, ich nenne es Sommerjob.

Am letzten Tag kommt Yiran („Tiger“) aus Peking ins Büro und dankt mir, dass ich „sein Spiel verbessert hätte“ - und jedes Klischee des strebsamen, ergebnisorientierten Chinesen löst sich auf und wird in mir zu einer kleinen, reinen Insel der Rührung. „Gern geschehen, hat Spaß gemacht“ stammle ich verunsichert, ob solcher Worte und dann ist Yiran aus der Tür und der Kurs ist aus.

Alle sind weg. Tegel liegt in meinem Rücken. Der Himmel hat das gleiche Blau wie die Energydose in meiner Hand, die bei konstanter Fahrt graziös auf meinem Oberschenkel liegt. Jedem Klischee seinen Frieden, denke ich und drehe das Radio lauter. Jedem Frieden seine Naivität. Jeder Naivität ihren Schutzraum. Jedem Schutzraum seine Wirkung. Jeder Wirkung seine Zeit. Jeder Zeit ihre Verklärung. Jeder Verklärung ihre Wahrheit. Jeder Wahrheit ihre Schönheit.